Muh-enchner Farbenlehre

oder Leserwunscherfüllung

Der 2.000ste Kommentar kam von Gerda und wie von mir versprochen gab es dafür einen Wunsch erfüllt, sofern im Rahmen dieses Blogs machbar.

Gerda hatte einen und man könnte sagen, dass dieser Wunsch an die Grenzen stößt, denn es hat seinen Grund warum es in nichts, das ich mache Abbildungen gibt. Ich kann Bilder in Texten nicht leiden. Wenn andere sie nutzen, dann kann ich mich damit arrangieren und darüber hinwegsehen, aber ich muss mich nicht selber stören. Weil Augenmensch Gerda und ich uns aber nun schon länger kennen und ich weiß, dass sie sich wirklich darüber freuen wird, gibt es dieses eine Mal eine Ausnahme. Gerda wünscht sich „…dass du einmal ein Bild postest, das du besonders schätzt oder mit dem du Besonderes verbindest.“

Fündig wurde ich nachts im Halbschlaf bei Franz Marc.

Franz Marc "Kühe unter Bäumen"
Franz Marc „Kühe unter Bäumen“ bzw. „Kühe unter einem Baum“ (1910/11) [Es kursieren beide Bezeichnungen]

Das, was sie hier sehen ist aus einem älteren teneues Kalender eingescannt – als © wird dort apk-images angegeben – und kommt den Farben des Originals näher als die sehr dunkle Version auf Wikimedia Commons.

Das Original hängt im Städtischen Kunstmuseum in Mülheim an der Ruhr als Teil des ständigen Bestandes. Ich habe es dort über die Zeit mehrmals besucht, wenn ich in der Gegend war, aber meine erste Konfrontation damit war vor einigen Jahren während der Gemeinschaftsausstellung zur Freundschaft zwischen Marc und August Macke in einem fast komplett abgedunkelten Raum, als ich durch die Durchgangszimmertüren in einen anderen ging.

Ich wollte eigentlich nur in einen Raum gehen stand aber plötzlich im Abstand von ein paar Metern dieser „Wand“ gegenüber. Drum herum alles schwarz, nur ein gut gesetzter Strahler und darunter die „Kühe“.

Das Original hat starke Leuchtkraft und inmitten dieser dunkel gehaltenen Räume mit diesen unglücklichen Biographien – WOMM! – diese vitalen grün-gelb-orangenen Kühe.

Wortwörtlich ein Farbschock.

Ich habe damals vielleicht fünfzehn Minuten alleine mit diesem Bild in einem Raum gesessen und versucht das Gefühl zu ordnen. Es war einerseits gerade dadurch sehr präsent, dass Franz Marc nicht wesentlich jünger als ich damals war gewesen ist als er das gemalt hat, aber auch nicht wesentlich älter geworden ist. Marc war Jahrgang 1880, ich bin Jahrgang 1980, beide aus Münchner Familien und wenn ich planmäßig zur Welt gekommen wäre, hätte ich vielleicht Franziska geheißen. Andererseits war da eine ganz tiefe Ruhe. Und dann einfach Überwältigtsein. Letzteres habe ich jahrelang nicht verstanden und es immer auf die Geschichte und die Farben gelb und orange – die für mich mit meiner Großmutter zu tun haben, außerdem ist gelb meine Lieblingsfarbe – geschoben.

Manchmal bin ich – wenn ich irgendwo in der Nähe war -, extra zur „Kuh-Meditation“ nach Mülheim gefahren und in dieses Museum gegangen.

Manchmal, bei späteren Besuchen, mit Unwohlsein. Kein starkes, eher diffus und ich dachte immer es hinge mit dem generellen Effekt dieses Bildes auf mich zusammen. Bis ich merkte, es ist der grün-blau-violette obere Bereich. Insbesondere das Grüne der Bäume drängt sich aus dem Hintergrund nach vorne über das positiv besetzte gelb-orange Kuhstück.

Dieses Grün in Kombination mit blau und violett ist ein Traumatrigger. Viele Dinge, die ich als Kind besessen habe hatten diese Farben. Auch das helle Grün der Wiese zähle ich dazu, es hat durch den Gelbanteil aber eine Mittlerfunktion. Da drängen sich also grüne Bäume aus dem Hintergrund der Kindheitsfarben über die gelb-orangenen Kühe, die die Freiheit und das Erwachsensein bedeuten und integrieren sich in ein Bild. Man kann Vergangenes neutral sehen, aber man kann es nicht (zumindest nicht gesund) abspalten, sondern muss es integrieren, um weitergehen zu können. Die gelbe Kuh (gelb stand bei Marc für das Weibliche) auf dem Bild macht den Eindruck als wäre sie im Begriff an dem Baum vorbei zu gehen – eine Momentaufnahme in Bewegung. Sie geht irgendwo hin, wo der blaue Bereich zwar präsent ist, denn er ist ja nicht weg, aber sie geht daran vorbei, sie geht weiter, nach vorne – vom Betrachter abgewendet in die Bildtiefe hinein – weg. In die offene Weite.

Bis mir der Zusammenhang auffiel hat es mehr als ein Jahr gebraucht. Ich war und bin in der Familie oft genug die „blöde Kuh“ – und das ist noch harmlos – und ich bin die einzige, die aus dem kranken Skript ausgestiegen ist. Ich führe denselben Nachnamen wie in meiner Kindheit und ich werde an bestimmten Orten nach wie vor eindeutig meiner Familie zugeordnet. Manchmal, weniger gut, meinem Vater, manchmal, besser, meiner Großmutter – auch so einer „Kuh“, die nach vorne gegangen ist, vorbei an dem, wo andere sie haben wollten. Die Firma war ein Frauending, zu einer Zeit wo das gar nicht so einfach war. Damit ist gemeint um einiges schwerer als heute, es mussten der Gesetzeslage halber einige Dinge über meinen Großvater angemeldet und abgewickelt werden, der zwar von weder noch Ahnung hatte, aber ein Mann war und auf den Papieren stehen musste, weil Frauen das noch nicht durften.

[Man überlegt sich mal, dass vor ungefähr fünfzig Jahren Frauen in Deutschland noch die Genehmigung ihres Ehemannes benötigten wenn sie arbeiten wollten. Da kann man sich ausmalen welche Hürden es für eine Frau gegeben hat in den 50er Jahren ein komplettes Business aus dem Boden zu stampfen und dann auch noch eines in der Männerdomäne motorisierter Fahrzeuge.]

Der Kalender, von dessen Hinterseite das gescannt ist, weil ich nirgendwo online in den freien Ressourcen etwas finden konnte, das so annähernd an die Farbintensität wie dieser Druck herankommt, ist ein Großformat und schon lange nicht mehr gültig. Die Seite mit den „Kühen“ – hängt einzeln an einer Atelierwand. Zwar nicht auf schwarz und ohne Rahmen, aber den brauche ich auch nicht.

Nun, liebe Gerda und liebe sonstige Lesende, das ist sowohl schätzen als auch eine besondere Verbindung, oder?!

Leicht zu reinigen

Für Christianes Etüden-Pausenspiel, angeregt durch die Zwangseinweisungen. Dass der indirekte Protagonist Christian heißt hat nichts mit Christiane zu tun, sondern damit, dass sich viele dieser Einrichtungen ach so humanes Christentum auf die Fahnen schreiben. Grüße an Anja, die zwangseingewiesen wurde. Wer hier länger liest, kennt die Geschichte.

 

Was wirst du sagen wenn Leander dich eines Tages fragt Warum hast du nichts getan, Oma? Warum hast du zugesehen wie sie Onkel Christian holten? Kannst du dann ehrlich antworten, dass du sein Leben lang, die ganzen vierzig Jahre auf diesen Befreiungsschlag gewartet hast, dass deine Trübsal genau mit dem Moment endete und deine Wunde für die es kein Pflaster gab wie durch ein Wunder heilte? Das müsste doch ehrlich sein, wenn man dich noch nett genommen wahrnimmt. Oder hast du damit wieder nichts zu tun? So wie damals schon als wir als Kinder im Fernsehen die Bilder vom Sonnenblumenhaus und aus Solingen sahen und es schrecklich fanden, dich das aber nicht berührte, denn du warst ja nicht betroffen, weil es dich nicht treffen kann. Du bist ja nur du. Aber du bist nicht egozentrisch und es muss immer einen Ausweg geben, das Schreiben schwarz auf weiß in Christians Händen konnte nicht die Wahrheit sein. Das kann es doch nicht geben. Man muss es auch nicht übertreiben, das ist nicht Euthanasie 2.0, die bringen heute keine Leute um und das im Fernsehen, das sind Ausnahmefälle. Vielleicht geht es Christian sogar besser im Heim… Schokokeks, wie immer.

Leander hatte das Kuvert in der Hand. Du weißt, er kann noch nicht lesen. Aber das muss er auch nicht, er weiß was passiert ist. Für ihn war nicht Onkel Chris verkehrt, sondern die Leute, die keine Rampen bauten und auf der Straße starrten. Es ist schwer, dass du dich nicht jetzt zu schämen beginnst.

Der Brief ist wie dein Hass ein böser Flaschengeist, der sich eine Bahn nach außen brechen konnte und Christians letztes Heimzimmer das Vakuum der Flasche. Weiß und steril, leicht zu reinigen. Dass er jetzt tot ist, ist eine Flaschenpost. Für dich in einer Himbeersaftflasche, für alle anderen in Absinth.

Über die Fremden

Christiane ruft ein neues Etüden-Pausenspiel aus und H. von them lot hat gestern von einer Begegnung mit einem Menschen, der die Amischen verlassen hat erzählt. Ich habe zugegebenermaßen keine Ahnung davon, aber irgendwie ähnlich könnte das sein:

 

Die Leute, die aus der Stadt mit den großen Autos kamen kannten solche Blumen nicht. Nur eine Sonnenblume und wir hatten gedacht, die gibt’s überall, aber sie machten sich nicht nur über unsere Kleidung und die Fuhrwerke lustig. Das ist das Schlimme: Man darf nicht gekränkt sein. Man darf sich nicht wehren wenn sie einen wie eine Stadtpuppe im altertümlichen Kostüm anfassen und munter drauf los fotografieren, Gott will das nicht, und man muss denken, dass es nicht richtig ist; dass man weiß, dass diese modernen Stadtmenschen denken, dass man Trübsal bläst. Eigentlich muss man so tun als ob sie gar nicht da wären, sie verstehen ja doch nichts davon.

Einmal war während der Feldarbeit eine Familie mit einem kleinen Kind und einem Mädchen da. Wir haben sie nicht um ihre Kleidung beneidet, aber wir wollten alle das, was dieses Kind in der Hand hielt. Ein Stadtgebäck, das es bei uns nicht gibt, es heißt Schokokeks.

Das Mädchen sah so zu uns wie wir von ihr wegsahen, damit Gott uns nicht sah. Es fragte die Mutter nach unseren Hauben.

Die Frau sagte was wir sind, etwas anderes und „Die kommunizieren hier noch mit Flaschenpost.“

Dieses Wort hatten wir nie gehört.

Hydrologie ist die Lehre vom Wasser

Das, was Sie da unten lesen ist ein winziger Ausschnitt, leicht verfremdet und fiktionalisiert, aus dem hier keine Rolle spielenden Komplex dergl hätte im Schloss gespielt. Wer die Herkömmlichen kennt merkt vielleicht an der Lesart, dass dieses Stück biographisch ist. Samuel hieß allerdings nicht Samuel und ich heiße nicht Emma, außerdem war er kein Wasser-, sondern ein Regenmaler. Aber „Wassermaler“ zählt zu Christianes Worten und die habe ich eingebaut, weil sie in der Realität damals zwar nicht vorkamen, aber in gewisser Weise passen. Es war vor etwas weniger als zwanzig Jahren.

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Eine Kindheit im Sommer

Eine Fiktion für Michael und seine Kinder.

[Wenn es bei Prince nicht klappt, klopf mal bei Herrn Vearncombe oder Herrn Moebius (egal welchem) oder geh zu Herrn Sperber, vielleicht singt auch Herr Bowie mit dir.]

 

Ein Raum. Anna fällt schwer sich hier eine Kindheit vorzustellen. Eine Kindheit im Sommer zumal, so wie sie sie kannte. Eine endlose Kindheit aus Wasserbällen, Sandburgen, Taucherbrillen, dem ersten Schwimmen ohne Schwimmflügel, Eis und Fruchtsaftbowle. Aber es ist auch schwer für sie sich hier keine Kindheit vorzustellen, denn Fabian hat eine gehabt. Mit Matratzen und Bücherregal, dem alten Lederkoffer auf dem Schrank und dem geblümten Liegestuhl draußen, beides viel älter als Fabian selbst.

Alt konnte man in dieser Wohnung nicht werden, die Bilder scheinen wie aus einer anderen Zeit und aus diesem Leben herausgefallen.

Anna versucht nicht die Bilder aus den Menschen hier zu sehen, stattdessen versucht sie es mit den Menschen aus den Bildern. Hier, in diesem leeren weißen Raum. Diese lachenden Männer auf den Papierfotos, so viel geduldiger als alle Speicherkarten, diese fröhlichen Stimmen vom rauschenden Tonband, die Fabians Vater noch immer hört, diese Menschen, mit denen er immer noch spricht, deren vergessene Telefonnummern er immer noch kann.

Man kann damit alt werden. Es ist so kontrollierbar wie Diabetes. Man könnte jetzt Sex haben ohne jemanden anzustecken.

Wie groß muss die Angst damals gewesen sein, wie klein der Selbstwert um das alles in Kauf zu nehmen?

Anna weiß, dass diese Fragen falsch sind. Frank, der Mann mit dem Schnäuzer auf den Bildern hatte Frau und Kinder gehabt, aber auch die Bluterkrankheit. Felix, fast noch jugendlich, war Krankenpfleger gewesen. Fabians Vater hatte die falsche Frau, ein Mädchen aus dem Milieu, geliebt. Vor Fabian.

Jahre vorher.

Der einzige Schwule in diesem Raum war Matthias gewesen und der, als einziger, hatte es nicht gehabt. Aber auch er lebt nicht mehr.

Nur Karsten, der ist diesen Sommer noch da.

Eine Schwesterngeschichte

Christiane macht wohlverdient Etüden-Pause und ich erzähle Ihnen die Geschichte von Lea und ihrer Schwester Maura.

 

Ich glaube, der größte Schock meines Lebens ist der Kuss zwischen Sarah und meiner Schwester gewesen. Damals in Mauras altem Zimmer als die beiden die Möbel zusammenräumten. Bis dahin hatte ich Sarah für eine Dolmetscherin gehalten, jemanden, der einfach helfen wollte. Die Tür war beinahe zu, aber ich sah die beiden durch den Spalt in einer Ecke an der Wand stehen und meine Schwester hatte ihre Hand in Sarahs Nacken und die ihre Arme um Mauras Hüfte, ganz in der Ecke stand noch der Tisch auf dem die Bananenpflanze gestanden hatte. Die war schon in Mauras Auto.

Seitdem kann ich die beiden nicht mehr ansehen. Ich hatte eine kindische Wut, vielleicht auch da schon Neid und verstand das Gefühl selbst nicht. Es ist nicht dasselbe wie wenn ich die beiden heute zusammen sehe und zur gleichen Zeit ist es genau das, nur dass ich es heute benennen kann. Ich habe Angst, dass Sarah sie mir wegnimmt. Damals, als ich glaubte, Sarah sei eine Dolmetscherin war sie da, damit ich Maura haben konnte. Darauf hatte ich ohne es zu denken vertraut. Ich hatte die Sprache nicht gelernt und Maura war immer in Gehörloseninternaten gewesen und Sarah war die, die uns zueinander brachte. So hatte ich mir das vorgestellt, weil meine Mutter nur wenig gebärdete.

Heute weiß ich natürlich, dass Sarah mir meine Schwester längst weggenommen hat und ich weiß auch von Maura, dass sie mich nicht als ihre Schwester sieht, weil wir zu weit auseinander sind, ich könnte altersmäßig ihr Kind sein. Aber es tut trotzdem weh. Ich hätte gern eine Familie gehabt. Dass ich keine habe, habe ich früher natürlich nicht gedacht.

 

Das Wort für meinen Gebärdennamen ist Regen. Es ist das Wort, das ich in Mauras Sprache sage nachdem ich meinen Namen buchstabiert habe. Manche Gebärdennamen ändern sich irgendwann, meiner ist derselbe wie in der Kindheit. Maura sagt, weil ich als Kind die Geschichte vom Sterntaler mochte, sie das mit der von Frau Holle verwechselt hat und ich als Vierjährige Schnee und Regen nicht unterscheiden konnte. Ich kann mich tatsächlich erinnern, dass sie irgendwann während der Ferien zu Hause war und wir mein Märchenbuch durchsahen. Aber manchmal denke ich, dass ich Regen heiße, weil meine Mutter mir nie gesagt hat, dass sie durch meine Geburt vom Regen in die Traufe gekommen ist.

 

Sarah trocknet Wassergläser ab. Ich bin nicht gerne mit ihr alleine und schon gar nicht in Mauras Küche. Ich muss mir sagen, dass die Küche Maura und Sarah gehört, wahrscheinlich sogar nur Sarah, weil Maura nicht viel verdient. Und ich muss mir sagen, dass ich freiwillig hier bin. Ich komme immer hierher wenn ich es zu Hause nicht aushalte. Ich hätte damit rechnen müssen, dass nur Sarah zu Hause ist. Beim Putzen ist man gegen Abend weg.

Ich weiß noch nicht mal warum Sarah mir alleine so unheimlich ist. Sie ist nett, sie hat mir nie etwas getan und es war Sarah, die mir damals die Couch angeboten hat, wenn es gar nicht anders ginge und mir außerdem ihre Handynummer gegeben hat. „Manche Dinge muss man besprechen“, hatte sie gesagt und das Wort besprechen eigenartig betont. Mir fiel damals nicht auf, dass Maura nie „sprechen“ sagen würde. Meine Mutter sagt das Wort oft.

Vielleicht liegt es daran, dass ich weiß, dass Sarah selber ein Kind hat. Pauline kommt samstags alle zwei Wochen, sie wollte bei ihrem Vater bleiben und für den Vater und Sarah war das okay. Ich kann nur „der Vater“ denken, aber Sarah hat mir gesagt, dass er Dennis heißt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Mann ist. Wenn ich das tue muss ich immer an eine Szene mit Olaf denken. Ganz am Anfang hatte er einmal über Sarah gesagt „Die sieht aus wie John Deacon mit langen Haaren.“ Sarah hatte sich geschämt und Maura gefragt wer das sei und dann hatte unser Vater eine Schallplatte geholt und auf einen der Männer auf dem Cover gezeigt. Maura hatte gekichert und gesagt „Ja, stimmt“ und dann Sarah, das sei ihr nie aufgefallen, obwohl sie die Band möge. Dann hatten sie alle gelacht und ich die Situation nicht verstanden. So etwas passierte oft, sie redeten von Dingen für die ich zu jung war. Nicht noch zu jung, sondern zu jung weil sie vorbei waren. Olaf setzte Maura an dem Abend vor die Stereoanlage, gab ihr Kopfhörer und wollte wissen ob sie etwas wahrnehmen konnte, dann spielte Sarah das Lied auf seiner Gitarre und Maura saß mit dem Kinn auf ihrer Schulter halb neben ihr und fühlte die Vibrationen mit. Sie wollte wissen worum es in dem Lied ging und Sarah meinte ums Sterben. Olaf sagte, auf Deutsch würde man sagen „ins Gras beißen“, aber so etwas versteht Maura nicht. In dem Moment, in dem er das sagte hatte ich das Gefühl, die Sommersprossen auf meinem Arm hatten die Farbe von Sarahs Haaren.

 

Sarah wirft einen Zettel in den Müll, den Maura geschrieben hat. Ich weiß nicht wann oder über was und es ist ganz normales verdrecktes Altpapier, aber ich stelle mir vor, dass Sarah sich ohne es zu zeigen über die Rechtschreibfehler aufregt. Als Maura ein Kind war hat man an Gehörlosenschulen nicht vernünftig schreiben gelernt. Zu mir hatte meine Mutter gesagt, ich solle nach Gehör schreiben. Fragen beantwortete sie nicht. In gewisser Weise mache ich das heute noch. Ich schreibe nie „Qualifikation“, weil die Leute nur „Qualle“ sagen und im Englischunterricht schrieb ich früher „qualm“ statt „calm“. Als meine Mutter deshalb beim Elternsprechtag gefragt wurde sagte sie dem Lehrer nur, ich hätte halt eine gehörlose Schwester, die könne das auch nicht richtig. Mehr nicht. Ich schämte mich und wusste nicht warum für Maura. Es war immer Maura. Die Entschuldigung für alles um das sich meine Mutter nicht kümmern wollte. Als Kind habe ich das nicht verstanden, da war nur ein komisches Gefühl, wenn ich mich selber fragte Wieso Maura? Die ist doch gar nicht da.

 

Irgendetwas im Raum ist anders. Ich denke zuerst, es kommt vom Kühlschrank, denn der ist ziemlich laut, aber es ist der Ventilator. Der Kühlschrank surrt noch, aber die Lüftung ist weg. Sarah steht am Fenster und raucht.

Maura ist doch gar nicht da, hallt es in meinem Kopf. Machen ohne Maura eigentlich alle was sie wollen? „Deine Freundin hat Asthma“, sage ich.

Sarah zieht und bläst den Rauch aus. „Was meinst du warum ich am Fenster stehe?“

„Trotzdem.“ Meine Stimme klingt anders.

„Moment noch.“ Sie raucht zu Ende. Ich kann eine grade Reihe ausgedrückter Kippen auf der äußeren Fensterbank sehen. Wie Kreidestriche. Sie schließt das Fenster und stellt es kipp.

„Lea, was ist? Was war? Andrea ist unmöglich, aber dir kann keiner helfen, wenn du nichts sagst.“

„Es gibt hier kein Wir.“

„Maura und ich.“ Sie setzt sich. Mir fallen zum ersten Mal die Tabakkrümel auf dem Tisch auf.

Die Anspannung ist kaum ertragbar. Ich habe das Gefühl je mehr ich zu atmen versuche, je mehr schwillt alles in mir an. Das habe ich nur hier, nie irgendwo anders. Es gibt keine Worte.

„Lea, ich kenne das wenn man Eltern hat, die irgendwie nicht richtig sind.“

Im Kopf sehe ich die Schachtel im Badezimmer. Es müsste die Pille sein, aber es sind Antidepressiva. Ich hoffe, die gehören wenigstens ihr. Dann sehe ich den Umschlag, der im Flur gelegen hat. Abs. Pauline Waaßen, An Sarah Waaßen-Maler. Maura gebärdet den Nachnamen mit den Worten für Wasser und Maler. Wassermaler, wie diese bunten Seifenstifte für Kinder. Frau Wassermaler war mal Frau Maler und hat dann Herrn Waaßen geheiratet.

„Pauline, du nicht.“

Sarah sieht mich an. „Was meinst du?“

„Pauline kennt das, du nicht.“

„Meine Eltern waren auch nicht normal, du weißt das, Lea.“

„Bei dir ist keiner abgehauen.“

„Das bin ich auch nicht.“

„Und warum bist du dann geschieden?“

„Es ging nicht mehr anders, wir haben uns nur noch wehgetan.“

„Und wieso bist du danach zu einer Frau gegangen?“

„Ich weiß worauf du hinaus willst, Lea, du suchst eine Konstante.“

Ich verstehe nicht was sie mir sagen will und ich weiß nicht was ich sagen will, nur dass das Gespräch in eine völlig falsche Richtung geht.

Ich gehe an den Kühlschrank und nehme Zitronenlimonade. Das, was beim Eingießen daneben geht sieht aus wie ein einzelner Regentropfen. In dem Moment habe ich regelrechten Hass.

 

Ich bekam den Film nur beiläufig mit und ich wusste auch gar nicht warum ich ihn sehen wollte, nur dass ich nicht mit Maura und Sarah sitzen wollte. Einfach dasitzen, Kerzen und Kakao und da draußen der Regen. Ich war zu ungeduldig, so etwas ist für mich verschwendete Zeit. Also sah ich auf den Fernseher. Die beiden störten mich nicht. Der Vorteil an Mauras Sprache ist, dass sie keinen Ton hat. Aber irgendwann sah ich zur Seite, weil mein Trinkglas leer war. Meiner Schwester lag in Sarahs Arm, die Stirn in ihrer Halsbeuge und Sarah spielte mit ihren Haaren. Ich wusste damals nicht, dass es eine Szene wie der Kuss für mich war, auch wenn die Gefühle sich ähnelten. Wie ein Tritt in den Magen. Ich war älter jetzt, aber das konnte nicht sein.

 

Maura isst einen Apfel und lässt nur den Stiel über. Sie sieht müde aus und ist müde genug um den Phönix auf ihrem Arm nicht zu verdecken. Ein gehörloser Künstler hat ihn entworfen und ein schwerhöriger gestochen. Das war lange her, damals wohnte sie noch zeitweise bei uns obwohl sie erwachsen war. Meine Mutter regte sich auf, sie hätte das Geld doch besser in Hörgeräte investieren können, aber sie wolle ja nur nicht. Ich war noch in der Grundschule und hatte ungeplant früher aus. Ich weiß noch, dass ich in der Tür stand, meine Mutter von hinten sah und dachte Wenn hier einer nicht will, dann du! Hängst den ganzen Tag mit deinem Fettarsch im Liegestuhl auf dem Balkon und andere Mütter unternehmen bei Hitzefrei was mit ihren Kindern! Kim aus meiner Klasse hatte mich gefragt ob ich mit zum Schwimmen wollte, aber ich wusste, ich bräuchte zu Hause gar nicht erst fragen. Meiner Mutter würde irgendein Grund dagegen einfallen, entweder hatte sie die Schwimmsachen verlegt oder man dürfte neuerdings nur mit Badelatschen oder mit Seepferdchen in das Freibad. Deshalb dachte ich mir Gründe aus, weshalb ich nicht könnte und war innerlich wütend. Es war kurz nachdem ich keine Schwimmflügel mehr brauchte. Das war ein Grund zum Feiern, aber meine Mutter regte sich auf, dass meine Schwester nicht einsah für Hörgerate zu bezahlen, die ihr sowieso nichts nützen.

 

Maura steht so, dass der Phönix verdeckt ist. Ich achte nicht auf das was sie zu Sarah oder Sarah zu ihr sagt. Ich sehe nur die Wut in meinem Bauch. Die ist so rot-orange wie der Phönix.

Ich denke daran, dass ich als Kind immer geweint habe wenn zur Winterverabschiedung bei uns im Dorf der Papierschneemann ins Feuer geworfen wurde. Mir tat dieses Papierstück leid. Mauras Phönix erinnert mich an das Feuer.

Mir fällt auf, dass das ist weil Sarah gerade von einem Feuer redet. „…mitten im Sommer, Höhenfeuer nennen die das in der Schweiz. Ich habe das damals auf die Hormone geschoben, ich war schon schwanger, aber es machte mich traurig. Ich hatte das Gefühl, da oben, richtig hoch in den Bergen, brennt mein Leben. Dennis hat gesagt, da fängt etwas an, aber das konnte ich nicht annehmen.“

Ich weiß nicht, warum ich das alles verstehe, obwohl ich nicht gut gebärden kann. Vielleicht weil ich das Gefühl habe, sie spricht eigentlich von mir und dem Winterabschied. Mein Schneemann war Maura und ich wollte den Winter nicht verabschieden, weil es dann keinen Rückzugsgrund mehr geben konnte, keinen Grund für ein Zuhause, wenn alle anderen draußen waren. Maura hatte mir irgendwann erzählt, ihr hatte das Schneemann-Ritual Angst gemacht und sie konnte nicht verstehen warum die anderen Kinder sich dabei so freuten.

In dem Moment schlägt ein Hagelball gegen die Scheibe. Maura zuckt zusammen. Mir tut leid, dass sie das Trommeln des Regens nicht mitbekommt.

Adelheid

Heute Vormittag war sie einfach da.

Ich weiß nur noch nicht was ich mit ihr machen soll. Allerdings klingt Adelheid vom Namen her auf jeden Fall schon mal altersmäßig näher an Jule und Swantje wäre also vermutlich ein Fall für die Abweichungen, in denen ich gern wieder eine erwachsene Protagonistin hätte. Wenn ich denn ihre Geschichte kennen würde.

Kommt vielleicht noch.