Das Mosaik aus Eierschalen

Es musste eine Zeit gegeben haben im Leben zwischen den Jahren der Murmeln und dem Anhäufen von Habseligkeiten, aber wenn Christa danach fragte, erinnerte sich keiner dran.

„Ich war in der Verschickung, Christel, und wir hatten IMMER Hunger“, mehr sagte die Mutter nicht dazu.

Den Vater traute Christa sich nicht zu fragen, man sah die Familie komisch an, aber er war doch viel zu jung um zu den Mördern zu gehören, außerdem wäre er dann nicht mehr frei und die in Nürnberg, die waren doch jetzt alle verurteilt und damit musste gut sein.

Vielleicht guckten die Leute, weil die Familie des Vaters geflohen war, geflogen, wie er immer sagte, geflogen wie ein Zaunkönig. Christa hatte keine Ahnung was das war, wahrscheinlich ein Vogel, aber sie wollte es nicht wissen. Wieso so etwas fragen wenn das Wichtige ungesagt blieb? Nur aus dem, was gesagt wird kann man sich ein Mosaik fügen, alles andere gilt nicht.

Christa hatte ein Eierschalenmosaik an der Wand in ihrem Zimmer.

 

Für die Etüden, das kennen Sie ja. Das mit der Verschickung von Christas Mutter stammt aus der Biographie meiner Mutter und ich kam drauf, weil dieser Artikel zu denen gehört, die wer auch immer letztens in meine Statistik befördert hat. Damals waren Mikesch und ich bei Sabine Franek, die unter dem Titel Als die Soldaten Schäfer waren über ihre Kriegserlebnisse als Kind ausstellte. Auch der Rest kann so oder ähnlich in sehr vielen Familien, egal in welchem Teil von Deutschland passiert sein.

Five weeks to go

… hat H., die einzige Kanadierin unter them lot, mir heute Morgen gemailt. Sie zählt mit wie lange mein selbstgesteckter Zeitrahmen für die Erstversion der „Susanne“ noch geht und ist erstaunt, dass ich der Meinung bin selbst wenn ich in fünf Wochen nicht an ein Ende gekommen bin höre ich erstmal auf und mache etwas anderes. Es ist ein sehr langsames, völlig unplanbares, aber auch sehr spannendes Projekt. Als ich angefangen habe mit dieser Inkarnation glaubte ich, ich wäre wie mit den anderen Sachen, die ich nach dem Kollaps richtig gut gemacht habe, nach ungefähr zehn Seiten (maximal!) fertig, das Ding hat 41. Bis jetzt. dergl lernt Romanlänge. Way to go, lassie! [O-Ton auch jemand aus them lot.]

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Mir ist gestern die Frage gestellt worden worüber ich bloggen würde wenn ich bloggen täte. Der Mensch wusste nicht von den Fädenrissen. Aber er hat mich daran erinnert, dass them lot noch immer darauf warten, dass ich das Zeug, dass ich denen in ihren Verteiler poste irgendwo archiviere. Aber nicht als dergl. Ich möchte das trennen. Das eine hat mit dem anderen nur wenig zu tun und zweigleisig fahren will ich nicht. Obwohl ich mir sicher bin, dass diejenigen, die selber irgendwie irgendwas mit Kunst oder Literatur machen und hier lesen doch denken würden, dass das ganz bestimmt miteinander zu tun hat. Ich kann nur hier nicht so schreiben wie im Verteiler. Das hat auch damit zu tun, dass ich durchaus auf Englisch denken kann. Aber wie gesagt eben nicht auf Deutsch.

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Them lot haben mir übrigens nahegelegt: You should write an English language memoir or novel. Na toll. Ich kann das nachvollziehen, weil ich deren Reaktionen auf meine Verteilersachen kenne. Andere kennen mich nicht und diese Geschichte ist doch wirklich zu deutsch, als dass da jemand aus einem anderen Kulturkreis und ohne Geschichtswissen länger mitginge.

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Irgendjemand hat sich hier gestern wohl von Tausend Mutterbilder kommend durch eine nicht geringe Zahl sehr alter Beiträge gelesen. Gab es schon länger nicht mehr. Vielen Dank.

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Der Mit-Künstler hat bald Geburtstag und ich bin noch nicht zum Geschenke herstellen gekommen. Und zwar deshalb nicht weil ich nicht weiß was.

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In der Selbsthilfegruppe vom Handschuhschenker gibt es einen Brauch, wenn jemand Trockengeburtstag feiert: Die betreffende Person bekommt dann eine kleine Sammlung Süßigkeiten geschenkt. Seit ich die Bastelbücher habe geschah das zweimal in einer selbstgebastelten Schultüte in Eisform, die oben mit einer Kugel aus Pappmache statt Stoff verschlossen wird. Das kam gut an, schöne Idee. Ich habe auch eine Schultüte. Eine aus meiner merkwürdigen Sammlung. Die dürfte nun etwa 25 Jahre alt sein und ich habe sie bekommen von jemandem, für den ich seine Schultasche restauriert habe. Der Handschuhschenker schlägt vor, ich soll sie füllen für den Tag, an dem mein „Susanne“-Erstversion-Zeitrahmen abläuft. Als Belohnung fürs dranbleiben.

Ich habe keine Ahnung was ich da drin haben möchte. Bestimmt nichts von den Sachen, die ich während der „Susanne“-Arbeit im Atelier gegessen habe.

Them lot wollen’s wissen

Them lot have a couple of questions [sehr wahrscheinlich würde das of real nicht mitgesprochen werden], working hours and the like.

Very well. Ich habe keine. Keine hochoffiziellen.

Ich fange morgens um vier den Tag an, so gegen fünf erscheint mir vielleicht ein Tintenklecks und danach, falls denn Ruhe ist, mache ich meistens eine Stunde vor mich hin, bis um sechs Uhr ganz offiziell mein Feuerwehrterrorquadeinsammlerweltretterdienst anfängt. Heißt alle möglichen Kommunikationskanäle prüfen ob was war und wenn es mehr gab als nächtliches Generve wegen Kleinkram durch Mikesch, beginnt die erste Amtskorrespondenz. Mitunter brauche ich Anweisungen. Die Frage danach liest die Amtsfrau dann kurz vor acht und ich weiß so etwa gegen halb neun was zu machen ist und oft auch wie, ohne dass rechtlich irgendwer in die Bredouille kommt. Dann muss ich los. Meistens

Manchmal heißt früher Mikesch-Dienst auch, zumindest derzeit wo sie ohne Arbeit ist, Sozialtraining mit Madame. [„Nein, du isst das Automatenbrötchen nicht vor dem Bezahlen auf. – Ist mir egal, das sind kleine Kinder, du bist erwachsen und kannst warten bis du das bezahlt hast. – Gib Beispiel. Sonst machen das die größeren Kinder auch und machen es weil du es machst.“ Ich mag diese moralische Tour nicht, aber mitten im Supermarkt ist das manchmal die einzig wirksame Methode um sich verständlich zu machen.]

Oder K. oder die Mikesch-Tante beruhigen. Besonders gegen K., die sich nicht wehren kann, aber aufgrund der räumlichen Nähe oft die Erstdeeskalation machen muss, gibt es immer wieder sinnbildliche Tritte und gerne mitten rein in deren Trauma. Ich neige dazu zu empfinden, sie ist schwerer dran als ich. Sie kann sich zwar körperlich gegen Mikesch wehren, hat ihr aber psychisch nichts entgegen zu setzen. Und Mikesch spürt das und nutzt es aus. Das ist nur bedingt Teil ihrer Krankheit, sie war schon immer so, dass ihrer Ansicht nach kein anderer wirklich leidet, sie selbst aber so arm dran ist. An K.s Trauma gibt es nichts zu bagatellisieren. Es kann auch keiner behaupten, er hätte gekocht, nachdem er einem anderen Menschen die Bratpfanne über den Schädel gezogen hat. [Frei nach einem Spruch den ich mal an der Tür der Heidelberger Frauenberatungsstelle gesehen habe.]

Während all das ist läuft mein Kopf weiter. Das Stadtpoem entsteht in öffentlichen Verkehrsmitteln. In letzter Zeit etwas weniger, weil ich dieses Jahr so viel um den Kopf habe. Das merken Sie an den Beitragszahlen hier: Gerade wenn ich sehr gestresst bin, habe ich viel Output. Es gibt ja auch viel zu dokumentieren.

Wenn ich nicht raus muss, sondern nur die Büro-Variante vom Mikesch-Dienst habe, dann laufen morgens meist Blogs nebenher. So als Entspannung. Während ich etwas anderes mache. Paragraphen recherchieren, Gesetze lesen, im Mikesch-Dienst-Rahmen kommunizieren. [Nein, ich möchte nicht, dass sie irgendwann irgendwer fixiert und zwangsinkontinenzversorgt in vor Dreck stehenden Klamotten in ein Zimmer irgendeiner Klinik steckt und ihr dreimal täglich mit dem Fuß Fraß durch die Tür schiebt, weil das billiger ist als die Inklusion so eines Menschen. Sie ist schwierig, aber auch für solche Menschen gibt es Menschen- und Behindertenrechte und jeder, der nur entfernt mit der Materie zu tun hat, weiß was oft in Psychiatrien und sonstigen „Einrichtungen für psychisch Behinderte“ abgeht.]

In der Zeit kann ich also nicht regulär arbeiten. Manchmal tue ich es dennoch. Kann klappen weil ich weiß, wenn das Atelier-Kind kommt ist die Möglichkeit vorbei.

Nachmittags konnte ich sowieso nie schreiben. Außer der Routine halber. Installieren ja, aber das mache ich derzeit nicht.

Gelegentlich kommt noch mal eine Stunde gegen Abend, wenn das Kind weg ist, dass es gut läuft, das ist aber eine Frage der Tagesform. Ich bin zu dem Zeitpunkt oft schon körperlich runter gewrackt. Der junge Herr ist sehr wissbegierig und dolmetschen ist anstrengend. Es gibt Gründe warum nach offiziellen Arbeitsschutzgesetzen eigentlich immer zwei Dolmetscher da sein müssen und sich im Zehn-Minuten-Turnus abwechseln.

Übrigens bin ich Dunkelmensch. Wenn es morgens schon hell ist wenn ich ans Schreibzeug komme, ist mein Tag kaputt.

Der Unangepasste

Sven fragte sich wann das angefangen und was er nicht mitbekommen hatte. Die Lehrerin hatte ihn beim Abholen zu sich gerufen und gesagt, er müsse Paul unbedingt einen anderen Schulranzen besorgen oder zumindest den Patch abmachen, das mit dem Eisbär ging nicht. Die Kinder würden Paul dissen, weil dieses Modell sonst nur Mädchen hatten und sie hätte schon auf dem Hof Schwuli gehört. Ihr läge am Klassenfrieden und die SUV-Eltern seien alle in der Schulpflegschaft…

Sven hatte gesagt, als er selbst Kind war hatte er sich einen pastellfarbenen Ranzen mit Meeresfrüchten drauf ausgesucht und was die Schreckschrauben sich für Urteile erlaubten, so weltoffen wie sie taten waren sie dann wohl doch nicht.

Natürlich hatte er das Sch-Wort nur gedacht.

Die Lehrerin war erschrocken: Aber er müsse doch als Vater verstehen, sie wolle doch nur….

„Mein Sohn will auch nur – und zwar einen blauen Schulranzen mit Eisbär drauf!“

Warum diese Mamiprinzesschen immer glaubten, Grundschullehramt sei eine Hängematte…

Fiktiv für textstaubs abc.etüden, aber leider sehr nah an der Realität in manchen Schulen.

Patches sind diese Klettbuttons mit Bildern drin, die man heutzutage häufig auf Grundschulranzen sieht. In den 90er Jahren, als der Vater im Text Grundschüler war, hatte die Firma Scout ein Ranzenmodell namens „Nautico“ auf dem Markt, das der Beschreibung im Text entspricht und von Mädchen wie Jungen gewählt wurde. Wenn Sie „Scout Nautico“ in die Suchmaschine geben, dürfte sich Bildmaterial zum selbst beurteilen finden.

Die Küttüttüttüticktack von Zieglers Mechthild

Wie letztens schon erklärt hatte Leserin Christiane einen Wunsch von mir frei und wie gesagt gab es zwei Arten der Erfüllung meinerseits. Untenan die erste, die nun aussieht als ob sie die zweite wäre. Ich habe sie überarbeitet, aber bewusst unfertig wirkend gelassen. Man sieht generell einen Faden und Christiane sieht wahrscheinlich den Faden zu ihrer Aufgabenstellung. Sowohl Mechthilds Eltern haben mit der Rettung ihrer Tochter mindestens eine „Mindcrime“ begangen, Mechthild selbst viele Jahre später auch als sie am Geburtstag der Zwillinge Kerzen wollte und am Ende natürlich Anna, die einen Satz sagt von dem sie glaubt, dass Mechthild ihn nicht versteht und ihre Kollegin sie deckt. Diese Art „Mindcrime“ geschieht jeden Tag hundertmal in Heimen oder Werkstätten überall und manchmal bleibt es nicht bei Gedanken. In Mannheim (?) – ich las es zumindest im Mannheimer Morgen -, wurde vor Kurzem ein Fall verhandelt, in dem Pflegepersonen die Tötung von Patienten vorgeworfen wird.

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Leserwunscherfüllung (I)

„Hühnemann?“

„Ja, hallo.“

„Hallo. Wer ist denn da? Ich erkenne die Stimme nicht.“

„Oma, ich bin’s.“

„Wer ist ich?“

„Deine Enkeltochter.“

„Und wie alt bist du?“

(aufgelegt)

***

„Hühnemann?“

„Mutti, hallo. Ich wollte frage-“

„Wer ist denn da?“

„Ich bin’s. Mutti, ich wollte fragen, ob wir Samst-“

„Wer ist denn da?“

„Ich.“

„Wer ist ich?“

„Dein Sohn.“

(Frau Hühnemann drückt das Gespräch weg.)

***

„Ja? Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Mutti, was soll das? Ich wollte fragen, ob wir Samstag mit der Kleinen kommen sollen, es ist Flohmarkt in… na wie heißt… Da im Einkaufszentrum, auf dem Parkplatz.“

„Wer ist denn da?“

„Langsam fühle ich mich verarscht. Ich, dein Sohn. Ich heiße Stefan, die Kleine heißt Hanna und möchte ihre Oma Brigitte sehen. Alles klar?“

„Vorhin hat hier eine Frau angerufen und behauptet, dass sie meine Enkelin ist. Als ich gefragt habe wie alt sie ist hat sie aufgelegt.“

„Hast du die Polizei angerufen?“

„Noch nicht. Dazwischen kamst du. Deshalb hab ich die Fragen gestellt. Ich dachte, die versucht es nochmal und lässt einen Mann anrufen. Durch das Telefon klingen die Stimmen so ähnlich.“

„Das gerade war ich. Hast du Lust Samstag? Oder hast du was anderes vor? Die Kleine kann jetzt Fahrrad fahren, wir wollen gucken ob wir ein Gebrauchtes finden. Ich sehe nicht ein, hundert Euro für ein Kinderfahrrad zu zahlen, Christina will, aber ich finde das nicht gut.“

„Muss auch nicht sein. Die werden so schnell groß. Um wie viel Uhr wollt ihr denn los gehen? Holt ihr mich ab? Oder wollen wir erst noch Mittag machen? Ich mach Hanna Stielmus, das hat sie doch gern.“

„Klingt gut, da wird sie sich freuen. So gegen 12 wären wir bei dir. Und ruf die Polizei an wegen dem…“

 


 

Letzte Woche hatte ich Leserin Christiane einen Wunsch frei gestellt, weil sie den 1.500sten Kommentar in den Fädenrissen verfasst hat. Wenn Sie auf den Link klicken, dann sehen Sie die Konversation aus der sich ihr Wunsch ergeben hat. Es gibt – bis jetzt – zweierlei Arten meinerseits ihren Wunsch zu erfüllen, über die erste muss ich noch mal drüber gehen, weil ich nicht weiß, ob ich sie in der Form so öffentlich haben will. Sie ist noch ziemlich unrund und das gefällt mir nicht. Was Sie obenan gelesen haben ist die zweite, harmlosere inspiriert von dem Tatsachenbericht meiner Nachbarin, bei der vor einer Weile der sogenannte Enkeltrick versucht wurde.

 

Der Sperber vom anderen Stern

Und wieder eine Biographie-Etüde für textstaub. Dieses Mal mit Gedanken zu Klaus Nomi (gebürtig Sperber), ohne den ich wohl kein Projekt machen kann. [Lesen Sie den Brief oder warten Sie noch ein bisschen, bald kommt im Projekt vom Unverlinkbaren ein Wort zu dem ICUROK von seinem „Simple Man“-Album passt.]

Ach, Sperber, Mensch, Kläuschen, so fliederfarben kann doch diese Welt nicht gewesen sein. War sie nicht bereits rot, drangen nicht in New York schon genug Bruchstücke zu dir durch, dass du wusstest, mit Penicillin ist es nicht getan?! Insgeheim hattest du vielleicht genug vom Sternenwandeln, aber warst du denn so verschreckt, desorientiert und ziellos, so unsicher deines Talentes, dass du dich überhaupt nicht mehr hättest verbeugen können? ICUROK, aber das warst du auch ohne dein Make-Up, als Künstler ganz sicher. Deine Oper wäre vielleicht gut geworden und man hätte dich dafür geschätzt, deine Platten hattest du schließlich auch mit etwas, das für andere Improvisation hieß geschafft. Du hättest nicht erfrieren müssen. Aber wahrscheinlich hattest du nach all den Jahren, in denen du für andere immer vom anderen Stern kamst, dein Leben lang, schon in Immenstadt und Essen, dann in Berlin und New York, kein Gefühl mehr dafür, dass das, was uns fremd macht zugleich unsere Einzigartigkeit ist und sein kann. Das hört man in deinen Arien. Ach, Sperber, Klaus, Mensch, Nomi, es ist traurig. Du hast uns dein Unglück hinterlassen, damit wir uns daran freuen können.