1978 war noch einiges anders

Aufgrund eines Tintenkleckses – genauer gesagt diesem hier – Theaterkarten geschenkt bekommen. Philipp und ich, nachdem ein erwachsenes Trinkerkind, das wir entfernt kennen einem anderen erwachsenen Trinkerkind professionell die Fädenrisse empfohlen hatte. Kann passieren. Dieses zweite erwachsene Trinkerkind hat sich durch die Tintenkleckse gelesen und als wir uns durch das erste erwachsene Trinkerkind kennenlernten hat es mich auf den einen angesprochen und gefragt, hätte ich vielleicht Lust das Theaterstück seiner Laientruppe zu besuchen?! Es ginge um Harvey Milk, über den Randy Shilts auch geschrieben hat und auch damit waren einige Leute unzufrieden.

Ich habe das Buch nicht gelesen und weiß auch sonst nicht viel über Mr. Milk, aber das ist kein Grund nicht hinzugehen.

Und möglicherweise hatte die Truppe gut recherchiert. Möglicherweise, weil ich eben nicht beurteilen kann.

Wenn Sie auch nichts über Harvey Milk wissen: Offen schwuler US-Politiker, der 1978 ermordet wurde. Mehr Wissen hatten wir auch nicht. Nur, dass das Stück das Jahr in dem er im Amt war beschreibt.

Ein Großteil des Ensembles ist alt genug, dass es 1978 immerhin schon gelebt hat. Ein Großteil der Zuschauer auch. Die einzige Zuschauerin und die wahrscheinlich einzige Hete (Philipp) im Publikum nicht. Wir sind von 1980.

Das ist auch alles völlig gut.

Es war sehr schön. Herzblut drin. Der Milk-Darsteller so alt wie Milk zum Zeitpunkt seines Todes und ebenfalls früherer Besitzer eines Analogkamera-Geschäftes, auch lange Zeit politisch desinteressiert. Man hat gemerkt, dass ihm das für die Rolle nützt.

Nicht gut, dass urplötzlich jemand aufsteht. Ein Jungmensch mit Hipster-Bart, der irgendwann um die Zeit als Mr. Milk schon 20 Jahre tot war zur Welt gekommen sein muss. Einer dieser Menschen, die es wohl schwer haben damit klarzukommen, dass nicht immer alles, was heute möglich ist schon immer überall möglich war. Denn mitten in dieses 1978 in den USA spielende und nur auf diesen zeitlichen Moment Bezug nehmende Stück schreit er:

„Und was ist mit Marriage Equality 2017?“

Es gab mal eine Zeit, da hätte man zu so jemandem gesagt Aufgabe nicht verstanden, setzen, sechs.

Er empfindet es als Diskriminierung, dass der eine Teil des ungefähr 40-jährigen Paares – sie tragen Eheringe und denselben Nachnamen – neben ihm ihn darauf aufmerksam macht: „Ey, das spielt 1978…“

Vom mangelndem Respekt gegenüber allen die das Stück erarbeitet haben und spielen ganz zu schweigen.

Das merkt auch jemand hinter uns an.

Die Woche in Dialogfetzen

Dienstag/Mittwoch:

[bitte beachten: Gebärdensprachdialoge sind nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzbar]

„Nein, er geht nicht alleine von der Schule nach Hause. Ich habe ihm beigebracht nie stehen zu bleiben und ihm ist klar, dass er die Erlaubnis hat aus Notwehr zu beißen, wenn es gar nicht anders geht.“ – […] – „Nein, ich lasse ihn nachmittags nicht mehr raus. Bestimmt nicht.“

#Atelier-Kind-Mutter macht sich Sorgen

Donnerstag:

„Du kannst dir auch solche Schokolade kaufen. Guck mal, dahinten ist Aldi, da gibt es die.“ – [….] – „Ja, natürlich ist das Aldi Süd! Wenn es diese Schokolade bei eurem Aldi geben würde, dann würde K. mich ja nie fragen, ob ich ihr bitte welche mitbringen kann, weil euer Aldi die Sorte nicht führt.“

#Wieso hat die dergl Luftschokolade und ich nicht? Saus und Brause, Wohlstand ausgebrochen1elf!!!

Freitag:

„Haben Sie eine Frage?“ – „Ja, brauchen die alle W-LAN um zu funktionieren? Unser DCP von 2008 hat jetzt den Geist aufgegeben.“ – *Ausdrucksloser Gesichtsausdruck des Verkäufers* – „Wir haben kein W-LAN. Wir wollen auch nur ganz normal drucken.“ – *Verkäufer sieht aus als hätte er zwei Marsbewohner vor sich*

#Im Elektrofachgeschäft, Philipp und ich wollten Preise in Erfahrung bringen

[Wir sind immer noch nicht schlauer und ich habe wirklich kein W-LAN. Klingt komisch, ist aber so.]

A-haltiges

Salmas Familie wollte dem Handschuhschenker einen Geburtstagskuchen schenken. Kirschkuchen. Allerdings war Kirschkuchen aus, also kamen sie mit tiefgefrorener Schwarzwälder Kirschtorte und den besten Absichten in die Begegnungsstätte. Unwissend, dass in genau der Torte, also bei diesem Hersteller, Alkohol verwendet wird.

Für den Handschuhschenker also nicht essbar.

Großes Schämen und Entschuldigen, es hilft kein Hinweis, dass es gut gemeint war und der Gedanke zählt oder sie es nicht wissen konnten, weil der Hinweis alkoholhaltig irgendwo unten ganz klein und nicht mal fett gedruckt steht.

Gefreut hat der Handschuhschenker sich dennoch. Wenn man die Stücke groß schneidet, haben doch alle, die eins essen können ein Stück. Es macht doch nichts, dass er nicht mitessen kann. Wirklich, Kinners, es war lieb gemeint.

Salmas Mann sagt, dass sie sich trotzdem schämen, weil sie jetzt kein Geschenk haben.

Salma sagt, es stimmt und spricht ihn – den Handschuhschenker – namentlich an.

Wie sie das tut ist nicht transkribierbar. Ich saß auf dem Tisch, ich sitze immer auf dem Tisch, und habe überlegt, wie ich das zum Beispiel den Atelier-Kind-Eltern buchstabieren müsste, damit sie die Abweichung verstehen.

Und es ist merkwürdig, denn Ludwig, also den Großneffen-Namen, kann sie problemlos aussprechen und hatte auch nie Probleme damit, aber den Handschuhschenker-Namen bekommt sie nicht hin.

Das wundert auch den Handschuhschenker. Deswegen hat er einen Alternativ-Wunsch.

„Salma“, sagt er, „ich möcht was ganz anderes. Kannst du mir einen großen Gefallen mit tun und ihr auch.“

Salmas Mann: „Ja? Was denn?“

Handschuhschenker: „Bitte lernt doch richtig meinen Namen sagen. Ist nicht schwer. Das ist das gleiche wie bei dem Kleinen.“

Sie überlegt.

Wenn ich es richtig verstanden habe, hat das irgendwas mit dem A in der ersten Silbe zu tun, dass sie die Verbindung nicht herstellt. Ludwig hat sie nur so als deutschen Namen ohne vorherige Assoziation für sich mit einem anderen Wort kennengelernt. Die erste Handschuhschenker-Namenssilbe ist ein Adjektiv und das schon verwirrend für sie an sich. Dazu kommt in der Silbe das A und in der zweiten das –ig. Und das –eg im ähnlichen deutschen Wort Radweg, das sie vor dem Handschuhschenker kennenlernte, spricht sich auch nicht –ech.

 

[Daran sieht man gut unterschiedliche Wahrnehmungen. Ich hätte gedacht, dass gerade weil das Wort „hart“ im Alltag so oft vorkommt, müsste der Handschuhschenker-Name leichter sein.]

Das wird man ja wohl noch…

Gestern Nachmittag ist mir mal wieder jemand dumm gekommen. Das Atelier-Kind und ich kamen vom Basteln mit Salma und ihrer Familie. Die möchten Weihnachtsdekoration und hatten Papier aufgetrieben. In meinen Bastelbüchern ist etwas drin, sollen sie also haben. Auch wenn sie Last Christmas von Wham! so toll finden, dass die Söhne das mitsingen.

[Ach so, erstens: Denen ist völlig egal, dass George Michael schwul ist. Ach so, zweitens: Nein, die müssen sich in ihrem zweiten Jahr hier noch nicht so an die hier schon länger lebende Bevölkerung angepasst haben, dass sie von diesem Lied genervt sind, nur weil wir genervt sind. Die werden das ja wohl noch gut finden dürfen.]

Jedenfalls kommen das Atelier-Kind und ich zurück und so eine Über-Mutti auf der Straße mir dumm. So eine, etwas mit kann die überhaupt und sollte man gar nicht erlauben. Und ihr Kind soll uns nicht ansehen. [In dem Tonfall, in dem mir als Kind andere Kinder gesagt haben, sie lassen mich nicht mitspielen, wenn sie das täten, dann bekämen sie die Behinderung ja auch.] Ihre Meinung wird sie mir ja noch sagen dürfen.

Nur mal so: Es ist völlig, absolut, total und zu 100% AUSGESCHLOSSEN, dass ich gegen ein motorisiertes Fahrzeug laufe, sonst wie damit verunfalle, als Fußgänger unter eines gerate, irgendwo runter stürze oder nach einem Apoplex oder einer Gehirn- oder Gehirnhautentzündung aufwache und plötzlich meine linke Körperhälfte spüre und zielgerichtet bewegen kann, gerade gehe oder vollverständlich spreche. Auch nach einer Krebserkrankung oder Amputation aus irgendwelchen Gründen ist das nicht möglich. Das wird auf überhaupt keinen Fall je passieren, denn es ist nach allen Gesetzen der Natur und Physik unmöglich. Ich werde egal was passiert nie so sein wie du dumme Person. Auch das Kind nicht. Das wird nie Meningitis bekommen oder sich beispielsweise einen Schädelbasisbruch oder Gehirntumor zuziehen und dadurch einen Hörsinn haben. Das ist komplett ausgeschlossen.

Aber DU kannst jeder Zeit verunfallen, wie auch immer, einen Apoplex haben, eine Erkältung bis zur Hirnbetroffenheit verschleppen, eine Gliedmaße verlieren oder was weiß ich und danach aufwachen und deine Körperhälfte nicht spüren oder zielgerichtet bewegen, nicht gerade gehen oder vollverständlich sprechen können. Vielleicht hörst du dann auch nichts mehr. Das alles ist absolut möglich. Also würde ich mal überlegen, bevor ich den Mund aufmache.

Die wirkliche Behinderung sind Leute wie du. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Salma will etwas wissen

Vorab: Es verschwinden gerade wieder Kommentare und ich muss wieder bereits freigeschaltete Leute freischalten. Was ich finde, finde ich, was ich nicht finde, tut mir leid, ist das System. Kann momentan auch etwas dauern, wie Sie wahrscheinlich mitbekommen haben wurde es gestern ernst mit dem Spar…äh Teilhabegesetz. Ich bin daher etwas beschäftigt.

Die 5 aus 9-Regelung, die sowohl für mich als auch für das Atelier-Kind samt Familie noch drastischere Einschnitte als derzeit bedeutet hätte ist so weit ich zusammenbekommen habe bis 2023 vom Tisch, die Katastrophe Zwangspoolen – und damit das Damoklesschwert Schule zum Beispiel beim Atelier-Kind – wurde als legal, wünschenswert und erlaubt durchgewunken. Als Beispiel. Es ist und bleibt nicht unser Gesetz und es muss kein Mensch und keine Politik meinen, dass wir denen die Füße küssen, nur weil wir einen Teil der Rechte, die wir bis jetzt hatten behalten dürfen. Verbessert hat sich für viele nichts. Das heißt der Kampf geht weiter.  Muss weiter gehen.

 

Jetzt aber was Nettes für Sie, denn Salma möchte etwas wissen:

Warum  werden an Silvester Berliner Ballen gegessen?

Kann das jemand von Ihnen erklären? Ich mag das Zeug nicht, weiß also nicht annähernd zu welchen Anlässen man das isst oder woher die Tradition kommt.

 

O’fragt is

Salma möchte wissen, was das genau ist, was da gemacht wird auf dem Fest für den Oktober. Sie hat die Werbung für den örtlichen Wiesn-Abklatsch gesehen und die Läden voller entsprechendem Ramsch und Klamotten. Außerdem will sie wissen was das für eine Sprache ist, die im Zusammenhang damit immer benutzt wird.

Den Dialekt kann ich ihr erklären.

Ob die Frauen alle diese Kleider anziehen müssen? Auch Muslimas?

Dass ihr Mann so eine Hose und Jacke anzieht, das kann sie sich noch vorstellen, aber sie möchte so ein Kleid nicht anziehen.

Kann ich gut verstehen. Ich auch nicht. Musste ich als Kind immer zum Fotomachen.

Sie hat Holladio in ihren Wortschatz aufgenommen, weiß dass Semmeln dasselbe wie Brötchen sind – ich habe selber lange genug noch Semmeln dazu gesagt – und was Brezn, Spezi und Fleischkäs ist.

Ich überlege ihr In München steht ein Hofbräuhaus beizubringen, weil mich das Gitti und Erika-Lied über Heidi nervt. Da hat Salma das Holladio her.

Eine Mutter spricht

Das Folgende hätte auch als Beitrag in Mützenfalterins Mutterbilder-Projekt gepasst, denn hier kommt eine Mutter zu Wort. Aber diese Mutter hat mir erlaubt sie zu zitieren und das in meinem deutschsprachigem Blog zu tun, nachdem ich ihr erzählt habe, dass das Thema Sucht hier einen großen Teil für sich einnimmt, weil ich hier über meine eigene suchtkranke Mutter schreibe.

Nennen wir diese Mutter Beverley. Das ist nicht ihr richtiger Name, aber sie bat mich Beverley zu schreiben, falls ich einen Namen erwähnen muss. Beverley stammt aus den USA, ist älter als 60, aber noch nicht 70 und hat drei zwischen 1979 und 1982 geborene Kinder, von denen das Älteste nicht mehr lebt. Beverley ist Alkoholikerin mit immer wieder abstinenten Phasen. Ihr jüngster Sohn war als Soldat im Irak und danach in Wiesbaden stationiert.

Nachdem Beverley mich nach meinem Alter gefragt hat erzählte sie mir folgendes, das ich zitieren darf und nicht übersetzen werde, denn ich möchte nicht, dass es verfremdet wird.

 

I was 35/36 years old when I drew volumes of comics. I was literally at the bottom of my life. I had lost my children and I had failed at the love relationship I had come out for. I was alone and had to make a choice inside myself. That choice was, to eventually kill myself, or face the reasons why I have found myself in this low place in my life.

I had come out about being a lesbian five years earlier and that was one reason why I had lost my children… but the real reason I had lost them was because I was a physically abusive parent. My physical and emotional abusiveness also destroyed the love relationship I had come out for. So it was this about myself I had to face, more so than being gay.

Much of those comic drawing reflects my own childhood and adolescent abuse from my parents and other adults in my life, some because of my homosexuality, but most of it because I was unlucky enough to be a girl amongst a bunch of angry child molesting perverts.

 

Ich freue mich sehr und ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie mir das erzählt hat. Ich habe in all den Jahren Angehörigen- und Betroffenenarbeit in und außerhalb von Selbsthilfegruppen nur selten Betroffene, insbesondere Mütter, getroffen, die so ehrlich in Bezug auf ihre Rolle in der Mutter/Kind(er)-Beziehung sein konnten.