Das wird man ja wohl noch…

Gestern Nachmittag ist mir mal wieder jemand dumm gekommen. Das Atelier-Kind und ich kamen vom Basteln mit Salma und ihrer Familie. Die möchten Weihnachtsdekoration und hatten Papier aufgetrieben. In meinen Bastelbüchern ist etwas drin, sollen sie also haben. Auch wenn sie Last Christmas von Wham! so toll finden, dass die Söhne das mitsingen.

[Ach so, erstens: Denen ist völlig egal, dass George Michael schwul ist. Ach so, zweitens: Nein, die müssen sich in ihrem zweiten Jahr hier noch nicht so an die hier schon länger lebende Bevölkerung angepasst haben, dass sie von diesem Lied genervt sind, nur weil wir genervt sind. Die werden das ja wohl noch gut finden dürfen.]

Jedenfalls kommen das Atelier-Kind und ich zurück und so eine Über-Mutti auf der Straße mir dumm. So eine, etwas mit kann die überhaupt und sollte man gar nicht erlauben. Und ihr Kind soll uns nicht ansehen. [In dem Tonfall, in dem mir als Kind andere Kinder gesagt haben, sie lassen mich nicht mitspielen, wenn sie das täten, dann bekämen sie die Behinderung ja auch.] Ihre Meinung wird sie mir ja noch sagen dürfen.

Nur mal so: Es ist völlig, absolut, total und zu 100% AUSGESCHLOSSEN, dass ich gegen ein motorisiertes Fahrzeug laufe, sonst wie damit verunfalle, als Fußgänger unter eines gerate, irgendwo runter stürze oder nach einem Apoplex oder einer Gehirn- oder Gehirnhautentzündung aufwache und plötzlich meine linke Körperhälfte spüre und zielgerichtet bewegen kann, gerade gehe oder vollverständlich spreche. Auch nach einer Krebserkrankung oder Amputation aus irgendwelchen Gründen ist das nicht möglich. Das wird auf überhaupt keinen Fall je passieren, denn es ist nach allen Gesetzen der Natur und Physik unmöglich. Ich werde egal was passiert nie so sein wie du dumme Person. Auch das Kind nicht. Das wird nie Meningitis bekommen oder sich beispielsweise einen Schädelbasisbruch oder Gehirntumor zuziehen und dadurch einen Hörsinn haben. Das ist komplett ausgeschlossen.

Aber DU kannst jeder Zeit verunfallen, wie auch immer, einen Apoplex haben, eine Erkältung bis zur Hirnbetroffenheit verschleppen, eine Gliedmaße verlieren oder was weiß ich und danach aufwachen und deine Körperhälfte nicht spüren oder zielgerichtet bewegen, nicht gerade gehen oder vollverständlich sprechen können. Vielleicht hörst du dann auch nichts mehr. Das alles ist absolut möglich. Also würde ich mal überlegen, bevor ich den Mund aufmache.

Die wirkliche Behinderung sind Leute wie du. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Salma will etwas wissen

Vorab: Es verschwinden gerade wieder Kommentare und ich muss wieder bereits freigeschaltete Leute freischalten. Was ich finde, finde ich, was ich nicht finde, tut mir leid, ist das System. Kann momentan auch etwas dauern, wie Sie wahrscheinlich mitbekommen haben wurde es gestern ernst mit dem Spar…äh Teilhabegesetz. Ich bin daher etwas beschäftigt.

Die 5 aus 9-Regelung, die sowohl für mich als auch für das Atelier-Kind samt Familie noch drastischere Einschnitte als derzeit bedeutet hätte ist so weit ich zusammenbekommen habe bis 2023 vom Tisch, die Katastrophe Zwangspoolen – und damit das Damoklesschwert Schule zum Beispiel beim Atelier-Kind – wurde als legal, wünschenswert und erlaubt durchgewunken. Als Beispiel. Es ist und bleibt nicht unser Gesetz und es muss kein Mensch und keine Politik meinen, dass wir denen die Füße küssen, nur weil wir einen Teil der Rechte, die wir bis jetzt hatten behalten dürfen. Verbessert hat sich für viele nichts. Das heißt der Kampf geht weiter.  Muss weiter gehen.

 

Jetzt aber was Nettes für Sie, denn Salma möchte etwas wissen:

Warum  werden an Silvester Berliner Ballen gegessen?

Kann das jemand von Ihnen erklären? Ich mag das Zeug nicht, weiß also nicht annähernd zu welchen Anlässen man das isst oder woher die Tradition kommt.

 

O’fragt is

Salma möchte wissen, was das genau ist, was da gemacht wird auf dem Fest für den Oktober. Sie hat die Werbung für den örtlichen Wiesn-Abklatsch gesehen und die Läden voller entsprechendem Ramsch und Klamotten. Außerdem will sie wissen was das für eine Sprache ist, die im Zusammenhang damit immer benutzt wird.

Den Dialekt kann ich ihr erklären.

Ob die Frauen alle diese Kleider anziehen müssen? Auch Muslimas?

Dass ihr Mann so eine Hose und Jacke anzieht, das kann sie sich noch vorstellen, aber sie möchte so ein Kleid nicht anziehen.

Kann ich gut verstehen. Ich auch nicht. Musste ich als Kind immer zum Fotomachen.

Sie hat Holladio in ihren Wortschatz aufgenommen, weiß dass Semmeln dasselbe wie Brötchen sind – ich habe selber lange genug noch Semmeln dazu gesagt – und was Brezn, Spezi und Fleischkäs ist.

Ich überlege ihr In München steht ein Hofbräuhaus beizubringen, weil mich das Gitti und Erika-Lied über Heidi nervt. Da hat Salma das Holladio her.

Eine Mutter spricht

Das Folgende hätte auch als Beitrag in Mützenfalterins Mutterbilder-Projekt gepasst, denn hier kommt eine Mutter zu Wort. Aber diese Mutter hat mir erlaubt sie zu zitieren und das in meinem deutschsprachigem Blog zu tun, nachdem ich ihr erzählt habe, dass das Thema Sucht hier einen großen Teil für sich einnimmt, weil ich hier über meine eigene suchtkranke Mutter schreibe.

Nennen wir diese Mutter Beverley. Das ist nicht ihr richtiger Name, aber sie bat mich Beverley zu schreiben, falls ich einen Namen erwähnen muss. Beverley stammt aus den USA, ist älter als 60, aber noch nicht 70 und hat drei zwischen 1979 und 1982 geborene Kinder, von denen das Älteste nicht mehr lebt. Beverley ist Alkoholikerin mit immer wieder abstinenten Phasen. Ihr jüngster Sohn war als Soldat im Irak und danach in Wiesbaden stationiert.

Nachdem Beverley mich nach meinem Alter gefragt hat erzählte sie mir folgendes, das ich zitieren darf und nicht übersetzen werde, denn ich möchte nicht, dass es verfremdet wird.

 

I was 35/36 years old when I drew volumes of comics. I was literally at the bottom of my life. I had lost my children and I had failed at the love relationship I had come out for. I was alone and had to make a choice inside myself. That choice was, to eventually kill myself, or face the reasons why I have found myself in this low place in my life.

I had come out about being a lesbian five years earlier and that was one reason why I had lost my children… but the real reason I had lost them was because I was a physically abusive parent. My physical and emotional abusiveness also destroyed the love relationship I had come out for. So it was this about myself I had to face, more so than being gay.

Much of those comic drawing reflects my own childhood and adolescent abuse from my parents and other adults in my life, some because of my homosexuality, but most of it because I was unlucky enough to be a girl amongst a bunch of angry child molesting perverts.

 

Ich freue mich sehr und ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie mir das erzählt hat. Ich habe in all den Jahren Angehörigen- und Betroffenenarbeit in und außerhalb von Selbsthilfegruppen nur selten Betroffene, insbesondere Mütter, getroffen, die so ehrlich in Bezug auf ihre Rolle in der Mutter/Kind(er)-Beziehung sein konnten.

Abgebrochener Ausschnitt aus einer realen Trivialität um Baby Ludwig

Dem Handschuhschenker wird mitgeteilt, dass Baby Ludwig schreit weil ihm zu warm ist. Salma sagt immer Baby davor, wenn sie den Großneffen meint. Warum weiß ich nicht. Sie kennt meines Wissens nach keinen anderen Ludwig.

Hunger hat der Kleine nicht und vor Kurzem wurde er erst gewickelt, aber ihm ist zu warm, auch wenn der Wagen im Schatten steht.

„Und was soll ich dagegen machen?“

Salma sagt irgendwas auf Arabisch zu ihrem Sohn. Der verschwindet. Dann: „Darf ich an Kinderwagen?“

Es ist gut, dass sie fragt. Diverse deutsche Mütter oder Großmütter oder einfach Frauen haben schon ungebeten in den Wagen gegriffen, weil der Schnuller neben dem ruhigen oder gar schlafenden Baby lag.

Handschuhschenker erlaubt.

Salma zieht dem Großneffen das dünne, aber langärmelige Jäckchen aus und die Decke weg. „Baby Ludwig“, sagt sie.

Philipp erinnert das an Baby Hübner. Ich musste das nachschlagen. Hat auch komponiert, so wie Bettuchen zum Beispiel.

Der Sohn kommt mit einem nassen Waschlappen zurück. Den drückt sie dem Handschuhschenker in die Hand.

„…Fuß waschen! Und dann Arm und Hand und immer Lappen kalt, dann schwitzt nicht. Wenn schwitzt, unzufrieden, dann schreit er.“

„Kinners…“ Handschuhschenker beginnt das Baby abzuwaschen. Baby wird ruhiger.

Philipp: „Hättest du selber drauf kommen können, ne? Schön, dass auch andere Männer für zu doof gehalten werden. Ist mir auch schon passiert.“  Und das ganz ohne Neffe oder irgendwas in der Richtung.

 


 

Strenggenommen ist das hier Leserwunsch-Erfüllung und genaugenommen ist es in diesem Fall schade, dass Boris privat bloggt, denn täte er das nicht, dann könnten Sie sehen wo die Wünsche alle her sind. Boris bat irgendwann mal darum, dass ich mal eine möglichst triviale Sache erzähle, basteln war ihm nicht trivial genug, und über’s Füßewaschen bei Babys rede ich sonst nicht. Kristin hat sich schon länger gewünscht, dass ich mal wieder etwas von Salma schreibe. Und Andreas wollte doch bitte einen möglichst komplizierten Titel zu einem möglichst unkomplizierten Artikel.

Zufälle

Das ist merkwürdig: Morgens habe ich das Armband, das Mikesch mir nach dem Tod ihrer Mutter schenkte in der Hand und muss an Die Küchenuhr von Wolfgang Borchert denken. Nachmittags zeigt uns Salma in der Begegnungsstätte einen Ausdruck aus dem Deutschkurs und darauf ist ein Auszug aus seinem Text Sag nein! [von dem ich gerade nicht im Kopf habe, ob er offiziell so heißt].

Ich rede mir ein so ein Zufall kann nicht an den Medikamenten liegen.

Sprachliches

Sie hat den Namen bei einem Politiker im Deutschbuch gelesen und bei einem Künstler. Ich muss ihr erklären, dass Ernst Ludwig Kirchner nicht von der Brücke gesprungen ist, sondern Mitglied der Gruppe Die Brücke war. Und sie weiß vom Komponisten „Bettuchen“, der wird auch im Deutschbuch erwähnt. Ich muss ihr erklären, dass der Beethoven – Beet, Hof und en wie im Wort Ente – hieß.

Außerdem weiß Salma, dass einer der Mohameds in der Ludwigstraße wohnt. Was sie nicht weiß, und ich ihr nicht erklären kann, ist warum die Namen wie ich am Ende gesagt werden, die Straße jedoch nicht.

Das ist unter anderem auch ihr Problem mit dem Handschuhschenkernamen: Dialektale beziehungsweise unterschiedliche Aussprachen. Schwieriger ist für sie aber die Frage warum sagt man beispielsweise Radweg anstelle von Radwech und soll dann im Namen -wich anstelle von -wig sprechen. Das ist ziemlich verwirrend wenn man bedenkt, dass die Namen Friedrich und Heinrich zum Beispiel eindeutig geschrieben werden.

[Der Handschuhschenker hat sich mehrmals ernsthafte Gedanken darüber gemacht ob die Hänselei in der Kindheit infolge der Tafelaktion auch geschehen wäre wenn man -wig statt -wich im Namen spräche. Rein auditiv funktioniert der Einschub dann nicht.]