Anderer Leute Worte

Wie viele Jahre wird es noch brauchen bis die Leute verstehen, dass der Rollstuhl nicht böse ist? Ich bin nicht gefesselt, der macht nichts. Ich weiß auch alles, ich kann alles lernen. Wo schlimm ist, ist dass die Leute so fies sind.

– Sebastian, 10 Jahre.*

 

*Der erste, der jetzt damit kommt, dass ein Hirnschaden aber doch grundsätzlich was mit Intelligenzminderung oder kognitiver Beeinträchtigung zu tun haben müsste bekommt es mit der Gummischweinhupe zu tun und zwar mit 0,2cm Abstand direkt neben dem Ohr! Muss man als Fußball-Verein-Manager eigentlich unbedingt aktiv mitspielen können? Das würde Sebastian brennend interessieren. Gaffen Sie nicht so, andere Jungs, die große Fußballfans sind wollen das auch werden und man managet doch mit kognitiver Leistung und nicht mit einem Rehamittel. Würde(n) ich, Sebastian und das Atelier-Kind jedenfalls annehmen.

Ein Buch für M.

Jemand bittet mich ein Notizbuch vollzuschreiben. Aber nicht irgendeines und mit irgendwas wie ich es ohnehin die ganze Zeit tue, nein, ich möge doch ein besonderes Buch für einen kleinen Menschen füllen. Ich soll erzählen wie das damals war in den 80er Jahren als Kind mit Behinderung oder besser gesagt als Behinderung mit einem Menschen dran, damit der kleine Mensch einmal außerhalb von Archiven die Chance hat Zeitzeugenberichte zu lesen wenn er alt genug dafür ist und vergleichen kann ob dieses Land und seine Gesellschaft sich nach vorne oder nach hinten entwickelt hat.

Mich reizt das ja. Ich habe einen Sachtext als Auftragsarbeit zu einem Aspekt davon beendet und Die Herkömmlichen, wer da liest weiß, dass das wahr ist, sind gerade an dem Punkt, an dem sich zweierlei Stränge in gewisser Weise kreuzen. Das merkt man als Kind natürlich nicht. Ich musste in mein jetziges Alter kommen um das so darstellen zu können.

Wenn das Atelier-Kind mich fragt, bekommt es ehrliche Antworten. („Ich durfte auch nicht mitspielen, bei mir hieß es immer, ich sei ansteckend und die Kinder haben gedacht ‚Dann kriege ich das ja auch‘.“ Insbesondere Mädchen.)

Als Sebastian mich gefragt hat, bekam er ehrliche Antwort. („Zu mir haben sie auch Missgeburt und Spasti gesagt, ich habe gar keine Spastik.“ Haben meine Eltern allerdings immer behauptet, weshalb das zum Teil auch nach deren Angaben in offiziellen oder medizinischen Unterlagen auftaucht(e). Das war leichter und gab mehr Mitleid – beziehungsweise Bewundering Und macht trotzdem Abitur!… – als zu erklären, dass ICP ein Syndrom ist, das mit Spastiken einhergehen kann. Das können andere Abweichungen im Zentralen Nervensystem, zum Beispiel Multiple Sklerose, auch. Kein MS-Betroffener ist deshalb sofort und grundsätzlich für alle Leute Spastiker, sondern hat erstmal MS.)

Und das wiederum heißt, die Entscheidung ist eigentlich schon getroffen. Ich habe nur noch minimale Barrieren, die ich innerlich aus dem Weg räumen muss. Außerdem finde ich die Idee mit der Handschrift schön. Wer weiß ob das noch gängig ist wenn ein heute Zweijähriger 14/15/16 ist, vielleicht nehme ich sogar eins meiner hübschen Paperblanks dafür. Vielleicht das mit Gregor Samsa, der hat ja auch in seiner anderen Körperform nur noch gestört, das hätte so eine schöne Mehrdeutigkeit.

Radio, Blogparade, Lisa und Sebastian

Falls Sie Radio hören können, Interesse, Zeit und Empfang haben: Die kobinet- nachrichten weisen auf ein Interview zu den Zuständen in deutschen Heimen um 10.00h heute bei SWR1 Leute hin.

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Blogparaden-Zwischenstand: 3 Beiträge. Alle gleich zu Anfang eingegangen. Die Parade läuft bis einschließlich 01. Juni. Mehr Beiträge ausdrücklich erwünscht, bitte auch weiter sagen.

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Bei Anja im Heim wohnt jetzt Lisa. Lisa ist ein „Klassiker“ und auch deshalb ist es so traurig. 1986 als Arzttochter – es ist immer dieses Milieu, wirklich… – mit ICP und dazu gehörlos geboren. Sonderkindergarten, Geistigbehindertenbereich einer Gehörlosenschule mit Internat, dann Wohngruppe und Werkstatteingliederung und jetzt Heim, weil die Eltern sich nicht kümmern wollen. Weil sie gehörlos ist hat sie natürlich auch keine Kontaktmöglichkeiten im Heim und wird eher als eine Art lustiger Clown, den kein Mensch ernstnehmen braucht angesehen. Riesige Freude als Anja mir zeigt wo man sie „einfängt“ und sie merkt, da ist eine auf Besuch, die die Sprache kann. Dankbarkeit weil mal jemand fünf Minuten mit ihr spricht und nicht an ihr rumzerrt und -zurrt.

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Das Atelier-Kind hat Sebastian kennen gelernt. Sebastian ist entweder neun oder zehn Jahre alt und Fan vom Hamburger SV. Ziemlich normal, oder?! Unnormal ist: Sebastian ist eines dieser Kinder, die nicht zur Schule gehen dürfen und in Aussonderungssystemen geparkt werden. Sebastian kann sein Fan-Sein nämlich nur dadurch ausdrücken, dass die Speichenschützer seines Rollstuhls – die Plastikschützer an den Rädern, damit man beim Fahren nicht versehentlich in die Spalten greift – mit dem HSV-Logo bedruckt sind. Er kann nicht sprechen und seine Hände sind so steif, dass er sie kaum bewegen kann. Für seine Eltern ist das ein Grund ihn auszusondern, obwohl er mit Assistenz in einer Grundschule gut mitkäme.

Dann muss eben jemand für ihn schreiben, dann muss man eine kleine Rampe improvisieren oder ausnahmsweise einen Schüler auf das größere Lehrerklo lassen. Dann muss man eben einen verpflichtenden Rollstuhlschieb- oder Pausengehdienst unter den Mitschülern organisieren. Die Möglichkeit hat man als Lehrer, es fördert das Sozialverhalten, und auf Aussonderungsschulen ist das seit Jahr und Tag Gang und Gäbe. [Annika und Kerstin zum Beispiel berichten, dass so etwas in den 80er/90er Jahren so normal war wie Tafeldienst, gehfähige Schüler mussten auch kleinere Pflegetätigkeiten wie Essenreichen erledigen. Dasselbe erzählen derzeitige „Sonderschüler“.] Es heißt doch immer, behinderte Menschen hätten Sonderechte, hier ist eines dieser „Rechte“, bitteschön, wenn es alle machen, ist es kein „Sonderrecht“ mehr, aber das will auch wieder keiner haben…

Gleichzeitig den Kindern aber schön ableistisch – nach der ISL-Definition – von Stephen Hawking erzählen…

5. Mai

Ich wäre ja heute gern raus gegangen und hätte mitgemischt. Geht aber nicht weil ich krank bin.

Für die Interessierten unter Ihnen ein paar Links zu Artikeln von den kobinet-nachrichten über den 5.Mai als Protesttag der Behindertenbewegung in Europa.

Wie es zum 5. Mai kam

25 Jahre Mai-Aktionen

und weitere Artikel zum Thema.

Denken Sie dran, es gibt keinen einheitlichen Notruf für Hör- und Sprachgeschädigte, es gibt Zwangseinweisungen in Heime und Werkstätten, erlaubte Medizintests an Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung, schulische Inklusion als großes Versprechen und in Wirklichkeit meist Luftblase weil ums Verrecken am Aussonderrungssystem festgehalten werden soll.

Falls Sie zu denen gehören, die die Petition gegen Zwangseinweisungen gezeichnet haben, haben Sie die Rundmail von AbilityWatch mit dem Fall von Markus Igel bekommen. Geschichten wie seine und nicht die inklusiven der bekannteren Aktivisten sind die Regel in Deutschland.

Hier ist die Mail von AbilityWatch. Der Mann ist 30 Jahre alt, einem nicht behinderten 30-jährigen würden die meisten Leute erzählen was er noch für Chancen und Möglichkeiten im Leben hat.

Die Petition kann nach wie vor gezeichnet und geteilt werden. Link dazu findet sich in der Mail von AbiltyWatch.

In Gelsenkirchen soll übrigens eine schwerstbehinderte junge Frau abgeschoben werden, denn ihr Herkunftsland sei sicher und die Flucht hätte sie ja schließlich auch überlebt…

 

Danke an Dolmetscherin Dani, die sich vorgenommen hat den Tag in der Atelier-Kind-Klasse zu thematisieren aus Solidarität mit den gehörlosen Demonstranten (auch via kobinet) in Karlsruhe.

 

 

Ich bin ein privilegiertes Arschloch

C., die ich nicht gut kenne, mit der ich aber wegen Pooling zu tun habe, denn wir werden nicht gefragt mit wem, woher der/die/das oder wohin, hat mich gestern Nachmittag ein privilegiertes Arschloch genannt. Ich hätte doch alles, ziemlich viel auf jeden Fall.

Dabei war sie zwar wütend, aber sie hat das nicht aus Neid geschrieben. Es stimmt, dass ich in gewisser Weise privilegiert bin. Ich weiß es auch. Nicht jeder hat einen Mit-Künstler und einen Handschuhschenker oder Atelier-Kind-Eltern, die das auffangen was entweder noch nie möglich war – im Sinne davon, dass es nie genehmigt wurde – oder durch das Spar…äh… nicht mehr möglich ist. Auffangen so gut es geht und mit diesen Freundschaftsdiensten so viel Inklusion und Teilhabe wie eben machbar ermöglichen.

Nicht jeder hat einen Menschen, der für ihn Telefonate führt weil er es selber nicht kann. Viele Behörden oder Ärzte kommunizieren aber ihre Termine nur per Telefon. Das bedeutet, Menschen, die nicht telefonieren können stoßen hier auf Barrieren. Assistenten für diese Aufgabe werden und wurden nicht bezahlt. Ganz zu schweigen davon: Es gibt keinen einheitlichen Notruf in diesem Land für nichtsprechende Menschen. Die Angebote, die es gibt kosten Geld oder brauchen bestimmte technische Voraussetzungen. Was macht ein Mensch wenn es brennt, der Notarzt kommen muss, ein Unfall, ein Raub oder eine Gewalttat beobachtet wurde?

Nicht jeder hat einen Menschen, der im Alltag „dolmetscht“ wenn man schlecht sprechen kann, haben Sie so einen nicht liegt es nahe, dass Sie wie C. und viele andere nicht einmal mehr einen kleinen persönlichen Radius außerhalb von Hilfestellen (Pooling!) haben.

Nicht jeder hat einen Menschen, der hebt, trägt, repariert und Wunden versorgt.

Nicht jeder hat einen Menschen, der mobil ist. Viele von uns leben eher weit ab, weil wir uns die zentralen Wohnungen nicht leisten können oder gleich zugewiesen wurden.

Nicht jeder kann überhaupt so unauffällig und „normal“ leben wie ich.

C. ist wie viele.

Ich bin wie wenige, weil ich das habe. Ob diese Angewiesenheit mich schmerzt spielt keine Rolle. Ich habe jemanden und es ist kein Mensch, der mich in Wirklichkeit hasst oder nur Karmapunkte sammeln will, ich bin also privilegiert.

Ich weiß es doch.

Auch Werdegänge wie ich einen gemacht habe sollen nicht mehr möglich sein. Ausbildung im dualen System trotz Eingliederungshilfe und Assistenzbedarf und später als der Körper heruntergewrackt war Umschulung. Mir wurde gesagt nach dem Bachelor sei mit dem Gesetz Schluss wenn man Assistenz braucht. Ich kenne Leute, die mit Einzug des Gesetzes ihre Jobs verloren haben, weil im Januar auch die Assistenzgenehmigungen ausliefen. Umschulen ist heute nicht mehr, wie es scheint. Die sitzen jetzt zu Hause und werden ihr Leben lang nicht mehr aus der Situation kommen. Je nachdem wo sie wohnen gibt es für diese Leute keine sozialen Strukturen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Schüchternheit oder Rückzug oder Verstecken zu tun, sondern damit, dass je nach Behinderung eben nicht alles zugängig ist. Siehe das Atelier-Kind und der Fußballverein. Ein anderes Kind möchte da Sport mit gleichaltrigen machen, von ihm sagt das Gesetz verschlüsselt, er möchte ein Ehrenamt bekleiden und dafür gibt es keine Assistenz mehr. Das erfahren auch Erwachsene. Es ist nicht überall Berlin, Köln, Stuttgart oder Hamburg. Nicht überall ist es wie dort, man kann auch sagen, die, die da wohnen sind privilegiert. Könnte man.

Aber für den Zustand hier hat C. schon recht: Ich bin ein privilegiertes Arschloch, egal wie wenig ich habe und wie viel mir genommen wurde.

Ach ja…

Petra hat mich gerade dankenswerter Weise über einen Artikel im Weser Kurier aus Bremen in Kenntnis gesetzt. Ein gehörloser Junge bekam seine Dolmetscher für den Unterricht gestrichen und musste nun weg von der Familie nach Dortmund ziehen um die dortige Gehörlosenschule zu besuchen.

Wenn Sie hier länger lesen, dann wissen Sie von unserem Kampf für den Schulplatz vom Atelier-Kind, der jederzeit durch das Spar…äh Nichtteilhabegesetz weggepoolt werden kann.

Wir kennen zwei Fälle, die weggepoolt wurden, unter anderem ein schwerhöriges Mädchen, und einen, der auf der Klippe steht. Den Eltern dieses Mädchens wird vorgeworfen, sie wollten ihr Kind nicht inkludieren, weil sie es nicht auf der „Sonderschule“ wollen. Doch gerade weil die Mutter jenes Mädchen von Geburt an hochgradig schwerhörig ist und die Gehörlosenpädagogik (inklusive Audismus und Oralismus) zugenüge kennt, will sie, dass ihre Tochter auf der „Regelschule“ bleibt.

[„Regelschule“ ist ein blödes Wort. Die Regel sollte sein, dass Kinder, die anders sind ganz selbstverständlich in eine Klasse integriert werden. Dann muss eben „Grundgebärden“ oder „Behinderungskunde“ oder wie auch immer man das individuell auf die Situation angepasst nennen will oder kann – in späteren Klassen auch gern das Thema Sex mit Behinderung, betroffenen jungen Menschen ist das oft wichtig, aber sie werden immer noch übergangen –  mit auf den Stundenplan. Jeder noch nicht Betroffene kann es innerhalb von zehn Minuten selber brauchen.]

 

Ich spreche von mir

Natürlich, klar, ich könnte Ihnen etwas über mich erzählen. Aber sicher doch. Ich könnte ganz bestimmt über mich reden. Darum geht es hier in dem Ding aber nicht. Außerdem will ich nicht.

Und so wie diejenigen, die sich das wünschen vielleicht vorstellen geht das bei mir auch nicht.

Mich muss man fragen.
Ich kann keine Gespräche anfangen, wenn nicht zuerst jemand anderer gesprochen hat oder einfach so in laufende rein springen, wenn es nicht um etwas geht von dem ich wirklich Ahnung habe.
Das ist bei mir so.

Das ist mehr als Erziehung. Aber es ist eine Folge davon.

Nein, ich habe keinen Autismus.

Das werde ich auch gelegentlich gefragt. Was bedeutet, dass es dann irgendwer vermutet, aber es ist nicht so. Ich habe nur Folgen meiner Sozialisation. Alle Menschen haben welche, meine sehen vielleicht anders aus.

Überdies finde ich es leichtfertig wie damit herum geschmissen wird. Sobald jemand keine Menschenmassen abkann oder keine Musik aushält nimmt man sich das Etikett „Autismus“ her. Das diskriminiert und diskrediert die Menschen, die wirklich von Autismus betroffen sind [ich schreibe das so weil es auch die Menschen einschließt, die tagtäglich mit einem Menschen, der Autismus hat zusammenleben und damit wirklich beurteilen können wie das ist]. Denen wird dann nicht mehr geglaubt und sie bekommen nicht mehr das Verständnis oder die Hilfen, die sie brauchen.

Außerdem berichten immer mehr Menschen, die tatsächlich Autismus haben (sic!), dass es immer mehr Menschen gibt, die keinen haben, aber groß die Klappe aufreißen weil sie meinen, sie könnten den Betroffenen erklären was Autismus ist. [Lesen Sie entsprechende Blogs, folgen Sie den Leuten auf twitter, facebook, was weiß ich wo.]

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