Über die Fremden

Christiane ruft ein neues Etüden-Pausenspiel aus und H. von them lot hat gestern von einer Begegnung mit einem Menschen, der die Amischen verlassen hat erzählt. Ich habe zugegebenermaßen keine Ahnung davon, aber irgendwie ähnlich könnte das sein:

 

Die Leute, die aus der Stadt mit den großen Autos kamen kannten solche Blumen nicht. Nur eine Sonnenblume und wir hatten gedacht, die gibt’s überall, aber sie machten sich nicht nur über unsere Kleidung und die Fuhrwerke lustig. Das ist das Schlimme: Man darf nicht gekränkt sein. Man darf sich nicht wehren wenn sie einen wie eine Stadtpuppe im altertümlichen Kostüm anfassen und munter drauf los fotografieren, Gott will das nicht, und man muss denken, dass es nicht richtig ist; dass man weiß, dass diese modernen Stadtmenschen denken, dass man Trübsal bläst. Eigentlich muss man so tun als ob sie gar nicht da wären, sie verstehen ja doch nichts davon.

Einmal war während der Feldarbeit eine Familie mit einem kleinen Kind und einem Mädchen da. Wir haben sie nicht um ihre Kleidung beneidet, aber wir wollten alle das, was dieses Kind in der Hand hielt. Ein Stadtgebäck, das es bei uns nicht gibt, es heißt Schokokeks.

Das Mädchen sah so zu uns wie wir von ihr wegsahen, damit Gott uns nicht sah. Es fragte die Mutter nach unseren Hauben.

Die Frau sagte was wir sind, etwas anderes und „Die kommunizieren hier noch mit Flaschenpost.“

Dieses Wort hatten wir nie gehört.

In eigener Sache

In 18 Kommentaren haben die Fädenrisse 2.000 voll. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere lesende Mensch noch, dass ich Christiane für die 1.500 einen Wunsch geschenkt hatte, sofern es etwas wäre, das im Rahmen der Fädenrisse machbar ist.

Christiane wünschte und ich konnte erfüllen. Einmal kürzer und einmal länger. Wie das dieses Mal wird weiß ich nicht. Sie können sich natürlich heimlich schon einmal Gedanken machen falls Sie zufällig die 2.000 treffen, es kann aber auch sein, dass ich der treffenden Person eine oder mehrere zielgerechte Frage(n). stelle, da ich im September/Oktober ein Experiment mit den Tintenklecksen machen will. Ob ich das schaffe hängt von äußeren Umständen ab.

Kleinigkeiten

Anderer Stadtteile Bücherschränke: Marlen Haushofer Die Wand, leicht verblichene Ausgabe von 1986 und Christa Wolf Kassandra, gut erhalten von 1996. Hurra!

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Sozialarbeitsamtsklinikwasweißichdennmensch: Ja, ähm, also es gibt ja keine Literatur über Fälle wie Mikesch… Zu Deutsch: Machen Sie das verdammt noch eins, Frau dergl!

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Das Billigvitaminzeug erfüllt seinen Zweck: Ich kann wieder in für mich normaler Geschwindigkeit laufen.

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Im Gegensatz zu mir kennen Sie sich doch mit Modephänomenen – außer diesen furchtbaren Einhörnern – aus, liebe Lesende: Bekomme ich dieses Jahr irgendwas, das aussieht wie ein klassischer Doc Martens in schwarz, das nicht aus Lack ist unter 50€? Ich werde nostalgisch und muss langsam Winterschuhe in meine Finanzplanung miteinbeziehen.

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Mikesch und die „Billigscheiße“ Episode Ichzählenichtmehr: Raten Sie mal wer K. gestern Kaffee entgegen gekippt hat, weil die sich von ihrem Sohn eine Lidl-Jacke hat mitbringen lassen. Wenn Sie richtig geraten haben, dürfen Sie mir zur Belohnung verraten wie man einem 61-jährigen Menschen begreiflich macht, dass man andere Leute nicht mit Kaffee begießt.

[Natürlich, Mikesch ist was das angeht wie ein Kindergartenkind, aber der Atelier-Kind-Bruder ist drei und weiß, dass man andere Leute nicht schlägt, kratzt, mit Lebensmitteln begießt oder -wirft und überhaupt so etwas wie Wutanfälle nicht gerade dazu beitragen, dass man nicht ausgeschimpft wird.]

Hydrologie ist die Lehre vom Wasser

Das, was Sie da unten lesen ist ein winziger Ausschnitt, leicht verfremdet und fiktionalisiert, aus dem hier keine Rolle spielenden Komplex dergl hätte im Schloss gespielt. Wer die Herkömmlichen kennt merkt vielleicht an der Lesart, dass dieses Stück biographisch ist. Samuel hieß allerdings nicht Samuel und ich heiße nicht Emma, außerdem war er kein Wasser-, sondern ein Regenmaler. Aber „Wassermaler“ zählt zu Christianes Worten und die habe ich eingebaut, weil sie in der Realität damals zwar nicht vorkamen, aber in gewisser Weise passen. Es war vor etwas weniger als zwanzig Jahren.

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Dann war da noch

Erinnern Sie sich an die Sache mit Team Wallraff? Ich hoffe doch. Und an die mit den Zwangseinweisungen?

AbilityWatch hat gestern veröffentlicht, dass gemeldet wurde, die für die Misshandlungen in Heimen zuständigen Mitarbeiter der Lebenshilfe in Speyer kommen davon.

Das sind keine Bagatellen, das sind keine Ausnahmefälle, das ist die Regel.

Die Petition kann nach wie vor gezeichnet werden. Vielleicht möchte auch jemand nochmal drauf aufmerksam machen. Es sieht nicht so aus als würde die FDP nicht zurückkommen (hier haben wir sie schon) und ansonsten ist es nicht nur die AfD, die gern die uralten Strukturen aufrechterhalten oder wiederbeleben will.

Wochensoundtrack

 

Einige von Ihnen kennen das vielleicht noch aus der Musik für den Unverlinkbaren-Reihe.

[Memo an mich: Ich muss mir merken, dass „Interpol“ ein feines Etüdenspendewort ist, falls ich mal gefragt werde. Gibt da ja auch so eine Polizei…]

Eine Kindheit im Sommer

Eine Fiktion für Michael und seine Kinder.

[Wenn es bei Prince nicht klappt, klopf mal bei Herrn Vearncombe oder Herrn Moebius (egal welchem) oder geh zu Herrn Sperber, vielleicht singt auch Herr Bowie mit dir.]

 

Ein Raum. Anna fällt schwer sich hier eine Kindheit vorzustellen. Eine Kindheit im Sommer zumal, so wie sie sie kannte. Eine endlose Kindheit aus Wasserbällen, Sandburgen, Taucherbrillen, dem ersten Schwimmen ohne Schwimmflügel, Eis und Fruchtsaftbowle. Aber es ist auch schwer für sie sich hier keine Kindheit vorzustellen, denn Fabian hat eine gehabt. Mit Matratzen und Bücherregal, dem alten Lederkoffer auf dem Schrank und dem geblümten Liegestuhl draußen, beides viel älter als Fabian selbst.

Alt konnte man in dieser Wohnung nicht werden, die Bilder scheinen wie aus einer anderen Zeit und aus diesem Leben herausgefallen.

Anna versucht nicht die Bilder aus den Menschen hier zu sehen, stattdessen versucht sie es mit den Menschen aus den Bildern. Hier, in diesem leeren weißen Raum. Diese lachenden Männer auf den Papierfotos, so viel geduldiger als alle Speicherkarten, diese fröhlichen Stimmen vom rauschenden Tonband, die Fabians Vater noch immer hört, diese Menschen, mit denen er immer noch spricht, deren vergessene Telefonnummern er immer noch kann.

Man kann damit alt werden. Es ist so kontrollierbar wie Diabetes. Man könnte jetzt Sex haben ohne jemanden anzustecken.

Wie groß muss die Angst damals gewesen sein, wie klein der Selbstwert um das alles in Kauf zu nehmen?

Anna weiß, dass diese Fragen falsch sind. Frank, der Mann mit dem Schnäuzer auf den Bildern hatte Frau und Kinder gehabt, aber auch die Bluterkrankheit. Felix, fast noch jugendlich, war Krankenpfleger gewesen. Fabians Vater hatte die falsche Frau, ein Mädchen aus dem Milieu, geliebt. Vor Fabian.

Jahre vorher.

Der einzige Schwule in diesem Raum war Matthias gewesen und der, als einziger, hatte es nicht gehabt. Aber auch er lebt nicht mehr.

Nur Karsten, der ist diesen Sommer noch da.