Szene (die), schizophren-psychotisch (oder)

Mikesch macht im Laden eine Szene, an die der größte Wutanfall des Atelier-Kind-Bruders, denn-er-WILL-jetzt-augenblicklich-in-diesem-Moment-den-Knopf-für-die-Aufbackbrezel-drücken-und-die-Brezel-sofort-verspeisen-!, nicht herankommt. Details erspare ich Ihnen, Sie wissen ja, ich habe Erfahrung mit Sicherheitsdiensten….

Als wir weitergehen tippt mich eine Frau an. Ich kann schlecht schätzen, älter als ich, aber wahrscheinlich noch nicht fünfzig. Als Mikesch nicht hinsieht zeigt die Frau auf deren Rücken. „Schizophren oder psychotisch?“

Sie trifft natürlich nicht ganz, aber es erleichtert einen in so einer Situation ungemein, dass mal irgendein umstehender Mensch der Wahrheit sehr nahe kommt.

Auslöser – bevor Sie lachen denken Sie dran, dass Mikesch krankheitsbedingt eine andere Logik hat – war, dass mich auf dem Weg eine Autofahrerin gefragt hat ob sie auf dem Weg zu Autowerkstatt Sowieso links oder rechts abbiegen muss.

Amokmotten

Mikesch ist der Meinung, die K., der Stiefvater und die dergl wollten sie vergiften. Und der Mikesch-Bruder auch.

Weil, das war nämlich so: Der Mikesch-Bruder hatte vergessen Kaffee einzukaufen, der faule Hund. Der ist in Rente, der hat der den ganzen Tag Zeit. Aber ehrlich.

Weil der faul war hat es nur Tee gegeben. Aber der Tee hat komisch gerochen. Die K., der Mikesch-Bruder und der Stiefvater, die haben den Tee trotzdem getrunken.

Der Stiefvater hatte vergessen wie der Geruch heißt.

Irgendwas mit Motten oder Amok oder so. Die Mikesch ist nicht die dergl, die dergl ist intellektuell, die weiß das. Aber die Mikesch muss das nicht wissen.

Jedenfalls soll die K. gesagt haben [die dergl war nämlich gar nicht dabei und kann das deshalb nicht wissen]: „Riecht wie 4711, schmeckt aber gut.“

Tee mit Parfüm drin ist aber giftig. Außerdem hatte der so einen komischen Namen. In Englisch, den hat bestimmt die dergl irgendwann mitgebracht. Gleich mal per SMS bescheid sagen, dass die sich da aber ganz gewaltig geschnitten hat, ist ja egal ob um zwei Uhr nachts.

[Das ist nicht lustig, das ist ein Wahn-Symptom.]

***

Wie gesagt, ich bin krank. Ich habe momentan eine fast komplett starre schmerzhafte Unterschenkelmuskulatur [wahrscheinlich im Gegensatz zu den meisten von Ihnen aber den Vorteil das nur auf einer Seite zu merken, es lebe der Kunstfehler! (Ich darf solche Witze über mich machen, Sie aber genauso wenig über mich wie ich es über andere Kunstfehlerüberlebende ohne deren explizites Einverständnis darf – Pech!)] und kann entsprechend schlecht gehen.

Hilfsmaßnahmen fallen irgendwie unter die Kategorie „Ebayismus/Amazonismus“ – Sie wissen schon Gibt es nicht verordnet, kann man sich auch selber kaufen, haben Sie Internet? – denn die Vitaminpräparate, die helfen können sollen kosten alle ein Schweinegeld, das ich nicht habe. Noch dazu der nette Satz von ärztlicher Seite [nicht von meinem Operateur!]: „Sie werden doch wohl irgendjemanden kennen, der Ihnen für ein paar Tage mit einem Rollstuhl aushilft.“

Und so lange sollen die Leute immobil rumsitzen?! Ich meine ja nur, das sind keine Brillen. Menschen, die es sich leisten können haben manchmal mehrere Brillen weil ihnen unterschiedliche Gestelle gefielen, aber es hat kein normaler Rollstuhlnutzer ein Zimmer voller Rollstühle, weil er/sie/es sich bei der Rahmenfarbe oder Bereifungsart nicht entscheiden konnte.

Rote Flaschen-Gespräch

„Das ist ein Feuerlöscher.“

„Ja.“

„Warum hast du einen Feuerlöscher mit?“

„Weil ich ihn gerade gekauft habe und wir jetzt einen Termin haben, das heißt, ich kann ihn nicht nach Hause bringen, sonst kommen wir zu spät.“

„Brennt es bei dir zu Hause?“

„Wenn es jetzt bei mir zu Hause brennen würde, dann wäre ich nicht hier.“

„Warum kaufst du dir dann einen?“

Falls es mal wieder brennt, so wie meine Küche damals. Hätte ich da schon einen gehabt, wäre das vielleicht nicht so schlimm geworden.“

[Ich habe allerdings noch nie einen benutzt, deswegen hoffe ich einfach mal, dass ich das Ding im Notfall bedienen könnte und es wirklich löscht.]

Mikesch tut nachdenklich. „Feuerlöscher zum Feuerlöschen… Könnten wir auch gebrauchen…“

[Es kann sein, dass sie den Sinn von Feuerlöschern in Privathaushalten wirklich nicht versteht.]

Mikesch-Zitat der Woche

Ich finde das gemein mir gegenüber von dir, dass du so viele Medikamente vom Arzt gekriegt hast.

Ich habe ein paar Tage überlegt, ob ich das machen soll, aber Sie sind hier Härteres gewohnt. Lesen Sie das mehrmals und lassen bei Wiederholungen das Wissen weg, dass es sich um einen suchtkranken Menschen handelt. Sagt viel aus, oder?

Lösefafentniph

Ein Mensch vom Medizinischem Dienst – nicht der Krankenkassen, ein anderer – hatte mich für heute zum Gespräch geladen, weil das Diddl-Maus-Baby quasi am der Hand vom Mami zum Test gekommen war. Ob er wegen möglicherweise eintretender Arbeitslosigkeit – Sie wissen schon, drei Monate vorher… – oder weil sein Gegieme wirklich ein Problem auf dem Gerüst darstellt weiß ich nicht. Das sind Schwächen, so was sagt man dergl nicht. Ist mir auch egal.

Was will der Mensch vom Medizinischen Dienst von mir? Ich hatte erwartet, dass Mikesch Mikesch war, aber so einfach ist das nicht. Der Mensch will etwas wissen.

Und zwar: Können die beiden richtig lesen und schreiben? Es haperte mit dem Textverständnis, mein Bruder hat für einen 30-jährigen eine eindeutig zu kindlich-krakelige Schrift und als Mikesch sich einmischen wollte hat sie keinen graden Satz hinbekommen.

Das letzte überrascht mich nicht. Auch Sie hatten hier ja schon Kostproben der Mikesch-Grammatik.

Trotzdem ist die Frage interessant. Denn: Mein Bruder war auch nicht in der Lage trotz vollumfänglich vorhandenem Gehör – wurde getestet – einen Text wie gehört wiederzugeben.

Bei ihm und Mikesch wird die Blödzeitung gelesen. „Normale“ Tagespresse scheint zumindest Mikesch nicht zu verstehen, denn sie kann nicht erklären was sie in einem Artikel gelesen hat.

Lesen ist nicht nur die Mechanik.

Mit Hörverständnis ist es dasselbe.

Erinnern Sie sich an den Fremdsprachenunterricht in der Schule oder später? Können Sie bei Musik die Texte raushören?

Ich hatte diese Fähigkeit schon recht früh und erntete dafür immer Bewunderung. Aber natürlich habe auch ich früher Dinge, die nicht aus meiner Muttersprache stammen falsch gehört.

Kann es, insbesondere wenn man so undeutlich spricht wie er – er muss manchmal vier- oder fünfmal wiederholen weil ich nicht weiß was er von mir will, da er stark nuschelt – auch mit der Muttersprache geben.

Bei uns zumal hatte man ja immer die Schnauze zu halten, das heißt, er hat womöglich keine durchschnittlichen Fähigkeiten ausbilden können und nach fast 31 Jahren fällt es auf.

Ich muss mal recherchieren was das mit Leseverständnis zu tun haben kann. Dasselbe wie bei der Atelier-Kind-Familie ist es ja nicht. Aber interessant. Auch für meine eigene Geschichte. Warum kann ich, die man versucht hat noch doofer als ihn zu halten es und er nicht?! Er ist ja nicht dumm, er hätte das Abitur genauso schaffen können, wenn man ihn gelassen hätte.

Mögen Sie Fruchtgummilakritz-Vampire?

Okay, Mikeschs Vater – mein Großvater – stammt aus der Gegend, die man auch Transsylvanien nennen kann.

Okay, Mikesch konsumiert eine Menge Lebensmittel – zum Beispiel Cola und andere Limonaden -, die mir nicht schmecken.

Aber zumindest in meinem derzeitigen Zustand – „Maulseuche“ (Diagnose Dr. Dr. i.w.a.u.h.d.W.m.L.g.* Mikesch), Sie wissen schon – ist das zu viel:

Madame stellt mir – obwohl sie ganz genau weiß, dass ich noch nicht mal das Fruchtgummizeug aus der Colorado-Mischung esse -, eine Schüssel mit Fruchtgummilakritz-Vampiren hin.

Sie dachte, ich hätte Hunger. [Unabhängig davon, dass sie sehen müsste, dass ich nicht kauen kann.]

Bei den Dingern hat nicht das Fruchtgummi den Lakritzgeschmack angenommen und ist damit – wie die Gummibären aus der Colorado-Mischung –  ungenießbar geworden, sondern Lakritz und Fruchtgummi sind von Anfang an verschmolzen.

Äh…

„dergl, normale Leute essen das gerne.“

Ist nicht wahr, oder?

[Wenn man ganz genau weiß, dass jemand so etwas nicht schmeckt und die Person überdies nicht kauen kann, hat das nichts mehr mit Ich wollte dir ’ne Freude machen zu tun. Bei Konfekt, Konfektis, Violas, Stafetten oder meinetwegen Salinos hätte ich ihr die gute Absicht noch abgekauft, so hat man gesehen, dass das die Reste von dem waren, das sie selbst nicht mag.]

 

*ich weiß alles und habe die Weisheit mit Löffeln gefressen

Das Cola-Komplott

Mikesch hat eine nicht zu übersehende Macke, die nicht jeder sofort ihrer Erkrankung zuordnen würde – auch damit erfahrene Leute nicht – und die auch nicht leicht zu akzeptieren ist [ich sage es Ihnen im Guten]: Mikesch ist extrem wählerisch in dem was sie trinkt.

Und wenn sie das nicht bekommt, dann trinkt sie eben gar nichts, weiß aber auch nicht woher dann Schwächeanfälle oder Kreislaufprobleme kommen.

Mikeschs Getränk der Wahl ist Coca-Cola.

Die und keine andere. Alles andere ist Billigscheiß.

Die kauft Mikesch auch überteuert am Kiosk, weil in so Assiläden wie Aldi oder Lidl, da kann man ja nicht hingehen und es ist auch unter der Würde vom Diddl-Maus-Jungen einmal in der Woche zum Getränkemarkt zu fahren und da eine oder zwei Kisten zu holen.

Am Kiosk sieht wenigstens jeder, dass man nicht arm ist.

[Das ist der Trick ihrer Krankheit: es muss nach außen hin aussehen als ob noch Geld da wäre. Ihr ganzes Ego, ihre komplette Identität baut sich darauf auf, dass sie mal „reich geheiratet“ hat. Dass das zwanzig Jahre vorbei ist spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass sie es einmal geschafft hat. Das macht sie noch nicht mal bewusst.]

Weil diese Taktik natürlich große Mengen Geld frisst – die sie nicht haben – führt das immer wieder zu Gezeter und Geschrei mit dem Stiefvater, der dann ungelogen Leitungswasser und Toastbrot zu sich nimmt um irgendwie… und selten mehr als 30€ insgesamt in der Tasche hat. [Selbst mit in Schuld, ich bin nicht die einzige, die ihm mehrfach gesagt hat, er soll die Konten trennen, so dass Mikesch nicht an sein Geld kann. Wenn er das nicht tut…]

Gestern muss der Stiefvater irgendwo an einem Lidl vorbeigekommen sein und gesehen haben, dass Coca-Cola im Angebot ist. Jedenfalls stehen jetzt sechs Sechserpacks mit 1,25l-Flaschen Coca-Cola in Mikeschs Küche. Sollte eine Weile reichen. Zumindest bis nächsten Montag.

Wer will gestern zum Kiosk gehen?

Stiefvater: „Du bleibst hier, guck mal was da steht. Cola noch und noch.“

Hat sie zwar angenommen, ist aber maulig. Den Flaschen sähe man an, dass sie aus einem Billigladen kommen.

[Wo kauft bloß ihre Pizzeria die Zutaten? Pizza mit Aldi-Mehl, Aldi-Milch und Aldi-Eiern dürfte sie dann doch genau so wenig essen, aber wahrscheinlich ist der ältere Sikh im Discounter nur eine Halluzination des halben Stadtteils. Komisch, dass selbst der Diddl-Maus-Junge ihn da schon gesehen hat.]

Außerdem: Neidzerfressenes Motzen weil K. mir bei Übergabe des Rucksacks einen Kühlpack für meine Schmerzen und das vom Besuch ihrer Enkelin am Wochenende übrig gebliebene Flutschfinger-Eis – die waren früher besser – angeboten hat.