Retro

Und dann kommt man auf der Straße an einem Plakat vorbei, das eine 90er Party ankündigt, liest wer alles da auftreten soll, denkt, dass man nie verstanden hat was die Leute an dem und dem gefunden haben, und wie nötig Mittvierziger (mutmaßlich) das Geld haben müssen um heute auf irgendeiner Clubkiste noch als Boyband oder „90er Sternchen“ aufzutreten, weil man in den 90ern beliebt war.

[Eine meiner wenigen weiblichen Freundinnen der Jugendzeit bekam tatsächlich Ohnmachts- und Kreischanfälle wegen irgendeinem Typen bei Caught In The Act und Wutausbrüche wenn ich den Bandnamen, wie damals nicht unüblich, zu „Kotz In die Ecke“ umfunktioniert habe. Eine andere stand auf „Paaaddyyy!“ Kelly und ist deshalb mehrmals nach Köln abgehauen beziehungsweise hat mich um meine Naturlocken beneidet weil ich damit aussah – ihrer Ansicht nach – wie eine der Frauen. Unsere innerschulische Barbara – eine Klasse höher als wir – musste sich von ihr Barby nennen lassen.]

Ein Urlaubstag

Ich war Richter schauen. Alleine. In Ruhe. Nicht obwohl, sondern weil es mir körperlich nicht gut geht.

Ich hatte eine dunkle Erinnerung, dass sich vom Essener Hauptbahnhof auch zum Museum laufen lässt. Längere Zeit gerade aus und dann eine Seitenstraße und ich dachte mir, ich versuche es. Bisschen Luft und so.

Meine Erinnerung stimmt. Interessant was von dem, was ich als auf dem Weg liegend erinnere noch beziehungsweise nicht mehr da ist. Die Schwulenkneipe „Im Büro“ oder „Das Büro“ auf der einen Straße ist weg und auf Höhe Saalbau (das hieß früher nicht explizit Philharmonie) habe ich ein paar Kanülen und Co. vermisst. Da war soweit ich weiß keine Szene, die konzentrierte sich bis zur Vertreibung noch an der Freiheit, aber ich erinnere mich, dass man auch am Stadtgarten das ein oder andere benutzte Besteck sehen konnte. Immerhin gab es heute ein paar Bierpullen, die garantiert nicht aus dem Sheraton stammen.

Ich erinnere mich an das Museum nur vor dem Umbau, aber es ist schön wie es jetzt ist. Buchhandlung drin leider nur sehr teure Kinderbücher, ich hätte dem Atelier-Kind als Trostpflaster gern irgendwas Kleines mitgebracht. Es war nämlich traurig, dass es nicht mitdurfte. Ich hätte doch bis zu den Ferien warten können, dann hätten wir alle zusammen gehen können.

[Es hat tatsächlich die ganze Zeit ein kleines Kind rumgeschrien, das heißt, wir hätten uns keine Gedanken um den Atelier-Kind-Bruder machen müssen.]

Ausstellung gut. Die „Tante“ fehlt, aber Ema (Akt auf einer Treppe) und Herr Heyde sind dabei und beide Bilder haben einen thematischen Zusammenhang zu Tante Marianne, die im frühen Atlas noch unter Mutter und Kind firmiert.

Es war sehr voll und es wurden Schulklassen geführt, ich habe mich also sehr konzentrieren müssen.

Gerade weil Klassen geführt werden hoffe ich, dass die „Tante“ und auch der RAF-Zyklus (im MoMA) wenigstens angesprochen werden.

Letzterer weil es ein Bild von Ulrike Meinhof als sie jung war in der Richter-Ausstellung gibt und weil parallel eine Ausstellung mit Fokus auf den Deutschen Herbst läuft.

Diese Ausstellung ist von Arwed Messmer, heißt „RAF No Evidence/Kein Beweis“ und fokussiert sich auf Polizeifotos. Wenn Sie der Themenkomplex interessiert und Sie in der Nähe sind, läuft noch bis 03. September. Da drin dürfen Sie nicht fotografieren. Ich hätte eh keine Kamera gehabt, wenn Sie eine haben müssen Sie die beim Personal abgeben, so lange Sie in den Räumen sind. Das hat, wenn ich es korrekt verstanden habe, damit zu tun, dass Leihgaben aus dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg zu sehen sind. Als Asservate Polaroid-Fotos von Hanns Martin Schleyer als Geisel. Ich war 1977 noch nicht geboren und wenn ich Bilder von seiner Haft als Kind in den Nachrichten oder so sah, dann war das etwas, das ich gar nicht begreifen konnte. Später habe ich mich mit der Materie beschäftigt – schon allein weil Sie, wenn Sie sich mit Bernward Vesper beschäftigen und der war in meiner Bibliothekarinnenausbildung noch Pflicht, nicht an der Mutter seines Sohnes vorbeikommen -, aber diese Originalbilder sind doch noch mal etwas ganz anderes.

Dann wollte ich zu den Toiletten und stehe plötzlich vor einer Installation aus der ständigen Ausstellung, einem Stück von Nam June Paik (Objektname konnte ich wegen der anderen Betrachter nicht sehen) und meine Sache mit Herrn Paik kennen Sie, wenn Sie hier schon lange lesen. Wenn nicht – bitteschön (klick).

Das ist seltsam: An einem Tag, an dem ich ausschließlich gehe um Richter zu schauen – ich hatte das Kombiticket, aber ich ging primär wegen Richter -, und ich wäre allein wegen der historischen Dimension gegangen, auch dann, wenn er mich nicht interessieren würde werde ich plötzlich, einfach weil ich in die falsche Richtung eines Flures gehe, an meine installationstechnischen Wurzeln erinnert.

Das will mir etwas sagen. Ich weiß nur noch nicht was.

Noch etwas, das mir etwas sagen will: Ich hatte mich um etwa sechs Euro in meinen Medikamentenausgaben verkalkuliert. Ich wusste nicht, dass es da in der Stadt eine Apotheke gibt bei Vieles viel billiger ist. Ich wollte es nur kaufen, weil ich eh schon unterwegs war und so wie ich den Chirurg kenne wird der mir auf jeden Fall sagen, ich soll mich bevorraten. Weil ich ohnehin Zeit nach hinten offen hatte bin ich dort, nur um zu schauen was deren Sortiment ausmacht, in einen Laden mit Vinyl gegangen – und fündig geworden.

(Camouflage Methods Of Silence, sogar noch mit Tourdatenbeiblatt, am 01.11.1989 haben sie in Hamburg in der Großen Freiheit gespielt und am 05.11.1989 in Berlin im Metropol, das sind die einzigen beiden „Locations“ bei denen mir der Name etwas sagt, zu meiner Schande weiß ich weder was die Theaterfabrik in München war oder ist noch kenne ich den/die Disco Circus in Mannheim.)

Koffer

In Memoriam Herr Goldschmidt [falls er noch lebt, wäre er jetzt etwas über 100]

Salma und ich sind unterwegs zu einer Behörde und kommen an einer Art Antiquitätenladen vorbei. Ich ging da schon oft lang, er ist nicht zu übersehen, aber ich bin in all der Zeit nur äußerst selten stehen geblieben. Ich erinnere mich explizit nur an einmal, da wollte ich einen Melitta-Kaffeefilter aus dem Schaufenster verschenken, aber der Laden war schon geschlossen.

Salma findet die Sachen sehr interessant. Wir überlegen noch an die Tür zu gehen und zu schauen ob der Laden bald öffnet, dann könnten wir auf dem Rückweg mal reingehen als uns die Koffer auffallen.

Mir fallen nicht nur die Koffer auf, einer davon mit noch leserlichem Adressschild, eine Charlotte XY, sondern auch ein Satz ein:

„In den Trödelläden, die alten Koffer, ich habe die Vermutung, das sind diese.“

–  Herr Goldschmidt um 1997 (Gedächtnisprotokoll)

Das hat vor etwa 20 Jahren Herr Goldschmidt zu mir gesagt. Vorher hatte er mir über seine Deportation berichtet. Herr Goldschmidt war ein Überlebender aus Bergen-Belsen. Ich weiß nicht mehr woher genau er stammte, irgendwo aus Holland und er sprach mit über 80 Jahren noch immer niederländischen Akzent.

Herr Goldschmidt war der zweite oder dritte Mann einer Lehrerin an meiner Schule, die die Mädchen unterrichtete. Kinderpflege, da konnte ich nicht mitmachen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich nicht gedurft. Du bist behindert, du hast keine Kinder zu kriegen. Frau Goldschmidt (schon ziemlich alt) setzte mich also separat in einen anderen Raum, knallte einen Stapel Bücher auf den Tisch und ließ mich lesen. Ich weiß nicht ob sie auf das achtete, was sie mir gab. Unter anderem dabei etwas über Anne Frank. [Ich weiß bis heute nicht ob irgendeine meiner nichtbehinderten Mitschülerinnen weiß wer das war.] Ich las das. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mehr oder weniger unerlaubt auch schon Texte von Ernst Klee gelesen, ich wusste damals, ich „wäre weggewesen“.

Ich las also dieses Buch und irgendwann meinte Frau Goldschmidt ganz beiläufig: „Mein Mann ist ja auch Jude.“ Und er sei in Belsen gewesen, er und seine damalige Frau hätten überlebt, alle anderen aus den Familien nicht. Und ob ich vielleicht mal bei Goldschmidts auf Besuch kommen wolle?

Wenn Ihnen klar ist, dass Sie damals gar nicht erst 16 oder 17 – ich weiß die Jahreszeit nicht mehr – geworden und in der zehnten Klasse gewesen wären und Ihre Eltern Ihnen deshalb „Spinnerei“ unterstellen schlucken Sie vielleicht noch härter als andere. Ich hoffe jedenfalls, dass andere geschluckt hätten.

Meine Eltern haben diesen Besuch tatsächlich erlaubt. Das zeigt in ihrem Fall, dass sie nicht wussten worauf sie sich einließen.

Herr Goldschmidt, damals 81 oder 82 und ziemlich fit, stellte mir ein Stück Kuchen nach dem anderen hin und redete und redete. Vielleicht konnte er das in dieser Offenheit nur während ich aß.

Es war schrecklich. Ich habe nicht verstanden warum er ausgerechnet nach Deutschland gegangen ist statt zurück in die Niederlande. Mein Großvater ist geblieben, aber mein Großvater war sein Leben lang schweigender Täter.

Und er sprach und sprach.

In seiner Bibliothek zeigte er mir Bilder, sprach auch von Hadamar.

Und den Koffern.

Seinem Verdacht, die Koffer in Antiquitätenläden seien wahrscheinlich Koffer, die deportierten Menschen gehört hatten.

Daran muss ich denken als wir vor diesem Schaufenster stehen. Wenn schon geöffnet gewesen wäre, hätte ich mir die Koffer näher zeigen lassen. Vielleicht steht noch irgendwo drin eine Jahreszahl, die beweist, dass es keine von diesen Koffern sein können.

Salma schluckt auch als ich ihr das auf Englisch erzähle.

Ich bin ein privilegiertes Arschloch

C., die ich nicht gut kenne, mit der ich aber wegen Pooling zu tun habe, denn wir werden nicht gefragt mit wem, woher der/die/das oder wohin, hat mich gestern Nachmittag ein privilegiertes Arschloch genannt. Ich hätte doch alles, ziemlich viel auf jeden Fall.

Dabei war sie zwar wütend, aber sie hat das nicht aus Neid geschrieben. Es stimmt, dass ich in gewisser Weise privilegiert bin. Ich weiß es auch. Nicht jeder hat einen Mit-Künstler und einen Handschuhschenker oder Atelier-Kind-Eltern, die das auffangen was entweder noch nie möglich war – im Sinne davon, dass es nie genehmigt wurde – oder durch das Spar…äh… nicht mehr möglich ist. Auffangen so gut es geht und mit diesen Freundschaftsdiensten so viel Inklusion und Teilhabe wie eben machbar ermöglichen.

Nicht jeder hat einen Menschen, der für ihn Telefonate führt weil er es selber nicht kann. Viele Behörden oder Ärzte kommunizieren aber ihre Termine nur per Telefon. Das bedeutet, Menschen, die nicht telefonieren können stoßen hier auf Barrieren. Assistenten für diese Aufgabe werden und wurden nicht bezahlt. Ganz zu schweigen davon: Es gibt keinen einheitlichen Notruf in diesem Land für nichtsprechende Menschen. Die Angebote, die es gibt kosten Geld oder brauchen bestimmte technische Voraussetzungen. Was macht ein Mensch wenn es brennt, der Notarzt kommen muss, ein Unfall, ein Raub oder eine Gewalttat beobachtet wurde?

Nicht jeder hat einen Menschen, der im Alltag „dolmetscht“ wenn man schlecht sprechen kann, haben Sie so einen nicht liegt es nahe, dass Sie wie C. und viele andere nicht einmal mehr einen kleinen persönlichen Radius außerhalb von Hilfestellen (Pooling!) haben.

Nicht jeder hat einen Menschen, der hebt, trägt, repariert und Wunden versorgt.

Nicht jeder hat einen Menschen, der mobil ist. Viele von uns leben eher weit ab, weil wir uns die zentralen Wohnungen nicht leisten können oder gleich zugewiesen wurden.

Nicht jeder kann überhaupt so unauffällig und „normal“ leben wie ich.

C. ist wie viele.

Ich bin wie wenige, weil ich das habe. Ob diese Angewiesenheit mich schmerzt spielt keine Rolle. Ich habe jemanden und es ist kein Mensch, der mich in Wirklichkeit hasst oder nur Karmapunkte sammeln will, ich bin also privilegiert.

Ich weiß es doch.

Auch Werdegänge wie ich einen gemacht habe sollen nicht mehr möglich sein. Ausbildung im dualen System trotz Eingliederungshilfe und Assistenzbedarf und später als der Körper heruntergewrackt war Umschulung. Mir wurde gesagt nach dem Bachelor sei mit dem Gesetz Schluss wenn man Assistenz braucht. Ich kenne Leute, die mit Einzug des Gesetzes ihre Jobs verloren haben, weil im Januar auch die Assistenzgenehmigungen ausliefen. Umschulen ist heute nicht mehr, wie es scheint. Die sitzen jetzt zu Hause und werden ihr Leben lang nicht mehr aus der Situation kommen. Je nachdem wo sie wohnen gibt es für diese Leute keine sozialen Strukturen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Schüchternheit oder Rückzug oder Verstecken zu tun, sondern damit, dass je nach Behinderung eben nicht alles zugängig ist. Siehe das Atelier-Kind und der Fußballverein. Ein anderes Kind möchte da Sport mit gleichaltrigen machen, von ihm sagt das Gesetz verschlüsselt, er möchte ein Ehrenamt bekleiden und dafür gibt es keine Assistenz mehr. Das erfahren auch Erwachsene. Es ist nicht überall Berlin, Köln, Stuttgart oder Hamburg. Nicht überall ist es wie dort, man kann auch sagen, die, die da wohnen sind privilegiert. Könnte man.

Aber für den Zustand hier hat C. schon recht: Ich bin ein privilegiertes Arschloch, egal wie wenig ich habe und wie viel mir genommen wurde.

Wortsalven

Bald wird gewählt und hier hängen die Wahlplakate. Eine bestimmte Partei instrumentalisiert den Kölner Dom. Sie können sich denken in welchem Zusammenhang, spätestens wenn Sie dazu noch wissen, dass auf dem Plakat noch ein Mädchen abgebildet ist und dazu ein Satz, dass die mit 18 ihren Eltern nochmal dankbarer sein wird, dass sie diese Partei gewählt haben.

Ja, ich würde auch gern kotzen. Nein, ich weiß nicht wie ich das dem Atelier-Kind erklären soll. Mit „Die diskriminieren Leute und erzählen Lügen über Menschen wie [die Söhne von Salma haben zwar Namensgebärden von uns bekommen, aber ich weiß nicht wie die Namen korrekt geschrieben werden und ob ich sie nennen dürfte].“ ist es nicht getan.

Wir denken jetzt mal kurz nach, erinnern uns was diese Partei sonst noch ganz gerne hätte und fragen uns ob das Mädchen ihren Eltern in diesen Fällen mit 18 immer noch für ihre Wahl dankbar wäre:

Angenommen – Liebe ist unberechenbar – Lili verliebt sich mit 18, oder schon früher, aus irgendwelchen Gründen – Liebe ist irrational – nicht in Lukas oder Lena, sondern unsterblich in Laith oder Ledia, können ja auch süße, nette Teenies sein. Aber die sollen doch deportiert oder abgeknallt werden, weil sie qua Geburt Terroristen sein sollen. Ist sie ihren Eltern dann immer noch dankbar?

Angenommen, irgendwann in der Zeit bis Lili 18 ist verlieren ihre Eltern alles – das gibt es und kann schneller passieren als man denkt – und die Familie landet in ALG II oder auf der Straße. Ist sie ihren Eltern dann immer noch dankbar für die Wahl?

Angenommen, Lili kriegt Masern oder hat einen Reitunfall, verunfallt oder erkrankt sonst wie und hat in der Folge einen anderen Dauerzustand. Ist sie ihren Eltern dann immer noch dankbar, dass sie mit 18 ins Altenheim gezwungen wird und keinen Schulabschluss hat? Die Partei möchte die Sonderstrukturen behalten und hält nicht gerade viel von Inklusion.

Angenommen, Lili hat einen irgendwie psychisch kranken, sei es auch nur depressiven, oder suchtkranken – ja, auch von lecker Weinchen am Abend kann man suchtkrank werden – Elternteil oder Geschwister. Ist sie dann dankbar, dass der weggesperrt werden soll? Hat die Partei doch gefordert.

Angenommen, Lili hat mit 18 keinen Bock auf Bachelor weil sie weiß, danach erwartet sie ein Leben als Heimchen am Herd – einige junge Leute finden das jetzt schon die Idealvorstellung -, statt dessen will sie Straßenbauerin werden. Wenn ihre Eltern ihr dann die Hölle heiß machen, weil das so überhaupt nicht in deren Weltbild passt, ist sie denen dann immer noch dankbar?

Das ist so absurd, dass man sich das eigentlich nicht fragen muss. Trotzdem fallen immer wieder genügend Leute darauf rein.

Nicht dass die anderen Wahlplakate toll oder wahr wären, aber die kann man weil es der übliche Schwachsinn ist einfach ignorieren. Sollte man bei diesen hier zwar auch, denn sie funktionieren nach dem Schema Besser negative Aufmerksamkeit als gar keine und kalkulierte Provokation, aber sie sind auch die einzigen nach denen mich das Kind explizit fragt, weil es die Sätze verstehen kann.

Man soll nie aufhören zu (hinter)fragen, wusste schon Einstein. Dazu gehört, dass man auch nicht aufhört zu antworten, wenn sich ein Kind noch zu fragen traut. Aber wie?!

1978 war noch einiges anders

Aufgrund eines Tintenkleckses – genauer gesagt diesem hier – Theaterkarten geschenkt bekommen. Philipp und ich, nachdem ein erwachsenes Trinkerkind, das wir entfernt kennen einem anderen erwachsenen Trinkerkind professionell die Fädenrisse empfohlen hatte. Kann passieren. Dieses zweite erwachsene Trinkerkind hat sich durch die Tintenkleckse gelesen und als wir uns durch das erste erwachsene Trinkerkind kennenlernten hat es mich auf den einen angesprochen und gefragt, hätte ich vielleicht Lust das Theaterstück seiner Laientruppe zu besuchen?! Es ginge um Harvey Milk, über den Randy Shilts auch geschrieben hat und auch damit waren einige Leute unzufrieden.

Ich habe das Buch nicht gelesen und weiß auch sonst nicht viel über Mr. Milk, aber das ist kein Grund nicht hinzugehen.

Und möglicherweise hatte die Truppe gut recherchiert. Möglicherweise, weil ich eben nicht beurteilen kann.

Wenn Sie auch nichts über Harvey Milk wissen: Offen schwuler US-Politiker, der 1978 ermordet wurde. Mehr Wissen hatten wir auch nicht. Nur, dass das Stück das Jahr in dem er im Amt war beschreibt.

Ein Großteil des Ensembles ist alt genug, dass es 1978 immerhin schon gelebt hat. Ein Großteil der Zuschauer auch. Die einzige Zuschauerin und die wahrscheinlich einzige Hete (Philipp) im Publikum nicht. Wir sind von 1980.

Das ist auch alles völlig gut.

Es war sehr schön. Herzblut drin. Der Milk-Darsteller so alt wie Milk zum Zeitpunkt seines Todes und ebenfalls früherer Besitzer eines Analogkamera-Geschäftes, auch lange Zeit politisch desinteressiert. Man hat gemerkt, dass ihm das für die Rolle nützt.

Nicht gut, dass urplötzlich jemand aufsteht. Ein Jungmensch mit Hipster-Bart, der irgendwann um die Zeit als Mr. Milk schon 20 Jahre tot war zur Welt gekommen sein muss. Einer dieser Menschen, die es wohl schwer haben damit klarzukommen, dass nicht immer alles, was heute möglich ist schon immer überall möglich war. Denn mitten in dieses 1978 in den USA spielende und nur auf diesen zeitlichen Moment Bezug nehmende Stück schreit er:

„Und was ist mit Marriage Equality 2017?“

Es gab mal eine Zeit, da hätte man zu so jemandem gesagt Aufgabe nicht verstanden, setzen, sechs.

Er empfindet es als Diskriminierung, dass der eine Teil des ungefähr 40-jährigen Paares – sie tragen Eheringe und denselben Nachnamen – neben ihm ihn darauf aufmerksam macht: „Ey, das spielt 1978…“

Vom mangelndem Respekt gegenüber allen die das Stück erarbeitet haben und spielen ganz zu schweigen.

Das merkt auch jemand hinter uns an.

Die Woche in Dialogfetzen

Dienstag/Mittwoch:

[bitte beachten: Gebärdensprachdialoge sind nicht eins zu eins ins Deutsche übersetzbar]

„Nein, er geht nicht alleine von der Schule nach Hause. Ich habe ihm beigebracht nie stehen zu bleiben und ihm ist klar, dass er die Erlaubnis hat aus Notwehr zu beißen, wenn es gar nicht anders geht.“ – […] – „Nein, ich lasse ihn nachmittags nicht mehr raus. Bestimmt nicht.“

#Atelier-Kind-Mutter macht sich Sorgen

Donnerstag:

„Du kannst dir auch solche Schokolade kaufen. Guck mal, dahinten ist Aldi, da gibt es die.“ – [….] – „Ja, natürlich ist das Aldi Süd! Wenn es diese Schokolade bei eurem Aldi geben würde, dann würde K. mich ja nie fragen, ob ich ihr bitte welche mitbringen kann, weil euer Aldi die Sorte nicht führt.“

#Wieso hat die dergl Luftschokolade und ich nicht? Saus und Brause, Wohlstand ausgebrochen1elf!!!

Freitag:

„Haben Sie eine Frage?“ – „Ja, brauchen die alle W-LAN um zu funktionieren? Unser DCP von 2008 hat jetzt den Geist aufgegeben.“ – *Ausdrucksloser Gesichtsausdruck des Verkäufers* – „Wir haben kein W-LAN. Wir wollen auch nur ganz normal drucken.“ – *Verkäufer sieht aus als hätte er zwei Marsbewohner vor sich*

#Im Elektrofachgeschäft, Philipp und ich wollten Preise in Erfahrung bringen

[Wir sind immer noch nicht schlauer und ich habe wirklich kein W-LAN. Klingt komisch, ist aber so.]