Das Leidwesen

Das Atelier-Kind hat eine neue Mitschülerin, die laut den Dolmetschern auf Anweisung der Mutter nicht mit „dem Behinderten“ oder „den Pflegern“ reden darf. Das geht so weit, dass das Mädchen anfing zu weinen als der Lehrer versucht hat etwas zu ändern und bei einer Gruppenarbeit das Mädchen und das Atelier-Kind mit zwei anderen, unter anderem einem Mädchen, dem die Neue sich schon angenähert hat, in eine Vierergruppe zuteilte.

Die Dolmetscherin will Angst gesehen haben. Vielleicht gibt es zu Hause wirklich Zoff wenn etwas passiert, das außerhalb des Ermessensspielraums der Familie liegt. Auch, und vielleicht gerade, in guten Familien. Fassade kann einen fertigmachen.

Wenn man aber nicht, noch nicht mal mit einem Versuch wie vom Lehrer gemacht, zu ihr durchkommt, kann man die Angst nicht verringern.

Da sitzt jetzt also den vierten Tag ein verängstigtes Häufchen Elend, aus dem, wenn man jetzt nicht einlenkt irgendwann mal ein diskriminierendes größeres Häufen* und wenn es ganz schlecht läuft im Falle der eintretenden eigenen Betroffenheit mal ein zermatschter Haufen Mensch werden könnte. Jeder derzeit nicht behinderte Mensch ist es nur temporär. Es ist normal, dass ein Körper im Laufe der Zeit verfällt und nicht unverwundbar ist. Das ist die Natur.

Häufchen Elend wird von Oma im SUV gebracht und abgeholt. Die Eltern hat man die vier Tage noch nicht gesehen. Es gab immer nur Zettel.

Bis heute.

Ich wäre gern dabei gewesen um die Situation besser einschätzen zu können, denn es kam die Mutter um ihren Standpunkt nochmal klar zu machen. Ich glaube Dani und ich habe genug Menschen getroffen, in Reha und sonstwo, die wirklich so reden.

Es könne doch nicht sein, dass man ihr – der Mutter, nicht dem Mädchen -, die unter ihrem Schlaganfall leidet und mit Krüppeln nichts zu tun haben will ernstlich zumutet, dass sie jetzt jeden Tag daran erinnert wird, weil ihre Tochter mit „so was“ in der Klasse sitzt.

Die gibt es auch.

[Und es ist natürlich gut, dass ich nicht dabei war, denn deren Aggression gegen sich selbst richtet sich recht schnell gegen jemanden wie mich oder überhaupt Menschen, die ihr Anderssein – wie auch immer geartet – akzeptieren können und in ihre Identität integriert haben. Allerdings möchten viele von „uns“ – wenn man das so sagen kann – auch nicht gerade mit der Jammerlappen– oder Tränendrüse-Fraktion assoziiert werden und kommunizieren das zum Teil recht brüsk bis aggressiv, das muss man auch sagen.]


 

*das ist in meinem Dialekt korrekt gesteigert: Häufchen (klein) – Häufen (mittelgroß) – Haufen (groß)

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Ach ja…

Petra hat mich gerade dankenswerter Weise über einen Artikel im Weser Kurier aus Bremen in Kenntnis gesetzt. Ein gehörloser Junge bekam seine Dolmetscher für den Unterricht gestrichen und musste nun weg von der Familie nach Dortmund ziehen um die dortige Gehörlosenschule zu besuchen.

Wenn Sie hier länger lesen, dann wissen Sie von unserem Kampf für den Schulplatz vom Atelier-Kind, der jederzeit durch das Spar…äh Nichtteilhabegesetz weggepoolt werden kann.

Wir kennen zwei Fälle, die weggepoolt wurden, unter anderem ein schwerhöriges Mädchen, und einen, der auf der Klippe steht. Den Eltern dieses Mädchens wird vorgeworfen, sie wollten ihr Kind nicht inkludieren, weil sie es nicht auf der „Sonderschule“ wollen. Doch gerade weil die Mutter jenes Mädchen von Geburt an hochgradig schwerhörig ist und die Gehörlosenpädagogik (inklusive Audismus und Oralismus) zugenüge kennt, will sie, dass ihre Tochter auf der „Regelschule“ bleibt.

[„Regelschule“ ist ein blödes Wort. Die Regel sollte sein, dass Kinder, die anders sind ganz selbstverständlich in eine Klasse integriert werden. Dann muss eben „Grundgebärden“ oder „Behinderungskunde“ oder wie auch immer man das individuell auf die Situation angepasst nennen will oder kann – in späteren Klassen auch gern das Thema Sex mit Behinderung, betroffenen jungen Menschen ist das oft wichtig, aber sie werden immer noch übergangen –  mit auf den Stundenplan. Jeder noch nicht Betroffene kann es innerhalb von zehn Minuten selber brauchen.]

 

Die andere Andere

oder Iris will auch in die Schule gehen

Ich habe beim Atelier-Kind von der Schule holen mit einem Vater gesprochen, der möchte, dass seine Tochter bald in die Atelier-Kind-Klasse geht. Die Familie ist neuzugezogen aus einem anderen Bundesland. Nicht nur in der Schule wird man versetzt. Ob die Tochter in die Atelier-Kind-Klasse gehen wird ist noch nicht sicher, noch nicht mal ob sie auf die Schule kommt, die Theateraufführungs-Benörgel-Fraktion von Dezember, zu Teilen irgendwas mit Elternrat oder –beirat, findet das nämlich keine gute Aussicht. Dann sind ja zwei „behinderte“ Kinder in der Klasse… Das kann man ihren Kindern doch nicht zumuten…

Das Atelier-Kind ist nicht behindert, es ist gehörlos und hat wegen der Kommunikation Assistenzbedarf in Form von Dolmetschern. Punkt. Ansonsten ein gewöhnlicher Grundschüler.

Das Mädchen, das kommen soll ist auch nicht behindert. Sie reagiert nur anders. Und weil sie anders reagiert, soll auch eine Assistentin dabei sein. Zumindest bis die Eingewöhnung auf beiden Seiten geklappt hat. Punkt. Ansonsten eine wahrscheinlich sehr passive, aber möglicherweise doch gewöhnliche Grundschülerin.

Das was an dem Mädchen anders ist, ist wie beim Atelier-Kind nicht sofort bemerkbar. Das Mädchen hat Autismus. Sie ist nicht dumm, sie ist nicht zurückgeblieben, sie ist nicht gefühlskalt, sie ist nicht sonst irgendwas außer schnell überreizt, weil das Hirn zu viele Eindrücke auf einmal nicht verarbeiten kann. Deshalb reagiert sie anders. Und das muss man ihr auch nicht abgewöhnen. Man muss sie nicht an die vermeintliche Normalität gleichaltriger Mädchen anpassen.

Und das passt dem Beirat nicht. Das ist ja sooo schlimm, die Arme…

Sie ist nicht arm.

Sie mag nur keine lauten Umgebungen oder Leute, die permanent schwatzen.

Sie mag keine Fotos und erstrecht keine Selfies.

Sie lächelt nicht wenn sie sich freut.

… das muss man doch heilen, da gibt es doch bestimmt eine Therapie. Sind die Eltern wirklich verantwortungsvoll, wenn sie die nicht machen?

[Wenn es Sie interessiert fragen Sie Ihre bevorzugte Suchmaschine nach der „ABA Therapie“ für Autismus und lesen Sie bitte auch ein paar Texte von Menschen mit Autismus, die das durchgemacht haben, dann werden Sie sehen, diese ach so tolle Therapie ist alles außer verantwortungsvoll. Eine Bekannte hat ein Kleinkind, bei dem Autismus diagnostiziert wurde, die wird jetzt insbesondere von medizinischer Seite zugemüllt wie wirkungsvoll ABA doch sei, (nicht nur) deshalb habe ich mich vor einiger Zeit schon eingelesen. Wir sprechen hier von Menschen, die abgerichtet und gebrochen werden sollen und nicht etwa Nutztieren.]

Das Mädchen ist also gar nicht so anders als die anderen Kinder in der Klasse und Schule. Es stört nur, dass dieses Mädchen echt ist, authentisch, sich nicht biegen lässt. Allein das macht schon Probleme. So eine soll doch bitte auf eine Sonderschule.

Das Mädchen kommt von einer Grundschule. Da war sie still, hat auf Ansprache nicht reagiert und sich ab und zu damit beschäftigt Kästchen auszumalen um sich in Stresssituationen zu beruhigen – wer hat noch nie Kästchen ausgemalt? -, aber sie kam gut mit. In der Pause hat sie sich getrennt von anderen ausruhen dürfen. Mehr brauchte sie nicht. Sie hat keinen gestört.

Aber die hier wollen sie nicht haben. Ohne sie überhaupt zu kennen. Es gab keine Probe und nichts.