Rote Flaschen-Gespräch

„Das ist ein Feuerlöscher.“

„Ja.“

„Warum hast du einen Feuerlöscher mit?“

„Weil ich ihn gerade gekauft habe und wir jetzt einen Termin haben, das heißt, ich kann ihn nicht nach Hause bringen, sonst kommen wir zu spät.“

„Brennt es bei dir zu Hause?“

„Wenn es jetzt bei mir zu Hause brennen würde, dann wäre ich nicht hier.“

„Warum kaufst du dir dann einen?“

Falls es mal wieder brennt, so wie meine Küche damals. Hätte ich da schon einen gehabt, wäre das vielleicht nicht so schlimm geworden.“

[Ich habe allerdings noch nie einen benutzt, deswegen hoffe ich einfach mal, dass ich das Ding im Notfall bedienen könnte und es wirklich löscht.]

Mikesch tut nachdenklich. „Feuerlöscher zum Feuerlöschen… Könnten wir auch gebrauchen…“

[Es kann sein, dass sie den Sinn von Feuerlöschern in Privathaushalten wirklich nicht versteht.]

Mikesch-Zitat der Woche

Ich finde das gemein mir gegenüber von dir, dass du so viele Medikamente vom Arzt gekriegt hast.

Ich habe ein paar Tage überlegt, ob ich das machen soll, aber Sie sind hier Härteres gewohnt. Lesen Sie das mehrmals und lassen bei Wiederholungen das Wissen weg, dass es sich um einen suchtkranken Menschen handelt. Sagt viel aus, oder?

Lösefafentniph

Ein Mensch vom Medizinischem Dienst – nicht der Krankenkassen, ein anderer – hatte mich für heute zum Gespräch geladen, weil das Diddl-Maus-Baby quasi am der Hand vom Mami zum Test gekommen war. Ob er wegen möglicherweise eintretender Arbeitslosigkeit – Sie wissen schon, drei Monate vorher… – oder weil sein Gegieme wirklich ein Problem auf dem Gerüst darstellt weiß ich nicht. Das sind Schwächen, so was sagt man dergl nicht. Ist mir auch egal.

Was will der Mensch vom Medizinischen Dienst von mir? Ich hatte erwartet, dass Mikesch Mikesch war, aber so einfach ist das nicht. Der Mensch will etwas wissen.

Und zwar: Können die beiden richtig lesen und schreiben? Es haperte mit dem Textverständnis, mein Bruder hat für einen 30-jährigen eine eindeutig zu kindlich-krakelige Schrift und als Mikesch sich einmischen wollte hat sie keinen graden Satz hinbekommen.

Das letzte überrascht mich nicht. Auch Sie hatten hier ja schon Kostproben der Mikesch-Grammatik.

Trotzdem ist die Frage interessant. Denn: Mein Bruder war auch nicht in der Lage trotz vollumfänglich vorhandenem Gehör – wurde getestet – einen Text wie gehört wiederzugeben.

Bei ihm und Mikesch wird die Blödzeitung gelesen. „Normale“ Tagespresse scheint zumindest Mikesch nicht zu verstehen, denn sie kann nicht erklären was sie in einem Artikel gelesen hat.

Lesen ist nicht nur die Mechanik.

Mit Hörverständnis ist es dasselbe.

Erinnern Sie sich an den Fremdsprachenunterricht in der Schule oder später? Können Sie bei Musik die Texte raushören?

Ich hatte diese Fähigkeit schon recht früh und erntete dafür immer Bewunderung. Aber natürlich habe auch ich früher Dinge, die nicht aus meiner Muttersprache stammen falsch gehört.

Kann es, insbesondere wenn man so undeutlich spricht wie er – er muss manchmal vier- oder fünfmal wiederholen weil ich nicht weiß was er von mir will, da er stark nuschelt – auch mit der Muttersprache geben.

Bei uns zumal hatte man ja immer die Schnauze zu halten, das heißt, er hat womöglich keine durchschnittlichen Fähigkeiten ausbilden können und nach fast 31 Jahren fällt es auf.

Ich muss mal recherchieren was das mit Leseverständnis zu tun haben kann. Dasselbe wie bei der Atelier-Kind-Familie ist es ja nicht. Aber interessant. Auch für meine eigene Geschichte. Warum kann ich, die man versucht hat noch doofer als ihn zu halten es und er nicht?! Er ist ja nicht dumm, er hätte das Abitur genauso schaffen können, wenn man ihn gelassen hätte.

Mögen Sie Fruchtgummilakritz-Vampire?

Okay, Mikeschs Vater – mein Großvater – stammt aus der Gegend, die man auch Transsylvanien nennen kann.

Okay, Mikesch konsumiert eine Menge Lebensmittel – zum Beispiel Cola und andere Limonaden -, die mir nicht schmecken.

Aber zumindest in meinem derzeitigen Zustand – „Maulseuche“ (Diagnose Dr. Dr. i.w.a.u.h.d.W.m.L.g.* Mikesch), Sie wissen schon – ist das zu viel:

Madame stellt mir – obwohl sie ganz genau weiß, dass ich noch nicht mal das Fruchtgummizeug aus der Colorado-Mischung esse -, eine Schüssel mit Fruchtgummilakritz-Vampiren hin.

Sie dachte, ich hätte Hunger. [Unabhängig davon, dass sie sehen müsste, dass ich nicht kauen kann.]

Bei den Dingern hat nicht das Fruchtgummi den Lakritzgeschmack angenommen und ist damit – wie die Gummibären aus der Colorado-Mischung –  ungenießbar geworden, sondern Lakritz und Fruchtgummi sind von Anfang an verschmolzen.

Äh…

„dergl, normale Leute essen das gerne.“

Ist nicht wahr, oder?

[Wenn man ganz genau weiß, dass jemand so etwas nicht schmeckt und die Person überdies nicht kauen kann, hat das nichts mehr mit Ich wollte dir ’ne Freude machen zu tun. Bei Konfekt, Konfektis, Violas, Stafetten oder meinetwegen Salinos hätte ich ihr die gute Absicht noch abgekauft, so hat man gesehen, dass das die Reste von dem waren, das sie selbst nicht mag.]

 

*ich weiß alles und habe die Weisheit mit Löffeln gefressen

Das Cola-Komplott

Mikesch hat eine nicht zu übersehende Macke, die nicht jeder sofort ihrer Erkrankung zuordnen würde – auch damit erfahrene Leute nicht – und die auch nicht leicht zu akzeptieren ist [ich sage es Ihnen im Guten]: Mikesch ist extrem wählerisch in dem was sie trinkt.

Und wenn sie das nicht bekommt, dann trinkt sie eben gar nichts, weiß aber auch nicht woher dann Schwächeanfälle oder Kreislaufprobleme kommen.

Mikeschs Getränk der Wahl ist Coca-Cola.

Die und keine andere. Alles andere ist Billigscheiß.

Die kauft Mikesch auch überteuert am Kiosk, weil in so Assiläden wie Aldi oder Lidl, da kann man ja nicht hingehen und es ist auch unter der Würde vom Diddl-Maus-Jungen einmal in der Woche zum Getränkemarkt zu fahren und da eine oder zwei Kisten zu holen.

Am Kiosk sieht wenigstens jeder, dass man nicht arm ist.

[Das ist der Trick ihrer Krankheit: es muss nach außen hin aussehen als ob noch Geld da wäre. Ihr ganzes Ego, ihre komplette Identität baut sich darauf auf, dass sie mal „reich geheiratet“ hat. Dass das zwanzig Jahre vorbei ist spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass sie es einmal geschafft hat. Das macht sie noch nicht mal bewusst.]

Weil diese Taktik natürlich große Mengen Geld frisst – die sie nicht haben – führt das immer wieder zu Gezeter und Geschrei mit dem Stiefvater, der dann ungelogen Leitungswasser und Toastbrot zu sich nimmt um irgendwie… und selten mehr als 30€ insgesamt in der Tasche hat. [Selbst mit in Schuld, ich bin nicht die einzige, die ihm mehrfach gesagt hat, er soll die Konten trennen, so dass Mikesch nicht an sein Geld kann. Wenn er das nicht tut…]

Gestern muss der Stiefvater irgendwo an einem Lidl vorbeigekommen sein und gesehen haben, dass Coca-Cola im Angebot ist. Jedenfalls stehen jetzt sechs Sechserpacks mit 1,25l-Flaschen Coca-Cola in Mikeschs Küche. Sollte eine Weile reichen. Zumindest bis nächsten Montag.

Wer will gestern zum Kiosk gehen?

Stiefvater: „Du bleibst hier, guck mal was da steht. Cola noch und noch.“

Hat sie zwar angenommen, ist aber maulig. Den Flaschen sähe man an, dass sie aus einem Billigladen kommen.

[Wo kauft bloß ihre Pizzeria die Zutaten? Pizza mit Aldi-Mehl, Aldi-Milch und Aldi-Eiern dürfte sie dann doch genau so wenig essen, aber wahrscheinlich ist der ältere Sikh im Discounter nur eine Halluzination des halben Stadtteils. Komisch, dass selbst der Diddl-Maus-Junge ihn da schon gesehen hat.]

Außerdem: Neidzerfressenes Motzen weil K. mir bei Übergabe des Rucksacks einen Kühlpack für meine Schmerzen und das vom Besuch ihrer Enkelin am Wochenende übrig gebliebene Flutschfinger-Eis – die waren früher besser – angeboten hat.

Der Sinn schöner Bilder

Du, dergl, der mit der Zunge da in das Malbuch, ist das nicht der Alfred Einstein?

Der heißt zwar Albert, aber ansonsten richtig. Malen nach Zahlen mit Prominentengesichtern. Mängelexemplar aus dem Remittendenladen, sie malt ja so gerne.

Du, – zum Stiefvater -, die dergl sagt, das ist der Einstein, soll’n wir uns den an die Wand hängen?

Nä!

Warum nicht? Du bist doch auch so intelligent.

Nä!

Wohl. Siehste, dergl, nie lässt mich einer was machen.

 

[Ich schließe nicht aus, dass sich das lustig liest wenn man dabei nicht im Kopf hat in welchem Zustand das ablief.]

***

Mikesch hatte sich zum Geburtstag von irgendwem ein Computerspiel gewünscht. Fragen Sie mich nicht was, ich habe davon keine Ahnung. Die Person, die es ihr schenken sollte um so mehr, also ist es sehr gut.

Nun hat Mikesch der Person eine Verpackung gezeigt – das will sie haben! – und die Person, die sich damit gut auskennt erkannt, dass diese Version des Spieles auf Mikeschs Betriebssystem nicht läuft.

Und Mikesch das erklärt.

Weil Mikesch wie viele suchtkranke Menschen solche Dinge aber nicht glaubt – das muss doch gehen! Vielleicht bei denen nicht, aber bei ihr! – ist der Mensch darauf umgeschwenkt ihr nicht das Spiel selbst sondern einen Amazon-Gutschein zu schenken, mit dem sie sich das Spiel kaufen kann.

Ich halte das für eine gute Lösung. Mit einem Menschen, der mit seinem Suchtmittel voll und von etwas überzeugt ist zu diskutieren bringt nichts außer ruinierte Nerven. So hat sie selber die Wahl und muss dafür auch die Verantwortung übernehmen.

Auch K., ihr Mann und ein Sohn sagen Mikesch, dass die Spieleversion in der Verpackung, die sie haben will mit ihrem System nicht läuft und raten zu einer anderen Version. Da ist das Bild vorne nicht so schön, aber es wird laufen.

Mikesch mag keine gut gemeinten Ratschläge – die werden schon sehen! – und bestellt sich für den Gutschein die Version mit dem von ihr bevorzugten Cover.

Wurde auch prompt geliefert, es musste natürlich Eillieferung sein.

Die werden schon sehen, die!

Dass es nicht geht.

Das geht für Mikesch nicht.

Ich möchte nicht wissen was der Kundenservice von ihr gedacht hat als sie die „kaputte CD“ reklamieren wollte. Steht zwar nicht drauf, dass die mit Betriebssystem XY kompatibel ist, aber DAS. MUSS. DOCH. GEHEN!

Guten Morgen

Ich hatte Nachtdienst.

Warum?

Unser Neidhammel vom Dienst hat herausgefunden, dass K. mich per SMS gebeten hat nächste Woche wegen eines Aktionsartikels nach Aldi zu gehen. [Zur Erinnerung: Aldiquator. Mein Aldi ist nicht der, den die beiden haben, also sind auch die Aktionen nicht gleich.]

Der Sohn von K. hat sich verquatscht.

Nun hat K. freundlich gefragt, mir sofort gesagt, sie bezahlt sowohl die Ware als auch das Fahrgeld, damit ich die Ware zu ihr bringen kann und wo sie das Geld bitte hin überweisen soll, falls ich es vorher brauche, sonst gäbe sie es mir Montag in bar. Normalerweise sei es ihr auch nicht so wichtig ob ich wirklich gehe oder nicht (wie es gerade in meinen Zeitplan passt), aber sie fährt Dienstag zurück in die Klinik und deshalb wäre es wichtig, dass ich Montag gehe und Montag die Ware bringe. Sie entschuldigt sich für die Umständlichkeiten, aber die einzige andere Person, die sie in Düsseldorf und damit mit meinem Aldi kennt ist gerade im Urlaub, deshalb kann sie da nicht fragen.

Alles verständlich, alles in Ordnung.

Für Mikesch nicht.

Erstens tritt sie sowieso bei K. rein wo sie gerade kann – eine fünf Jahre lang hart erkämpfte Traumatherapie ist für sie eine Form von „xy kriegen alles“ (und die arme Mikesch nichts) und außerdem muss es ja irgendwann auch mal gut sein damit, das ist doch längst vorbei… -, zweitens kann das überhaupt nicht angehen, dass K. einen Rucksack haben möchte.

K. hat schon einen.

K. ist auch zu alt für Rucksäcke.

Wie die will ihr Netbook mit ins Krankenhaus nehmen? Die soll da nicht im Internet surfen, die soll da normal im Kopf werden und aufhören rumzuheulen!

Und die dergl, die blöde hilft ihr auch noch.

Schon wieder.

Die hält ja sowieso immer zu K. und sagt, dass das damals schlimm war.

Und nie bringt sie der Mikesch was mit.

Nie kriegt die Mikesch was.

Das darf doch wohl nicht wahr sein.

Die halbe Nacht lang.