Edding und Tipp-Ex

Wir schwärzen die Schilder, weil ich es eigentlich nicht mehr machen kann. Da das Gesetz keine Assistenten mehr für Ehrenämter zulässt, kann ich eigentlich nicht mehr ausstellen. Es sei denn mein Assistent gibt die Rolle in zweifacher Weise und verzichtet auf seinen persönlichen Teil. Darauf zielt das Gesetz ab – Angehörige und Freunde sollen so viel wie möglich machen, weil das nichts kostet -, aber das sehen wir [und andere] nicht ein. Er ist ein eigenständiger Künstler und das, was da in den Raum kommt war eine Gemeinschaftsarbeit zwischen zwei gleichberechtigten Menschen aus zwei unterschiedlichen Bereichen.

Also wird aus dem, was eine Kleinausstellung sein könnte ein Großenvironment. Environments konnte ich immer am Besten. Das hat auch noch mal Aussagekraft. Sie muss gehen, weil das Gesetz sie nicht mehr teilhaben lässt und sie geht mit dem, was sie am Besten kann. Es ist nur mein Name, der auf den Schildern geschwärzt wird, bewusst so, dass man merkt, da wurde ausgestrichen, weg gedrängt.

Woanders, in einer ähnlichen Konstellation an einem anderen Ort, werden Schilder geweißt. Da hantiert man statt mit Edding mit Tipp-Ex in der Flasche und löscht. Auch die Gruppe kommt nicht so weiter wie bisher. Auch dort wurden Mittel gekappt.

Beide Sachen laufen zeitgleich und eine Tafel bei uns verweist auf die anderen und eine bei den anderen auf uns. Nicht damit man vergleichen könnte, dazu ist die Entfernung je zu groß, sondern um auf die Folgen des Gesetzes aufmerksam zu machen.

 

Among Artists

Die Amerikaner haben einen Wunsch: Ob ich die Texte, die ich denen in regelmäßigen unregelmäßigen Abständen in den Verteiler poste irgendwo archivieren kann? It’s such a shame they get lost or deleted. Das verstehe ich. Ich finde das auch bei einigen Beiträgen, manchmal sogar meinen eigenen, ich behalte sie nicht. So, could I? Because what I have to share is really interesting, this culturally different point of view or approach to things even mind-broadening.

Oh well. Ich schreibe nichts besonders Ausgeklügeltes in den Verteiler, nur das wie mir der Schnabel gewachsen ist. Weil es mir gut tut wieder Englisch zu schreiben – ich habe an früheren Arbeitsorten oft hauptsächlich Englisch gesprochen und geschrieben – und überdies immer wieder Interesse und Rückfragen wegen der unterschiedlichen Sichtweisen und Wahrnehmungen kommen, werden meine Verteiler-Beiträge oft relativ lang und komplex. Ich kann verstehen, dass der Vorschlag kommt, könnte ich nicht noch ein anderes Medium… Ich verstehe auch, dass das ideal ist. Und eigentlich einfach, ich brauche nur ein weiteres WordPress und den jeweiligen Beitrag kurz nachdem er in den Verteiler gerutscht ist darauf zugänglich machen. Eigentlich nicht viel Arbeit. Oder doch.

I don’t know. Also I am – you get the irony – so wonderfully creative when it comes to thinking up suitable URLs. Oh well.

Mir ist natürlich klar, dass so ein Projekt auch eine Bereicherung für Menschen wie Salma wäre. Der kann ich oft nicht wirklich gut erklären was ich da eigentlich mache, in diesen arbeitsjournalintroducinggermanbornartistsmischmasch Beiträgen könnte sie sich besser zurecht finden und das nehmen, was sie gebrauchen kann.

Also because them lot – so reden die scherzhaft von sich selbst – im Verteiler are so enthusiastically curious about differences and perspectives, because us Germans as it seems ARE very different indeed, I could make it some kind of joint venture and have people write Gastbeiträge. Wie immer das aussehen würde. Vielleicht hätte ja irgendwann ein hier lesender Mensch Lust über irgendeinen Künstler, der persönlich beeinflussend war, seine eigenen Entstehungsprozess oder was auch immer beizutragen. In English of course. Davon braucht sich niemand abgeschreckt zu fühlen, wenn man davon ausgeht, dass dieses Projekt, das ich mir noch nicht konkret vorstellen kann, tatsächlich eine Art Archiv für die Leute aus dem Verteiler wird, dann sind die sehr aufgeschlossen was eventuelle Unsicherheiten in der Sprache betrifft. Und auch was die Ausrichtung oder die ausgeübte Kunst betrifft, da sind zum Beispiel Maler, Musiker und eine Tätowiererin. Es müsste sich niemand Sorgen machen.

Ich muss mich ja nicht mehr dieses Jahr entscheiden.

[Die Damen und Herren spielen tatsächlich gern mit deutschen Worten in englischen Sätzen.]


Und es passt jetzt irgendwie gar nicht, aber irgendwie auch wieder doch: Glumm erzählt einen Traum seiner Gräfin – ich nehme an, den Traum gab es wirklich -, die die Königin bei einer Ausstellungseröffnung war.

[Dem sollte ich mal die Amerikaner schicken, zum Lesenüben.]

Days Run Wild

Die Amerikaner – wenn Sie neu hier sind, ich meine damit eine Gruppe US-Amerikanischer Künstler – reden von nichts anderem mehr: Rom brennt und wir spielen Geige (fiddling while Rome burns). Nicht einmal von der Blockade, die das macht.

Es ist schwer, finde ich. Ich weiß was sie sagen und ich weiß, dass wenn das ein oder andere so umgesetzt wird wie angekündigt – und es kann nicht alles nur großes Gehabe gewesen -, es mindestens einem von ihnen sehr viel schlechter gehen wird.

Aber ich weiß nicht: Bin ich entweder über-einfühlsam oder bin ich abgestumpft oder kann ich nur unterscheiden?! Denn was war denn mit den Griechen und den Menschen in den anderen hochverschuldeten, auf Geheiß Berlins kaputtgesparten Ländern? Dort haben auch Künstler weitergemacht und normale Leute nicht resigniert. Gegen die Verzweiflung. Gegen den Tod, auch den, der ihnen an die Küsten gespült wurde. Während Rom brannte. Was war nach dem Brexit? Da machten und machen auch Leute weiter, inklusive Künstler, die vielleicht Angst haben ins Bodenlose zu fallen. Und das ist nicht überheblich: Was machen wir, über deren Kopf das Schwert mit dem Spar… äh… Teilhabegesetz schwebt oder das mit der gesetzlichen Erlaubnis der Medikamententests an Menschen mit Demenz und geistigem Handicap?

Es ist moralisch falsch. Das, was in den USA passieren könnte, das was im Zuge des Wahlsiegs schon passiert ist, der Brexit, und was im Zuge des Votums passiert ist. Es ist moralisch falsch was mit Griechenland gemacht wurde. Es ist moralisch, insbesondere mit der deutschen Geschichte, falsch was mit den Medikamententests gemacht werden soll. Aber gerade deshalb muss man weiter machen. Zeigen, dass man noch da ist. Die Menschenrechte, darüber sollte Konsens gelten – ich weiß, tut es nicht – sind unveräußerbar, Kunst kann auch eine Waffe sein um das zu zeigen. Dass ein Zaun falsch ist – jemand macht sich große Sorgen um seine mexikanischen Freunde -, dass es falsch ist jemanden ohne Krankenversicherung zu lassen und so fort. Wenn es denn sein muss. [Lieber wäre mir, es müsste nicht. Ich mag keine Waffen.]


 

Days Run Wild ist eigentlich der Titel eines Liedes der Band Camouflage vom Album „Spice Crackers“ (damalige Besetzung Marcus Meyn und Heiko Maile), das den Verlust des geregelten Lebensgefüges zum Thema hat:

Days run wild
While I’m wondering
What’s going wrong
All things I’ve planned
Got right out of my hands
And leave me upside down
Lost my smile
And my friend Mr. “green-back” Washington
In God we trust
But it’s business or bust
And no God’s on your side
When days run wild

Kulturelles

Die Violinistin und noch jemand anderes, die ich hier in keinster Weise personifizieren darf, was ich absolut respektiere, haben früher Hinz und Kunz gekannt, weil sie die richtigen Männer hatten. So soll das wohl in deren Generation geheißen haben, beide sind etwa 35 Jahre älter als ich. Das heißt natürlich auch, so erklärte mir die Violinistin, dass man Hinz und Kunz nicht selber kannte, sondern eben der Gatte. Die Gatten haben früher gut verkauft und spielten in einer guten Liga.

Der eine Gatte soll alles gekannt haben was in der Düsseldorfer Szene vor meiner Zeit Rang und Namen hatte, irgendwie „mit Jupp zu tun“ hatte, aber nicht der Jupp selbst war. Solche Leute wie Immendorff. Angeblich Richter. Früher. Lange her. Alles vorbei, nur das Insiderwissen ist noch brauchbar. Der andere Gatte trank mit Schriftstellern und Autoren, ist dem und dem begegnet – ich habe versprochen keine Namen zu nennen um die Gattin nicht zu deanonymisieren -, war mit jenem ganz besonders dicke. Ich erinnere mich mal eine Kollegin gehabt zu haben, die zu einer Autogrammstunde von eben jenem gegangen war und entzaubert weil da nur ein Mensch saß sagte, es handele sich um ein arrogantes Arschloch. Die Gattin dessen, der besonders dicke mit ihm gewesen war, erzählt, jener hätte einfach den Rummel um seine Person nicht gut ausgehalten und fühlte sich in sozialen Situationen unwohl. Kann schon sein. Es kommt nicht selten vor, dass solche Menschen arrogant oder abweisend wirken. Ich weiß es nicht, ich kenne ihn ja nicht. Aber nachvollziehen könnte ich es. Ich bin nie da wenn irgendwo etwas von mir steht. Ich will das nicht. Schon alleine weil es die Aussage ruiniert. Sie kennen den (prototyp) meiner Black Box-Reihe. Wenn Sie so etwas zeigen und in meiner Position anwesend sind, denken die Leute nicht mehr nach. Ich fotografiere nicht, ich behalte keine Flyer oder sonst irgendetwas. Für mich geht es darum aber auch nicht. Der Mit-Künstler hat einen Aktenordner mit Zeug. Der macht solo auch etwas anderes als ich und aus anderen Gründen. Er braucht das alles auch eher für die Selbstachtung. Um sich von der Paketfahrerei nicht zertreten zu lassen. Ich weiß von innen, dass ich eine Aufgabe habe. Trotz Mikesch-Pflege und Atelier-Kind. Ich glaube, wenn ich das, was ich mache nicht machen sollte, dann könnte ich es nicht.

Im Landlebenblog aus dem Odenwald wird übrigens ein Tag der offenen Atelier-Tür angekündigt. Ich weiß nicht ob ich noch zur Heidelberger Zeit mal das Atelier in Mannheim gesehen habe. Ich habe einiges gesehen, aber ich weiß nicht mehr was. Damals hatte ich einen ausschließlichen Literaturfokus und nahm den Rest eher aus Spaß. Wenn ich Ateliers schaute, dann nicht mit den Augen von heute. Außerdem kannte ich damals nicht die Leute für sowas. Meine Freunde waren toll, aber Keith Haring ist nicht der Typ mit den komischen Männchen! Ich nenne Arcimboldo ja auch nicht bloß den Gemüsekopf, auch wenn ihn für sehr beeindruckend halte. Übrigens ist Marina Abramovic keine Balletttänzerin. Sie merken, mein Heidelberger Umfeld und ich waren was visuelle und bewegte Kunst angeht verschieden unterwegs…

Künstlerfrage

In der Künstlergruppe wurde in der Diskussion eine spannende Frage aufgeworfen:

Was bedeutet es für einen selbst an ein Werk im Entstehen zu glauben?

Ich möchte die Frage weitergeben und sehen was passiert. Vielleicht mag sich ja jemand – wenn auch privat – Gedanken machen. Ich selbst habe mich mit einer mehr als oberflächlichen Antwort schwer getan.

Materialfrage

„Gesso – für Strukturbilder und zum Fixieren“, sagt der Mit-Künstler. „Sag ihm, er soll die Finger davon lassen, ich hab gerade genug, dass es für die zwei Wände reicht.“

Ich kann dem Atelier-Kind zwar sagen, er kann nichts davon abhaben – sonst bekommt er schon mal etwas zum Ausprobieren -, aber den Rest nicht erklären, weil ich das Zeug auch nicht kenne.

Die Amerikaner wissen Rat über das Fixieren, aber das nützt mir überhaupt nichts, weil ich es nicht verstehe. Ich bin nicht die Fachfrau für Farben. Ich nutze härtere Materialien.

Dann findet das Atelier-Kind am Tag danach heraus – ein ernsthaftes Hoch auf die vielseitig gebildete Dolmetsch-Dani! –, dass man damit auch Skulpturen oder Papiermatsch-Gefäße überziehen kann. Das korrekte Wort Pappmache ist für ihn sprachlich nicht nachvollziehbar, aber Papiermatsch tut es auch. Dann eignet sich das für die Rassel.

Mit-Künstler: „Nein!“

Atelier-Kind [zeigt Rassel]: „Nur ein bisschen.“

Mit-Künstler: „Nein! Das reicht kaum für mich. Ich muss die Landschaft hier machen, das Bild wird verkauft.“

Atelier-Kind versteht das nicht. Kann er auch nicht, er ist ein Kind.

Weiß vielleicht jemand von den Malern oder bildenden Künstlern unter Ihnen eine leicht zu fertigende, kostengünstige Alternative? Das Atelier-Kind möchte die Rassel als Musikinstrument an Weihnachten verschenken.

Ich schätze, es sollte ein Kompliment sein

Die Amerikaner mal wieder.

Viel hilfreiches Zeug generell über das ein oder andere künstlerische Handwerk, einiges davon habe ich schon tausendmal in fünfhundert Versionen woanders gelesen, besonders was das Schreiben angeht, anderes ganz neu und spannend.

Dann vom Professor [er ist wirklich einer]: Also wenn ich so schriebe, erinnere ich ihn an Joseph Conrad.

Ich dachte zunächst nur weil der auch kein Muttersprachler war.

Ja, ja, das auch. Und sonst klänge ich wie Dostojewski.

Wohlgemerkt in der Diskussion. Ich habe bestimmt seit 2011 kein Stück englischsprachige Fiktion gemacht.

Ich schätze, es sollte ein Kompliment sein. Selbst als Beurteilung wäre das gut.