Nun

Mikesch ist zu Hause und hat – Zitat – „jetzt aber mit Rache, der Arschwichser“ gleich mal ein paar Sachen vom Stiefvater kaputt gemacht und ihrem „neuen Hobby“ gefröhnt. [Eine Person hat gestern noch in Panik eine neue Handy-SIM-Karte mit Nummernwechsel gekauft, weil Mikesch kein „Lass mich in Ruhe!“ versteht.]

Und ich wollte eigentlich seit gestern mit meinem Jubiläumsexperiment für die Kleckse begonnen haben, habe aber kein Thema. Vermutlich genügt es aber wenn ich das „fortlaufen“ mit einer Geschichte einfach mit den Gottgeschenken versuche. Mein Tag hat auch keine fünfzig Stunden und ich finde es ehrlich gesagt schwierig genug im Moment mal eine halbe Stunde für mich zu finden, auch wenn ich in dieser halben Stunde gern schreiben würde.

Der Unverlinkbare hat mir nach Lektüre der letzten Kleinigkeiten nahegelegt eine Wunschliste bei dem Konzern, bei dem ich nicht kaufen will anzulegen, vielleicht würde mir ja mal jemand was schenken wollen und man könne das auch so einstellen, dass nur Leute, denen man den Link schickt die Liste sehen können. Ich weiß nicht ob ich das schon als Reaktion auf meinen Zaunpfahl-Wink sehen soll, wäre noch ein bisschen früh…

 

 

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Nachtdienst

Irgendwann habe ich Ihnen hier mal die ziemlich genaue Zusammensetzung des Status „Feuerwehrmensch“ erklärt. Ich bin Psychiatriepflegerin, Ergotherapeutin, Soziotherapeutin, Bewährungshelferin und Betreuerin in einer Person. Mich hat keiner gefragt oder darum gebeten, es lässt sich nicht ändern.

[Das muss ich immer dazu sagen, weil es immer wieder Fragen gibt ob man da nichts machen könne. Die Fragen sind von außen gesehen berechtigt, aber uns Feuerwehrmenschen – darüber können wir herrlich unter- und miteinander über eine Tasse Tee abkotzen – die Hassfrage schlechthin.]

Die Psychiatriepflegerin bin ich derzeit auch noch für andere. Mikesch kommt Freitag nach Hause – was dem Stiefvater nicht passt – und hat sich in der Klinikzeit ein „neues Hobby“ gesucht: Menschen anzurufen, die nicht von ihr angerufen werden wollen oder Leute auf Facebook zu kontaktieren, die nicht von ihr kontaktiert werden wollen. Die Facebooker haben sie geblockt und werden jetzt angerufen. Leider hat wohl nicht jedes Telefon eine Nummernsperre. Ich habe aus Interesse mal geschaut ob mein Handy Nummern sperren könnte und das kann es nicht. Vielleicht bin ich nicht die einzige mit veralteter Technik. Zumal Mikesch ältere Leute nervt und ich mir die über 80-jährige Mikesch-Tante zugegebenermaßen nicht mit I-Phone oder ähnlichem vorstellen kann, nachdem sie schon mit einem Großtastenseniorenhandy nicht so gut zurechtgekommen ist.

Was machen also diese Menschen, denen Mikesch auf den Nerv geht?!

Sie rufen K. an und fragen K. warum Mikesch das Wort „Nein“ nicht versteht und ob sie Angst haben müssen, dass Mikesch jetzt auch in ihre Wohnungen einsteigt. Der Vorfall mit der Balkontür hat sich rumgesprochen.

K. wiederrum schickt mir Mails mit Gesprächsprotokollen und möchte gleichzeitig von mir wissen was sie tun soll, wenn Mikesch es schaffen sollte sich ungefragt Zugang zu dem Haus, in dem sie wohnt zu verschaffen. Ihr geht es gerade auch nicht gut, sie will Mikesch nicht vor der Tür haben und ist sauer wegen dem Stiefvater-Verhalten, weil der uns – sie und mich – alleine in der Scheiße sitzen lässt.

Ich kann sie und ihre Wut verstehen. Ich komme mir auch verarscht vor. Er kann nicht aus Rache oder sonstigen Kinderimpulsen zwei Wochen Psychiatrie – und dann auch noch die Ruhigstell-Version – veranlassen und sich genau dann vom Acker machen wenn die um sind. Auf die Frage für wie blöd er uns hält kam wenigstens die ehrliche Antwort, er könne mit Mikesch nicht umgehen.

[Mich fragen Sie nicht warum man dann verheiratet bleibt. Ich muss das nicht wissen.]

Als Mikesch eingewiesen wurde habe ich gesagt, ich weiß nicht wie oft ich hier sein werde. Ich war sehr oft hier. Vielleicht bin ich es die nächsten Tage etwas weniger.

Aber wenn Sie mögen, ich weiß, dass das eine Horrorvorstellung ist, ich selbst bekäme auch Angst: Stellen Sie sich vor, jemand, den Sie, vielleicht sogar gut, kennen steht unangemeldet und ungebeten plötzlich in Ihrer Wohnung. Das Fenster oder die Balkon- oder Terrassentür war offen. Was tun Sie? Rufen Sie die Polizei? Regeln Sie das selbst? Und wenn wie?

Vielleicht sind bei Ihren Gedankenspielen noch Lösungshilfen dabei, die den angerufenen Leuten – die ja alle keine Erfahrung mit Mikesch als kranker Person haben – irgendwie helfen können.

K.s Gedanke jetzt nur noch mit Pfefferspray rumzulaufen, auch in der Wohnung wirkt nicht nur auf Außenstehende extrem. [Wird aber weniger extrem wenn man bedenkt, dass sie Gewaltopfer ist und Mikesch ja nun mal auch nicht ungern spuckt, kratzt, haut und unsittlich wird.] Das können wir nicht allen raten.

Polizeiholen werden sich einige von denen nicht trauen. Es ist Mikesch. Mitunter durchaus lieb, nett, hilfsbereit-Mikesch aus dem Brotladen.

Aufbruch

oder „Die kommt nach Stammheim!“

Eine dieser Situationen, die in ihrer Echtheit so surreal sind, dass man sie gut im Theater spielen könnte, die aber so und ähnlich abertausend Mal in abertausend Suchtfamilien und –partnerschaften vorkommen. Jeden Tag. Sie sehen nur nicht immer gleich aus.

Eine von denen auch, die man keinem erzählen kann, weil sie einem niemand, der nicht dabei war glaubt – weshalb viele Kinder und Jugendliche darüber nicht reden, auch nicht mit Freunden, die selbst Süchtigenkinder sind -, denn von außen gesehen muss doch irgendeiner in der Situation rational reagieren. Es kann doch nicht jeder retardieren.

Ich sage es Ihnen, es ist leicht das zu glauben. Es kann ja schließlich nicht sein, dass es überall so extrem ist wie bei einem selbst zu Hause. Die eigenen Eltern werden oft als das ultimative Extrem empfunden und es ist unvorstellbar, dass es woanders, selbst wenn da auch konsumiert wird, eben nicht anders oder sogar besser ist.

Philipp und ich haben das heute noch gelegentlich. Dieses Aufwiegen. Deine gilt wenigstens öffentlich als bescheuert…Wenn meine den ganzen Tag pennen und zwischendrin ein bisschen kotzen würde, wäre ich froh… und so weiter.

Was ist passiert?

Der Stiefvater will nicht mehr. Er macht das nicht mehr mit, es muss doch mal gut sein und Mikesch ist selber Schuld.

Mikesch geht nun nämlich für eine Woche (mindestens) in eine Klinik.

Er hat keinen Bock mehr auf den Scheiß, das mit der Balkontür war zu viel und er will keine Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Wenn Mikesch – O-Ton – „wegkommt“ [ich hätte ihn killen können für das Wort] ist die Ingrid – die nicht Ingrid heißt – vielleicht besänftigt.

Nun gut. Die letzte Verfügungsgewalt hat er und prinzipiell kann ich seine Entscheidung nachvollziehen. Wäre zwar gern vorher informiert und miteinbezogen worden, aber ist nicht zu ändern.

Weder Mikesch noch der Diddl-Maus-Junge verstehen was eigentlich los ist.

Alles sehr chaotisch. Ich bin mir auch nicht sicher, dass ich komplett durchsteige.

Jetzt kommt die eingangs erwähnte Situation:

Während Mikesch also nervös ist, rumsitzt und irgendwie gar nicht mehr klarkommt, rennt er – der Stiefvater – durch den Raum und zeigt mit dem Finger auf sie. Dabei schreit er.

„Du kommst nach Stammheim! Du kommst nach Stammheim!“

Der Diddl-Maus-Junge hat keine Ahnung was gemeint ist.

Ich schon. Ich kann auch objektiv nachvollziehen warum dieses Aufführen. Es ist oft so in dysfunktionalen Beziehungen, dass der schwächere Teil, wenn er denn einmal die Oberhand gewinnt – wie jetzt hier – über das Ziel hinaus schießt. Nicht nur in Suchtbeziehungen.

Wir Süchtigenkinder kennen das nochmal geballter. Weil gezielt Schwächen ausgespielt werden, auch solche, die niemanden etwas angehen.

„Du kommst nach Stammheim! Du kommst nach Stammheim!“

„Merkst du, dass sie dich gar nicht versteht? Sie hört dich schreien, weiß aber gar nicht was du ihr sagen willst.“

„Es reicht mit ihr.“

„Du bist sauer und erschöpft, bin ich auch, keine Frage, und du möchtest sie bestrafen. Ist bei mir angekommen, aber sie versteht nicht warum du jetzt so aufdrehst.“

Ich habe es wenigstens versucht. Ist Teil meines Jobs.

„Ich mach das nicht mit, die kommt nach Stammheim!“

Und so geht das dann in Endlosschleife.

[Nein, die Klinik ist nicht in Köln-Stammheim. Er meint das woran (fast) jeder sofort denkt und da kommt sie natürlich auch nicht hin.]

Der September wird interessant.

Ich bin jetzt müde.

Szene (die), schizophren-psychotisch (oder)

Mikesch macht im Laden eine Szene, an die der größte Wutanfall des Atelier-Kind-Bruders, denn-er-WILL-jetzt-augenblicklich-in-diesem-Moment-den-Knopf-für-die-Aufbackbrezel-drücken-und-die-Brezel-sofort-verspeisen-!, nicht herankommt. Details erspare ich Ihnen, Sie wissen ja, ich habe Erfahrung mit Sicherheitsdiensten….

Als wir weitergehen tippt mich eine Frau an. Ich kann schlecht schätzen, älter als ich, aber wahrscheinlich noch nicht fünfzig. Als Mikesch nicht hinsieht zeigt die Frau auf deren Rücken. „Schizophren oder psychotisch?“

Sie trifft natürlich nicht ganz, aber es erleichtert einen in so einer Situation ungemein, dass mal irgendein umstehender Mensch der Wahrheit sehr nahe kommt.

Auslöser – bevor Sie lachen denken Sie dran, dass Mikesch krankheitsbedingt eine andere Logik hat – war, dass mich auf dem Weg eine Autofahrerin gefragt hat ob sie auf dem Weg zu Autowerkstatt Sowieso links oder rechts abbiegen muss.

Amokmotten

Mikesch ist der Meinung, die K., der Stiefvater und die dergl wollten sie vergiften. Und der Mikesch-Bruder auch.

Weil, das war nämlich so: Der Mikesch-Bruder hatte vergessen Kaffee einzukaufen, der faule Hund. Der ist in Rente, der hat der den ganzen Tag Zeit. Aber ehrlich.

Weil der faul war hat es nur Tee gegeben. Aber der Tee hat komisch gerochen. Die K., der Mikesch-Bruder und der Stiefvater, die haben den Tee trotzdem getrunken.

Der Stiefvater hatte vergessen wie der Geruch heißt.

Irgendwas mit Motten oder Amok oder so. Die Mikesch ist nicht die dergl, die dergl ist intellektuell, die weiß das. Aber die Mikesch muss das nicht wissen.

Jedenfalls soll die K. gesagt haben [die dergl war nämlich gar nicht dabei und kann das deshalb nicht wissen]: „Riecht wie 4711, schmeckt aber gut.“

Tee mit Parfüm drin ist aber giftig. Außerdem hatte der so einen komischen Namen. In Englisch, den hat bestimmt die dergl irgendwann mitgebracht. Gleich mal per SMS bescheid sagen, dass die sich da aber ganz gewaltig geschnitten hat, ist ja egal ob um zwei Uhr nachts.

[Das ist nicht lustig, das ist ein Wahn-Symptom.]

***

Wie gesagt, ich bin krank. Ich habe momentan eine fast komplett starre schmerzhafte Unterschenkelmuskulatur [wahrscheinlich im Gegensatz zu den meisten von Ihnen aber den Vorteil das nur auf einer Seite zu merken, es lebe der Kunstfehler! (Ich darf solche Witze über mich machen, Sie aber genauso wenig über mich wie ich es über andere Kunstfehlerüberlebende ohne deren explizites Einverständnis darf – Pech!)] und kann entsprechend schlecht gehen.

Hilfsmaßnahmen fallen irgendwie unter die Kategorie „Ebayismus/Amazonismus“ – Sie wissen schon Gibt es nicht verordnet, kann man sich auch selber kaufen, haben Sie Internet? – denn die Vitaminpräparate, die helfen können sollen kosten alle ein Schweinegeld, das ich nicht habe. Noch dazu der nette Satz von ärztlicher Seite [nicht von meinem Operateur!]: „Sie werden doch wohl irgendjemanden kennen, der Ihnen für ein paar Tage mit einem Rollstuhl aushilft.“

Und so lange sollen die Leute immobil rumsitzen?! Ich meine ja nur, das sind keine Brillen. Menschen, die es sich leisten können haben manchmal mehrere Brillen weil ihnen unterschiedliche Gestelle gefielen, aber es hat kein normaler Rollstuhlnutzer ein Zimmer voller Rollstühle, weil er/sie/es sich bei der Rahmenfarbe oder Bereifungsart nicht entscheiden konnte.

Rote Flaschen-Gespräch

„Das ist ein Feuerlöscher.“

„Ja.“

„Warum hast du einen Feuerlöscher mit?“

„Weil ich ihn gerade gekauft habe und wir jetzt einen Termin haben, das heißt, ich kann ihn nicht nach Hause bringen, sonst kommen wir zu spät.“

„Brennt es bei dir zu Hause?“

„Wenn es jetzt bei mir zu Hause brennen würde, dann wäre ich nicht hier.“

„Warum kaufst du dir dann einen?“

Falls es mal wieder brennt, so wie meine Küche damals. Hätte ich da schon einen gehabt, wäre das vielleicht nicht so schlimm geworden.“

[Ich habe allerdings noch nie einen benutzt, deswegen hoffe ich einfach mal, dass ich das Ding im Notfall bedienen könnte und es wirklich löscht.]

Mikesch tut nachdenklich. „Feuerlöscher zum Feuerlöschen… Könnten wir auch gebrauchen…“

[Es kann sein, dass sie den Sinn von Feuerlöschern in Privathaushalten wirklich nicht versteht.]

Mikesch-Zitat der Woche

Ich finde das gemein mir gegenüber von dir, dass du so viele Medikamente vom Arzt gekriegt hast.

Ich habe ein paar Tage überlegt, ob ich das machen soll, aber Sie sind hier Härteres gewohnt. Lesen Sie das mehrmals und lassen bei Wiederholungen das Wissen weg, dass es sich um einen suchtkranken Menschen handelt. Sagt viel aus, oder?