Stadtpoem

Man könnte in die Wohnungen der armen Leute gehen und fotografieren. Bilder zeigen von den Putzlappen mit den Löchern und den schlecht getünchten Wänden oder den zersessenen Möbeln. Vielleicht auch vom Obstsalat oder der Cola in Flaschen, dabei müsste man dann allerdings betonen, dass das schon ein Luxus ist und die Wandfarbe unerschwinglich. Man könnte auch die Mietspiegel ausstellen und mit den Menschen reden, die fünfzig bis sechzig Euro oder noch mehr von ihrem ALG II-Satz zu zahlen, weil es keine Wohnungen gibt, die in den erlaubten Unterkunftskostenrahmen fallen. Oder mit jenen, die Mahngebühren zahlen müssen, weil die zuständigen Stellen eine Energiekostennachzahlung nicht fristgerecht überwiesen haben und denen in Folge für ein oder zwei Monate die Hälfte ihres ohnehin schon geringen Lebensunterhalts fehlt. Über die Strapazen, die es bedeutet immer wieder angemahnt zu werden, mit jedem Mal höheren Gebühren obwohl man die Zahlung damit so etwas eben nicht passiert durch das Amt regeln lässt und da wochenlang versucht den Fall zu regeln, um am Ende mit Verschleppung durch Urlaubszeit konfrontiert zu werden. Und damit gefälligst noch weniger Strom zu verbrauchen obwohl außer dem Kühlschrank kein einziges Elektrogerät dauerhaft in der Steckdose steckt, und das Licht nur im Notfall an ist.

Man könnte so viel, ohne dass sich etwas ändert. Denn das soll es sich nicht. Man könnte so viel, aber der Versuch ist es nicht wert.

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Ein Geräusch wie Sägen. Ganz leises Sägen oder etwas anderes Fremdes, Bedrohliches. Für einen kurzen Moment glaubt das Kind an einen Reißverschluss, aber das kann es sich auch nicht vorstellen. Warum sollten die Großeltern immer wieder einen Reißverschluss auf und zu ziehen?! Sie hatten doch kein Zelt im Zimmer. Das Kind überlegt ob es die Tür öffnen soll und traut sich doch nicht. Zu ungewohnt ist dieses Geräusch. Und was sollte der Opa schon sägen? War vielleicht ein Stuhl nicht heil?

Das Kind bleibt sitzen.

Irgendwann öffnet sich die Tür ganz von selbst und die Oma kommt raus. Ihre Hände sind blau wie von Tinte. Das Kind sieht durch die offene Tür. Das Geräusch kommt vom Tisch gleich daneben. Da sitzt der Großvater und schreibt Grußkarten mit einem Federhalter und die Füllerspitze sägt über das Papier.

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Das Mädchen Sarah Hübsch war ein schönes Ding. Beautiful in every sense of the word (in einer Sprache, die Sarah nicht verstand), nur ihre Eltern sahen das nicht so. Das mussten sie sich nicht trauen nicht zu sagen, weil Sarah nichts mitbekam. In der Schule hatte man gesagt, Sarah sei geistig behindert, das ginge mit der sichtbaren Körperlichkeit einher und Geistigbehinderte, wussten Herr und Frau Hübsch noch aus der eigenen Kindheit, verstanden die einfachsten Sätze nicht. Auch die Aggressionen waren behinderungsbedingt, sogar die gegen die Praktikantin in der Ergotherapie, die behauptete, dass Sarah gar nicht geistig behindert sondern nur vernachlässigt sei und ihr Verhalten eine Form von Hospitalismus. Sarah war nie im Krankenhaus gewesen und vernachlässigt wurde sie auch nicht. Es war doch Sarah, die sich von den anderen fernhielt statt mit den Mädchen aus der Nachbarschaft shoppen zu gehen oder über Facebook Freunde zu finden. Wie man da Anschluss fand lernten die doch in der Schule.

Nichtmal die Schminksachen, die Frau Hübsch ihrer Tochter gekauft hatte interessierten sie. Obwohl Mädchen, bei denen die Regel einsetzt sich doch plötzlich damit beschäftigten. Ganz automatisch, das passierte von selbst.

Die Praktikantin sagte dazu etwas von Rollenmodellen, und dass Sarah nur Brüder hätte und die körperbehinderten Mädchen in der Schule sich alle nicht schminkten. Wie sollte Sarah dann ein Interesse daran entwickeln? Hatte die Mutter sie oft zugucken lassen oder ihr als Kind eine Schminkpuppe gekauft?

Frau Hübsch fand das seltsam. Hier wurde das Unnormalsein als Normalsein verklärt, obwohl es sich um einen biologischen Vorgang handelte bei dem Sarah nicht mitging. Sarah trug auch keine Kleidung wie die Mädchen in der Nachbarschaft, sie zog die Sachen ihrer Brüder an, obwohl ihr die T-Shirts viel zu weit waren. Die Hosen waren okay, Frau Hübsch erinnerte sich noch an den Kampf Sarah im Grundschulalter die Kleider auszureden. Da hatte sie noch nicht verstanden, dass Sarah behinderungsbedingt nicht in der Lage war einzusehen, dass die Kleidchen nur an gesunden Mädchen schön aussahen. Aber das mit den T-Shirts verstand sie genau so wenig wie das mit der Schminke oder schlimmer noch der Rasur. Das waren doch biologische Vorgänge, warum setzten die bei ihrer Tochter nicht ein?

 

Frau Hübsch ist eine typische Sonderschulmutter, die nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ handelt und dankbar jede noch so absurde Erklärung der „Pädagogen“ annimmt, die ihr hingeworfen wird, damit sie sich nicht mit ihrem Kind auseinandersetzen muss. Davon gibt es nach wie vor genug.

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Dinge aus Dingen, die keine Dinge mehr sind. Achtlos weggeworfener Müll, gefunden in den Trümmern after the house was demolished. In ihrer Eigenen sprache kannte Carola kein Wort dafür, die ganze Welt war plötzlich zu laut, eine Schnell-Straße oder ein ICE-Knoten-Punkt mit dauerverkehr. Nur dass nichts davon irgendwohin führte und es auch keinen Startpunkt gab, weil Carola vor dem Nichts stand. Was sie von der Zeit davor noch besaß war ein Stückchen Metall, eine Türklinke zu der es keine Tür mehr gab.

Vor Jahren war in der Liebkindstraße 67 ein Schutzhaus gewesen.

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Notiz aus der Poemkladde, hätte ein Beitrag werden können:

Them lot – die Amerikaner – send me emails on ‚that which‘ they think is ‚acting throw-away style‘. Das ist kein Bekriegen, diese Leute sind zivilisiert, es geht darum wer was wie sieht und dass alle unterschiedlichen Meinung gehört werden, aber niemand angegriffen, ver- oder beurteilt.

Einigen ist schleierhaft warum ich kein Material über Ausstellungen behalte. Ich habe keine Flyer oder Plakate und ich vermute von mir selbst, dass es andere Gründe hat wie dass ich keine der Anthologien besitze, in denen ich als junge Frau veröffentlicht wurde, auch nicht die mit den preisgekrönten und vertonten Gedichten. Damals war es mir egal, aber aus anderen Gründen als später. Und auch, dass ich keine Videoaufzeichnung oder sonst etwas von meinem Theaterstück habe hatte noch mal andere Gründe. Ich habe bei allem gesagt, dass es mir egal ist, aber es war ein anderes Egalsein als heute.

Damals wusste ich nicht um den Wert der Sachen oder meinen eigenen. Wenn ich heute nichts an Infomaterial behalte oder nicht vor der Demontage fotografieren lasse, hat das einen anderen Grund. Ich bin überzeugt, dass ich mache was ich machen soll und dafür brauche ich vor mir selbst keine Beweise. Ich mache das nicht für mein Ego – wie besonders als junge Frau damals, als ich mir etwas beweisen wollte -, oder wie zum Teil später, weil es das einzige ist, von dem ich der Meinung wäre, dass ich es wasserdicht kann (auch diese Überzeugung hatte viel mit Ego zu tun, aber da muss jeder durch, auch wenn es viele nicht zugeben), ich mache es, weil ich glaube, dass es meine Aufgabe ist, genau das zu tun. Weil ich vielleicht die einzige bin, die mit diesen Mitteln genau das erreichen kann. Weil ich bestimmt die einzige bin, die es so kann.

Ich glaube deshalb kam auch das Schreiben zurück zu mir. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich hatte mir ausgesucht es sein zu lassen und das hat nicht geklappt. Weil ich es sein lassen wollte. Es geht aber nicht um will nicht.

Da sind auch them lot sich einig. Müssten sie nicht. Jeder muss für sich selbst einen Grund haben, warum er tut was er tut.

Weil es nicht um wollen oder nicht geht halte ich für mich und meinen persönlichen Weg auch Materie und Form für einen Meilenstein*. Fünf Seiten in Word, die Steine umdrehen, nicht nur aufgrund des Themas. Sehr anders als das was ich früher gemacht habe und doch eindeutig meins. Das wird auch verstanden. Einige sehen das auch so, aber für viele bleibt die Frage, warum ich nichts behalte genauso im Raum wie für andere vielleicht warum ich nichts vermarkte, obwohl das andere Gründe hat. Die werden auch verstanden.

Was im Raum bleibt, nicht nur mir gegenüber, ist, dass es offenbar einen Unterschied gibt zwischen denen, die machen was sie zu machen haben und denen, die unbedingt machen wollen. Die gehen auch eher kommerziell. Das ist eigene Entscheidung. Ich kann prinzipiell von jedem lernen.

[An dem Punkt fuhr der Bus ein, ich führe das jetzt nicht weiter.]

 

*Materie und Form ist ein Fiktionsstück, das in der ersten Fassung in einer Nacht in die Kollapszeit fiel und im letzten Jahr bearbeitet wurde. Es war hier offen einsehbar, dann habe ich es privat gestellt um Fehler in der Rechtschreibung zu korrigieren. Wenn jemand noch mal schauen möchte, dann gebe ich es noch mal frei.

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Nett sind die da. Da in der Stadt, von der eine große Tageszeitung in einem anderen Bundesland vor Jahren schon titelte, dass eine Autobahn die Stadt in zwei Welten von arm und reich teilt, und dass die einen von der Lebensrealität der anderen nichts wissen. Da in der Stadt mit den gefakten Petras, in der Stadt mit dem Anschlag letzten April, der international bekannt wurde, aber doch schon wieder vergessen. Da in der Stadt mit dem Heim, dessen Medikamentenversuche im letzten Jahr als erste frontal bekannt wurden, in der die Stadt, in der die Eltern von M. und von O. mit Linealen geschlagen wurden, weil sie ihre Sprache nicht nutzen sollten. Da in der Stadt, in der ein Bildungszentrum für Menschen wie sie direkt neben einer Hilfeeinrichtung für Drogenabhängige ist, beides abgedrängt in eine klaustrophobische Straße in der Nähe vom Rotlichtbezirk und einer Glasfestung wo mal ein würdiges Kaufhaus gestanden haben soll. Da in der Stadt mit dem Buchkasten vorm Theater und dem Ärztehaus daneben, in das man ohne Privatversicherung wahrscheinlich nicht reinkommt. Da in der Stadt wo nur ein paar Meter weiter die unglücklichen Trinker stehen. Nett sind die da. Da in der Stadt, in der jemand genau zwischen Fußgängerzone und Übergang zur Schmuddelecke „Ja, leck mich fett!“ sagt und meint, dass ihm schon alles egal ist.

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Hinter der Scheibe wird es hell und von innen sieht es aus wie Eis, obwohl das Glas nur beschlagen ist. In ein paar Stunden wird es feucht sein und das Leder zum Abwischen nass.

Jenny sieht nicht weil sie wollen würde hin, es gibt hier nichts anderes. Ansonsten ist da nur noch die Atmung.

So fühlt es sich also an, denkt Jenny. Dieses erste Mal, dass man nicht mehr nach Hause kann. Sie stellt sich vor, sie wird schleichen, weil es trotzallem unvermeidbar ist, weil das Haus ja noch steht. Auch die Schlüssel hat sie noch, es ist nur nicht mehr ihr Zuhause, auch wenn sie das jetzt zum ersten Mal merkt.

Nägel mit Köpfen, Johanna, hatte Alisa gesagt. Alisa, deren Name noch bescheuerter war als ihr eigener, weil eine Alisa ein andauerndes Kind war. Unter dem Namen konnte kein erwachsener Mensch durchgehen.

Und Jenny: Ich heiß nicht Johanna.

Da wo sie herkam hießen Jungs statt Johannes Jenke und Mädchen statt Johanna Jenny. Jenny mit J, nicht wie in Jennifer.

Jennifer war jemand anderes, aber an diese Jenny dachte Jenny nicht. Nur: Ich heiße Johanna.

Scheiße.

Jenny weiß nicht was auf dem Boden ihre Sachen waren. Es ging alles so schnell, dass sie nicht darauf geachtet hat. Sie kann auch nicht aufstehen, weil sie nicht weiß, was ihr peinlicher wäre: Sich anzuziehen während Alisa noch schläft oder erst dann aufzustehen, wenn die wach war.

 

Du hast es nicht anders gewollt, sagt Alisa. Sie steht an der Balkontür und raucht. Die Knöpfe an der Bluse sind offen und Jenny hält sie in dem Moment für so abgebrüht, dass sie das auch nackt getan hätte.

Ich sage ja gar nicht…

Johanna, der Ofen ist aus! Kapier das doch, du bist Tanja scheißegal! Und nicht erst seit gestern.

Wenn das so wäre, ginge es mir jetzt nicht scheiße.

Ich bin es nicht schuld.

Sage ich ja gar nicht.

Alisa drückt die Kippe aus, wirft sie nach draußen und knöpft sich zu.

Jenny fragt sich was das für eine Beschreibung sein soll, aber es stimmt. Mit jedem Knopf wird Alisa unerreichbarer.

Jenny fühlt sich wie ein Kind.

 

Ein einsames Mädchen, das auf der Straße Himmel und Hölle spielt. Jenny kickt einen Stein. Eine Cola-Dose wäre ihr lieber. Alisa war wie Eileen und von der war sie weg zu Tanja. Zum ersten Mal bei einer Gleichaltrigen, keiner jüngeren, die sich noch die Hörner abstoßen musste. Da hatte sie sich gut gefühlt. Als Frau, nicht als Ersatzmutter eines zu alt gewordenen Teenagers. Nicht so als wäre sie ihre eigene Mutter, die hatte mit ihrer Unreife immer nur alles verkackt und jammerte über ihr schweres Schicksal, und dass ihre Kinder alle so geworden waren wie das Schwein, ihr Vater.

In Jenny zieht sich etwas zusammen als sie das Schild mit dem Straßennamen sieht.

Ich hasse dich, denkt sie und spürt das Gefühl in dem Moment wirklich. Aber sie weiß nicht ob sie Tanja, ihre Mutter oder sich selber meint.