Fälle, Zu-, die (?)

Im U-Bahn-Fenster zum ersten Mal wahrgenommen wie geschwollen mein Auge wirklich ist. Von einer dunklen Fläche gespiegelt wirkt es anders.

Auf dem Rückweg sitzt mir gegenüber ein älterer Herr mit einem Pflaster auf der Stirn und zwei Halte später steigt ein Mann in ungefähr meinem Alter – vermutlich, ich kann schlecht schätzen –  zu, der nicht nur Heftpflaster über einer Kopfwunde sondern auch einen langen Streifen Pflaster am Handgelenk trägt. Die Farbe seines Unterarmes kommt verdächtig nah an die von Philipps Schienbein heran.

 

Anderer Leute Worte

Zuerst gesehen beim Unverlinkbaren, der als Sohn einer Heroin-Userin aufwuchs und zwar mit allem, was man da zu sehen bekommt und nicht nur als Kind nicht mal eben wegstecken kann und heute auch bei textstaub: Sick über Suchtprävention via Youtube.

Dazu passend folgendes, sonst wäre es irgendwann vielleicht im Musikprojekt aufgekommen. Ich mag es nicht wirklich, aber es geht um das was sie singt und dafür brauchen Sie kein Heroin oder einen anderen Stoff, dieselbe Dynamik gibt es auch mit den die Sucht unterstützenden Angehörigen, die zu zu nah dran sind.

[Zum Beispiel Mikesch, die damals noch nicht selber „drauf“ war für den dergl-Vater – für den zerriss sie sich, für den verhungerte sie, für den vergaß sie sich… oder der Diddl-Maus-Junge für Mikesch – für die zerreißt er sich, für die vergisst er sich… und mangels anderer Erfahrung findet er das so wunderbar (das gibt ihm das Gefühl was wert und unersetzbar zu sein).]

Rosen im Schnee

Wir hatten für die etüden von textstaub Schnee mit Beuys und Curtis und wir hatten eine Reise mit Vesper – von dem überliefert ist, dass er der Mutter seines Sohnes während der Haftzeit Rosen schickte – , jetzt kommt Päffgen. Christa Päffgen hatte mit Vesper nicht nur das Geburtsjahr und die Sucht gemein, sie verzweifelten auch beide auf ihre Art an ihrer Herkunft und es heißt, Päffgen habe Vespers Konkurrenten einmal ein Lied gewidmet [bitte Zeitgeist der 70er Jahre beachten]. Ian Curtis soll ein Fan von ihr gewesen sein. Sein Bandkollege Peter Hook erwähnt in seinem Buch The Hacienda. How not to run a club mehrere Zusammentreffen mit Päffgen, die den Künstlernamen Nico nutzte, in den 80er Jahren. Roses In The Snow ist der Titel eines Liedes, das Nico 1969 für ihr Album „The Marble Index“ aufgenommen hat. Schore ist ein Slangwort für Heroin.

 

Die Themenwechsel sind manchmal so abrupt auf Schore. Schore, Desert Shore, Torhüter des Wahnsinns und Christa ist sowieso die Königin, das haben Tobias und das Korallenriff, die große Tunte Warhol ihr versprochen. Wenn Lou Reed nicht so eifersüchtig gewesen wäre, dieser… Das darf sie nicht sagen, sie kommt aus Köln in Deutschland. Scheiße, in der Nadel ist Pfropfen so groß wie eine Backerbse, die wollen wollen sie noch vergiften! Der Junge ist von Alain Delon, Ari, der kleine Ritter, ja wirklich! Immer die Velvets und Femme Fatale, Edie Sedgewick, wegen denen ist auch Chelsea Girl so scheiße, die Flöten, verdammt! Warum interessiert sich kein Schwein für Marble Index oder Drama Of Exile?

Zeichen und Wunden

Wir sind wer wir sind und deshalb glauben wir nicht an Zufälle als solche. Aber es muss schon ein Zufall sein, dass an diesem Morgen, an dem um vier Uhr früh hinter den Rollladen eine beinahe Dämmerungshelligkeit hervor lugte, weil es über Nacht geschneit hat, zwei Menschen etwa zeitgleich an verschiedenen Orten sich zwei ähnliche Verletzungen zuziehen.

So verbunden sind Philipp und ich dann doch wieder nicht.

Er rutscht draußen beim Beladen des Paketfahrzeugs aus und sieht erst beim Sitzen den Riss im Hosenbein und die Wunde darunter, ich stürze in meiner Küche mit dem Kopf auf eine Kante und verletze mich am Auge.

Beide – nichts von einander wissend – tun wir das ab.

Mir hilft später am Morgen Salma, die den Kratzer – so sah es für mich aus – beim Einkaufen bemerkt und meint damit sei nicht zu spaßen, das bleibt als Narbe und die Umgebung ist auch schon verfärbt. Ich hatte mich auf dem Weg zum Laden über Sehstörungen gewundert.

Er wird zuerst von einem Kunden, dann von einem Kollegen angesprochen und von dem auch an die örtliche Notfallpraxis verwiesen. Arbeitsunfall, Berufsgenossenschaft…

Er will nicht hin oder gar da bleiben und warten. Jammern kann er sich nicht erlauben, Krankenschein geht auch nicht.

Mir sagt Salma, ich soll zum Arzt gehen und wir streiten uns beinahe, weil ich nur dann zum Arzt gehe wenn es überhaupt nicht mehr anders geht. Ich habe keine Lust auf das Theater oder eins dieser berüchtigten – mehrmals gehabt – Erlebnisse, dass ich als finanziell nicht liquide und überdies behinderte Person nicht behandelt werde, denn es lohnt ja nicht. Ein Drittklässler und ein Pflegefall, die versorgt werden müssen? Von mir? Man glaubt’s ja nicht.

Nein, danke!

Es blutet nicht, es wird schon irgendwann wieder zuwachsen und da ich ohnehin seit Kleinkindheit eine Augennarbe habe [angeblich – Achtung, unglaubwürdigstes aller miesen Klischees! – bin ich vom Tisch gefallen, aber ich kenne meine Eltern] stört mich das auch nicht mehr. Die andere ist größer, die hier wird mal aussehen wie ein Nadelstich.

Ich habe schon Krampfanfälle und Gehirnerschütterungen alleine, also wirklich ohne jedwede Assistenz oder irgendeinen verlässlichen Menschen, durch, dann brauche ich für das Ding kein Theater. Schwellung, Sehstörungen und Übelkeit hin oder her.

Aber es ist seltsam warum gerade heute. Gestern suchte ich neben einem Video für das Projekt vom Unverlinkbaren noch eine Live-Version und musste das Fenster minimieren, weil dort mit rotem Blitzlicht gearbeitet wurde. Sah gut aus und passt zum Lied, ich kann das aber nicht immer aushalten. Jetzt könnte man da einen Zusammenhang sehen, so nach dem Motto das gestern war Vorspiel.

Gruseliger ist allerdings die Tatsache: Wir haben abends noch relativ lange zusammengesessen und fingen beide bei Minute 2:55 in The Bottom Line von Depeche Mode an mit zu summen. [Ich suche Ihnen das nicht raus, Sie bekommen hier in nächster Zeit noch genug Musik.] Das ist Ruhe. Ganz tiefes im Moment sein.

Und heute Morgen das.

Um ein Wort

Kennen Sie das Wort Ableismus?

Es ist der Name für das Phänomen, das zum Beispiel dem Atelier-Kind begegnet, wenn Eltern von hörenden Mitschülern kein „taubstummes Kind“ mit ihrem Nachwuchs in der Klasse haben wollen oder bewundernd feststellen: „Der kann doch nichts hören, ist aber so intelligent.“

Oder das, das sich Menschen über mich wundern lässt wie eine mit Hirnschaden – ICP steht für Infantile Cerebral Parese – „so normal und intelligent sein“ kann oder so schlecht sprechen und trotzdem alleine nach draußen gehen.

Oder auch das Phänomen, das Eltern mit Behinderung als „verantwortungslos“ verschreit und im nächsten Moment in den Himmel hebt, weil sie so eine große Leistung vollbringen.

Oder das, das einerseits Menschen zu mir sagen lässt: „Na, du kannst ja nichts anderes als die Mikesch-Pflege“, wenn dann aber klar wird was ich da eigentlich 24/7 mache – die Arbeit einer Psychiatriepflegerin und einer Soziotherapeutin und einer Ergotherapeutin und einer Betreuerin und einer Bewährungshelferin in einer Person – hervorbringt: „Also ich würde das nicht bringen.“

[Damit das nicht falsch rüber kommt: Ich habe Verständnis wenn mir jemand sagt, er/sie/es könnte das nicht. Auch wenn es nicht um Können oder Wollen geht, denn wir werden nicht gefragt. Ich habe kein Verständnis dann, wenn mir vorher die Attitüde entgegen gebracht wurde, ich arme, schwache, blöde Behinderte könne ja nichts außer ein bisschen Haushalt, so ein „Psycho“ mache ja keine Arbeit…]

Nur als Beispiele.

Meine betroffenen Leser können gern weitere Beispiele in die Kommentare schreiben, wenn sie mögen. Ich zwangsoute niemanden.

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben hat letztens eine leicht verständliche Broschüre, in der das Konzept des Ableismus illustriert erklärt wird veröffentlicht und zum Download bereitgestellt.

Der Unverlinkbare hat ein neues Projekt

Bei Boris dem Unverlinkbaren beginnt in Kürze ein neues Projekt – und während ich jedes Verständnis habe, dass er alles andere hinter Passwort bloggt, ärgert es mich bei den Projekten oft unsäglich -, diesmal nicht textlich wie sonst. Dieses Mal geht es um Musik. Ein Thema und dazu ein Musikstück. Klingt harmlos genug, dass man das offen machen kann, deshalb würde ich mir wünschen, dass zumindest diejenigen bei Boris, die mitmachen und auch öffentlich bloggen – zum Teil über ganz triviale Themen -, dieses Mal ein bisschen hin und her verlinken. Aber das kann ich natürlich nicht wissen und am Besten ist bei so etwas ohnehin, man lässt es bei sich selbst anfangen, also zeige ich Ihnen meine jeweiligen Beiträge auch in den Fädenrissen.

Das könnte auch so ganz gut sein, weil ich offline ein bisschen „aufräumen“ muss – ich bin mit einigem hintenan und muss fertig werden -, ich aber das Bedürfnis nach diesem Ding hier habe und dann kann hier etwas passieren, auch wenn ich eigentlich nicht viel Zeit habe. Die ersten zwei Worte sind schon bekannt, da muss ich nur die Lieder raussuchen.