Was ich gern wüsste

In einem Bus voller Leute, viele davon jünger als ich, die alle nah bei der Tür stehen, bin warum ich diejenige, die beim Aussteigen einer alten Frau mit Rollator raushelfen muss, während kein anderer einen Handschlag tut?

Ich helfe gern wenn ich kann ohne mich selbst zu gefährden, aber mit eigener Gehhilfe ist das ein ziemliches Manöver und noch ein kaputtes Auge brauche ich nicht.

[Ich kam übrigens von der, die ungerechtfertigter Weise als Ursache für Schwellung, Wunde und Bluterguss gehandelt wird.]

Epizentrum

(quasi-fragmentarisch, das ist schwer deutlich zu machen, wenn jemand nicht dabei ist)

Etwas in der Dynamik Diddl-Maus-Junge/Mikesch ändert sich, ist auf dem Sprung und hebt und hebt nicht ab. Ich weiß nicht ob das vielleicht auch zum Teil gut ist, denn es wird für ihn kein Sprung zum Guten sein, keiner nach vorne, einer nach hinten. Die reiben sich gegenseitig auf, merken nicht dass und auch nicht warum und alle wie wir sind warten beinahe sehnsüchtig auf den großen Knall, damit die Anspannung weg ist und mit den beiden wieder umzugehen ist.

Immerhin, eins scheint beim Diddl-Maus-Jungen zu passieren: Man kann es nicht sehen und er kann es nicht artikulieren, weil er so sehr verdrängt, dass es vielleicht zu tief vergraben ist als dass es er überhaupt merkt und wenn er es merkt, dann schluckt er es vielleicht gleich wieder runter, aber ich merke, dass es da ist und dass es das ist. Deshalb weiß ich auch, dass ihm merken oder nicht merken wie eine Frage um Leben und Tod vorkommen muss. Merken würde bedeuten, er verliert das, was er von Mikesch noch an Pseudo-Wertschätzung bekommt und das wäre kein Sprung ins Leere, sondern der freie Fall in den Abgrund.

Ich weiß wie der Fall sich anfühlen würde. Mit einem Unterschied: Ich war Anfang zwanzig, mir wurde meine Unreife und ich war auch da schon autarker – das mag mit der anderen Sozialisation zusammenhängen, da wir auf unterschiedlichen Schulformen waren lief einiges unterschiedlich – noch irgendwie nachgesehen, das ließ sich noch irgendwie erklären. Er ist Anfang dreißig und was seine Fähigkeiten zum selbstständigen Leben angeht halb so alt.

Nicht aber was angeht gegebenenfalls zu überlegen was man erreicht hat. Während er es als unabänderbaren Fakt hinnehmen wird – Suchtstruktur! -, dass er Mikeschs Lieferant ist, sie ihm noch immer in Arbeitsverhältnisse und Beziehungen rein pfuscht und er überdies bei ihr wohnt, kommt etwas anderes anscheinend durch:

Die Sache mit dem Koch.

Das hat er so tief vergraben, dass er es nicht nur nicht mal hobbymäßig macht, sondern auch so tief, dass ihm seine Ernährung nicht allzu wichtig ist. Gelegentlich blitzt die Trauer allerdings auf, wenn er sieht, dass andere Männer kochen. Sie äußert sich wie bei einem Kind: In Aggression.

Und die ist derzeit permanent.

Ich vermute, wenn er das Kochbuch vom Atelier-Kind – einem Junge!, der mit dem Mit-Künstler, einem Mann! meine Herdplatten managt – wüsste, dann könnte ich das Ding in Fetzen aufsammeln. Er empfände das als Provokation und könnte noch nicht mal sagen warum.

Wenn man fühlen lernt, beginnt das oft mit einer Explosion.


Wenn ich sage, es sitzt tief, dann meine ich, es sitzt tief. Und auch wenn es in Bezug auf das Koch-Thema zur Explosion käme, er müsste es zunächst abblocken um nicht kaputt zu gehen. Ein gut gemeinter Hinweis auf die Möglichkeit eines Youtube-Kanals oder darauf, dass Männer in ihren Blogs Kategorien wie @kitchen, Rezepte oder Männerküche haben – auch Orangeblau hat sich in der letzten Woche zum beruhigenden Effekt des Kochens geäußert -, hätte wohl den gegenteiligen Effekt, weil es in dieser Familie nur Ganz oder Gar nicht und von Null auf Hundert gibt.  

Diddl-Maus-Junge und das Koch-Thema gab es auch in diesem alten (2015) Artikel, vielleicht trägt der zum Verständnis bei.

Musik für den Unverlinkbaren: Ästhetik

Beim nächsten Wort in Boris‘ Projekt handelt es sich um Ästhetik.

Das Video ist eine Art kleiner Kunstfilm zu einem schönen Lied: Lights von Interpol.

Der Inhalt/die Handlung ist nicht für jeden. Wenn Sie Probleme mit Inhalten aus der Fetisch-Richtung (im erweiterten Sinne) haben und/oder so etwas nicht sehen wollen oder können, dann spielen Sie es nicht ab. Nehmen Sie dann stattdessen diesen Auftritt für BBC 6.

Fälle, Zu-, die (?)

Im U-Bahn-Fenster zum ersten Mal wahrgenommen wie geschwollen mein Auge wirklich ist. Von einer dunklen Fläche gespiegelt wirkt es anders.

Auf dem Rückweg sitzt mir gegenüber ein älterer Herr mit einem Pflaster auf der Stirn und zwei Halte später steigt ein Mann in ungefähr meinem Alter – vermutlich, ich kann schlecht schätzen –  zu, der nicht nur Heftpflaster über einer Kopfwunde sondern auch einen langen Streifen Pflaster am Handgelenk trägt. Die Farbe seines Unterarmes kommt verdächtig nah an die von Philipps Schienbein heran.

 

Zeichen und Wunden

Wir sind wer wir sind und deshalb glauben wir nicht an Zufälle als solche. Aber es muss schon ein Zufall sein, dass an diesem Morgen, an dem um vier Uhr früh hinter den Rollladen eine beinahe Dämmerungshelligkeit hervor lugte, weil es über Nacht geschneit hat, zwei Menschen etwa zeitgleich an verschiedenen Orten sich zwei ähnliche Verletzungen zuziehen.

So verbunden sind Philipp und ich dann doch wieder nicht.

Er rutscht draußen beim Beladen des Paketfahrzeugs aus und sieht erst beim Sitzen den Riss im Hosenbein und die Wunde darunter, ich stürze in meiner Küche mit dem Kopf auf eine Kante und verletze mich am Auge.

Beide – nichts von einander wissend – tun wir das ab.

Mir hilft später am Morgen Salma, die den Kratzer – so sah es für mich aus – beim Einkaufen bemerkt und meint damit sei nicht zu spaßen, das bleibt als Narbe und die Umgebung ist auch schon verfärbt. Ich hatte mich auf dem Weg zum Laden über Sehstörungen gewundert.

Er wird zuerst von einem Kunden, dann von einem Kollegen angesprochen und von dem auch an die örtliche Notfallpraxis verwiesen. Arbeitsunfall, Berufsgenossenschaft…

Er will nicht hin oder gar da bleiben und warten. Jammern kann er sich nicht erlauben, Krankenschein geht auch nicht.

Mir sagt Salma, ich soll zum Arzt gehen und wir streiten uns beinahe, weil ich nur dann zum Arzt gehe wenn es überhaupt nicht mehr anders geht. Ich habe keine Lust auf das Theater oder eins dieser berüchtigten – mehrmals gehabt – Erlebnisse, dass ich als finanziell nicht liquide und überdies behinderte Person nicht behandelt werde, denn es lohnt ja nicht. Ein Drittklässler und ein Pflegefall, die versorgt werden müssen? Von mir? Man glaubt’s ja nicht.

Nein, danke!

Es blutet nicht, es wird schon irgendwann wieder zuwachsen und da ich ohnehin seit Kleinkindheit eine Augennarbe habe [angeblich – Achtung, unglaubwürdigstes aller miesen Klischees! – bin ich vom Tisch gefallen, aber ich kenne meine Eltern] stört mich das auch nicht mehr. Die andere ist größer, die hier wird mal aussehen wie ein Nadelstich.

Ich habe schon Krampfanfälle und Gehirnerschütterungen alleine, also wirklich ohne jedwede Assistenz oder irgendeinen verlässlichen Menschen, durch, dann brauche ich für das Ding kein Theater. Schwellung, Sehstörungen und Übelkeit hin oder her.

Aber es ist seltsam warum gerade heute. Gestern suchte ich neben einem Video für das Projekt vom Unverlinkbaren noch eine Live-Version und musste das Fenster minimieren, weil dort mit rotem Blitzlicht gearbeitet wurde. Sah gut aus und passt zum Lied, ich kann das aber nicht immer aushalten. Jetzt könnte man da einen Zusammenhang sehen, so nach dem Motto das gestern war Vorspiel.

Gruseliger ist allerdings die Tatsache: Wir haben abends noch relativ lange zusammengesessen und fingen beide bei Minute 2:55 in The Bottom Line von Depeche Mode an mit zu summen. [Ich suche Ihnen das nicht raus, Sie bekommen hier in nächster Zeit noch genug Musik.] Das ist Ruhe. Ganz tiefes im Moment sein.

Und heute Morgen das.