Versuche-Fragment

So ähnlich wie (Arbeits)journal

Diese Tage, an denen ich einfach nur laufen möchte. Sowohl gegen die Schmerzen, als auch gegen die innere Nervosität. Einfach nur laufen und ich weiß schon nicht mehr wohin. Ich kann aber auch nicht den ganzen Tag non-stop kaltes Wasser durch den Trinkhalm ziehen und sonst nichts machen, auch wenn es das einzige zu sein scheint, das gegen die Schmerzen im Mund hilft.

[Ich bekam heute wieder – diesmal nicht vom Atelier-Kind – eine Packung Dolomiti geschenkt. Die ersten zwei zum Mundhöhlen-Schockfrosten, die mittleren zwei zum lutschen und die letzten zwei habe ich dann auch beim Schlucken mal gemerkt. Aber satt ist man danach nicht. Ich möchte so einen Dönerteller wie gestern, konnte ich zwar kaum essen, aber danach war ich nicht mehr hungrig und im Moment habe ich dauernd Hunger. Das mit der Kinderschokolade war zwar nett von Philipp, aber davon wird man in meinem momentanen Zustand nicht satt.]

Da wird man verrückt. Ich. So sehr, dass ich überlege früher als geplant an die Überarbeitung der „Susanne“ zu gehen, auch wenn ich genau weiß, dass das jetzt nichts bringt, weil ich noch nicht so weit bin. Einfach um wieder eine konkrete kreative Aufgabe zu haben, etwas, in das ich mich reinfallen lassen kann.

In dieser seltsamen Zeit.

Ich denke derzeit oft darüber nach warum ich damals meinen Erstberuf wählte, ob vielleicht nur aus Chancenlosigkeit, weil ich nichts anderes richtig gut konnte. Ich bin aufgewachsen mit Ganz oder gar nicht und hatte das auch viele Jahre mit in mein erwachsenes Leben übernommen. Eigentlich ist oder war es doch zumindest für einen schreibenden Menschen ein tödlicher Beruf. Man ist zu nahe dran, es kann einen fressen, besonders dann, wenn man noch nicht weiß was man schreiberisch will oder wer man darauf bezogen ist. Und eigentlich, das haben mir auch ziemlich schnell Leute, die mich damals besser kannten gesagt, ist dieser Beruf ziemlich langweilig und passt nicht zu meinem Charakter. Mir wurde damals gesagt, ich sei eher Forschende, denn Bewahrende, eher vielleicht Psychologin denn Bibliothekarin. Psychologie muss ja nicht Therapeutenausbildung bedeuten.

Und ich glaube, meine Wahl damals hat mich auch zu lange strudeln lassen. Ich glaube nicht, dass ich so etwas wie die „Susanne“, wie auch von der Art her Die Herkömmlichen früher hätte machen können, aber ich weiß es nicht. Und weil ich es nicht weiß, weil dieses Angekommensein in gewisser Weise so fremd und neu ist habe ich wohl diese Nervosität.

Die verträgt sich so gar nicht mit den physischen Schmerzen. Das endet in Langeweile und Genervtsein.

Ich probiere rum, ich experimentiere mit Ideen für Kurzstücken, aber es führt zu nichts. Eins ist relativ weit gekommen, aber ich weiß nicht ob es fertig wird. Das ist so ein Ding von dem ich warten muss bis es sich selbst schreibt. Aber eben auch ein Versuch gegen Nervosität und Schmerzen. [Arzttermin erst nächste Woche und dann gibt es hoffentlich Antibiotika, bis dahin muss ich mit Aspirin und Ibuprofen improvisieren.]

Ach… Ich möchte schon wieder gehen.

Auszug

Nadja versucht Sätze zu finden, aber das geht nicht, denn in ihrem Kopf sieht sie etwas ganz anderes. Es ist eine jener Begebenheiten, in denen sie sich als Kind für ihre Mutter geschämt hat (das Wort Fremdschämen kannte sie noch nicht).

In einem Großstadt-Kaufhaus Anfang der neunziger Jahre, Nadja war wahrscheinlich elf oder zwölf, allerhöchstens dreizehn, kaufte eine kleine Familie ein. Eine von vielen, wie alle anderen. Außer dass in dieser Familie alle im Rollstuhl saßen: Vater, Mutter, Kind. Die Eltern fuhren etwa nebeneinander und hinter ihnen selbstständig und zielstrebig das kleine Kind, ein Mädchen, Melinda.

Alle ließen diese Leute in Ruhe und auch Nadja wäre gerne einfach weiter gegangen und hätte innerlich eine Verbindung gespürt und sich gefreut.

Nadjas Mutter blieb stehen und zeigte mit dem Finger auf die Kleine. „Nadja, Nadja, guck mal!“

„Na und?“

„Wie fix! Was die kann!“

Nadja hatte gespürt, dass die Leute und sie dieselbe Art von Scham fühlten. Nicht für sich oder dafür, dass sie eine Familie waren, sondern für Nadjas Mutter. Sie wusste auch, dass die wussten, dass sie – Nadja – so etwas doch kannte.

Das war die Zeit, in der Gudula die Mutter von Adelheid manchmal anrief und sagte, dass Adelheid ja nie gesunde Kinder bekommen könnte.

Etwas später begann die, seit der Gudula Nadja verrückt nennt, weil sie sagt, dass für sie selbst als von Geburt an Behinderte ein Kind mit Behinderung normal wäre.

ein Auszug aus meinem Projekt Die Herkömmlichen

Das ist eine wirklich passierte Sache und während ich nicht mehr weiß wann das genau war erinnere ich mich eindeutig an den Namen des Mädchens. Später hatte ich auch mit ihr zu tun. Es hat seinen Grund warum es Einzug in das Projekt gehalten hat, diese Erinnerung passt in den Kontext. Hier passt sie aber auch hin, weil sie zeigt, dass jemand bestimmtes bestimmte Eigenschaften, Ansichten und Einstellungen schon vor ihrer aktiven Sucht hatte. Außerdem müssen wir Betroffenen lernen zu sagen, dass und wenn wir uns für das Verhalten von nicht betroffenen Familienmitgliedern schämen. Ich kann nicht dem Atelier-Kind beibringen, er muss das Gefühl, dass einer seiner Onkel „gemein“ zu „Behinderten“ [die Gehörlosen sehen sich nicht als behindert, sondern als ethnische und sprachliche Minderheit] ist kommunizieren und selber über ganz ähnliche Erfahrungen schweigen.

 

Weil es da Konfusionen gab: Das sind auf die Figuren angepasste Namen, die nichts mit den Realnamen zu tun haben. Selbst das kleine Mädchen hieß anders.

Ein Buch für M.

Jemand bittet mich ein Notizbuch vollzuschreiben. Aber nicht irgendeines und mit irgendwas wie ich es ohnehin die ganze Zeit tue, nein, ich möge doch ein besonderes Buch für einen kleinen Menschen füllen. Ich soll erzählen wie das damals war in den 80er Jahren als Kind mit Behinderung oder besser gesagt als Behinderung mit einem Menschen dran, damit der kleine Mensch einmal außerhalb von Archiven die Chance hat Zeitzeugenberichte zu lesen wenn er alt genug dafür ist und vergleichen kann ob dieses Land und seine Gesellschaft sich nach vorne oder nach hinten entwickelt hat.

Mich reizt das ja. Ich habe einen Sachtext als Auftragsarbeit zu einem Aspekt davon beendet und Die Herkömmlichen, wer da liest weiß, dass das wahr ist, sind gerade an dem Punkt, an dem sich zweierlei Stränge in gewisser Weise kreuzen. Das merkt man als Kind natürlich nicht. Ich musste in mein jetziges Alter kommen um das so darstellen zu können.

Wenn das Atelier-Kind mich fragt, bekommt es ehrliche Antworten. („Ich durfte auch nicht mitspielen, bei mir hieß es immer, ich sei ansteckend und die Kinder haben gedacht ‚Dann kriege ich das ja auch‘.“ Insbesondere Mädchen.)

Als Sebastian mich gefragt hat, bekam er ehrliche Antwort. („Zu mir haben sie auch Missgeburt und Spasti gesagt, ich habe gar keine Spastik.“ Haben meine Eltern allerdings immer behauptet, weshalb das zum Teil auch nach deren Angaben in offiziellen oder medizinischen Unterlagen auftaucht(e). Das war leichter und gab mehr Mitleid – beziehungsweise Bewundering Und macht trotzdem Abitur!… – als zu erklären, dass ICP ein Syndrom ist, das mit Spastiken einhergehen kann. Das können andere Abweichungen im Zentralen Nervensystem, zum Beispiel Multiple Sklerose, auch. Kein MS-Betroffener ist deshalb sofort und grundsätzlich für alle Leute Spastiker, sondern hat erstmal MS.)

Und das wiederum heißt, die Entscheidung ist eigentlich schon getroffen. Ich habe nur noch minimale Barrieren, die ich innerlich aus dem Weg räumen muss. Außerdem finde ich die Idee mit der Handschrift schön. Wer weiß ob das noch gängig ist wenn ein heute Zweijähriger 14/15/16 ist, vielleicht nehme ich sogar eins meiner hübschen Paperblanks dafür. Vielleicht das mit Gregor Samsa, der hat ja auch in seiner anderen Körperform nur noch gestört, das hätte so eine schöne Mehrdeutigkeit.

Straßengespräch

Nein, liebe Christiane (und liebe Wortspenderin unbekannterweise), es mag zwar sein, dass ihr euch diese Woche – ich zitiere Christiane – „eher wieder in die Richtung der heitereren Gefilde“ für die Etüden begebt, aber hier geht es nicht da lang. Meine erste Assoziation mit dem Wort „Bunker“ außerhalb von Krieg ist nämlich etwas, das mir ein ehemaliges Heimkind, geboren in den 50er oder 60er Jahren in der damaligen BRD, erzählt hat. (Trotzdem Fiktion.)

Ingo sagte immer, die Gitter vor den Kellerfenstern erinnerten ihn an die Babybetten im Kinderheim. Wenn er so redete stellte auch ich mir das kleine Kind vor, das im Bettchen lag, daran eine Flaschenhalterung, damit es selbstständig trinken konnte, und nichts sah außer diesen aus seiner Sicht endlosen Gittern.

„Gute Vorbereitung für den Bunker“, meinte Ingo, „da kamst du hin, weißt du, wenn du dich nicht benommen hast, wurdest du eingesperrt, Tür zugeschlossen, kein Essen, kein Trinken, kein Licht, keine Toilette.“

Ich fand den Gedanken so schlimm, dass ich ihn im Magen spürte, aber er meinte, so sei das nicht gewesen: „Wir hatten es noch gut, bei uns wurde nicht geschlagen, in anderen Heimen wurde geprügelt und missbraucht.“

„Trotzdem…“

„Schlimm ist, dass es das heute immer noch gibt, es wird nicht gut genug kontrolliert, die Heimkinder sind für die Behörden der letzte Dreck…“ erzählte er bei der Ampel, mit einer Hand kramte er in seiner Jackentasche, „Was für mich schlimm ist, ist dass wir nicht gelernt haben.“

Ich wusste, dass er nicht richtig lesen und schreiben konnte – alles, was er wusste hatte er irgendwo überhört und behalten.

„Ich hab heut bloß“, Ingo hielt mir einen Napolitain hin, „bloß bittersüß, willst du?“

Da fragte ich mich wie grotesk das war, so eine Geschichte zu haben, davon zu erzählen und gleichzeitig Schokolade zu essen, im Vorbeigehen an einem Garten rochen Ingo und ich Sommerblüten.

Meyra Primus hat nichts mit Omega Supreme zu tun

Über Nacht Gewitter und deshalb gute Luft, aber schlechter Online- oder Mobilfunkempfang. Es kann also sein, dass ich wieder plötzlich „weg bin“. (Gestern kam drei Wochen (!) nach erster Meldung des Problems Post vom Provider in der Richtung hätte sich dann ja erledigt…)

Das passt gut in diese Schwebezeit ohne Hauptprojekt, in der ich mich von allem Möglichen und Unmöglichen aufdrehen lasse: Der Mit-Künstler macht sich verständlicherweise verrückt wegen seinem kaputten Computer und ich lasse mich anstecken, weil meiner sehr wahrscheinlich auch nicht mehr lange macht. Ich weiß nicht wie viele Stunden ich in den letzten Tagen mit Recherche verbracht habe. Neben all dem, was aus den netzlosen zwei Wochen noch anfiel und dem, was sowieso ist. Ich will meine Routine zurück, die anderthalb bis zwei Stunden, die ich mir während der „Susanne“-Zeit auf jeden Fall in der Frühe freigeschaufelt habe, meine Ruhe vor, während und nach dem Sturm. Da konnte mir kein panischer Assistent, keine überdrehte Mikesch und keine Sorge über die wahrscheinlich anstehende Strom-Nachzahlung und die leere Druckerpatrone zwischen, kein Besuch (ich freue mich riesig) von weit her, der sich für Juli angekündigt, aber die Hauptsaison vergessen hat und nicht weiß wo zu übernachten zwischen. Das waren meine Pausenstunden. Für mich und meine Arbeit, das was meins ist. Text, Computer, Fisherman’s Friend und ich. Mich konnte man nicht stören, ich hatte nur den Notkanal, den ich als Feuerwehrfrau anhaben muss an.

Ohne Projekt fehlt das. Ich hatte mir (zu) viel Auftrieb von der Sache um Gerold, Swantje und Linda versprochen. Ich dachte, das zieht irgendetwas mit und es liegt sehr wahrscheinlich an der Erwartung, dass dem nicht so ist.

Ich würde gern planmäßig etwas Kleineres machen. Auch die „Susanne“ war nicht groß geplant und wenn sich was immer ich dann mache wieder selber streckt, dann ist es in Ordnung.

Ich wurde nach Meyra Primus aus der „Susanne“ gefragt. Im entfernten Sinne könnte man sagen, das ist ein Insider. Ich weiß, dass hier einige Lesende wissen um was es sich handelt. Das Modell Primus der Firma Meyra war meines Wissens nach das erste Rollstuhlmodell, das in den 80er Jahren standardmäßig mit bedruckten Speichenschützern vertrieben wurde. Weiß mit zwei Blautönen und rotem fetten Schriftzug „Primus“, eingefasst in einen der Blautöne. Unter dem P waren mehrere kleine gelbe Blumen.

Das Modell, beziehungsweise ein Modell dieses Namens, gibt es noch immer. Heute trägt auch ein Elektrorollstuhl der Firma den Namen Optimus.

Durch

Das ist schon merkwürdig. Es ist der vierte oder fünfte Morgen ohne die „Susanne“. Das stört meine Routine, weil ich noch nichts Neues habe. Ich würde gern was für die Abweichungen machen, aber mir fehlen noch die Charaktere. Ich habe eine Ahnung von Rebekka, aber noch nicht davon wo sie hingehört.

Das waren nun also ungefähr siebeneinhalb Monate mit etwas, das ein Kurzstücker werden sollte und so etwas wie ein Romanessay – sofern man „Essay“ als „Versuch“ verstehen mag – wurde. Es hat die Länge, aber nicht die Merkmale. Mir ist das egal. Vielleicht bekommt es die in der Überarbeitung, wenn es denn will.

Das Ding machte sich selber. Ich kann mir nichts ausdenken. Es kam oder aus kam nicht und das war mitunter schwierig, auch weil ich immer wieder versucht habe zu kanalisieren. Ich habe mehr oder weniger unbeabsichtigt versucht, es dahin zu bringen, dass es sich liest wie eine definierte Textsorte. In Wirklichkeit ist es ein Riesenausriss – wie die Dinger in den Abweichungen, nur über einen längeren Zeitraum und dreizehn bis vierzehn Mal so lang.

Ich hatte schon vor dem Kollaps länger nichts mehr in der Länge. Dass das nun so ist – erarbeitet, weil ich dran geblieben bin, aber nicht beeinflusst. Dass es etwas anderes erzählt als gewollt – passiert. Dass es anders (und mit etwas anderem) konfrontiert – auch.

Mit der Ur-„Susanne“ hat das überhaupt nichts mehr gemein. Susanne ist hier wer völlig anderes. Es gibt hier einen trinkenden Menschen, eine Mutter im Haus, aber sie ist ein Nebencharakter und die Kinder machen eher nebenher etwas, das in der Realität eher selten war und vielleicht noch ist: Die konfrontieren sie, sagen ihr, dass sie betrunken ist und lassen deren Tochter, die drauf ist wie man als Kind besoffener Eltern eben drauf ist, nicht hängen. Auch die Tochter ist ein Nebencharakter. Eigentlich, vielleicht wirkt sie anders, denn sie ist von den Nebenfiguren am klarsten gezeichnet. Man bedenke, dass es zur Spielzeit problemlos möglich war sein Kind zum Kiosk zum Bier holen zu schicken. Das war so normal, dass die Kinder im Haus, die über die Mutter sagen was ist – „Die säuft“ – sehr viel wahrscheinlicher für krank erklärt worden wären als die Mutter. Aber hauptsächlich ist es ein Text um etwas anderes: Rollenmodelle und Rollenbilder, verleugnende Eltern und Mutmacher. Nebenbei noch von Rollschuhen, Puppenherden, He-Man, den Glücksbärchis und Meyra Primus in der 80er Jahre Inkarnation, außerdem von enttäuschten Erwachsenen und zusammenhaltenden Großen. Ich glaube, es ist ein schöner Text geworden.

Im Oktober hätte ich mir gewünscht, dass es ein schöner Text wird, aber was daraus wurde habe ich mir nicht vorstellen können. Nicht nur deshalb weil ich nicht plotten kann.

Das ist schon merkwürdig. Es ist der vierte oder fünfte Morgen nicht nur ohne den Text sondern auch seine kleinen Rituale, dem Soundtrack und dem Beutelchen Fisherman’s Friend, das maximal zwei Tage langte.

Rückblick auf zwei Wochen Zwangs-Analogzeit

Sie war letztendlich nervenaufreibend, hatte aber auch ihre Vorteile und in den ersten Tagen, als ich noch mit zwei bis fünf Tagen kalkulierte – Samstag der Ausfall und die Benachrichtigung an den Provider und ich hoffte, Mittwoch, spätestens Donnerstag (17./18.) wäre die Sache erledigt – sogar entspannend und nährend. Zunächst konnte ich sehr gut arbeiten.

Diese ersten Tage haben der „Susanne“ gut getan. Kurz davor schlich sich etwas hinein von dem ich nicht wusste was ich damit machen sollte, weil ich es eigentlich nicht haben wollte. Es lenkt vom dem ab, was ich machen wollte und weil ich „machen wollte“, eine bestimmte Art von Geschichte erzählen, schlich es sich immer wieder in den Text und ich dachte jedes Mal Das ist ein Lückenfüller, es passt nicht. So wie es war tat es das auch nicht. Dazu musste ich offener werden und zulassen, dass ein Charakter sich gefühlt um 180° dreht. Der Fokus hat sich verschoben, ohne dass mir im Schreiben darüber bewusst war. Um das zu merken habe ich diese Ruhe gebraucht. Und kaum, dass mir das klar wurde, machte das, was sich eingeschlichen hatte eine Transformation durch und passte. Es ist wie schon bei der Länge des Textes ganz erstaunlich für mich zu sehen was sich da tut und was da erzählt werden will. Acht konzentrierte Stunden am Tag sind – zumindest bis man von entspannt zu angespannt wechselt und es deshalb mit der Konzentration vorbei ist – ein Geschenk. Ich habe die Zeit sonst nicht.

Und ich habe längere Zeit mit Gerold gekämpft. Ich war mir sicher, er sollte in einer Kurzprosa auftauchen. Aber ich hatte keine Idee.

Bis zu dieser Zeit, in der ich vom Weltlichen ab war (ich habe nicht mal die Wahlergebnisse in NRW zeitnah mitbekommen). Innerhalb von fünf Stunden. Völlig anders als ich wollte und auch damit – nicht nur stilistisch – ähnelt es Materie und Form. Es ist ebenso eine Art Ausriss aus einer Situation, von der man nicht weiß wie genau sie weiter geht [ich auch nicht]. Beide Stücke ungefähr gleich lang.

Zwar gibt es in der Geschichte von Gerold, die sich eigentlich nicht um ihn dreht, keinen offenbar behinderten Menschen wie in Materie und Form und ich wollte eigentlich dessen Fokus beibehalten, aber möglicherweise –objektiv gelesen – könnte es sich bei einer der Frauen um eine mit eine unsichtbaren Behinderung oder einer, die ihre Behinderung verdrängt und ableugnet handeln. Das ist offen. Ich habe das nicht bewusst so gemacht, sie ist wie sie ist. Diesmal war auch der Titel leichter.

Vielleicht zeige ich es Ihnen hier, vielleicht lagere ich es aus, wie ich angedacht hatte als ich geplant hatte „in Serie zu gehen“, also Kurztexte um den Komplex separat zu sammeln.

Das würde wie bei den Herkömmlichen, weniger ein Blog und mehr eine Seite werden. Im Falle der Geschichten wohl in der Art Lesebuch mit Kommentaren. Bei Materie und Form wurde im Anschluss wertvoll diskutiert.