Gottgeschenke VI

Von den Autos wusste ich. Kein Mädchen hätte sich damals so gut ausgekannt, alle Frauen, die ich damals mit Auto und Führerscheinen kannte wussten gerade mal ihr eigenes Modell und ein paar bekannte Marken. Keine wäre wie Theo mitten in der Stadt urplötzlich stehen geblieben und prüfend um wildfremde Autos, deren Kennzeichen ich nicht zuordnen konnte herumgegangen.

„In Zweibrücken, aha, ich dachte, die gibt es schon gar nicht mehr…“ murmelte er.

„Was ist denn das?“

„Die erste Mantageneration.“

„Ich schenk dir einen zu Weihnachten.“

„Deine Güte ist grenzenlos, Silvia“, er grinste und um sein rechtes Auge tanzten die Krähenfüße, „lass dir aber sagen, die sind verdammt teuer.“

„Du nimmst mich nicht ernst, Theodor.“

„Ich heiße nicht Theodor.“

Installment Sechs für die Gottgeschenke (einzubauende Worte hier). Ich bin mir nicht sicher: entweder die Geschichte nimmt ab jetzt Fahrt auf oder sie fährt gegen die Wand. Mal schauen, was die nächsten Worte hergeben.

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Weiße Elefanten

Die Schwere lag jetzt über allem, der Wohnung, der Straße, der ganzen Stadt, in den Oberleitungen, den Schienen, den Abflüssen und den Wolken.

Eda dachte an ein altes Lied mit weißen Tüchern und sah nur etwas wie Smog wenn sie in den Himmel schaute, fast einen Monat schon, seit Miriam beschlossen hatte den Jungen zu hassen. Mary-Miriam, die den umgekehrten Weg der Marias aus Edas Jugend gegangen war und sich Miriam nannte, weil Mary zu altmodisch-konservativ war (der Name Miriam mutete zwar religiös an, aber nicht in die Richtung aus der Miriam kam.)

Der Junge hieß John, Eda nannte ihn Johnny, und war Miriams Neffe. Johnny und Eda liebten einander wie Tante und Neffe, aber mehr noch liebte John Paul, einen Jungen aus der Gemeinde und seitdem warf Miriam Eda vor, dass sie vollständig Edith hieß, die Bedeutung der Aussprache in der Sprache der Namen von Mary und John sei jedenfalls fragwürdig nach hinten (damit meinte sie „hinterfragenswürdig“).

Paul war ein netter Junge und anders als bei John, still und eingeschüchtert durch seine Eltern und Mary-Miriam, die, anders als sie behauptete wohl innerlich doch nicht hatte „gehen können“, konnte Eda sich wenn sie unterwegs war oft vorstellen, dass er in anderer Kleidung einer der Jungen wäre, die lachend von der Schule heimgingen oder witzelnd auf dem Weg zum Sportplatz waren. Sogar der Junge, der auf einem Viererplatz den Kopf an die Scheibe gelehnt hatte, sein Smartphone hielt und mit dem anderen Arm seine Freundin umarmte war ein Paul – nur dass er Johnny halten würde -, Eda hatte die beiden so verborgen unter einem Baum in Miriams Garten gefunden und das Leuchten in den Augen nicht vergessen.

Sie hatte genickt und war gegangen, das war alles, was die beiden brauchten, Miriams Blick hatte sich verschleiert und gesenkt und ihre Stimme sich seitdem erhöht (das war etwas anderes als erhoben) wie die Klinge einer Schneidemaschine.

Auf der Straße trug der Wind eine leere Plastiktüte, einen Kosmetikeimerbeutel, vor ihren Füßen her und Eda dachte an die Fallschirmspringer-Spielfiguren aus ihrer Kindheit, die ihr Vater sie nicht hatte fliegen lassen, weil das einen Eintrag in die Akte geben würde, wenn es die falschen Leute sähen, seit den Astronauten konnte man keinem mehr trauen. Eda hatte zu der Zeit nicht verstehen können was an dem Wort falsch war, aber wenn sie es jetzt dachte, musste sie an ein Brot und die Schneidemaschine, deren Klinge durch weiße Tücher hindurch den Kopfknust vom Laib trennte denken.

Für die Etüden. Ich kannte eine Frau, geboren 1982 in Sachsen, über die als Kind eine Stasi-Akte angelegt wurde weil sie Astronaut statt Kosmonaut sagte. Das war bevor ich an einer Schule, deren Gebäude zwei Parzellen von der Kirche einer amerikanischen Religionsgemeinschaft entfernt war gearbeitet habe. Die hier Lesenden, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind haben vielleicht eine Assoziation mit den weißen Tüchern. In Köln gab es vor Jahren einmal einen Laden mit Ostprodukten, das letzte Mal, dass ich da war hatte der Besitzer die original Battailon d’Amour-Single von Silly ausgestellt, der Text fängt an „Wie weiße Tücher…“ Ich kannte das vorher nicht, die Band muss im Osten beliebt gewesen sein.

Gottgeschenke V

Manuels Kopf auf meinen Knien erzählt plötzlich, dass er mal eine Frau Monat kannte.

Ich weiß nicht was er meint oder wie er darauf kommt, in meinem Kopf ist so viel Theo, dass ich nicht mitbekommen habe, dass er die ganze Zeit über gesprochen hat und mein Mann ins Zimmer gekommen ist.

Der kennt einen Herrn Monat, einen Handwerker aus Polen.

Ich begreife das Gespräch trotzdem nicht, nicht einmal das Wort, es scheint mir nur seltsam verbunden mit Theo, mir und dem Hund, eher noch mit John Deere zu sein, denn darüber hat Theo damals den Rest des Weges beim Gehen gesprochen. Es war ein Schlurfen mit den Händen in den Hosentaschen und dem Blick auf dem Boden, so wie schüchterne junge Männer vielleicht gehen, aber ich sah damals nicht die Scham, sondern Wut über die Ungerechtigkeit der Absage.

Ich hatte ihm doch nicht in die Augen gesehen. Vielleicht hätte ich dann gemerkt, dass er sich ertappt, geoutet fühlte.

Ich roch auch nichts.

Ich fragte Theo auch nicht was genau er bei John Deere wollte, hätte ich das, wenn ich gewusst hätte was für ein Name in seinem Ausweis stand? Den musste er schließlich in die Bewerbung schreiben – Frau Dorothee… – und ein Mädchen in dem Alter, das sich in dem Ausmaß für Traktoren und Landwirtschaftsfahrzeuge interessierte galt als mindestens fragwürdig.

Installment Nr. 5 für die Gottgeschenke (alles bisherigen Teile hinter dem Link), mit diesen einzubauenden Worten.

Ausriss, uneditiert

Ich habe ein Wort gefunden. Und ich glaube es passt auf das, was ich textlich mache, denn im klassischen Sinne als Schreibende sehe ich mich ja nicht. Das darf ich auch nicht, denn ich habe festgestellt, dass ich dann zu sehr versuche. Nur weil ich wieder kann. Und dabei das vergesse was ich wirklich gut kann. Ich bin keine für lange Texte oder Regeln, an die es sich zu halten gilt. Das merke ich schon daran, dass ich die Überarbeitung der „Susanne“ auf Eis gelegt habe, weil ich zwar weiß, das Stück wird zusammenschrumpfen und vielleicht auch nochmal ganz anders werden, aber ich habe derzeit keine Lust mich durch so einen Koloss – für meine Begriffe – zu wühlen und auch an den Abweichungen. Ich war zu voreilig als ich mir vorgenommen hatte eine Sammlung daraus zu machen, nur weil Materie und Form gut ist. Ich habe fast ein Jahr gebraucht bis ich dieses Jahr die Latüchtengeschichte in ähnlicher Qualität geschafft habe, das soll mir zeigen, dass ich solche geplanten, nach irgendwelchen Regeln gemachten Stücke vielleicht einmal im Jahr kann.

Das Wort, das ich gefunden habe passt in gewisser Weise, wenn man es etwas (um)dreht auf das, was ich eigentlich kann und das was mir auch leicht fällt, diese kurzen, aber prägnanten Stücke.

Das Wort ist Ekphrasis. Es bedeutet eigentlich die Beschreibung anderer Kunstformen in Poesie oder Prosa, aber ich glaube, ich kann mir dieses Wort erlauben, weil ich nie in Sätzen oder Worten denke, sondern nur „Filmszenen transkribiere“. Außerdem gefällt es mir. Wenn ich sage Ich bin Ekphrasikerin, dann fühlt es sich nicht falsch an und es klingt auch irgendwie technisch, vielleicht sogar pathologisch an, ist also kein schönes Wort. Ich wollte kein schönes Wort für das, was ich tue.

Wenn ich mir überlege, dass ich ein Projekt wie Die Herkömmlichen* gemacht habe, das nicht nur eigentlich für Leinwände angedacht war, sondern auch (m)eine Familie beschreibt, die dermaßen extrem ist, dass man objektiv denkt Es muss ein Film sein – wenn ich die alle, mich inklusive, nicht kennen würde, ich täte das im ersten Moment -, also etwas künstliches – wir sind ein künstliches Gebilde in unserer Dysfunktionalität -, dann passt es auch da.

Ich weiß nicht ob es seltsam ist, dass mir ein Wort für dieses Tun erst dann kommt wenn ich es nur noch im virtuellen Rahmen nutzen kann. Ausstellen kann ich wegen dem Gesetz ja nicht mehr. Und vielleicht ist das komisch Wo bist du denn künstlerisch hingekommen? Du hast einen Haufen mehr oder weniger öffentlicher Blogs mit deinem Zeug und was nützt das?!, aber dann auch wieder nicht. Hätte ich Die Herkömmlichen nicht online gezogen, hätte ich sie gar nicht zeigen können und hätte nicht gelernt, dass ich das kann, was am Anfang meine Sorge war. Und was die literarischen Dinge angeht, seien es die Fingerübungen in den Tintenklecksen – morgens zwischen Halbschlaf und wach – oder auch die Abweichungen, auch da, ohne wüsste ich doch gar nicht, dass ich es kann und würde vielleicht auch meine Stärken nicht so klar sehen. Den Lerneffekt bringt keine ISBN (die ist sowieso überbewertet heutzutage und ebenso jedes Äquivalent bei Ebooks), das haben Sie nur bei einer zwar kleinen, aber treuen und manchmal sehr konstruktiven Zahl Lesenden. Das ist mehr wert.

 


*Die Herkömmlichen sind ein abgeschlossenes Projekt für das ein Passwort angefordert werden musste, da es sich um ein autobiographisches Projekt über einen Aspekt der Gewalt an meinem Bruder handelt. Ursprünglich sollte es etwa zehn Tafeln füllen, wuchs jedoch auf über fünfzig Teile an.

 

Barricade

Ich kann sie nicht dafür verantwortlich machen, dass ich hier sitze, Silke starrte auf die verdreckte Windschutzscheibe und scheute sich den Schlüssel abzuziehen. So saßen Leute mit Beziehungsproblemen im Auto, aber all the rage back home kam von Anita, die sich überall rein mischte und aus Gründen, die nur sie selbst verstand zu erwarten schien, dass Silke als einzige Tochter den ganzen Tag zu Hause zu sein und nur darauf zu warten hatte, dass sie „Hopp!“ sagen würde.

Silke seufzte.

Die Band hieß Interpol und die wussten nicht nur was von „All The Rage Back Home“, sondern auch „Everything Is Wrong“, wenn das keine Ironie war.

It starts to feel like a barricade, to keep us away, to keep us away…

Ja, Barrikaden – hätte sie schon früher konsequenter sein sollen, Anita war ja nicht erst seit der Trabantenstadt so, obwohl ihr die neue Wohnung dort sicher den letzten Zacken aus der Krone gebrochen hatte. Wenn man sie kannte. Kannte man sie nicht, dann nicht, denn dann war Anita die Honigpumpe in Person.

Silke seufzte noch einmal. Morgen würde sie beim nächstbesten Discounter eine neue SIM-Karte kaufen und die Nummer wechseln.

 

Für die beim Unverlinkbaren, die so ähnlich wie Silke heißt und die Etüden mit einer zitierten Zeile aus „Barricade“ von Interpol (Autor Paul Banks). Solche Momente, in denen wir einfach nur fertig sind, weil unsere „Blutsauger“ [Wort von der, die so ähnlich wie Silke heißt] uns aussaugen haben wir Angehörige alle. Auch die mit „normalen“ Alkoholikern oder „normal“ psychisch Kranken.

 

 

Trabanten

Eine Etüden-Sonderedition extra für Christiane mit einem zusätzlichen Wort. Aufgrund dieses Extrawortes – Link führt zum entsprechenden Kommentar, Christiane kann gern auflösen – ist mir weder eine andere Zeitspanne (außer noch früher) noch ein anderer Kontext (in Deutschland) möglich.

 

Die Wand ist alles: Angst und Ausbruch, Scham und Stolz, Naivität und Reife. Der Rauch und die Geräusche dazu das, was Ralf nicht sein will und nach dem sich gleichzeitig alles in ihm zehrt, weil es ein Zuhause und eine Identität verspricht, jetzt in dieser Zeit, in der es anscheinend sicherer ist in Düsseldorf als in Berlin zu ficken und gleichzeitig gefährlicher, weil der Mangel an Kunde nur eine trügerische Sicherheit ist.

Jeder weiß, dass jeder könnte, keiner weiß, ob er schon hat und man sieht ratlos über den großen Teich und verflucht Gallo, weiß nicht ob das Pumpen per Hand nicht doch das einzige ist, das nicht den Tod bringt.

Herbert hatte „Honigpumpe“ gesagt und war dann mit einem Kerl verschwunden, Ralf hatte noch Ulrich zugehört, der gesagt hatte, die Community sei jetzt wie eine Trabantenstadt, eine Stadt voller Trabanten, die um das Virus kreisen, Dietmar fand eher wie ein Mörder, den Interpol nicht zu fassen bekam, aber das traf ihm nach auch auf Gallo zu. In den USA sollte bald ein Buch mit einer Chronologie erscheinen.

Henning trinkt sein Bier und lacht, weil der Typ, der es geschrieben hat mit Vornamen Randy heißt und das geil bedeutet und Ralf zuckt zusammen, weil er weiß, dass Henning, sollte das Buch auch auf Deutsch erscheinen nicht mehr da ist.

Er sieht aus wie der Tod, gut möglich, dass sie sich zum letzten Mal sehen.

Die Wand ist alles, auch das Gefühl, dass es nicht sein kann, weil Henning alles ist, was Ralf gern wäre, nur ohne die Krankheit und es wird schwer sein ohne sein offenes Ohr und die guten Worte.

Eine Tunte in rosa Federfummel kichert unverständliches mit bona, cartso und omi-polone, geht auf die Bühne – keine Dragqueen, eine richtige Tunte – und ein Kerl setzt sich an das Klavier auf dem ein Kerzenhalter steht. Sein Anzug sieht aus wie aus nachtblauem Glitzerpapier, die Ärmel sind zu lang als er die Tasten prüft, die Tunte prüft das Mikro.

„Ein bisschen Boogie-Woogie a la Liberace“, lacht der nachtblaue Anzug mit Akzent und legt los.

4.32h, erster Kaffee

Ein Geburtstags-Klecks für Nicole aus der Truppe beim Unverlinkbaren, die nicht in den Tintenklecksen liest – weshalb sich das nicht dort findet – und früher Boyband-Fan war. Meine freundlichen lesenden Menschen sind empathisch, sie muss den Tag familienbedingt mit ihrer Mikesch zubringen.

Katrin stellte das Radio aus. Es war ein seltsamer Moment, so ähnlich wie vor einigen Jahren vor der Litfaßsäule, an der sie das Plakat gesehen und sich gefragt hatte warum der Fünfte fehlte, bis sie sich dunkel an eine Schlagzeile Ende der Nuller erinnerte. Herzkrank, tot. Gerade der war Lucys Liebling gewesen.

Bristol-Lucy, ihre Brieffreundin aus der Zeit als die Band aktiv und jung war. Damals als es noch Maxi-CDs gab und Lucy darüber verwundert war, dass es in Deutschland keine „cassette singles“ gab, Katrin aber noch nicht ganz durchblickte warum einige Lieder nur in bestimmten Ländern veröffentlicht wurden. Sie kannte eines, das Lucy nicht kannte, dafür hatte es die Debüt-Single nie außerhalb von Irland und UK gegeben. Katrin hatte die Poster in den britischen Zeitschriften bewundert, die mageren aus den deutschen konnten dagegen nicht anstinken. Sie war unendlich froh gewesen als ein Mädchen aus Schottland, Mhairi, ihr anbot britische Poster und Zeitungsartikel über die Band gegen deutsche über Caught In The Act zu tauschen. Die hatten in UK den Durchbruch nicht geschafft (Katrin konnte verstehen warum).

Katrin stellte den Apparat wieder an, das Lied war noch nicht zu Ende. Sie schluckte und sah plötzlich das Fan-Club-Magazin und sich selbst in der Schlange bei der Post für die Internationalen Antwortscheine anstehen vor ihrem inneren Auge. Hingen da noch die Terroristensuchplakate wegen der RAF?

Sie hörte sich summen, dann singen. Dada- dada-da-dadada.