Der Trunkenbold

Der Handschuhschenker macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit Enno. Das ist Zufall, denn er ist nur da weil er an Philipps statt den Kanister bringt. Ich mag keine Menschen in meiner Wohnung, aber es geht nicht anders, wir brauchen den Behälter im Laufe des Tages. Der Mit-Künstler wollte ihn abholen, hat es aber nicht geschafft.

Als er – der Handschuhschenker – damit ins Atelier kommt ist Enno zugegen. Hat sein *krah, krah* hinter sich – motzt gern ein bisschen weil es derzeit keine Äpfel in diesem Haushalt gibt und Auguste sich an Kiwifrüchten laben kann – und den nassen Lappen auf dem Boden entdeckt. Einen Zipfel davon hat er im Schnabel.

Vielleicht im Spiel, vielleicht zum Trinken.

Der Handschuhschenker schaut sich das an bevor er wieder gehen will.

Eine Minute. Vielleicht auch zwei.

Enno will den Lappen mitnehmen, scheitert aber weil der durch die Nässe so schwer ist. Stolpert, strauchelt oder wie auch immer man das bei Kolkraben nennen kann, wenn denen das Gleichgewicht im Stehen abhanden kommt.

Der Handschuhschenker schaut. „Trunkenbold!“ sagt er.

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Gestatten, Auguste

Seit ein paar Tagen bringt Enno Besuch mit. Außer den beiden sehe ich hier schon keine Kolkraben mehr und es ist gerade nicht die Zeit zum Anbandeln (sonst wären auch die anderen noch da). Man kann die Geschlechter von außen nicht unterscheiden, aber durch die Nähe zwischen den Vögeln nehme ich an es ist ein Weibchen. Wahrscheinlich habe ich etwas nicht mitbekommen. Sie war sonst nie dabei.

Ich habe sie Auguste genannt, weil sie durch die Fensterscheibe minutenlang ruhig meinen Tunis-Kalender betrachtet hat. Wenn die zwei mir nächstes Jahr Küken mitbringen sollten, wären das Walter und Wolfgang nach den Söhnen von Macke. Eine Elisabeth (Frau Macke) gibt es schon anderweitig.

Aus dem Luftraum

I could not imagine you unlocking these thoughts, no book and no picture could ever convey…*

Eines der ersten Dinge, die mir damals von Freunden aus Heidelberg nachgeschickt wurden, war ein Bild von einem Heißluftballon. Genauer gesagt wurde es mir geschickt von der einen, die nicht zwangsweise quer durch Deutschland verschickt wurde – jede zumutbare Arbeit… „ja, das ist ja auch kein gesuchter Beruf“…

[Zwei Jahre vorher wurde derselbe Beruf von den Rehaträgern als DER gesuchte Beruf der Zukunft dargestellt. Dummerweise war nicht nur deren Kristallkugel kaputt sondern auch die logische Schlussfolgerung, dass das Gesundheitswesen sich nicht um aus gesundheitlichen Gründen umgesattelte, also im erweiterten Sinne kranke Arbeitnehmer reißt anscheinend bar jeder Logik. Für uns als motivierte, auf arbeitende Zukunft hoffende, ihre Maßnahmen zum Teil hart erkämpft habende und entsprechend tunnelblickende Teilnehmer natürlich auch, aber das ist nicht dasselbe. Als Teilnehmer klammern Sie sich daran, dass es Ihnen etwas bringt, selbst dann noch wenn Sie hundertprozentig wissen es ist Schmu. Ich habe auch lange geglaubt, ich schaffe es. Dazu habe ich sogar ausnahmsweise mit einer Zeitung gesprochen, die mit mir reden wollten, weil ich angeblich die erste in Deutschland war mit genau diesem Handicap und diesem Beruf. Ich war also wirklich bereit viel zu geben.]

Sie schrieb damals auf die Rückseite, dass einem diese Einrichtung wie Scheiße am Hacken klebt, das Bild hätte sie vom Balkon aus gemacht. Der Tonus der Briefe war damals der, den viele von uns hatten, insbesondere diejenigen, die in Baden-Württemberg geblieben waren: Ach, bei… haben Sie das gelernt? Na, dann nicht. In der Beziehung hatte ich Glück, in NRW kannte man die damals nicht oder nicht für diesen Unternehmenszweig. Was zum Teil auch egal war, weil ich – jede zumutbare Arbeit… und wenn Sie zehn Gutachten haben, dass sie das aus medizinischer Sicht wegen Ihres Gesundheitszustandes gefälligst zu unterlassen haben, sonst sind Sie selber verantwortlich, dass Ihnen alles wehtut -, zurück an Schulen „requiriert“ wurde. Nicht ganz in meinen Vorberuf, aber so ähnlich. War auch nicht schlecht, das war vor der Kopf-OP und der Eskalation mit Mikesch, aber es ging körperlich nicht gut. Immerhin war ich eine von den wenigen, die überhaupt irgendwo nochmal genommen wurden. Nun denn.

Der Kontakt zu der Kommilitonin – die letztlich auch trotz entgegengesetzter Gutachten in ihren alten Beruf zurückmusste, aufstockend – hat sich verlaufen. Aber ich hatte einen Heißluftballon vorm Fenster und musste an sie denken.
Nicht einen blau-weißen wie der auf ihrem Foto, das ich wahrscheinlich noch irgendwo habe. Einen bunten rot-violett-blau-helleres Blau-grün-helleres grün-gelb. Ohne Werbung. Keine Ahnung warum. Ich kannte nur den Zeppelin. Der macht Rundflüge über das Stadtgebiet und weiter. Das stand groß in der Zeitung weil der Vorgänger beim großen Unwetter zu Pfingsten im letzten Jahr zerstört wurde.

Ich musste auch daran denken, dass ich scheinbar langsam wieder wie ein Schriftmensch denke, weil ich plötzlich den Text zu Airships im Kopf hatte. Es ist das letzte Stück auf Futureperfect von VNV Nation, einen Konzeptalbum zu den 1920ern. Es hat die Perspektive von jemanden, der zum ersten Mal einen Zeppelin sieht und total fasziniert ist.

Ich will nicht schuld sein wenn Sie ahnungslos – oder, aus Sicht von jemandem der die früher wirklich gut fand, schlimmer noch in Kenntnis dessen was die heute fabrizieren – darauf klicken und ab etwa Minute fünf Tinnitus bekommen, außerdem ist mir der Kult, den es mittlerweile um die Band gibt suspekt, deshalb verlinke ich dieses wirklich schöne Stück nicht.


*VNV Nation Airships, Text von Ronan Harris

Kennen Sie Odranek?

Die Odranek ist eine Erfindung von Enno und eine Verwandte vom Odradek aus der Geschichte von Kafka. Sie besteht überwiegend aus Stöckchen und verfilzten Wollfäden und weigert sich unabhängig vom Wetter meinen Balkon zu verlassen. Dass es sich um ein Weibchen handelt erkennt man daran, dass ihre oberen Fäden vorwiegend fuchsia sind. Das männliche Filzgebinde von heute trüge das wahrscheinlich nicht und hätte sich um die olivgrünen Fäden bemüht.

Ich weiß nicht wann oder wie Enno sie gebaut hat, aber egal wo ich sie hinwerfe, wenn ich zurückkomme, ist sie wieder da. Wahrscheinlich würde er sie sogar im Hausmüll finden. Oder sie ist wie ihr Verwandter in Die Sorge des Hausvaters einfach nur „außerordentlich beweglich und nicht zu fangen“.

Ich stelle mir vor, dass sie „Hier!“ sagt, wenn ich sie nach ihrem Wohnsitz fragen würde.

Das hieße dann aber auch, dass sie noch da ist wenn hier irgendwann längst schon andere Menschen wohnen.

Enno

Im letzten Jahr, nachdem das große Unwetter den Baum vor meinem Fenster teilweise in ein Auto gestürzt und in der Nähe Bäume komplett entwurzelt hatte, fand ich ihn in dem Spalt zwischen Hauswand und angelehnter Luftmatratze hockend auf meinem Balkon als ich die Äste, die dort hingeweht worden waren einsammelte. Wahrscheinlich hatte er bis der Sturm ausbrach irgendwo in dem Baum vor dem Fenster gesessen. Ich habe nichts Schützendes auf dem Balkon. Ich weiß auch nicht ob er die ganze Nacht da gewesen ist.

Weil er still saß, dachte ich zuerst, er könnte tot oder verletzt sein. Eine Nachbarin hatte ein totes Tier in den überschwemmten Kellern gefunden. Er reagierte auch nicht als ich die Luftmatratze wegzog und die mit Regenwasser gefüllten Kammern auf dem Balkon ausleerte. Als ich sie an die Brüstung lehnte drehte er den Kopf und machte ein paar Schritte, flog aber nicht weg. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen ratlose Menschen vor abgebrochenen Büschen und quer über die Straße liegenden Bäumen, defekten Zäunen, Balkonen und Rollläden und getroffenen Autos. Eine kleine Reklametafel war in einen Haltestellenunterstand gefallen, da lagen jetzt Scherben, irgendwo fehlte ein Stück Dach. Andere, die nicht durch defekt Gegangenes betroffen waren standen an der Haltestelle und meckerten weil die Busse nicht fuhren und Straßen gesperrt waren, taten als ob es in der Situation nichts Wichtigeres gäbe als zur Arbeit zu kommen. Wieder andere störten sich an den Feuerwehrwägen, die mit Blaulicht und Sirenen hin und her rasten um Überschwemmungen zu beseitigen. In meinem Haus war bis zwei Uhr nachts geschöpft worden und das Wasser stand immer noch knöchelhoch im Keller. Eine Nachbarin überlegte morgens ob wir nicht ebenfalls pumpen lassen sollten und stellte fest, dass frühestens in der Wochenmitte ein Wagen kommen würde.

Seitdem, mehr als ein Jahr, geschieht es alle paar Tage in der Früh, dass ich „beklopft“ werde. Dann kommt er an die Fensterscheibe neben der Balkontür, klopft mit dem Schnabel, will am liebsten was vom Frühstück, beobachtet mich noch ein paar Minuten und ist weg. Manchmal spielt er noch ein bisschen mit dem Essen. Kolkraben haben einen Spieltrieb. Irgendwann bekam er seinen Namen.

Plötzlich am Morgen, ich bin zu spät, als ich rausschaue liegt mein Balkon voller kleiner Stöckchen. Alle in einer Reihe mit einem Rahmen drum. Und daneben hüpft Enno mit einem Stöckchen im Schnabel und will die Lücke füllen.

In Abwandlung einer berühmten, zweifelhaften Frage: Ist das so oder färbt es ab, dass das Fenster beim Balkon das Atelierfenster ist?!

Sperrgut

Aus dem Fenster vom Linienbus sehe ich, dass jemand seinen Sperrmüll direkt neben dem Mülleimer einer Haltestelle abgestellt hat. Keine Ahnung ob er von dort wirklich geholt werden wird. Ein alter defekter Kinderwagen mit etwas Kleinkram drin, ich sehe nicht was. Früher als ich noch Schriftmensch war hätte ich das Bild sofort notiert oder verdammt, dass ich mein Notizbuch nicht da hatte. Was anderes gab es nicht. Zu Hause wäre das Bild sonst weggewesen. Jetzt ist mir das Bild egal.

Wahrscheinlich habe ich es gerade deshalb nicht vergessen.

Realität

Ich kenne die Frau, die unten im Mülleimer nach Flaschen sucht. Das ist K., Mitte 50, mit über 30 Jahren Berufserfahrung, bevor sie wegen ihres Alters ausrangiert wurde. Manchmal wenn wir uns auf der Straße oder im Bus begegnen wechseln wir ein paar Worte. Sie erzählt dann vom 1-Euro-Jobs und sinnlosen Bewerbungen und ich spreche manchmal von der, die einmal das Mikesch-Mädchen war und nicht so viel älter als K. ist oder meinem Stiefvater, der nach einem Arbeitsunfall mit Langzeitausfall beinahe auf der Straße gestanden hätte. Zig Jahre Berufs- und Auslandserfahrung, Fremdsprachenkenntnisse und als Spediteurssohn schon mit der Materie aufgewachsen sind wertlos. K. hilft das, Realitätsabgleich. Sie ist eine von vielen und „Best Ager“ eine idiotische Floskel. Wenn wir sprechen, wissen wir beide, dass das mit den Flaschen grotesk ist. Man muss nur über die Ampel gehen um da hin zu kommen wo die wohnen, bei denen eine Hose den Gegenwert von mindestens den Nebenkosten auf „unserer“ Seite des Stadtteils hat. Die Hauptstraße als Trennungsstrich. Hier, wo beinahe zu festen Zeiten Rentner und andere Arme den Mülleimer durchsuchen und da, bei denen, wo ein Bleistift so viel kostet, dass man woanders drei für den gleichen Betrag bekommt.