Stadtpoem

Dinge gibt es mit denen man bestimmte Freiheiten verbindet. Freiheiten zu einer anderen Zeit, eigentliche, wörtliche Freizeiten also. Für Kolja ist das an einem Morgen hinter dem Fenster ein Pappbecher mit Kaffee, an den sie diese Sehnsucht nach früher bindet. Besser: Er bindet sie an diese Sehnsucht. Nach damals, nach dieser hoffnungsvollen Zeit in den Mannheimer Straßen als noch nicht alles verloren schien. Es war schon so, aber es gab noch Hoffnung, denn da war dieses Wort, das so ähnlich wie „Umschwung“ klingt, wenn man es schnell genug sagt bevor man genug gesagt hat.

Sehnsucht nach dem morgendlichen Gang durch die Quadrate zum Nationaltheater oder zum Tattersall, je nachdem wo sie den Kaffeebecher kaufte. Diese Gänge um sich zu erden und das gelegentliche Stehenbleiben vor dem Buchladen.

Das war weg jetzt. Ganz weit weg. Hier die Hochhäuser haben nichts von Collini, die Straßen riechen nicht nach den Brezeln in den Buden und wer weiß schon wie hier der Kaffee in den Pappbechern schmeckt.

Und wer ist Nicola Janine?

 

Für M. von them lot. Sort of Heidelberg memories if you want to put it that way. (Ich lebte in Heidelberg und arbeitete in Mannheim und die Strecke entspricht einer, die ich tatsächlich oft gegangen bin.)

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Stadtpoem: Frau Teufels Küche

Ich bin nach langer Zeit mal wieder dazu gekommen unterwegs zu notieren und dann gleich etwas mit mir Fremdelndes. Ich habe das Gefühl, es ist nicht Fragment, sondern ein Anfang von irgendetwas stilistisch mir Neuem. Ich habe keine Ahnung ob ich das irgendwann weiter machen werde und wie und genauso wenig Ahnung habe ich wer diese Charaktere sind.

Dank und Gruß an Walburga – der zweite Satz ist ihre Beziehung zu Berlin, sie sagt am Ende hat es sie nur noch abgestoßen.

Nennen wir das Stück vorerst Frau Teufels Küche.

[Es gibt Menschen, die so mit Nachnamen heißen. Ich habe mal für einen Herrn Teufel gearbeitet. Die Blicke, wenn ich morgens zu irgendwem gesagt habe „Ich gehe jetzt zum Teufel“ waren unbezahlbar.]

 

Jerusalem war wie Berlin mehr Geisteszustand als Ort. Unverstellbar wenn man sich nicht dort befand und war man erst einmal da nicht mehr vorstellbar.

Daniela war nie in Berlin gewesen, aber Frau Teufels Küche war für sie eine berliner Küche. So stellte Daniela sich eine berliner Küche vor, Verqualmte weiße Raufaser und der Tisch in der Ecke zwischen Wand und Kühlschrank, an der linken wand über dem Tisch ein Poster. Wer auch immer. Darüber die viel zu schwache Birne und wenn man am Tisch saß im Rücken die Resopalschrankwand. Frau Teufel konnte nichts dafür, aber so war das. Daniela wusste nicht warum das für sie Berlin war, vielleicht hatte sie das auf tumblr., pinterest oder Vice gesehen, bei irgendwelchen Hipstern und die waren doch alle in Berlin. Diese Küche nicht.

„Tecwyn?“ Frau Teufel steckte den Kopf durch die Tür, die keine Türe hatte.

„Schläft.“

Frau Teufel nickte. „Kann ich verstehen. Was ich nicht verstehen kann: Warum hassen die ihn so?“

Daniela zuckte die Schultern. Auch das war Berlin: Schwule, die einen Bisexuellen in einer monogamen schwulen Beziehung dumm anmachten. Hier hätte man ihn vielleicht auf den Namen oder seinen Akzent angesprochen und dann darüber diskutiert, dass es auf Englisch das gleiche Wort für Walisisch und Wallonisch gab, obwohl das eine eine korrekte Bezeichnung hatte und Freund bedeutete und das andere keine hatte, Fremder hieß und nur eine Art Dialektale war. Arme Wallonen.

Aber Jerusalem war auch ein Geisteszustand. Die Kerzen waren fast herunter gebrannt. Wein war schon länger aus

***

Das Licht der Straßenlaterne durch die Jalousie und der weiß besockte Fuß, verworren in der weißbeigen Bettwäsche. Ein Arm unter dem Kopf, eben der Matratze auf dem Boden aufgeschlagene Bücher, Spielkarken und Schallplatten. Ein Reisewecker und Kippen in Orangensaft.

Stadtpoem

Man könnte in die Wohnungen der armen Leute gehen und fotografieren. Bilder zeigen von den Putzlappen mit den Löchern und den schlecht getünchten Wänden oder den zersessenen Möbeln. Vielleicht auch vom Obstsalat oder der Cola in Flaschen, dabei müsste man dann allerdings betonen, dass das schon ein Luxus ist und die Wandfarbe unerschwinglich. Man könnte auch die Mietspiegel ausstellen und mit den Menschen reden, die fünfzig bis sechzig Euro oder noch mehr von ihrem ALG II-Satz zu zahlen, weil es keine Wohnungen gibt, die in den erlaubten Unterkunftskostenrahmen fallen. Oder mit jenen, die Mahngebühren zahlen müssen, weil die zuständigen Stellen eine Energiekostennachzahlung nicht fristgerecht überwiesen haben und denen in Folge für ein oder zwei Monate die Hälfte ihres ohnehin schon geringen Lebensunterhalts fehlt. Über die Strapazen, die es bedeutet immer wieder angemahnt zu werden, mit jedem Mal höheren Gebühren obwohl man die Zahlung damit so etwas eben nicht passiert durch das Amt regeln lässt und da wochenlang versucht den Fall zu regeln, um am Ende mit Verschleppung durch Urlaubszeit konfrontiert zu werden. Und damit gefälligst noch weniger Strom zu verbrauchen obwohl außer dem Kühlschrank kein einziges Elektrogerät dauerhaft in der Steckdose steckt, und das Licht nur im Notfall an ist.

Man könnte so viel, ohne dass sich etwas ändert. Denn das soll es sich nicht. Man könnte so viel, aber der Versuch ist es nicht wert.

Stadtpoem

Ein Geräusch wie Sägen. Ganz leises Sägen oder etwas anderes Fremdes, Bedrohliches. Für einen kurzen Moment glaubt das Kind an einen Reißverschluss, aber das kann es sich auch nicht vorstellen. Warum sollten die Großeltern immer wieder einen Reißverschluss auf und zu ziehen?! Sie hatten doch kein Zelt im Zimmer. Das Kind überlegt ob es die Tür öffnen soll und traut sich doch nicht. Zu ungewohnt ist dieses Geräusch. Und was sollte der Opa schon sägen? War vielleicht ein Stuhl nicht heil?

Das Kind bleibt sitzen.

Irgendwann öffnet sich die Tür ganz von selbst und die Oma kommt raus. Ihre Hände sind blau wie von Tinte. Das Kind sieht durch die offene Tür. Das Geräusch kommt vom Tisch gleich daneben. Da sitzt der Großvater und schreibt Grußkarten mit einem Federhalter und die Füllerspitze sägt über das Papier.

Stadtpoem

Das Mädchen Sarah Hübsch war ein schönes Ding. Beautiful in every sense of the word (in einer Sprache, die Sarah nicht verstand), nur ihre Eltern sahen das nicht so. Das mussten sie sich nicht trauen nicht zu sagen, weil Sarah nichts mitbekam. In der Schule hatte man gesagt, Sarah sei geistig behindert, das ginge mit der sichtbaren Körperlichkeit einher und Geistigbehinderte, wussten Herr und Frau Hübsch noch aus der eigenen Kindheit, verstanden die einfachsten Sätze nicht. Auch die Aggressionen waren behinderungsbedingt, sogar die gegen die Praktikantin in der Ergotherapie, die behauptete, dass Sarah gar nicht geistig behindert sondern nur vernachlässigt sei und ihr Verhalten eine Form von Hospitalismus. Sarah war nie im Krankenhaus gewesen und vernachlässigt wurde sie auch nicht. Es war doch Sarah, die sich von den anderen fernhielt statt mit den Mädchen aus der Nachbarschaft shoppen zu gehen oder über Facebook Freunde zu finden. Wie man da Anschluss fand lernten die doch in der Schule.

Nichtmal die Schminksachen, die Frau Hübsch ihrer Tochter gekauft hatte interessierten sie. Obwohl Mädchen, bei denen die Regel einsetzt sich doch plötzlich damit beschäftigten. Ganz automatisch, das passierte von selbst.

Die Praktikantin sagte dazu etwas von Rollenmodellen, und dass Sarah nur Brüder hätte und die körperbehinderten Mädchen in der Schule sich alle nicht schminkten. Wie sollte Sarah dann ein Interesse daran entwickeln? Hatte die Mutter sie oft zugucken lassen oder ihr als Kind eine Schminkpuppe gekauft?

Frau Hübsch fand das seltsam. Hier wurde das Unnormalsein als Normalsein verklärt, obwohl es sich um einen biologischen Vorgang handelte bei dem Sarah nicht mitging. Sarah trug auch keine Kleidung wie die Mädchen in der Nachbarschaft, sie zog die Sachen ihrer Brüder an, obwohl ihr die T-Shirts viel zu weit waren. Die Hosen waren okay, Frau Hübsch erinnerte sich noch an den Kampf Sarah im Grundschulalter die Kleider auszureden. Da hatte sie noch nicht verstanden, dass Sarah behinderungsbedingt nicht in der Lage war einzusehen, dass die Kleidchen nur an gesunden Mädchen schön aussahen. Aber das mit den T-Shirts verstand sie genau so wenig wie das mit der Schminke oder schlimmer noch der Rasur. Das waren doch biologische Vorgänge, warum setzten die bei ihrer Tochter nicht ein?

 

Frau Hübsch ist eine typische Sonderschulmutter, die nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ handelt und dankbar jede noch so absurde Erklärung der „Pädagogen“ annimmt, die ihr hingeworfen wird, damit sie sich nicht mit ihrem Kind auseinandersetzen muss. Davon gibt es nach wie vor genug.

Stadtpoem

Dinge aus Dingen, die keine Dinge mehr sind. Achtlos weggeworfener Müll, gefunden in den Trümmern after the house was demolished. In ihrer Eigenen sprache kannte Carola kein Wort dafür, die ganze Welt war plötzlich zu laut, eine Schnell-Straße oder ein ICE-Knoten-Punkt mit dauerverkehr. Nur dass nichts davon irgendwohin führte und es auch keinen Startpunkt gab, weil Carola vor dem Nichts stand. Was sie von der Zeit davor noch besaß war ein Stückchen Metall, eine Türklinke zu der es keine Tür mehr gab.

Vor Jahren war in der Liebkindstraße 67 ein Schutzhaus gewesen.

Stadtpoem

Notiz aus der Poemkladde, hätte ein Beitrag werden können:

Them lot – die Amerikaner – send me emails on ‚that which‘ they think is ‚acting throw-away style‘. Das ist kein Bekriegen, diese Leute sind zivilisiert, es geht darum wer was wie sieht und dass alle unterschiedlichen Meinung gehört werden, aber niemand angegriffen, ver- oder beurteilt.

Einigen ist schleierhaft warum ich kein Material über Ausstellungen behalte. Ich habe keine Flyer oder Plakate und ich vermute von mir selbst, dass es andere Gründe hat wie dass ich keine der Anthologien besitze, in denen ich als junge Frau veröffentlicht wurde, auch nicht die mit den preisgekrönten und vertonten Gedichten. Damals war es mir egal, aber aus anderen Gründen als später. Und auch, dass ich keine Videoaufzeichnung oder sonst etwas von meinem Theaterstück habe hatte noch mal andere Gründe. Ich habe bei allem gesagt, dass es mir egal ist, aber es war ein anderes Egalsein als heute.

Damals wusste ich nicht um den Wert der Sachen oder meinen eigenen. Wenn ich heute nichts an Infomaterial behalte oder nicht vor der Demontage fotografieren lasse, hat das einen anderen Grund. Ich bin überzeugt, dass ich mache was ich machen soll und dafür brauche ich vor mir selbst keine Beweise. Ich mache das nicht für mein Ego – wie besonders als junge Frau damals, als ich mir etwas beweisen wollte -, oder wie zum Teil später, weil es das einzige ist, von dem ich der Meinung wäre, dass ich es wasserdicht kann (auch diese Überzeugung hatte viel mit Ego zu tun, aber da muss jeder durch, auch wenn es viele nicht zugeben), ich mache es, weil ich glaube, dass es meine Aufgabe ist, genau das zu tun. Weil ich vielleicht die einzige bin, die mit diesen Mitteln genau das erreichen kann. Weil ich bestimmt die einzige bin, die es so kann.

Ich glaube deshalb kam auch das Schreiben zurück zu mir. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich hatte mir ausgesucht es sein zu lassen und das hat nicht geklappt. Weil ich es sein lassen wollte. Es geht aber nicht um will nicht.

Da sind auch them lot sich einig. Müssten sie nicht. Jeder muss für sich selbst einen Grund haben, warum er tut was er tut.

Weil es nicht um wollen oder nicht geht halte ich für mich und meinen persönlichen Weg auch Materie und Form für einen Meilenstein*. Fünf Seiten in Word, die Steine umdrehen, nicht nur aufgrund des Themas. Sehr anders als das was ich früher gemacht habe und doch eindeutig meins. Das wird auch verstanden. Einige sehen das auch so, aber für viele bleibt die Frage, warum ich nichts behalte genauso im Raum wie für andere vielleicht warum ich nichts vermarkte, obwohl das andere Gründe hat. Die werden auch verstanden.

Was im Raum bleibt, nicht nur mir gegenüber, ist, dass es offenbar einen Unterschied gibt zwischen denen, die machen was sie zu machen haben und denen, die unbedingt machen wollen. Die gehen auch eher kommerziell. Das ist eigene Entscheidung. Ich kann prinzipiell von jedem lernen.

[An dem Punkt fuhr der Bus ein, ich führe das jetzt nicht weiter.]

 

*Materie und Form ist ein Fiktionsstück, das in der ersten Fassung in einer Nacht in die Kollapszeit fiel und im letzten Jahr bearbeitet wurde. Es war hier offen einsehbar, dann habe ich es privat gestellt um Fehler in der Rechtschreibung zu korrigieren. Wenn jemand noch mal schauen möchte, dann gebe ich es noch mal frei.