Mikesch und die Tittenmonster

Mikesch findet: Wenn was kommt, dann kommt alles auf einmal.

Sie ist noch traurig wegen dem Küchenficker, da stellt sich heraus mein Bruder (dieses Jahr 31, also ganz bestimmt alt genug) hat einen Account bei einer Sexseite. So einer Börse wo man Leute kennenlernen kann und sich zum Sex verabreden.

Seine Sache, sollte sie nichts angehen. Sie hat es zufällig gemerkt als sie sich seinen Laptop ausgeliehen hat. [Dass Spionieren nicht okay ist braucht man ihr nicht zu erklären, da reden Sie gegen die Wand.]

Und es macht sie fertig. Weil, dann, dann ist der Diddl-Maus-Junge ja jetzt ein Perverser.

Genau erklären warum sie so denkt kann sie nicht.

Man kann ihr im Gegenzug auch nicht erklären, dass da nichts bei ist, gesetzt den Fall, alles zu dem es kommt geschieht im gegenseitigen Einvernehmen, genauso als hätte man sich offline kennen gelernt. Ganz einfach.

Was für sie ganz schlimm ist:

Das sind alles – es folgt O-Ton – Tittenmonster!

Nun ja, irgendwer muss Fan sein von Lohfink, Katzenberger und Co. Wenn keiner auf diese Art Frau stehen würde, wären sie vermutlich nicht so berühmt.

Nur eine war nicht so. Die hat aber eine böse Nachricht geschrieben, so wie er mit ihr schrieb lässt sie nicht mit sich reden und sie möchte keinen weiteren Kontakt.

Kann auch vorkommen. Und er ist nun mal nicht der Charmeur schlechthin. Zumindest nicht am Anfang.

Aber die Tittenmonster! Also nein, das macht sie jetzt fertig, dass der auf Nutten steht.

Sie hat ein ziemlich verworrenes Verhältnis zu Sexualität im Allgemeinen. Es wäre falsch darauf öffentlich näher einzugehen. Die Herkömmlichen nehmen aufgrund ihrer Materie Bezug darauf. Diejenigen, die dort mitlesen wundern sich wahrscheinlich nicht darüber wie abwertend sie über andere Frauen spricht. Wer hier länger liest und ihren Konflikt mit K.s Trauma kennt, vielleicht auch nicht.

Tschüss dann!*

Was bleibt von einem Menschen?

Ich erinnere mich an die Farbfotos meiner Kindheit, schon damals irgendwie verfärbt, meine Eltern und die beiden anderen als junge Leute in einer Achterbahn, beim Campen, im Zoo. Mein Vater und der Mann mit Motorrädern. Meine Mutter erzählend, sie seien alle vier beim Falco-Konzert gewesen.

Wir sind irgendwann mal Schlauchboot gefahren. Ich hatte Angst, denn ich war und bin Nichtschwimmer und habe dann irgendwie meinen Hut verloren. Der Mann holte ihn wieder. Da war ich schon in der Schule, meine ich.

Als ich ungefähr dreizehn war schenkten die beiden mir einen Übersetzungscomputer und einen Taschenrechner. Texas Instruments, gute Dinger. Den Taschenrechner habe ich noch. Ich war dabei, der Mann hat ihn in einer Filiale von Foto Porst gekauft.

Dann traf man sich zufällig in einer fremden Stadt Mitte der Nullerjahre. Ich aß Currywurst an einem Stand und er war mit seiner neuen Frau unterwegs. „Wusste ich doch, das ist die dergl.“ Die Frau hat noch „Wie?“ gefragt, weil der den Namen so sagte wie meine Eltern ihn gesagt haben. Die Frau, die nicht aus Deutschland kam, kannte den Namen nicht.

Noch einmal sah man sich damals, etwas später. Wir stritten, er fand meine Kleidung studentisch und meinen Dialekt zu ausgeprägt, ich weigerte mich in sein Auto zu steigen. Er wollte eine Prestigefahrt. Ich muss nicht nur weil die Gelegenheit da war einmal im Leben mit so einem Auto gefahren sein.

Dann einmal noch, aber wann? Ich weiß es nicht mehr. Es kam wohl mal eine Mail, er sei dann und dann in meiner Stadt im Urlaub gewesen. Ich habe nicht verstanden warum er das nicht vorher gesagt hatte. Ich hätte ihn nicht sehen wollen, aber ich kannte Leute, die Touristentouren machten, vielleicht hätte ich Plätze organisieren können.

Dann nie wieder.

Es ist in Ordnung, wir hatten nichts miteinander zu tun. Auf der Straße wären wir grußlos aneinander vorbei gegangen, wenn wir im selben Landesteil gelebt hätten.

Aber Mikesch ist traurig und muss weinen. Sie hat heute erfahren – und es mir gesagt -, dass der Küchenficker nicht mehr lebt. Schon länger nicht mehr.

 

*Hat er immer zum Abschied gesagt.

Auf dem Flur

Auf dem Flur der Arbeitsagentur, Mikesch soll ihr Gespräch mal schön alleine machen und außerdem kann mir keiner wegen ihrem Benehmen da drin, wenn ich nicht mal im Raum bin – angeblich hätte ich sie „angeschissen“ und die können sie zehnmal anschreiben auf so Jobs bewirbt sie sich in ihrem Alter nicht mehr und schon gar nicht für das Geld, das werden die schon sehen, warum kriegen die Hartzer alles und sie nichts und von so einem wie „dem da“, noch nicht mal dreißig lässt sie sich überhaupt nichts sagen, soll erstmal zusehen, dass er ein Kind in die Welt setzt… – treffe ich zufällig S., die ich flüchtig kenne.

S. ist gerichtlich eingesetzte ehrenamtliche Betreuerin für einige Bewohner einer sogenannten „Behindertenwohngruppe“ und gerät immer wieder mit dem Personal dort aneinander, weil sie die Gängelung nicht richtig findet. Außerdem will sie von ihren „Leuten“ nicht als Mündel gesprochen haben, das sind alles Leute über fünfzig, die sicher durch die Institutionalisierung etwas „dümmer“ gemacht wurden als sie eigentlich sind. Die Frau, die auch S. heißt zum Beispiel kann sich zwar ihr eigenes Alter nicht merken weiß aber genau wer Donald Trump ist, wo der sich gerne auslässt und dass das oft nicht sehr intelligent oder höflich ist und kann begründen warum sie selber das nicht in Ordnung findet. Würde man jemandem, der nicht weiß wie alt sie ist nicht unbedingt zutrauen.

Diese S. darf sich ihr Fernsehprogramm nicht selber aussuchen, bekommt gesagt wann sie ins Bett zu gehen hat und hat eine katastrophale Zahnhygiene. Nicht etwa weil sie das so wollte, sondern weil keiner mit ihr Zahnputzen einübt oder ihr das Material dazu gibt. Wer keine Zahnbürste hat, keine bekommt und im ganzen Haus keine Zahnpasta findet, kann nicht so unbedingt etwas für Mundgeruch und Zahnzustand, wenn man darauf angewiesen ist, dass einem die Dinge gegeben werden, weil man nichts selber kaufen darf.

Wir sprechen davon und auch davon, dass das Ehrenamt gerade wieder so hochgelobt wird, gesetzliche Betreuer meist Ehrenamtler sind und das groß als sich um den betreuten Menschen kümmern annonciert wird, wenn man sich aber kümmern will, zum Beispiel Zahnputzzeug mitbringen, kriegt man Steine in den Weg gelegt.

Ist bei uns ja auch mitunter nicht anders.

S. dachte aber schon. Weil mir keiner reinpfuscht.

Stimmt nicht. Mein „Glück“ ist, dass den Herren alles scheißegal ist. Mitunter ist das auch mein Pech, mehr noch das von Mikesch, weil der Stiefvater als ihr Ehemann die letzte Verfügungsgewalt hat und wenn der schludert geht erst mal gar nichts.

Tür zum Zimmer geht auf.

Berater kommt raus.

Sieht aus als könne er mein Sohn sein. Aber das rechtfertigt Mikeschs Verhalten nicht.

„Sagen Sie mal, ist die immer so?“

„Das ist die Krankheit.“ Ich kann nichts anderes sagen. Der Satz sichert mich ab.

„Dann kann man die eigentlich gar nicht auf andere Menschen loslassen…“

Steht nicht viel anders in diversen Papieren.

Einschläge

Es gibt Momente im Feuerwehrfrauentum über die ich im Rahmen der Dokumentation nicht rede. Ich rede mit Menschen darüber, die es verstehen, es ist also nicht so als würde ich es totschweigen.

Eine Kategorie dieser Momente sind die, in denen man da sitzt und – in meinem Fall, ich weiß es aber auch von anderen – denkt Oh, Mikesch, mach keinen Scheiß!

Es gibt Dinge, da kann ich sie mit allen Befugnissen und Möglichkeiten, die ich habe nicht rausholen.

Ich habe sie dank einem Tipp vom Handschuhschenker letztes Jahr als es ihr mies ging vor einer schlechten Psychiatrie bewahrt, so einer wo man die Leute vollgepumpt und fixiert in der Ecke parkt und das Behandlung nennt, aber ich werde nicht immer da sein.

Es können durchaus Situationen eintreten, in denen sich Ärzte nicht mehr um Rechtswege scheren und dann sind die ersten die gefragt werden der Stiefvater, der die Lage meistens eher schlecht als Recht überblickt weil er auswegs arbeitet, und wenn sie den nicht erreichen der Diddl-Maus-Junge, der schon aus Überforderung alles abnicken wird ohne zu wissen was er da macht und mit welchen Konsequenzen.

Und ich will nicht, dass das passiert: Angenommen sie geht wegen ihrem tatsächlich durch die Medikamente total kaputten Magen in ein Krankenhaus. Die sagen ihr, da geht das und das, sie sagt, dass sie die jeweilige Behandlung explizit nicht will, und die machen trotzdem, denn der Psycho ist ja freiwillig wegen Aua Magen gekommen. Mitgefangen mitgehangen, Pech gehabt. Außerdem hat der Sohn doch…

Der „Entwurf eines Gesetzes zur Änderung der materiellen Zulässigkeitsvoraussetzungen von ärztlichen Zwangsmaßnahmen und zur Stärkung der Selbstbestimmungsrechte von Betreuten“ will so etwas erlauben. (Der Link geht zu einem Interview der kobinet-nachrichten mit Martin Lindheimer vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener.)

Mikesch und der Wahlzettel

In dem großen Umschlag ist neben allen Unterlagen auch ein Wegweiser für die Briefwahl, sogar mit Bilderklärungen dabei, aber Mikesch sitzt da und versteht die Welt nicht mehr.

„Auf dem Wahlzettel kreuzen?“

„Ja, Mikesch, wie in der Wahlkabine.“

„Und dann in den blauen hier rein?“

„Steht doch da.“

„Ja, aber ich weiß nicht was ich da ankreuzen soll.“

„Die Partei und die Politiker, die du wählen willst.“

„Machen doch eh was sie wollen.“

„Dann wähle eben nicht. Du kannst aussuchen ob du wählen willst und wen.“

„Ja, weiß ich. Du meinst mal wieder ich bin doof!“

„Nein.“

„Aber den, den ich wählen will, der ist hier gar nicht drauf. Ich kann gar nicht wählen.“

„Du kannst nur Leute wählen, die auf dem Zettel stehen.“

„Hat doch eh keinen Sinn.“

Wahlschein landet auf dem Boden.

„Alles Ding in die Boote, Schuhe und Kaffeemaschinen zuerst!“

Auf dem Weg zu Mikesch bin ich gestürzt.

Wenn ich gestürzt bin mache ich nach dem Aufstehen zwei Dinge:

1. Ich versuche herauszufinden ob ich verletzt bin. Es ist praktisch unmöglich mir zu begegnen, ohne dass ich irgendetwas aufschrappt oder blau habe.

2. Ich überprüfe meine Kleidung. Das ist in meinen Lebensumständen noch
wichtiger als nach Verletzungen zu suchen, tue ich aber dennoch erst als zweites. Auf irgendein blutendes Körperteil kommt Desinfektion und Pflaster oder Verband und die Angelegenheit ist durch. Eine zerrissene Hose, Jacke oder ein kaputter Schuh stellt mich vor ernsthafte existentielle [nein, das ist nicht überspitzt gemeint und es ist auch nicht lustig] Probleme.

Unabhängig davon ob mir jemand aufhilft oder so wie heute einfach weiter geht.

Meinen blutenden Finger versorge ich noch unterwegs, halte mich auch immer in der Nähe von Mülleinern oder Büschen weil ich beim Sturz mit dem Kopf nach vorne geschleudert wurde und mir entsprechend schlecht wird. Es gab aus Gründen von Saus und Brause (nicht) kein Frühstück, aber wer weiß vielleicht kommt das von vorgestern raus.

Meine Hose wirkt zwar ganz, also wenigstens nicht durchlöchert, aber ich gehe trotzdem bei Mikesch zunächst ins Bad. Schadensbegrenzung. Zum Glück ist nicht Sommer, sonst würde mich ein Verhör erwarten, wie ich denn mit diesen Beinen gedenke die Beinbehaarung loszuwerden, das ginge doch nicht auf so kaputter Haut.

[Dass man es eben deshalb dann vielleicht mal gar nicht macht, kann Madame nicht verstehen.]

Was kaputt aussieht sind meine Schuhe. Ohne Loch, aber vorne gut abgeschrappt. Mit schwarzer Schuhcreme eventuell noch so zu kaschieren, dass sie bis nächsten Monat – oder selten getragen noch länger – durchhalten, also mache ich mir da auch keine Sorgen.

Mikesch allerdings schon. Sie interessiert nicht der offensichtlich blutende Finger, dass ich kalkweiß bin oder der Geruch von der Desinfektion, sie interessiert, dass die Schuhe „scheiße aussehen“ und was ich damit gemacht hätte.

Auf erteilte Auskunft hin erfahre ich, ich müsste mir neue kaufen, die könne man nicht mehr anziehen, aber ich müsse ja immer rumlaufen wie [ich wiederhole das nicht.] Ach so, habe ich die neue Kapselkaffeemaschine schon gesehen?

Erst dann: „Ey, du blutest aus der Nase.“

Ich habe Nasenbluten, zwei Wunden am Finger, mindestens blaue Flecken an eh kaputten Beinen und eventuell so was ähnliches wie ein leichtes Schleudertrauma [es hat Gründe warum Menschen mit Schäden der Halswirbelsäule beispielsweise nicht Achterbahn fahren dürfen], aber Madame möchte Bewunderung für ihre neue Kaffeemaschine…

 

[Ich frage mich ob das so kurz vor Ende der five days, die mit heute nur noch drei sind, passieren musste, damit ich zu Hause bleibe, vom Computer weg und fokussieren kann, so dass ich wenn schon nicht Montag, dann wenigstens zeitnah mit einer Erstversion fertig werde.]

Mikesch im Supermarkt

Mikesch ist mies drauf, kann nur bedingt etwas dafür, der Rest ist krankheitsbedingte Reaktion auf eine Situation, in die sie sich selber manövriert hat, und muss trotzdem mit mir einkaufen gehen, weil sie es gestern nicht geschafft hat. Aus Gründen der krankheitsbedingten Reaktion. Wir haben alle schon mal vor Wut uns ungerecht behandelt zu fühlen gekocht und wir waren alle schon mal so gelähmt davon, dass wir den Rest des Tages in die Tonne treten konnten, oder?! So ungefähr war das gestern bei ihr, nur eben in der Mikesch-Version.

Mikesch muss also einkaufen und ich muss mit. Komme ihr von der Schnelligkeit kaum hinterher, kann auch nicht überblicken was sie alles in den Wagen legt und ob das mit der Liste vom Stiefvater übereinstimmt und dann stehen wir in der Schlange hinter einem älteren Herrn, dessen Wagen genau so voll ist wie der von Mikesch. Es ist Osterwochenende und viele Leute bekommen Besuch, kein Wunder also, dass die Leute so viele Sachen im Wagen haben. Mit Mikesch, die plötzlich mit ihrem Smartphone zugange ist muss man so reden.

Als wir warten stellt sich hinter uns eine ältere Frau an, die nichts außer einer Packung Toilettenpapier hat.

Ich frage sie ob sie damit vorgehen will. Als wir in den Laden gekommen sind habe ich dieselbe Frau draußen einen Kofferraum bepacken sehen. Sie wird das eine Teil vergessen haben.

Das sagt sie dann auch und bedankt sich sehr freundlich, dass sie vor darf.

Auch der Mann mit den vielen Sachen vor uns lässt sie vor.

Mikesch ist noch immer beschäftigt, und nicht damit mir beim Auflegen zu helfen, als sich der nächste – wir sind noch die letzten in der Schlage – anstellt: Ein junger Mann in Arbeitskleidung mit genau einer Flasche Saft und genau zwei Brötchen.

Auch ihn lasse ich vor und auch er bedankt sich sehr freundlich.

Auch der Mann mit den vielen Sachen tut es uns gleich. Draußen pocht eine große Baustelle und den Klamotten nach gehört der junge Mann da hin und will rasch sein Frühstück kaufen.

Mikesch: „Du lässt alle vor.“

Ich: „Die Frau hatte nur das Papier vergessen, du hast doch gesehen, dass sie auf dem Parkplatz eingeräumt hat als wir angekommen sind.“

Mikesch: „Aber der Türke.“

Ich: „Der Bauarbeiter. Hatte drei Teile. Du hast einen ganzen Wagen voll und kannst mal mithelfen.“

Als wir mit Bezahlen dran sind legt hinter uns jemand mit ebenfalls vollem Wagen auf. Ein Mitarbeiter vom Supermarkt steht neben seiner kassierenden Kollegin und bittet sehr höflich – lauter wirklich freundliche Leute heute – darum, ob er sich mit seiner einen Cola-Dose „vordrängeln“ darf.

„Ja, klar.“

Mikesch sucht sowieso noch ihr Portmonee.

„Immer lässt du alle vor…“

Sie wollen nicht wissen wie lange Madame gebraucht hat um zu bezahlen, weil sie ihre Karte nicht vorher rausgesucht hat. Dann wollte sie unbedingt noch zum Getränkeautomat.

Als wir endlich einpacken rempelt sie einen ausgebüchsten Gehanfänger an. Ich sagte ihr, sie soll aufpassen, dass sie das Kind nicht umrennt.

Sie knurrt, ist überfordert. Sowieso versteht sie nicht warum die Leute gerade heute so viel einkaufen müssen.