Gedanken zum achten Kunstwort

Warum ist das, was ich als achtes Kunstwort wollte seit Wochen so schwer bis unmöglich zu schreiben?

Ich wollte an/über Bernward Vesper schreiben. Einen Abtrünnigen, einen Irren, einen Verzweifelten, dessen Lektüre zu meinen Bibliothekarinnenzeiten noch Pflicht war. Einen Spinner, einen Menschen ohne die Möglichkeit eine Identität zu entwickeln oder später eine feste für sich zu finden, ein Windspiel, das aus Konditionierungen und Impulsen lebte, abgeschottet von Welt und Zeitgeist bei inzestuösen Eltern auf einem Gut aufwuchs, darunter zu leiden empfand und dem gleichzeitig nicht entrinnen wollte. Denn eigentlich sehnte sich dieser Mensch sein Leben lang danach anerkannt zu werden von Menschen, die in für ihn reiner Form und ohne Kompromisse für etwas standen. Was war egal. Er eiferte dem „Festen“ daran nach, der Gradlinigkeit. Dazu tat er unentschuldbare Dinge, ging Kontakte mit unentschuldbaren Menschen mit unentschuldbaren Ansichten ein.

Dafür gibt es keine Rechtfertigung, aber es wird, kennt man mehr über ihn als nur Die Reise und hat ein bisschen, wenn auch nur laienhafte Ahnung von Entwicklung und Psychologie nachvollziehbar. In so weit als dass sich ein Warum rekonstruieren lässt. Wie das versucht wurde zu kompensieren und durch diese „Kompensation“ Autonomie zu erlangen war fatal, besonders deswegen, weil er nicht begreifen wollte, dass er außerhalb des Elfenbeinturmes seiner Eltern deren physischem Zugriff entkommen konnte, das aber eben auch bedeutete, er hätte seinen Habitus an die reale Welt anpassen müssen.

Sein Freund Henner Voss, mit dem er zusammen die Buchhändlerschule besucht hat, soll ihn laut dessen Buch Vor der Reise einmal gefragt haben ob er die fehlenden Tassen in seinem Schrank schmerzlich vermisse. Denn ohne Verhältnis zur Welt war Bernward Vesper immer.

Auch meine Eltern hatten und haben keins, auch unser Leben in meiner Kindheit war von einem unangemessen großmännischem Gehabe der Eltern geprägt. Auch ich habe als junger Mensch, wenn auch anders als Vesper, versucht meine Eltern dazu zu bringen mich anzuerkennen und wie einige meiner Mitschüler, diese Arzt-, Anwalts-, Apotheker- und Architektenkinder, um die es den Eltern auch nicht ging, endeten habe ich Ihnen erzählt. Ich kann den Ur-Konflikt verstehen. Aber mein Raumschiff kam irgendwann und ziemlich früh zur Erde.

Es hilft auch nicht, dass beide meine Eltern Züge tragen, die es auch bei Vesper gegeben hat oder haben soll. Diese Autoritätshörigkeit meiner Mutter, die Großmannssucht meines Vaters. Besser negative Aufmerksamkeit als keine. Der Satz, in der im Anhang der Reise veröffentlichten Korrespondenz mit dem März-Verlag über die Privatspekulation auf Bernward Vespers Namen hätte auch von meinem Vater irgendwo gesagt sein können. Wir hatten die schönen Autos und die schicke Leuchtreklame. [Dummerweise stand darauf weit vor meiner Geburt wenn überhaupt, dann nicht sein, sondern mein Name, da der Standesbeamte, der meinen Vater ins Geburtsverzeichnis eintrug die Schreibweise des Vornamens fehlerhaft eintrug, so dass die Initiale, von der er jahrelang glaubte es wäre seine nicht stimmt. Das ist beinahe so schlimm wie dass meine Großmutter bestimmt hatte, diese Firma könnte nur von einer Frau geführt werden und da er keine ist und seine Schwester nicht für würdig oder fähig befunden wurde, wäre es dem Wunsch meiner Großmutter entsprechend an mir gewesen, das insolvent gegangene Unternehmen wieder aufzubauen.]

Ich kann daraus kein Kunstwort machen. Ich wollte mich auf all dieses Fatale beziehen und es letztlich ähnlich wie bei Christa Päffgen aufmachen, die mehr von meinen Eltern als von mir hatte. Und Vesper vielleicht ein bisschen ähnlich war, nicht nur ob des gleichen Geburtsjahrgangs und der „Wandlungsfähigkeit“ der Biographie, die angepasst wurde wie es gerade zum Vorteil war. Päffgens Förderer Herbert Tobias portraitierte in den sechziger Jahren Vespers Rivalen, dem Päffgen einer Legende nach in den siebziger Jahren ein Lied widmete. Alban Lefranc wird sich etwas dabei gedacht haben beide Biographien in seinem Buch „Angriffe“ zu fiktionalisieren. Es gibt Berührungspunkte in den Leben.

Der Sohn von Bernward Vesper, Felix Ensslin, hat ein Nachwort zu dem veröffentlichten Briefwechsel seiner Eltern aus der ersten Haft der Mutter 1968/69 geschrieben. Damals ging es noch um ihn, das 1967 geborene Kind. In den Briefen sieht man Verzweiflung an einander und verzweifelte Elternliebe, Selbstüberschätzung und Konsequenz, Abwertung und Projektion. Das Buch heißt „Notstandsgesetze von Deiner Hand“. Es geht in den Briefen häufig darum das Kind nachträglich ehelich erklären zu lassen, da Vesper und sein Sohn rechtlich damals nicht als verwandt galten und es unklar war wann und ob die Mutter wieder zur Verfügung stünde.

In diesem Nachwort findet sich die Passage

Im Moment der Auseinandersetzung, der vielleicht nur den Moment einer schon erlittenen Niederlage wiederholt, phantasiert er sie in die Position des Souveräns, des Gesetzgebers, der über einen Ausnahmezustand verfügt. In diesem Licht verwandelt sich Bernwards Geste souveräner Ironie – „Notstandsgesetze von Deiner Hand“ – in die Ironie der Souveränität. Wer in ihrer Anwesenheit verweilen oder sie erringen, besitzen will, sich weiter an sie richtet oder sich über sie und mit ihr beschwert, bleibt gerade darin immer Kind und Empfänger aller Gaben. Als ich diese Formulierung zum ersten Mal las, musste ich an die Formulierung aus Bernwards Reise denken, in der er dem sterbenden Vater den Namen der neuen Geliebten ins Ohr flüstert: „Gudrun.“ Magisches Wort, Waffe, Wachablösung in einem.

Wie kann man über jemanden, der so wenig autark zu (über)leben wußte schreiben, gerade wenn man solche inneren Prozesse aus nächster Nähe an und in Menschen kennt?!

Kunstworte V (abweichend): Wilhelm Helmrich und Herbert Langemann

Hätte ich den beiden Herren um die es hier geht „geschrieben“, dann hätten sie jeweils statt einem „Brief“ eine buntbemalte Postkarte – die gab es in meiner Kindheit blanko und vorfrankiert zu kaufen – mit einem dicken, fetten DANKE! in Kinderschrift und Filzstift bekommen. Ich habe noch Filzstifte aus der Zeit, die gut malen.

Ich hatte sie auch zunächst gar nicht eingeplant, bin aber durch einen Artikel bei Seppo darauf gekommen, dass sie eigentlich in dieses Projekt gehören. Schließlich sind die Puppenspieler Wilhelm Helmrich und Herbert Langemann für diejenigen Stunden, die in meiner Kindheit richtig gut waren verantwortlich. Beide spielten bei den Kinderserien der damaligen dritten Programme, jeweils bei der deutschen Sesamstraße (Helmrich den Schneckerich Finchen, der zunächst männlich war, Langemann den Bären Samson) und, für mich prägender, Hallo Spencer, beide jeweils bis zu ihrem Tod. In Hallo Spencer gab Helmrich den ordnungsliebenden, selbstmitleidigen und Kakteenbegeisterten Elvis, Langemann den hilfsbereiten Eichkater Kasimir, der auf einem Kastanienbaum lebte, als einziger im Dorf zum Nachbar Nepomuk „Nepi“ sagen durfte und unter anderem für die Müllabfuhr zuständig war.

Man kann eine Rolle nicht spielen, schon gar nicht wenn man sie einführt, ohne ihr etwas von sich selbst zu geben. Helmrich und Langemann haben diese Charaktere geprägt, als Langemann 1987 starb war der Kasimir nicht mehr derselbe, als 1992 Helmrich „ging“ änderte sich der Elvis. Ich gebe zu, ich gehöre zu den Fans, die weder mit dem einen noch dem anderen Neuen etwas anfangen konnten. Die neuen Spieler – Martin Lessmann für Kasimir und Matthias Hirth für Elvis – hatten es schwer, denn die Fußstapfen in die sie treten mussten waren groß und ohne Ersatz hätte man die Figuren wohl ausscheiden lassen müssen, was insbesondere bei Elvis‘ Rolle als Assistent der Hauptfigur erklärungsbedürftig gewesen wäre, aber mein Hallo Spencer, das was ich dem Atelier-Kind zeige, weil es mich in seinem Alter berührt hat, geht nur mit Langemann-Kasimir und Helmrich-Elvis. Das ist für das Atelier-Kind natürlich schwer nachzuvollziehen, weil man diese ganz besonderen Eigenheiten, die diese Spieler den Charakteren gegeben haben und die später verschwanden nicht dolmetschen kann und weil diese Art Sendung überhaupt einer anderen Zeit anzugehören scheint. Aber ich glaube, dass es merkt, dass da damals etwas ganz besonderes entstanden ist, eine Qualität und eine Aussage, ein Wert wie er heute kaum noch zu finden ist.

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Kunstworte IV: Christa Päffgen/Nico

Der vierte Brief in diesem Projekt geht an Christa Päffgen. Er hat die Besonderheit, dass ich darin eigentlich nichts von mir anspreche, sondern Dinge aus ihrem Leben, die ich auch im Leben meiner Eltern wiederfand. Ich finde sie auch in Bezug auf ihr Werk nicht unproblematisch. Päffgen (1938-1988) war unter dem Namen Nico ab den 50er Jahren zunächst Modell, dann Schauspielerin und später Sängerin. Sie starb an einer Hirnblutung, die möglicherweise mit ihrer jahrzehntelangen Heroinabhängigkeit in Verbindung gebracht werden kann.

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Kunstworte II: Elfriede Jelinek

Mein Brief an Elfriede Jelinek ist eine Besonderheit in diesem Projekt. Er beginnt mit Anrede und einem Satz in Briefform, fällt dann aber in eine Form wie Jelinek selbst sie in ihrer Prosa verwendet. Das war ein Experiment und ich vermute so wie es viele Menschen gibt, die in Jelineks Texte nicht „reinkommen“ (mein Buchhändler hat das mal so ausgedrückt: „Ich komm nicht rein“), wird auch dieser „Brief“ vielen unverständlich bleiben. Wenn man ihr Werk kennt, findet man möglicherweise die Stellen, die sich auf ihren Einfluss auf mich beziehen.

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