Kurzbio

Sowieso Soundso, Jahrgang Irgendwann, wohnt irgendwo und hat einen Beruf.

Müsste doch eigentlich reichen, oder? Ich kann diese Kurzbiographien aus denen Studienort und – fächer hervorgehen, aber nichts wirklich Wichtiges nicht leiden. Als ob nur jemand, der studiert hat Schreiber, Musiker, Dichter oder anderweitiger, zum Beispiel bildender, Künstler sein könnte und der Abschluss ein Garant für Qualität wäre. Nichts von dem, was ich mache habe ich studiert und, ehrlich gesagt, dass ich Bibliothekarin bin sagt einen Scheiß über die Qualität meiner Sachen aus.

[Dem Mit-Künstler nutzt sein – abgebrochenes – Studium, zumal noch da fachfremd, logischerweise einen Dreck und als Paketfahrer ist er eh nicht ernst zu nehmen… bla bla.]

Recherchegespräch

Philipp kann ihn nicht leiden, davor steht ein Schutzmechanismus, nennt ihn Heulsuse und was er sagt Heulerei. Dabei, und er weiß es, ist er selbst heuchlerisch weil er auch weint. Wenn Philipp nicht mehr kann, und sei es nach einem stressigen Arbeitstag, dann heult er. Anders wird er die Spannung nicht los, das ist so, und er weiß, dass es bei G. nicht anders ist. Beides ist gut.

G. ist etwas älter als wir, kommt aus ähnlicher Familienkonstellation und hatte nicht unser jeweiliges Glück. Eine unglückliche Liebe, die das geben sollte, was die Mutter nicht konnte, und dann ging es für ihn abwärts. Wie auch wir ein Kind aus Milieus, denen man das nicht zutraut, von denen man glaubt, die müssten die Kurve kriegen, es muss doch irgendetwas geben, dass die nach oben zieht. Bei ihm beinahe Straße, dann Knast und dann ganz langsames, typisch fragiles wieder hoch kommen. Da ist er einer von uns, wir haben uns in Situationen arrangiert, in denen andere sich etwas antun würden (das schließt bei Menschen wie G. Rückfälle mit ein), weil es sonst nicht auszuhalten ist.

Auf mich wirkt G. wie eine Mischung aus Philipp und meinem Bruder. Das warum Philipp sich schützt ist weil sie einander zu ähnlich sind und ein jeder von uns mit solchen Eltern begegnet irgendwann dem schmalen Grad selbst zu… was auch immer, und ich weiß, jeder, der genauer hinsieht merkt, der Diddl-Maus-Junge ist eigentlich ein feiner Kerl, er gibt nur den Gorillaproll, weil diese Rolle sich sicher anfühlt und andere Sicherheiten kennt er nicht. [Das wird mal schwierig werden, wenn der alleine wohnt, mit über 30 kann man nicht alles mehr nachholen.]

G. erzählt viel in dieser herrlichen Ehrlichkeit, die denen, die etwas zum Stillstand bringen konnten oft eigen ist. Dieser herrlichen, manchmal brachialen Ehrlichkeit, wie auch zum Beispiel beim Handschuhschenker, und an den für ihn harten Stellen, die irgendwie mit kaputtem Vertrauen, der verlorenen Liebe oder damit anderen Menschen weh getan zu haben zu tun haben weint er. In dieser nüchternen Art, eben nicht der manipulativen, die mein Vater zum Beispiel gut drauf hatte. Dieser auf den Stoff bezogen nüchternen, ehrlichen, tief von innen kommenden Art, die unter anderem mein Stiefvater auch hat. Ich weiß nicht ob Frauen so weinen können.

Was G. beeindruckt, sagt er, ist meine Sachlichkeit. Frauen teilen aus, Frauen gehen unter die Gürtellinie, ich sage „Schluss!“ und gut ist. Und ihn beeindruckt, dass ich mir nicht mehr als unbedingt nötig helfen lasse. Frauen aus dem Milieu meiner Eltern hat er immer nur als Prinzessinnen erlebt, ich gebe nicht mal den Prinzen. Er sagt, ich bin wie ein Ritter, eine Kriegerprinzessin wenn überhaupt und nimmt es zurück als ich ihm sage, dass ich das Wort nicht mag und warum.

Er war nach einer Reha kurzzeitig in einer Werkstatt für psychisch behinderte Menschen, das war Bedingung für den Wohngruppenplatz, deshalb, sagt er, kann er mich ein wenig verstehen. Die Anleiter, die es dort gab hatten nicht nur das Bild, dass behinderte Frauen keine Frauen waren, sondern auch das, dass jede stärkere Frau eine Emanze sei. Außerdem, wenn man als Mädchen mit einer Mutter wie wir sie haben aufwächst, kegelt das wahrscheinlich das Selbstbild als Frau ziemlich durcheinander, es sei schon als Junge schwer gewesen sein Frauenbild zu erweitern und zu korrigieren.

Interessant findet er auch die Sache mit meinem Rufnamen. Normalerweise werde ich mit einer Form meines Nachnamens gerufen. Aber gerade das klingt doch so nach treusorgender, lieber Mutter und Selbstaufgabe. Bei ihm haben sie immer das Tier aus dem Vornamen gedreht, obwohl er den Autor lange nicht kannte und heute noch nicht versteht was man an dem finden kann.

Ich sage ihm, dass das mit der Mutter nie zur Debatte stand. Ich konnte das von Beginn an trennen, allerdings vielleicht deshalb, weil das Phänomen an sich „männlich“ ist. Frauen hängten damals –lein oder -chen an ihre Vornamen – mich machte das schon als Kind aggressiv -, die Kerle riefen sich nur mit Nachnamen. Meiner ist mehrsilbig und wurde so auf zwei runter gekürzt, dass er schneller zu rufen war.

Auch das findet er spannend. Frauen hätten es doch sonst so mit weichen, möglichst langen Namen.

Rosen im Schnee

Wir hatten für die etüden von textstaub Schnee mit Beuys und Curtis und wir hatten eine Reise mit Vesper – von dem überliefert ist, dass er der Mutter seines Sohnes während der Haftzeit Rosen schickte – , jetzt kommt Päffgen. Christa Päffgen hatte mit Vesper nicht nur das Geburtsjahr und die Sucht gemein, sie verzweifelten auch beide auf ihre Art an ihrer Herkunft und es heißt, Päffgen habe Vespers Konkurrenten einmal ein Lied gewidmet [bitte Zeitgeist der 70er Jahre beachten]. Ian Curtis soll ein Fan von ihr gewesen sein. Sein Bandkollege Peter Hook erwähnt in seinem Buch The Hacienda. How not to run a club mehrere Zusammentreffen mit Päffgen, die den Künstlernamen Nico nutzte, in den 80er Jahren. Roses In The Snow ist der Titel eines Liedes, das Nico 1969 für ihr Album „The Marble Index“ aufgenommen hat. Schore ist ein Slangwort für Heroin.

 

Die Themenwechsel sind manchmal so abrupt auf Schore. Schore, Desert Shore, Torhüter des Wahnsinns und Christa ist sowieso die Königin, das haben Tobias und das Korallenriff, die große Tunte Warhol ihr versprochen. Wenn Lou Reed nicht so eifersüchtig gewesen wäre, dieser… Das darf sie nicht sagen, sie kommt aus Köln in Deutschland. Scheiße, in der Nadel ist Pfropfen so groß wie eine Backerbse, die wollen wollen sie noch vergiften! Der Junge ist von Alain Delon, Ari, der kleine Ritter, ja wirklich! Immer die Velvets und Femme Fatale, Edie Sedgewick, wegen denen ist auch Chelsea Girl so scheiße, die Flöten, verdammt! Warum interessiert sich kein Schwein für Marble Index oder Drama Of Exile?

Trip

Noch ein bisschen Bahnhof für textstaub, in der Art wie ich auch schon Mal Schnee gemacht habe, da mit den Herren Curtis und Beuys. Diesmal begegnen wir Bernward Vesper, wegen dem das achte Stück in meiner Kunstwort-Reihe nicht geklappt hat. Ursprünglich wollte er sein Buch Trip nennen, nachdem er die Titel „Hass“ und „Logbuch“ verworfen hatte.

Nach Prag hat er sich nicht gesehnt, nein. Diese Welt war ihm verleidet. Aber selbst wenn er gewollt hätte, mit einem Moped kam man noch nicht mal im Kopf vom Gut weg. So ein Zirkus, das war under the table. Es musste größer sein, höher, dazu brauchte es den finalen Faustschlag. Der ihn selbst wieder zurück warf. Am Ende seiner Reise steht ein Buch mit dem Bild der Bahnhofsschienen und dem Ortsschild von Triangel.

Maschinenwalzer

oder Die arme Halka

Kurz nach knapp kein Tintenklecks und etwas schief für textstaubs abc.etüden.

Ich hatt‘ mal ‘nen Traum in meim‘ Kopf…“ sang Alwine.

„Ach, der Maschinenwalzer?“ Alexander verdrehte die Augen. „Für mich spielt das immer in Prag.“

Alwine lachte. „Lagerhalle, ich und Kerstin. Und ich weiß nach Jahren noch nicht wie du auf Prag kommst.“

„Für dich ist Prag nur Kafka und Zirkus, für mich-“

„Die arme Halka und der Bahnhof, an dem ihr euch zuletzt gesehen habt.“

Halka war Alexanders geliebtes Moped aus der Zeit des Eisernen Vorhangs gewesen. Er hatte sie restauriert und wollte mit ihr auf Dichterreise durch ganz Osteuropa gehen, aber in Prag war sie unreparierbar zusammen gebrochen.

 

[Den Maschinenwalzer gibt es wirklich: „I Once Had A Dream“ von Camouflage, 1988 auf Voices & Images erschienen. Ich habe das Stück leider auf die Schnelle nicht gefunden. Falls Sie sich auf die Suche machen und fündig werden, machen Sie beim Anhören die Augen zu, dann haben Sie die Lagerhalle. Überhaupt könnte das ein Gespräch zwischen Philipp und mir sein, Betonung auf könnte, er hatte noch nie eine Halka und auch sonst, die, die irgendwelchen motorisierten Zweirädern hinterher denkt bin ich. Wo ist meine rote Yamaha?! ]

enge zieht sich

noch in weiter ferne und in aller enge der erinnerung war das leben im dorf wie aus gold gewesen. wie das metall der stadt und dem versprochenem ort, wo in der tatsache der steine nur kälte und wind lag. cornelias mutter erzahlt noch immer wie das früher war und von der großen ent-täuschung, hatte dieser ort ihr doch niemals die hand entgegen gestreckt, obwohl sie doch Deutsche und flüchtling war. man sagte nur ah Ceausescu und damit war die liebe vorbei. cornelia versucht sich vorzustellen wenn sie jetzt auf dem bahnsteig steht und die anzugreisenden businessträger sieht was ihre mutter damals am ersten Deutschen bahnhof und jedem danach im kopf gehabt haben muss. enge zieht sich.

 

Noch was für textstaubs abc.etüden.

Das Atelier-Kind und unfähige Erwachsene

Können Sie Memory spielen?

Dann haben Sie doch sicher keine Angst vor Trio Memos, also solchen Spielen, wo man nicht zwei gleiche, sondern drei zusammengehörende Kärtchen finden muss.

Oder etwa doch?

Na, jetzt seien Sie nicht feige.

Außerdem können Sie da was über Kunst lernen.

Okay, Trios sind schwer, aber Quadros, da muss man ein großes Bild zusammen bekommen, machen Ihnen bestimmt wieder Spaß.

Die gehen ganz leicht.

Ehrlich.

Nicht?

Dann können Sie dem Atelier-Kind aber wenigstens erklären warum Erwachsene immer die Karten durch die Gegend schmeißen, sagen sie wollen nicht mehr, grimmig schauen und überhaupt so ungeduldig sind, dass sie sich nie merken, was sie gerade erst wieder zugedeckt haben.

Oder wissen Sie das auch nicht?!