Vor dreißig Jahren auf dem Land

Wir haben uns damals nicht überlegt, dass es eigentlich falsch war, und dass da etwas nicht stimmen konnte. Wir hörten Falco und aßen Mozartkugeln, manche von uns schrieben sogar Ansichtskarten aus dem Urlaub vom Millstätter See und später sahen wir alle diese Serie mit Roy Black und dem Schloss, aber den Jungen, der immer Paradeiser sagte, den mochten wir nicht.

Weil er Bernhard hieß und das ein altmodischer Name war.

Weil er keinen schönen Tornister hatte, keinen Scout oder Amigo, nur einen hässlichen, der noch nicht mal aussah als käme er aus Deutschland.

Weil Bernhard daher kam, wo fünfzehn oder zwanzig Jahre später angeblich irgendein Anton herkam.

Den es gar nicht in echt gab und außerdem war Bernhard ja ein Kind, so wie wir Kinder waren, und ging mit uns in eine Klasse.

Das mit den Worten, die er anders als wir sagte war eigentlich lustig, Kinkerlitzchen, und er war auch nicht klein und schwach, Bernhard war schon ein echter Schlawiner, aber wir mochten ihn einfach nicht.

Wir wollten hier keinen Fremden.

Und Christian und Harald, die hatten da so eine Idee, etwas mit dem Auto von Bernhards Vater und einem Farbeimer.

Aber es fühlte sich schlecht an als der Rektor eines Morgens in die Klasse kam und sagte, wir hätten es geschafft, dass die neuen Doktoren unser Dorf jetzt verlassen hatten, gestern Abend hätte seine schwangere Frau 29 Kilometer weit weg in das Spital gemusst um das Kind zu entbinden.


 

Für die Etüden.

Fiktiv, kann aber irgendwo so passiert sein.

 

Status

Heute ist der Tag, an dem ich eine Schultüte füllen sollte. Aber ich weiß nicht mit was und ich will auch überhaupt nichts.

Ich bin nicht fertig geworden und es ist okay, aber ich weiß nicht ob ich wirklich unterbrechen soll und eine Zeitlang etwas anderes machen oder ob es mir besser wäre dran zu bleiben. Ein paar Tage Pause, denn ich bin ausgebrannt, und dann weiter im Text.

Es wäre gut gegen das Ausgebranntsein etwas anderes zu machen. Dann könnte ich später erfrischt zurückgehen. Aber allein schon die Erstformgebung eines ernsthaften Textes – also keine Fingerübungen wie die Tintenkleckse, Momentstücke wie das Stadtpoem oder die Etüden oder auch Nebennotizen zu einem Sachtext wie die, aus denen sich Die Herkömmlichen zusammensetzen – dauert bei mir ewig. Ich forme dann nicht aus Ideen und Geistesblitzen, ich muss wissen was, über wen ich machen will. Das braucht Zeit sich zu entwickeln. Wenn ich aber etwas machen will dann gebe ich sie mir nicht. Dann habe ich sie auch nicht. So eine Entwicklung kann Wochen, Monate oder auch mehrere Jahre dauern. Weil das natürlich ungünstig ist, wenn man machen will um den Kopf frei zu bekommen habe ich mitunter den Versuch gemacht, zu Alternativ- oder Ur-Versionen zurückzugehen, aber die sind für mich handwerklich gut gemachte Affenkästen. Käfige. Es ist schade, weil es gute Stücke erwischt, aber das geht einfach nicht. Oder ich habe noch keine Methode dafür.

Was könnte ich also überhaupt machen? Eigentlich gar nichts, mir fehlt die Zündung. Ich hatte mal vor mit so was wie Materie und Form in Serie zu gehen, das hat auch bis heute noch nicht funktioniert.

Etüden-Nachlese-Musik

Schön akustisch. Achten Sie auf die Stimme. (Der Mann sagt von sich, er sei Autodidakt!)

Kontext

[Die Wortspenderin hat sich in einem Kommentar dazu bekannt eine Affinität zu dunkler Musik gehabt zu haben, da die Interpreten nicht irgendwer sind, sondern zu der Minderheit derer gehören, die von dem was sie künstlerisch machen leben können und entsprechend bekannt sind, wird zumindest sie die Herren wohl zuordnen können. Ebenso die anderen (teil- oder irgendwie) schwarzen Leser hier.]

 

 

Kohlenpott-Etüde

Als der Trash-Store noch am City Center war hatte es eine Reihe solcher Läden in der Stadt gegeben, überhaupt begegnete man auf der Straße noch der ein oder anderen Schwarzkutte, die dieses Prädikat verdiente.

Damals hatte Carina im Schaufenster des Ladens auf der Schützenbahn, unter Leuchten Kaiser, der mit der erdbeerroten Fassade, mal ein Schild gesehen, dass von dann bis dann wegen dem WGT geschlossen sein würde. Carina war nie mit nach Leipzig gefahren, aber es hieß, damals gab es da noch echte Typen und wenig Schaulaufen von Karnevalsjecken, die die Endprodukte ihrer Frühlingsgefühle vorführen und sich böse vorkommen wollten, weil sie an einem Leichenschmaus teilgenommen hatten.

Carina wusste, dass sie eigentlich ein Hypokrit war, denn sie hatte sich irgendwann der Kleiderordnung ihres Berufes unterworfen, aber sie fragte sich was daraus geworden war. Aus ihrer Lebenseinstellung und ihr selbst, nicht nur der Subkultur, der sie sich einmal zugehörig gefühlt hatte.

Damals als der Trash-Store noch am City Center war und sie ihre ersten Stahlkappen Docs dort gekauft hatte. Bevor der Laden gebrannt hatte. Sie hatte wie so viele andere Kondolenzen auf die Platten vor dem, was einmal die Fenster gewesen waren geschrieben.

Das war lange her.

Carina so wie sie damals war auch.

Stimmte es eigentlich, dass die Leute heute wie Teletubbies aussahen oder im Duschvorhangkleid zum Tanzen gingen?!

Zufällig stammen die Worte von der dieswöchigen Spenderin aus dem Ruhrgebiet und das hier ist eine Ruhrgebiets-Etüde. Die Orte gab es wirklich. Ich bin nicht Carina, aber ich habe mir ihre Gedanken gemacht und als ich Ende der 90er/Anfang der Nullerjahre einen Sommer lang im Ruhrgebiet war habe ich mir tatsächlich ein paar schwarze Stahlkappen Docs im Trash-Store in Essen gekauft. Damals befand er sich neben dem Gewerkschaftshaus in der Straße, die wenn man von der Schützenbahn kommt rechts direkt vor der Haltestelle Porscheplatz (heißt heute anders) abgeht und auf ein Stück der Viehofer Straße führt. Der Brand muss Anfang der Nullerjahre stattgefunden haben. Ich erfuhr davon von Freunden, die sich auf den Platten verewigt hatten und mir (damals noch Analog-)Fotos schickten. Die Etüden-Bezeichnung spielt auch auf die verkohlte Fassade an. Auch andere wichtige Stätten der Subkultur im Ruhrgebiet gibt es nicht mehr, damals war dort eine Art Schmelztiegel.

Damals in Schwabing

Damals in Schwabing… Dieser dauernde Totentag und Leichenschmaus. So hat Vera das empfunden und auch, dass ihr Name noch das modernste an ihr war obwohl Oma Veronika hieß und nicht müde wurde zu erwähnen, dass es in den sechziger Jahren mal eine Mörderin dieses Namens gegeben hatte und dieses Drogenkind vom Bahnhof Zoo, hieß die nicht auch mit zweitem Vornamen Vera?! Gleichzeitig schwatzte Oma Vroni umständlich von Frühlingsgefühlen. Das sollte schön sein, aber so wie Oma davon erzählte war es in Wirklichkeit grauenhaft und führte zu untreuen Männern, die eine Maß nach der anderen soffen und Abtreibungen bei Engelmachern oder Bankert-Bastarden. Oma konnte sich nicht entscheiden welches Wort dafür sie am liebsten mochte. Wohl immer das, das Klein-Vera am meisten Schreck einjagte. So sehr, dass sie dann immer mehr Brause zu trinken haben wollte. Die Oma dachte wegen dem Durst und mahnte an, davon müsste man so viel Pipi, aber für Vera war es ein Vorwand. Wenn Oma Vroni dachte, dass Vera aufs Klo musste konnte sie sich im Bad einschließen und in der alten Sitzwanne hinter dem Duschvorhang verstecken.

Etwas, das meine Münchner Oma nie gemacht hätte für die Kooperation zwischen Christiane und Textstaub.

Wissen Sie

oder: fünf Fakten zu literarischen Belangen, erbeten von Kristin, die aus Gründen zu der Gattung der Unverlinkbaren zählt

…was ich nicht leiden kann: Die Gleichsetzung mit Herrndorf. Herrndorf hat literarisch etwas völlig anderes gemacht als ich es mache, wir kommen aus zwei völlig unterschiedlichen Richtungen und haben unterschiedliche Zielrichtungen, wenn man das so sagen kann. Die Menschen, die diese Gleichsetzung machen wissen das. Sie leiten ihre Gleichsetzung von dem sehr hinkenden Vergleich der Arbeitsumstände von Wolfgang Herrndorf mit seinem Tumor mit meinen post Kopf-Operation her. Das sind Äpfel und Birnen. Der Mann hatte Krebs und wusste zu keinem Zeitpunkt wie lange er noch lebt. Ich weiß zwar, dass ich generell nicht alt werde, aber ich lebe nicht mit einem Tumor. Der Mann hatte sehr wahrscheinlich sehr starke Schmerzen mit Folgeerscheinungen und diese Folgeerscheinungen haben laut seinem Journal das Arbeiten oft unmöglich gemacht. Ich habe – Zustand nach der großen OP – ebenfalls zeitweise starke Kopfschmerzen mit Folgeerscheinungen, die das Arbeiten erschweren bis unmöglich machen, aber es ist nicht das gleiche (sondern zwei völlig unterschiedliche Sachen an zwei völlig unterschiedlichen Kopfbereichen aus zwei völlig unterschiedlichen Gründen und wahrscheinlich auch mit sehr unterschiedlichen Schmerzarten)!

Dass Herrndorf in gewisser Weise als arme Sau durch irgendwelche Dörfer gejagt wurde und wird dafür kann er nichts und vielleicht hat er das auch gar nicht gewollt. Ich wünsche das keinem Autor. Möglicherweise wäre „Tschick“ ohne dieses Gejagtwerden niemals so ein Hit geworden. Er war vor seiner Erkrankung nicht etabliert, dann machten sein Psychiatrieaufenthalt – so etwas zu vermarkten ist armselig – und seine Tumorerkrankung die Runde und WUMM! war er der heiße Scheiß, wie man das salopp sagt. Das ist wieder so was mit Ableismus nach der ISL-Definition Guck mal, was der Arme noch kann… Wenn er solche Reaktionen bekommen haben sollte gingen sie ihm vielleicht genau so auf den Keks wie den meisten anderen Menschen, die so etwas bekommen.

Abgesehen davon passt es wie oben gesagt literarisch nicht. Ich komme auch mit seinen Werken nicht klar. „Tschick“ ist vermutlich eine Generationenfrage. Ich glaubte zunächst es läge daran, dass ich keine unrealistischen Texte leiden kann, aber ich habe festgestellt, ich bin nicht der einzige Mensch, der/die/das in meinem Jahrgang und +/- ein paar Jahre mit diesem Buch nicht klarkommt. Der Typ in „Plüschgewitter“ ging mir zwar auf den Nerv, aber da habe ich wenigstens gemerkt, dass mir die Ironie für diese Parodie, wenn es denn eine gewesen sein sollte, abgeht.

…womit ich literarisch auch nie warm wurde: Der zeitweise hochgelobte Uwe Tellkamp. War für mich auch irgendwie aus dem Elfenbeinturm raus geschrieben und gewollt und nicht gekonnt. Dafür kann ich bekanntlich gut mit Elfriede Jelinek und Herta Müller über die man dasselbe sagt. Müllers „Herztier“ habe ich 37 Mal gelesen (bevor noch die Frage nach dem Lieblingsbuch kommt).

…was über meine eigenen Sachen gesagt wird oder wurde: Meine weiblichen Charaktere, zumindest die Protagonistinnen, galten lange Zeit als unglaubwürdiger als die männlichen. Ich habe lange gebraucht um zu erkennen warum das so war. Ich habe der Orientierung meiner Charaktere bis ich Ende 20 war nicht wirklich viel Beachtung geschenkt, auch weil Beziehungen selten vorkamen und -kommen. Es war egal. Das war ein Fehler, den ich gar nicht bemerkt hatte. Somit ist auch klar warum die Kerle früher kredibler waren. Ein paar äußerst glaubwürdige Weiber finden sich in den Tintenklecksen, ich weiß also, dass ich es heute anders kann.

…womit ich trotzdem Probleme habe: Genrefiktion. Es interessiert mich einfach nicht und/oder ich kann es nicht und/oder ich habe noch nicht das richtige gefunden. Vielleicht hängt mein Problem aber auch mit den obskuren Autorengestalten zusammen, die sich zum Teil an entsprechenden Orten tummeln.

…dass ich immer noch keine korrekte Bezeichnung für das was ich fiktional mache habe. Ich bin keine Schriftstellerin, ich bin keine Prosapoetin, ich mache so eine Art Montage, nur eben mit Absätzen, im Kopf bin ich also immer noch eher bei Konzeptstücken. Vielleicht wäre mir am ehesten noch mit „Literaturbloggerin“ gedient, aber die Tintenkleckse sind für mich Fingerübungen und keine eigenständige Literatur. Das hier in den den Fädenrissen sind Sachtexte, die ich nicht als Literatur sehen kann.

Oma erzählt vom Krieg

Ja klar. Sicher. Absolut. Ganz bestimmt. Ich glaub’s auch.

Einige von Ihnen wissen es, ich bin Sachverständige. Gelegentlich kommen Menschen von weither und lassen mich die Begleiter ihrer Grundschulzeit restaurieren.

Kommt so ein Jungmensch, frisch aus der Pubertät, also ganz definitiv nicht annähernd um die Zeit dieser Taschen zur Schule gegangen, weil mehr als definitiv damals noch Quark im Schaufenster in der Fantasie seiner Eltern und erdreistet sich mich zu fragen, ob ich ihr, es war ein weiblicher Jungmensch, dieses oder jenes verkaufe. Sie fände das so schön, damit sei man was besonderes.

Bitte?!
Hamster, hol das Bohnerwachs, das Schwein fängt an zu pfeifen!

Menschen fahren hunderte Kilometer und investieren teils viel Geld in Reinigungsmittel oder Reparaturteile, damit sie ihre Kindheit mit einem Gegenstand lebendiger in Erinnerung erhalten können – damals trug man die Dinger noch vier Jahre – und das Möchtegern-Hipster-Wieauchimmer-Treeschen möchte einfach eine schicke Tasche!

Der Mit-Künstler würde sagen Ich fass es nicht!
Der Handschuhschenker Kinners, wie frech!

Und dann auch noch beleidigt sein, inklusive Unverständnis und Hätte ja sein können, als ich ihr mitteile da ist sie bei mir und wahrscheinlich so ziemlich jedem anderen aus meiner Generation falsch.

[Ich bin schon fast bekniet worden fast unrettbare Wracks wenigstens improvisiert wieder herzurichten, da sieht man wie wichtig das vielen Leuten ist.]

Es geht meines Erachtens auch schon eine gewisse Abgebrühtheit dazu ausgerechnet eine Sachverständige zu fragen. Die wusste genau wen sie anspricht und dass mir die Sachen nicht gehören und kannte meine Referenzen.

 


 

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