Gute Menschen

Heute: Ich weiß nicht wer

Das Objekt meines Staunens von vor ein paar Wochen fand sich in meinem Briefkasten wieder. Ich verdächtige nicht den Mit-Künstler. War’s der Handschuhschenker oder jemand in des Mit-Künstlers Auftrag?

Wem auch immer vielen Dank!

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Gute Menschen

Heute: Laith

Ich hatte lange keinen guten Menschen mehr hier.

Obwohl gerade seit Sonntag einige Kandidaten da sind, die aber alle hier schon mehrmals anderweitig aufgetaucht sind. Danke Salma, danke Handschuhschenker – vor den Handschuhen waren wir mehr oder weniger auf dem Niveau von Guten Tag und Auf Wiedersehen -, danke Atelier-Kind-Familie, danke Mit-Künstler, danke auch Philipp-Mama für den herrlichen Eintopf und auch danke an meine Leser, die mir anteilnehmende Kommentare zukommen ließen.

Mein heutiger guter Mensch im Speziellen ist Laith. Der kam hier zwar schon mal mit einer Erwähnung vor, aber nicht als speziell eingeführte Person. Das hole ich auch jetzt nicht nach. Schon aus Zeitgründen nicht.

Warum ist er mein guter Mensch des Tages, der Woche und eventuell des Monats? Ich kann durch die Folgen von Sonntag einen Abgabetermin nicht halten. Ich muss morgen aufgebaut haben. Es geht nur zu zweit. Mein Mit-Künstler hat nur zwei Hände. Ich muss aber auch wegen Mikeschs Situation ein paar persönliche Vorsprachen machen. Heute. Es geht nicht anders.

Wir dachten schon darüber nach unseren Beitrag zurückzuziehen. Das wäre ein Tritt für unsere künstlerischen Egos gewesen. Wir haben das Ding mehrere Monate vorbereitet und es nicht zu machen wäre uns auch ein finanzieller Verlust.

„So… like that… this over there and… If I give you a hand we’re done in an hour.”

Das einzige Problem: Er will nicht als Ausführender genannt werden. Nach meinem Verständnis ist es jetzt aber eine Dreierkooperation.

Gute Menschen

Heute: Die Frau mit dem Fahrrad

Sie werden seltener meine guten Menschen (was sicher auch daran liegt, dass mir derzeit generell nicht allzu viele Menschen begegnen), aber gestern früh habe ich sie gesehen.

Wahrscheinlich jeden Morgen fährt sie die Strecke mit ihrem Fahrrad. Ich weiß nicht wohin oder weshalb. Wenn ich früh zum Einkaufen gehe kommt sie mir entgegen. Wenn ich die richtige Zeit abpasse. Sie trägt immer den roten Helm, der bei ihr nicht wie auf den Kopf gezogen (wie es sein sollte) sondern lose oben auf den Kopf drauf gesetzt wirkt. Ich weiß nicht warum das so ist. Wir haben nie miteinander gesprochen oder wären uns woanders begegnet, ich glaube, ich bin nur einmal mit dem Wagen zur Seite gegangen, damit sie vorbei konnte.

Jedes Mal wenn sie mich seither sieht lacht sie und grüßt.

Nachdem ich sie nun mehrere Monate nicht mehr gesehen habe, freut mich das besonders.

Gute Menschen (Saalprojekt-Edition)

Heute: Salma

Manchmal, wenn meine Schmerzen zu stark werden setze ich mich auf den Boden. Das hilft auch nichts, aber es gibt mir einen Moment lang Sicherheit. Ruhe. Dann kann ich es besser aushalten. Im Saal gibt es eine Ecke hinten beim Fenster, in die passe ich gut. Weil ich mit dem Kopf nicht nach vorn kann lege ich ihn in den Nacken. Zwei Minuten stop motion.

Fünf.

Nicht dass ich zählen würde.

In gefühlter Minute sieben setzt sich jemand neben mich. Jemand anders sagt noch, dass man mich nicht anfassen soll. Ich werde aggressiv wenn mich jemand anfasst, besonders in den starken Phasen.

„Frau hat Schmerzen.“

„Muss man operieren und mit Draht.“

Müsste man. Macht aber keiner bei Kassenpatienten wie mir. Ich kann nämlich nicht zuzahlen, mir keine Orthesen für 500€ erlauben und die Diagnose so wie sie gestellt wurde findet sich nicht im ICD-10, kann also nicht abgerechnet werden. Das was wirklich nützen würde gibt es ohnehin nur für Privatpatienten.

Durcheinander gesprochenes.

Dann erklärt unser Dolmetscher, was der irakische Arzt aus 50 cm Abstand zu sehen glaubt. So präzise hat mir das noch kein deutscher Arzt erklärt, der näher dran war oder hin gefasst hat.

Dann gibt die Frau, die zuerst gesprochen hat mir einen Becher. „Nicht trinken! Nur riechen!“ Dann schreit sie: „Tuch!“

Die Frau heißt Salma. Ich muss noch mal fragen wo sie herkommt. Das habe ich vergessen. Salma, ihr Mann, ihre Söhne und ihr Schwager gehören zu den Menschen, die beim Saalprojekt helfen. Salma hat im Krankenhaus gearbeitet. Sie hat bei der ganzen Arbeit immer genau im Blick wem es wie geht und wer was kann. Einige Helfer sind krank, sie haben die Grippe, oder haben Verletzungen, die von zu Hause oder der Flucht herrühren. Hier sind so viele Menschen und es ist so viel zu tun, dass sie mich eigentlich gar nicht wahrnehmen sollte.

Trotzdem hat sie irgendwie Inhalationslösung organisiert. Damit es ein bisschen besser wird und ich weiter machen kann. Ich danke.

Gute Menschen

Heute: Der kleine Marschierer

Heute Vormittag war ich im Einkaufszentrum. Da wo ich wohne bekommt man nicht alles. Für einen Freitagvormittag war es überraschend leer, selbst an der Supermarktkasse ging es schnell. Nur am Ausgang bei den Glastüren wurde es etwas voller.

Zwischen all den Leuten, die durch die Türen wollen bildet sich plötzlich ein Spalt. Hindurch marschiert mit festem Schritt und einer Entschlossenheit, die man nur dann haben kann, wenn man sich sicher ist, dass man genau in diesen Moment gehört ein kleines Kind. Ein Junge mit etwas dunklerer Haut und schwarzen Haaren, vielleicht anderthalb Jahre alt. Ich schätze nicht gut.

Ganz frei und ohne Angst.

Er stößt nicht an, er sieht sich nicht um, er will nicht weglaufen wie das Kinder in dem Alter manchmal aus Entdeckungsdrang tun.

Wenn er jemand ansieht, dann lächelt er.

Mit Abstand dahinter, völlig ruhig und ohne Panik, der Vater mit dem Kinderwagen.

Er ruft nicht, er greift nicht ein, aber er weiß ganz genau wo das Kind ist.

Die Leute bleiben fasziniert stehen. Lächeln das Kind und den Vater an. Es wirkt beinahe surreal. Vielleicht weiß ich nicht als einzige nicht wann ich so ein Vertrauen zwischen Eltern und Kind zum letzten Mal gesehen habe. Hier gibt es fast nur noch Helikopter.

Gute Menschen (Es war einmal-Edition)

Heute: Die Metallskulpteurin

Manchmal wenn ich den Wagen der örtlichen Tafel sehe denke ich an die Frau mit den Metallskulpturen. Eine Outdoor-Künstlerin in der Nähe der Wieblinger Schleuse in Heidelberg, man kam über die Brücke zum Neuenheimer Feld zu ihr. Ich habe den Namen vergessen und eine Websuche verlief ergebnislos. Ich weiß nicht ob sie noch macht was sie gemacht hat oder ob sie noch lebt. Sie war nicht mehr die Jüngste.

Vor Jahren habe ich eine Schulklasse zu ihr begleitet. Sie begrüßte uns in ihrem kleinen Skulpturengarten und die Kinder konnten beliebig an einigen Werken weiterbauen. Die Klasse lernte im Unterricht etwas über Müll und Schrott, deshalb waren wir zu ihr gegangen. Ich weiß nicht mehr was sie erzählte, nur dass sie sich sehr um die Kinder bemühte. Es kamen wohl häufiger Klassen. Ich weiß noch, die Lehrer fanden, sie sei seltsam angezogen. Die Kleidung wirkte abgetragen und ich merkte, das Zeug kam aus einer Kleiderkammer, aber ich habe das damals auf Funktionalität bezogen. Für diese Arbeit war es prima. Man merkte, dass die Frau kein Geld hatte. Deswegen lief das was sie da machte auch für einige Leute nicht unter Kunst. Auch die Lehrer fragten später Geht die nicht arbeiten?!, als ob es keine Arbeit wäre so etwas her- und für andere Leute, größere Gruppen zumal, bereitzustellen.

Beim Abschied gab sie einer Lehrerin eine Plastiktragetasche mit Schokoladentafeln und sagte zu den Kindern, dass für alle ein großes Stück drin wäre. Wir bedankten uns und gingen. Als wir im Lehrerzimmer in die Tüte hineinsahen stellten wir fest, dass uns tatsächlich so viel Schokolade von dieser Frau geschenkt worden war, das jedes Kind eine halbe Tafel hätte essen können. Die Verpackungen wirkten ramponiert, das Haltbarkeitsdatum war kurz vor Ablauf. Eine Lehrerin wunderte sich damals wo jemand, der kein Geld hatte und so ärmlich gekleidet war solche Unmengen her hatte.

Meine Vermutung war, dass die Tafeln von der Tafel stammten. Ich kannte Menschen, die dort ihre Lebensmittel aufstocken mussten, weil sie sonst nicht über die Runden kamen und ich wusste, das zwar manchmal gute Ware, aber auch manchmal ramponierte Verpackungen dazwischen waren. Ein Artikel über die Skulpturen in der Tageszeitung hatte erwähnt, dass sie oft Kindergruppen bei sich hatte, Anfragen von Schulen und Kindergärten. Diese Prominenz wird ihr die großen Rationen möglich gemacht haben, normalerweise wird rationiert.

Das ist lange her. Es war 2006 oder 2007, heute wird die Qualität der Lebensmittel nicht mehr dieselbe sein. In einem Land, in dem Politiker Verantwortung übernehmen bräuchte man keine Tafeln und Suppenküchen, zumal nicht in einem reichen, in einem jedoch, in dem so gut wie alles dem Profit unterworfen ist werden auch „geringerwertige“ Lebensmittel lieber verramscht anstatt gespendet, während sich die Läden gleichzeitig mit der Spende brüsten. Ich erinnere mich an das Pflicht-Praktikum während der Oberstufe in einer sozialen Einrichtung Ende der neunziger Jahre. Jeden Tag hielt vor dem Gebäude ein großer Laster und brachte Unmengen gute und noch haltbare Ware, Brot, Milch, Obst und Gemüse, manchmal abgepacktes Fleisch, Wurst oder Käse, Milchprodukte und manchmal Süßteilchen von Bäckereien. Wir kochten daraus warme Mahlzeiten für die oft wohnungslosen Frauen und Mädchen und gaben die Süßteilchen als Dessert statt selbstgemachtem Fruchtquark oder Obstsalat aus. Denjenigen, die noch eine Wohnung hatten konnten wir oft etwas zum selbst verarbeiten mitgeben. Einmal, an einem Tag kurz nach Ostern wurde eine fast vollständige Palette mit unbeschadeten, haltbaren Lindt-Schokoladenhasen hereingetragen, die nicht bis zum Stichtag für Osterware verkauft worden waren. Wir verteilten sie an die Mädchen und die Frauen, die Kinder hatten. Der Rest ging an die Notschlafstelle für Jugendliche. Denen gaben wir auch den Karton mit den Chips.

Das war nicht hier. Auch das mit der Künstlerin nicht. Der Wagen hier ist winzig, er bekommt kaum was mit. Ich weiß von einer gelernten Verkäuferin, die als 1€-Jobberin Rationen für die Tafel-„Kunden“ zusammen stellen musste, dass nur selten genug kommt und das manchmal gerade die, die es am Nötigsten bräuchten leer ausgehen.

Wenn sie davon erzählt hat musste ich auch an die Wieblinger Künstlerin denken. Und in Gesprächen gerade mit Künstlerinnen fällt mir immer wieder eine Naivität auf in Bezug darauf, dass das Geld doch schon irgendwo her komme, notfalls durch Partnerschaft, und dass es eigene Verantwortung sei, sich genügend und hochwertige Materialien zu beschaffen, Lebensmittel wird es doch spätestens bei der Tafel geben und da müsse man nicht hin so lange man nicht obdachlos sei. Ich spreche oft wie eine Schallplatte gegen dieses falsche Denken an und weise darauf hin, dass es auch unter Künstlern gar nicht wenige gibt, die das Existenzminimum persönlich zu spüren bekommen. Ich kenne Mit-Künstler, die ihre Wohnung verloren haben. Auch solche, die ihre Wohnung noch haben, denen aber wegen anderer, nicht zu vermeidender Kosten weniger als 300€ zum Leben im Monat bleiben. Ich meine mich zu erinnern, dass der Skulpturenpark durch einen Wohnwagen abgeschlossen wurde. Vielleicht hatte die Frau mit den Metallskulpturen da drin ihre Wohnung.


[Falls zufällig weitere (ehemalige) Heidelberger unter den Lesern sind und jemand anhand der Beschreibung weiß welche Frau gemeint ist und wie sie heißt, wäre ein entsprechender Kommentar schön. Ich bin mir absolut nicht sicher, aber ich glaube, der Vorname begann mit M und könnte Marli(e)s oder Marie-Luise/Marieluise oder Marlen(e) gewesen sein. Mich würde interessieren was aus ihr geworden ist.]

Gute Menschen

Heute: Der vermeintliche, anonyme Klaus Nomi-Fan

Mir liegt nicht viel an Musik. Ich habe in meinem Erwachsenenleben vielleicht zwei Handvoll CDs gekauft. Downloads habe ich gar nicht. Ich mag keine Kulisse nebenbei, das stört mich bis da hin, dass es mich nervt. Ich brauche dazu Ruhe.

Nun kam ich vom erfolglosen Versuch der Materialbeschaffung in einer Nachbarstadt und verpasste sowohl die Bahn, die von der innerstädtischen Station zum Hauptbahnhof, wo ich hätte umsteigen können, als auch diejenige, die in seltenerem Rhythmus zum Hauptbahnhof meines Wohnortes fährt. Etwas, das mich noch mehr stört als nebenbei laufende Musik ist Dauerberieselung durch Bildschirme und auf dem Steig gab es gleich drei davon. So beschloss ich also die zwanzig Minuten Wartezeit für die Direktbahn zu nutzen und nicht am Gleis zu stehen, sondern rasch in dem Einkaufszentrum oben drüber etwas nachzusehen. Wo ich wohne gibt es ein sehr überschaubares Exemplar und in dessen Elektro- und Medienfachhandel führen sie etwas Bestimmtes nicht.

Wie ich nun also in der nachbarstädtischen Riesen-Version des Elektro- und Medienfachhandels die entsprechende Abteilung suche (alles nicht so überschaubar wie bei uns) komme ich an der mit den Tonträgern vorbei und will eigentlich nur zu Abkürzungszwecken durch den Gang gehen als ich aus dem Augenwinkel etwas bei „N“ bemerke.

Irgendjemand in dieser Stadt kennt Klaus Nomi.
Irgendjemand in dieser Stadt hat eine CD von Klaus Nomi in der Fachabteilung dieses Elektro- und Medienfachhandels bestellt.

Für gewöhnlich kennt keiner Klaus Nomi. Das bedeutet auch, dass es arg unwahrscheinlich ist, dass der Fachhandel das Album ohne Nachfrage bestellt hat. Nomi, der eigentlich Sperber mit Hausnamen hieß, ist 32 Jahre tot und hat in Deutschland nie den Durchbruch geschafft. Wenn ich das in Gesellschaft anstelle beschwert sich mindestens einer, ich soll das Gejaule ausmachen.

Es muss also jemand danach gefragt haben und sich entweder anders entschieden haben oder der Handel hat gleich zwei Exemplare bestellt und eines einsortiert.

Das freut mich aber doch.

[Wenn Sie klassische Musik mögen, suchen Sie bitte irgendwo seine Version der Arie aus Samson und Delilah von Saint-Saens oder von Schumanns Der Nussbaum. Mögen Sie keine klassische Musik, dann versuchen Sie Simple Man oder Nomi Song. Wenn Sie mit der Countertenor-Stimme nicht klar kommen, versuchen Sie es mit Can’t Help Falling In Love With You, das singt er durchgängig in Tenor. ]


Ich las schon vor langer Zeit, dass Glumm und seine Gräfin den Nomi wenigstens kennen. Die können also bestätigen, nehme ich an, dass es den wirklich vor Urzeiten gab.