Gedanken

„Wir fordern die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Das bedeutet die volle Rechts- und Handlungsfähigkeit in allen Bereichen. Das bedeutet: keine Freiheitsentziehung aufgrund einer Behinderung. Das bedeutet, dass es keine grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung geben darf. Und das bedeutet die Achtung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit von Menschen mit Behinderungen ohne Wenn und Aber.“

Dr. Sigrid Arnade

Ich hatte länger überlegt ob ich über die Demonstrationen anlässlich des Weltkongresses der Psychiatrie schreiben, vielleicht sogar die Berliner unter Ihnen auf Ort und Uhrzeit aufmerksam machen soll, falls jemand mitgehen will.

Sie kennen meine Einstellung dazu.

Ja, Pestbeule, Terrorsquad, Beschaffungsdelinquenz, gewalttätig, übergriffig und beleidigend – das alles ist Mikesch.

Nein, festbinden, mit Medikamenten zupumpen, zwangsernähren, wenn sie nicht essen will oder spuckt, einsperren, beleidigen, anschreien, ungebeten duzen [das heißt immer noch „Sie“ und „Frau von Mikikowski“!], in schmutzigen Sachen sitzen lassen, nachts keine Decke geben, persönliche Sachen wegnehmen  – das alles hilft dagegen überhaupt nicht.

Ist aber Alltag in der Psychiatrie.

Entwürdigend.

Nicht nur in der Klinik und in den zwei Wochen, in denen sie „weg war“.

Und es gibt immer mehr Diagnosen um einen da rein zu bringen, das geht uns alle an. Zumal da Geld hinter ist, das wollen viele nicht wahr haben, und wo Geld ist geht es um Profite.

Nicht anders als bei „Sonderschulen“, Werkstätten und Heimen.

An Team Walraff erinnern Sie sich?

Von Orthopäden, Chirurgen und anderen Ärzten, die unnötige Operationen durchführen weil das Geld gibt haben Sie gehört?

Die passieren meist an Menschen, die sich informieren können.

Jetzt denken Sie mal an Leute, egal ob physisch, psychisch oder geistig behindert, die sich nicht wehren können.

Woran erinnert Sie das?

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Eine Stimme mehr

Ich verlinke eigentlich nicht auf TV-Beiträge, aber hier etwas von ZDF Menschen über Oskar (18), der vom Wahlrecht ausgeschlossen werden sollte und durch Engagement seiner Eltern nun doch wählen darf.

Ich schlage es gerne noch mal vor, wenn Sie wirklich nicht wählen wollen sollten, machen Sie es wie L. und verschenken Ihre Stimme an jemanden, der nicht darf. Per Briefwahl geht das ganz einfach. Das kann dazu beitragen, dass die AfD weniger Sitze bekommt. Und wir brauchen diesen Dreck nicht!

Ich muss in den letzten Tagen mitunter an Neighbours von Camouflage, einem Lied von 1988 über die Apartheid in Südafrika denken. Can it be law to kill your neighbour? lautet eine Zeile. Wer Menschen “entsorgen” will, der will genau das.

Ich verlinke das Lied nicht, denn die Kommentare sind zum Teil widerwärtig, aber es findet sich auf dem Videokanal.

Stattdessen gebe ich Ihnen Strangers‘ Thoughts vom selben Album, unter anderem darüber, dass keiner freiwillig flieht und dass wir lernen sollten wie wir zusammen leben. Das Lied ist fast dreißig Jahre alt und trotzdem aktuell.

 

Eine Stimme für Kevin

Beim Brotholen – Butter ist mir unerschwinglich – L. getroffen. L. ist eine von denen, die mit 53 zu alt für den Arbeitsmarkt sind, sie und ich treffen uns manchmal auf der Straße, seit sie mir einmal aus dem Bus geholfen hat.

Sie fragt ob ich und die Atelier-Kind-Eltern wählen dürfen und ist erstaunt, dass ja, denn die Gärtnertruppe aus einer Werkstatt für behinderte Menschen, die im Auftrag von L.s Vermieter gerade den Vorgarten pflegt darf es allesamt nicht und sie dachte, das gilt für alle Menschen mit Behinderung.

Aber weißt du was? Ich habe Briefwahl beantragt. Ich wähle nie, die machen sowieso was sie wollen, aber der Kevin will. Dem geb ich den Zettel von mir.

Kevin ist ein Mann aus der Gärtnertruppe.

Wenn Sie auch nicht wählen wollen sollten, so etwas ist eine Möglichkeit. Verschenken Sie Ihre Stimme an jemanden, der möchte und nicht darf.

Das gibt es immer wieder mal in der Form, dass Stimmen zum Beispiel an Minderjährige verschenkt werden, ist also nichts per se Neues. Versuchen Sie es doch mal mit einem erwachsenen Menschen. Wenn Sie niemanden finden, der unter Betreuung steht und wählen möchte, aber nicht darf, dann kennen Sie vielleicht Menschen, die im Seniorenheim leben. Manchmal sind da auch jüngere behinderte Bewohner, die zwar wählen dürfen, aber zum Beispiel ihre Briefwahlunterlagen letztendlich nicht ausgehändigt bekommen oder mangels Barrierefreiheit nicht ins Lokal können. Fragen Sie die was sie wählen wollen und machen Sie da Ihr Kreuz.

Wer sowieso nicht wählen will, dem kann auch egal sein falls jemand zum Beispiel „LINKE“ antwortet – die haben wegen ihrer Behindertenpolitik viele betroffene Wähler – oder „PARTEI“ oder „Piraten“. Selbst wenn jemand nur deshalb, weil er Sumuncu mag oder Shahak Shapiras Aktion mit den Hasstweets vor der Twitter-Zentrale gut fand „Die PARTEI“ wählen will, ist das eine Stimme mehr gegen die AfD und es wird einmal einfacher zu erklären sein, dass da ein oder zwei Spaßvögel im Parlament saßen als zu erklären warum da AfDler saßen, obwohl man doch aus Erfahrung wissen gemusst hat wohin so etwas steuert. SPD-Wähler werden sich aufgrund des Spar…äh…Nichtteil…äh…Teilhabegesetzes und ALG II wahrscheinlich nicht allzu viele unter behinderten Menschen finden lassen, ebenso CDU, die Inklusion am liebsten aussetzen will und vergisst, dass das ein Menschenrecht ist und 2009 eine UN-Konvention unterzeichnet wurde, aber wer eh nicht wählen will, weil alles immer gleich bleibt, dem kann auch das egal sein.

Also?!

Das Leidwesen

Das Atelier-Kind hat eine neue Mitschülerin, die laut den Dolmetschern auf Anweisung der Mutter nicht mit „dem Behinderten“ oder „den Pflegern“ reden darf. Das geht so weit, dass das Mädchen anfing zu weinen als der Lehrer versucht hat etwas zu ändern und bei einer Gruppenarbeit das Mädchen und das Atelier-Kind mit zwei anderen, unter anderem einem Mädchen, dem die Neue sich schon angenähert hat, in eine Vierergruppe zuteilte.

Die Dolmetscherin will Angst gesehen haben. Vielleicht gibt es zu Hause wirklich Zoff wenn etwas passiert, das außerhalb des Ermessensspielraums der Familie liegt. Auch, und vielleicht gerade, in guten Familien. Fassade kann einen fertigmachen.

Wenn man aber nicht, noch nicht mal mit einem Versuch wie vom Lehrer gemacht, zu ihr durchkommt, kann man die Angst nicht verringern.

Da sitzt jetzt also den vierten Tag ein verängstigtes Häufchen Elend, aus dem, wenn man jetzt nicht einlenkt irgendwann mal ein diskriminierendes größeres Häufen* und wenn es ganz schlecht läuft im Falle der eintretenden eigenen Betroffenheit mal ein zermatschter Haufen Mensch werden könnte. Jeder derzeit nicht behinderte Mensch ist es nur temporär. Es ist normal, dass ein Körper im Laufe der Zeit verfällt und nicht unverwundbar ist. Das ist die Natur.

Häufchen Elend wird von Oma im SUV gebracht und abgeholt. Die Eltern hat man die vier Tage noch nicht gesehen. Es gab immer nur Zettel.

Bis heute.

Ich wäre gern dabei gewesen um die Situation besser einschätzen zu können, denn es kam die Mutter um ihren Standpunkt nochmal klar zu machen. Ich glaube Dani und ich habe genug Menschen getroffen, in Reha und sonstwo, die wirklich so reden.

Es könne doch nicht sein, dass man ihr – der Mutter, nicht dem Mädchen -, die unter ihrem Schlaganfall leidet und mit Krüppeln nichts zu tun haben will ernstlich zumutet, dass sie jetzt jeden Tag daran erinnert wird, weil ihre Tochter mit „so was“ in der Klasse sitzt.

Die gibt es auch.

[Und es ist natürlich gut, dass ich nicht dabei war, denn deren Aggression gegen sich selbst richtet sich recht schnell gegen jemanden wie mich oder überhaupt Menschen, die ihr Anderssein – wie auch immer geartet – akzeptieren können und in ihre Identität integriert haben. Allerdings möchten viele von „uns“ – wenn man das so sagen kann – auch nicht gerade mit der Jammerlappen– oder Tränendrüse-Fraktion assoziiert werden und kommunizieren das zum Teil recht brüsk bis aggressiv, das muss man auch sagen.]


 

*das ist in meinem Dialekt korrekt gesteigert: Häufchen (klein) – Häufen (mittelgroß) – Haufen (groß)

Anderer Leute Worte

Wie viele Jahre wird es noch brauchen bis die Leute verstehen, dass der Rollstuhl nicht böse ist? Ich bin nicht gefesselt, der macht nichts. Ich weiß auch alles, ich kann alles lernen. Wo schlimm ist, ist dass die Leute so fies sind.

– Sebastian, 10 Jahre.*

 

*Der erste, der jetzt damit kommt, dass ein Hirnschaden aber doch grundsätzlich was mit Intelligenzminderung oder kognitiver Beeinträchtigung zu tun haben müsste bekommt es mit der Gummischweinhupe zu tun und zwar mit 0,2cm Abstand direkt neben dem Ohr! Muss man als Fußball-Verein-Manager eigentlich unbedingt aktiv mitspielen können? Das würde Sebastian brennend interessieren. Gaffen Sie nicht so, andere Jungs, die große Fußballfans sind wollen das auch werden und man managet doch mit kognitiver Leistung und nicht mit einem Rehamittel. Würde(n) ich, Sebastian und das Atelier-Kind jedenfalls annehmen.

Ein Buch für M.

Jemand bittet mich ein Notizbuch vollzuschreiben. Aber nicht irgendeines und mit irgendwas wie ich es ohnehin die ganze Zeit tue, nein, ich möge doch ein besonderes Buch für einen kleinen Menschen füllen. Ich soll erzählen wie das damals war in den 80er Jahren als Kind mit Behinderung oder besser gesagt als Behinderung mit einem Menschen dran, damit der kleine Mensch einmal außerhalb von Archiven die Chance hat Zeitzeugenberichte zu lesen wenn er alt genug dafür ist und vergleichen kann ob dieses Land und seine Gesellschaft sich nach vorne oder nach hinten entwickelt hat.

Mich reizt das ja. Ich habe einen Sachtext als Auftragsarbeit zu einem Aspekt davon beendet und Die Herkömmlichen, wer da liest weiß, dass das wahr ist, sind gerade an dem Punkt, an dem sich zweierlei Stränge in gewisser Weise kreuzen. Das merkt man als Kind natürlich nicht. Ich musste in mein jetziges Alter kommen um das so darstellen zu können.

Wenn das Atelier-Kind mich fragt, bekommt es ehrliche Antworten. („Ich durfte auch nicht mitspielen, bei mir hieß es immer, ich sei ansteckend und die Kinder haben gedacht ‚Dann kriege ich das ja auch‘.“ Insbesondere Mädchen.)

Als Sebastian mich gefragt hat, bekam er ehrliche Antwort. („Zu mir haben sie auch Missgeburt und Spasti gesagt, ich habe gar keine Spastik.“ Haben meine Eltern allerdings immer behauptet, weshalb das zum Teil auch nach deren Angaben in offiziellen oder medizinischen Unterlagen auftaucht(e). Das war leichter und gab mehr Mitleid – beziehungsweise Bewundering Und macht trotzdem Abitur!… – als zu erklären, dass ICP ein Syndrom ist, das mit Spastiken einhergehen kann. Das können andere Abweichungen im Zentralen Nervensystem, zum Beispiel Multiple Sklerose, auch. Kein MS-Betroffener ist deshalb sofort und grundsätzlich für alle Leute Spastiker, sondern hat erstmal MS.)

Und das wiederum heißt, die Entscheidung ist eigentlich schon getroffen. Ich habe nur noch minimale Barrieren, die ich innerlich aus dem Weg räumen muss. Außerdem finde ich die Idee mit der Handschrift schön. Wer weiß ob das noch gängig ist wenn ein heute Zweijähriger 14/15/16 ist, vielleicht nehme ich sogar eins meiner hübschen Paperblanks dafür. Vielleicht das mit Gregor Samsa, der hat ja auch in seiner anderen Körperform nur noch gestört, das hätte so eine schöne Mehrdeutigkeit.

Radio, Blogparade, Lisa und Sebastian

Falls Sie Radio hören können, Interesse, Zeit und Empfang haben: Die kobinet- nachrichten weisen auf ein Interview zu den Zuständen in deutschen Heimen um 10.00h heute bei SWR1 Leute hin.

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Blogparaden-Zwischenstand: 3 Beiträge. Alle gleich zu Anfang eingegangen. Die Parade läuft bis einschließlich 01. Juni. Mehr Beiträge ausdrücklich erwünscht, bitte auch weiter sagen.

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Bei Anja im Heim wohnt jetzt Lisa. Lisa ist ein „Klassiker“ und auch deshalb ist es so traurig. 1986 als Arzttochter – es ist immer dieses Milieu, wirklich… – mit ICP und dazu gehörlos geboren. Sonderkindergarten, Geistigbehindertenbereich einer Gehörlosenschule mit Internat, dann Wohngruppe und Werkstatteingliederung und jetzt Heim, weil die Eltern sich nicht kümmern wollen. Weil sie gehörlos ist hat sie natürlich auch keine Kontaktmöglichkeiten im Heim und wird eher als eine Art lustiger Clown, den kein Mensch ernstnehmen braucht angesehen. Riesige Freude als Anja mir zeigt wo man sie „einfängt“ und sie merkt, da ist eine auf Besuch, die die Sprache kann. Dankbarkeit weil mal jemand fünf Minuten mit ihr spricht und nicht an ihr rumzerrt und -zurrt.

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Das Atelier-Kind hat Sebastian kennen gelernt. Sebastian ist entweder neun oder zehn Jahre alt und Fan vom Hamburger SV. Ziemlich normal, oder?! Unnormal ist: Sebastian ist eines dieser Kinder, die nicht zur Schule gehen dürfen und in Aussonderungssystemen geparkt werden. Sebastian kann sein Fan-Sein nämlich nur dadurch ausdrücken, dass die Speichenschützer seines Rollstuhls – die Plastikschützer an den Rädern, damit man beim Fahren nicht versehentlich in die Spalten greift – mit dem HSV-Logo bedruckt sind. Er kann nicht sprechen und seine Hände sind so steif, dass er sie kaum bewegen kann. Für seine Eltern ist das ein Grund ihn auszusondern, obwohl er mit Assistenz in einer Grundschule gut mitkäme.

Dann muss eben jemand für ihn schreiben, dann muss man eine kleine Rampe improvisieren oder ausnahmsweise einen Schüler auf das größere Lehrerklo lassen. Dann muss man eben einen verpflichtenden Rollstuhlschieb- oder Pausengehdienst unter den Mitschülern organisieren. Die Möglichkeit hat man als Lehrer, es fördert das Sozialverhalten, und auf Aussonderungsschulen ist das seit Jahr und Tag Gang und Gäbe. [Annika und Kerstin zum Beispiel berichten, dass so etwas in den 80er/90er Jahren so normal war wie Tafeldienst, gehfähige Schüler mussten auch kleinere Pflegetätigkeiten wie Essenreichen erledigen. Dasselbe erzählen derzeitige „Sonderschüler“.] Es heißt doch immer, behinderte Menschen hätten Sonderechte, hier ist eines dieser „Rechte“, bitteschön, wenn es alle machen, ist es kein „Sonderrecht“ mehr, aber das will auch wieder keiner haben…

Gleichzeitig den Kindern aber schön ableistisch – nach der ISL-Definition – von Stephen Hawking erzählen…