Auf Ex

Ein Discounter hat seine Milchmischgetränke mit Alkoholzusatz im Kühlregal auf Greifhöhe von kleinen Kindern stehen. Was kommt zuerst: Anzeige weil ein *hicks* Kind *reiher* beschickert von den Eltern aufgegriffen wird oder ein Einsehen bei den Eltern, dass unsere Methode „Du isst oder öffnest nichts bevor es nicht bezahlt ist, ist das klar?“ nicht nur keine seelische Grausamkeit gegenüber den Kindern ist, sondern durchaus auch eine Maßnahme „gegen die Gefährdung des Kindes“ sein kann? Ich schätze ersteres.

[Wir sind schon von anderen Leuten angegangen worden weil wir den Kindern beibringen zu warten. Das Kassenpersonal, das nicht die xte angegessene Backware, das zigste zerdrückte Ü-Ei oder das ehnte leere Getränkebehältnis scannen muss hat aber meistens einen dankbaren Blick für uns. Wir wiederholen unser „Nein, du wartest! So lange es nicht bezahlt ist, gehört es uns noch nicht.“ auch auf Deutsch, damit es nicht aussieht als ob die böse Frau und der böse Mann den armen Schätzelein einfach so das Essen oder Trinken wegnehmen.

Das Atelier-Kind mit seinen neun Jahren ist selbst von „Babys“, die den Backautomaten malträtieren, Schokoladen, Tüten oder Becher aufreißen genervt.]

Menschen wie der Handschuhschenker finden das auch nicht gerade prickelnd: „Kinners, ich wollt nur so’n kleines Bananenshake für Ludwig.“ Weil es ihm nicht gut ging hat er erst gemerkt was er da mit dem Großneffen teilen wollte um aus der Unterzuckerung rauszukommen als er durch die Kasse war. Konnten natürlich beide nicht trinken. [Die Packung sieht der eines hier noch stehenden Kaffeemischgetränkes ohne Alkohol sehr ähnlich, selbst wenn es einfach nur voll gewesen wäre, hätte man leicht daneben greifen können.]

Warum wäre es eigentlich weniger skandalös wenn ein Kind so ein Getränk versehentlich in die Finger bekommt und im Laden beginnt zu trinken – das wird durch die Platzierung zumindest im Kauf genommen –, als dass ein Diabetiker in einer Ecke eine Notversorgung macht?

Hat er nicht, aber wenn. Es ist immer noch besser jemand stellt sich an eine Wand und dreht sich mit dem Rücken zum Laden und spritzt rasch Not-Insulin, als dass jemand kollabiert.

Das Personal hat ihm ein Stück Traubenzucker gegeben. Die Kunden, besonders die mit Kindern, sollen gestarrt haben und weitergegangen sein. Warum fragt keiner mehr nach? Hätte man ihn liegen lassen, wenn er gestürzt wäre und daneben das schreiende Kleinkind bis das Personal aufmerksam wird? Was ist das für eine Mentalität, was lebt man da seinen Kindern vor, Erste Hilfe ist zwar gesetzlich Pflicht und unterlassene Hilfeleistung strafbar, aber wenn du gerade keinen Bock hast oder dir das Gesicht oder der Körperumfang der Person nicht gefällt, darfst du auch weiter gehen.?

[Ich bin gewohnt, dass mir fast nie jemand hilftwenn ich draußen stürze, aber ich kann auch nicht so leicht ins Koma fallen und wenn ich falle kündigt sich das nicht an und ich kann auch vorher nicht bekannt geben was weshalb passiert und getan werden muss.]

 

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„Rückfällig“

Da will man eigentlich [man will nicht, man muss] nur mal eben – so schnell wie möglich – Terrorsquad-Nachsorge machen gehen, das heißt, den Leuten, die von Mikesch belästigt wurden die Zettel geben, die man vom Gespräch mit der Polizeiberatung bekommen hat und trifft eine Frau, die seit Jahren in Mikeschs Nähe wohnt und nie vermuten würde, dass die arme Frau – Mikesch – ganz anders arm ist als sie tut.

N. ist mein Jahrgang und eigentlich kennen wir uns nur vom Sehen. Wie das so ist, man läuft über Jahre immer wieder aneinander vorbei und grüßt sich irgendwann.

Sie: „Sag mal, [der Name auf offiziellen Dokumenten, aber so wie Mikesch ihn spricht und schreibt, also auch hochoffiziell falsch, denn in meinem Ausweis und sämtlichen anderen Dokumenten steht er richtig und genauso wie er da steht will ich ihn gesprochen haben, wenn es schon sein muss; Realitätscheck: kein Mensch, außer Mikesch und ihr Mikrokosmos, nennt mich so, fast niemand weiß, dass ich so heiße], kannst du das deinen Kindern zumuten?“

Mikesch hat also mal wieder – oder nach wie vor, das weiß ich nicht – ihre ausgedachten Enkelkinder am Start.

Ich: „Was?“

Sie: „Diese Klamotten?“

Ich: „Was ist damit?“

Sie: „Ganz schwarz, beim ersten Mal dachte ich noch, du gehst zu ‘ner Beerdigung. [Irgendwo in dem Stadtteil ist ein Friedhof.] Das‘ aber jetzt das dritte Mal. Meine Söhne würden sich erschrecken.“

Ich: „Meiner erschreckt sich nicht.“

Auch wenn es nicht meiner ist: Dem Atelier-Kind ist völlig egal was ich anhabe und als ich noch nicht Feuerwehrmensch war fanden einige Kolleginnen mal grün viel verstörender. Damals hatte ich eine grüne Lieblingshose und trug einmal zufällig einen grünen Pullover dazu. Blöderweise war meine damalige Wetterjacke armeegrün und es am Regnen.

Sie: „Aber so ’ne Phase hat man doch spätestens mit der Jugend durch.“

Auf so etwas gibt es keine passenden Antworten.

Sie: „Oder ist das bei euch Behinderten so, dass ihr rückfällig werdet?“

Man beachte das Wort rückfällig in dem Kontext. Ich habe ja auch manchmal Probleme mit Wortbedeutungen, haue Artikel und Genera durcheinander und kann nicht spontan deklinieren, aber ich – nein, ich spiele damit nicht auf meine etwas seltsame Art Deutsch gelernt zu haben an -, bin auch keine germanistikstudierte Gymnasiallehrerin.

Ist das nun Teil dieses 50er Jahre Rollen- und Menschenverständnis-Rollbacks…’tschuldigung Rückfalls?!

Eine Stimme für Kevin

Beim Brotholen – Butter ist mir unerschwinglich – L. getroffen. L. ist eine von denen, die mit 53 zu alt für den Arbeitsmarkt sind, sie und ich treffen uns manchmal auf der Straße, seit sie mir einmal aus dem Bus geholfen hat.

Sie fragt ob ich und die Atelier-Kind-Eltern wählen dürfen und ist erstaunt, dass ja, denn die Gärtnertruppe aus einer Werkstatt für behinderte Menschen, die im Auftrag von L.s Vermieter gerade den Vorgarten pflegt darf es allesamt nicht und sie dachte, das gilt für alle Menschen mit Behinderung.

Aber weißt du was? Ich habe Briefwahl beantragt. Ich wähle nie, die machen sowieso was sie wollen, aber der Kevin will. Dem geb ich den Zettel von mir.

Kevin ist ein Mann aus der Gärtnertruppe.

Wenn Sie auch nicht wählen wollen sollten, so etwas ist eine Möglichkeit. Verschenken Sie Ihre Stimme an jemanden, der möchte und nicht darf.

Das gibt es immer wieder mal in der Form, dass Stimmen zum Beispiel an Minderjährige verschenkt werden, ist also nichts per se Neues. Versuchen Sie es doch mal mit einem erwachsenen Menschen. Wenn Sie niemanden finden, der unter Betreuung steht und wählen möchte, aber nicht darf, dann kennen Sie vielleicht Menschen, die im Seniorenheim leben. Manchmal sind da auch jüngere behinderte Bewohner, die zwar wählen dürfen, aber zum Beispiel ihre Briefwahlunterlagen letztendlich nicht ausgehändigt bekommen oder mangels Barrierefreiheit nicht ins Lokal können. Fragen Sie die was sie wählen wollen und machen Sie da Ihr Kreuz.

Wer sowieso nicht wählen will, dem kann auch egal sein falls jemand zum Beispiel „LINKE“ antwortet – die haben wegen ihrer Behindertenpolitik viele betroffene Wähler – oder „PARTEI“ oder „Piraten“. Selbst wenn jemand nur deshalb, weil er Sumuncu mag oder Shahak Shapiras Aktion mit den Hasstweets vor der Twitter-Zentrale gut fand „Die PARTEI“ wählen will, ist das eine Stimme mehr gegen die AfD und es wird einmal einfacher zu erklären sein, dass da ein oder zwei Spaßvögel im Parlament saßen als zu erklären warum da AfDler saßen, obwohl man doch aus Erfahrung wissen gemusst hat wohin so etwas steuert. SPD-Wähler werden sich aufgrund des Spar…äh…Nichtteil…äh…Teilhabegesetzes und ALG II wahrscheinlich nicht allzu viele unter behinderten Menschen finden lassen, ebenso CDU, die Inklusion am liebsten aussetzen will und vergisst, dass das ein Menschenrecht ist und 2009 eine UN-Konvention unterzeichnet wurde, aber wer eh nicht wählen will, weil alles immer gleich bleibt, dem kann auch das egal sein.

Also?!

Retro

Und dann kommt man auf der Straße an einem Plakat vorbei, das eine 90er Party ankündigt, liest wer alles da auftreten soll, denkt, dass man nie verstanden hat was die Leute an dem und dem gefunden haben, und wie nötig Mittvierziger (mutmaßlich) das Geld haben müssen um heute auf irgendeiner Clubkiste noch als Boyband oder „90er Sternchen“ aufzutreten, weil man in den 90ern beliebt war.

[Eine meiner wenigen weiblichen Freundinnen der Jugendzeit bekam tatsächlich Ohnmachts- und Kreischanfälle wegen irgendeinem Typen bei Caught In The Act und Wutausbrüche wenn ich den Bandnamen, wie damals nicht unüblich, zu „Kotz In die Ecke“ umfunktioniert habe. Eine andere stand auf „Paaaddyyy!“ Kelly und ist deshalb mehrmals nach Köln abgehauen beziehungsweise hat mich um meine Naturlocken beneidet weil ich damit aussah – ihrer Ansicht nach – wie eine der Frauen. Unsere innerschulische Barbara – eine Klasse höher als wir – musste sich von ihr Barby nennen lassen.]

Ein Urlaubstag

Ich war Richter schauen. Alleine. In Ruhe. Nicht obwohl, sondern weil es mir körperlich nicht gut geht.

Ich hatte eine dunkle Erinnerung, dass sich vom Essener Hauptbahnhof auch zum Museum laufen lässt. Längere Zeit gerade aus und dann eine Seitenstraße und ich dachte mir, ich versuche es. Bisschen Luft und so.

Meine Erinnerung stimmt. Interessant was von dem, was ich als auf dem Weg liegend erinnere noch beziehungsweise nicht mehr da ist. Die Schwulenkneipe „Im Büro“ oder „Das Büro“ auf der einen Straße ist weg und auf Höhe Saalbau (das hieß früher nicht explizit Philharmonie) habe ich ein paar Kanülen und Co. vermisst. Da war soweit ich weiß keine Szene, die konzentrierte sich bis zur Vertreibung noch an der Freiheit, aber ich erinnere mich, dass man auch am Stadtgarten das ein oder andere benutzte Besteck sehen konnte. Immerhin gab es heute ein paar Bierpullen, die garantiert nicht aus dem Sheraton stammen.

Ich erinnere mich an das Museum nur vor dem Umbau, aber es ist schön wie es jetzt ist. Buchhandlung drin leider nur sehr teure Kinderbücher, ich hätte dem Atelier-Kind als Trostpflaster gern irgendwas Kleines mitgebracht. Es war nämlich traurig, dass es nicht mitdurfte. Ich hätte doch bis zu den Ferien warten können, dann hätten wir alle zusammen gehen können.

[Es hat tatsächlich die ganze Zeit ein kleines Kind rumgeschrien, das heißt, wir hätten uns keine Gedanken um den Atelier-Kind-Bruder machen müssen.]

Ausstellung gut. Die „Tante“ fehlt, aber Ema (Akt auf einer Treppe) und Herr Heyde sind dabei und beide Bilder haben einen thematischen Zusammenhang zu Tante Marianne, die im frühen Atlas noch unter Mutter und Kind firmiert.

Es war sehr voll und es wurden Schulklassen geführt, ich habe mich also sehr konzentrieren müssen.

Gerade weil Klassen geführt werden hoffe ich, dass die „Tante“ und auch der RAF-Zyklus (im MoMA) wenigstens angesprochen werden.

Letzterer weil es ein Bild von Ulrike Meinhof als sie jung war in der Richter-Ausstellung gibt und weil parallel eine Ausstellung mit Fokus auf den Deutschen Herbst läuft.

Diese Ausstellung ist von Arwed Messmer, heißt „RAF No Evidence/Kein Beweis“ und fokussiert sich auf Polizeifotos. Wenn Sie der Themenkomplex interessiert und Sie in der Nähe sind, läuft noch bis 03. September. Da drin dürfen Sie nicht fotografieren. Ich hätte eh keine Kamera gehabt, wenn Sie eine haben müssen Sie die beim Personal abgeben, so lange Sie in den Räumen sind. Das hat, wenn ich es korrekt verstanden habe, damit zu tun, dass Leihgaben aus dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg zu sehen sind. Als Asservate Polaroid-Fotos von Hanns Martin Schleyer als Geisel. Ich war 1977 noch nicht geboren und wenn ich Bilder von seiner Haft als Kind in den Nachrichten oder so sah, dann war das etwas, das ich gar nicht begreifen konnte. Später habe ich mich mit der Materie beschäftigt – schon allein weil Sie, wenn Sie sich mit Bernward Vesper beschäftigen und der war in meiner Bibliothekarinnenausbildung noch Pflicht, nicht an der Mutter seines Sohnes vorbeikommen -, aber diese Originalbilder sind doch noch mal etwas ganz anderes.

Dann wollte ich zu den Toiletten und stehe plötzlich vor einer Installation aus der ständigen Ausstellung, einem Stück von Nam June Paik (Objektname konnte ich wegen der anderen Betrachter nicht sehen) und meine Sache mit Herrn Paik kennen Sie, wenn Sie hier schon lange lesen. Wenn nicht – bitteschön (klick).

Das ist seltsam: An einem Tag, an dem ich ausschließlich gehe um Richter zu schauen – ich hatte das Kombiticket, aber ich ging primär wegen Richter -, und ich wäre allein wegen der historischen Dimension gegangen, auch dann, wenn er mich nicht interessieren würde werde ich plötzlich, einfach weil ich in die falsche Richtung eines Flures gehe, an meine installationstechnischen Wurzeln erinnert.

Das will mir etwas sagen. Ich weiß nur noch nicht was.

Noch etwas, das mir etwas sagen will: Ich hatte mich um etwa sechs Euro in meinen Medikamentenausgaben verkalkuliert. Ich wusste nicht, dass es da in der Stadt eine Apotheke gibt bei Vieles viel billiger ist. Ich wollte es nur kaufen, weil ich eh schon unterwegs war und so wie ich den Chirurg kenne wird der mir auf jeden Fall sagen, ich soll mich bevorraten. Weil ich ohnehin Zeit nach hinten offen hatte bin ich dort, nur um zu schauen was deren Sortiment ausmacht, in einen Laden mit Vinyl gegangen – und fündig geworden.

(Camouflage Methods Of Silence, sogar noch mit Tourdatenbeiblatt, am 01.11.1989 haben sie in Hamburg in der Großen Freiheit gespielt und am 05.11.1989 in Berlin im Metropol, das sind die einzigen beiden „Locations“ bei denen mir der Name etwas sagt, zu meiner Schande weiß ich weder was die Theaterfabrik in München war oder ist noch kenne ich den/die Disco Circus in Mannheim.)

Koffer

In Memoriam Herr Goldschmidt [falls er noch lebt, wäre er jetzt etwas über 100]

Salma und ich sind unterwegs zu einer Behörde und kommen an einer Art Antiquitätenladen vorbei. Ich ging da schon oft lang, er ist nicht zu übersehen, aber ich bin in all der Zeit nur äußerst selten stehen geblieben. Ich erinnere mich explizit nur an einmal, da wollte ich einen Melitta-Kaffeefilter aus dem Schaufenster verschenken, aber der Laden war schon geschlossen.

Salma findet die Sachen sehr interessant. Wir überlegen noch an die Tür zu gehen und zu schauen ob der Laden bald öffnet, dann könnten wir auf dem Rückweg mal reingehen als uns die Koffer auffallen.

Mir fallen nicht nur die Koffer auf, einer davon mit noch leserlichem Adressschild, eine Charlotte XY, sondern auch ein Satz ein:

„In den Trödelläden, die alten Koffer, ich habe die Vermutung, das sind diese.“

–  Herr Goldschmidt um 1997 (Gedächtnisprotokoll)

Das hat vor etwa 20 Jahren Herr Goldschmidt zu mir gesagt. Vorher hatte er mir über seine Deportation berichtet. Herr Goldschmidt war ein Überlebender aus Bergen-Belsen. Ich weiß nicht mehr woher genau er stammte, irgendwo aus Holland und er sprach mit über 80 Jahren noch immer niederländischen Akzent.

Herr Goldschmidt war der zweite oder dritte Mann einer Lehrerin an meiner Schule, die die Mädchen unterrichtete. Kinderpflege, da konnte ich nicht mitmachen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich nicht gedurft. Du bist behindert, du hast keine Kinder zu kriegen. Frau Goldschmidt (schon ziemlich alt) setzte mich also separat in einen anderen Raum, knallte einen Stapel Bücher auf den Tisch und ließ mich lesen. Ich weiß nicht ob sie auf das achtete, was sie mir gab. Unter anderem dabei etwas über Anne Frank. [Ich weiß bis heute nicht ob irgendeine meiner nichtbehinderten Mitschülerinnen weiß wer das war.] Ich las das. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mehr oder weniger unerlaubt auch schon Texte von Ernst Klee gelesen, ich wusste damals, ich „wäre weggewesen“.

Ich las also dieses Buch und irgendwann meinte Frau Goldschmidt ganz beiläufig: „Mein Mann ist ja auch Jude.“ Und er sei in Belsen gewesen, er und seine damalige Frau hätten überlebt, alle anderen aus den Familien nicht. Und ob ich vielleicht mal bei Goldschmidts auf Besuch kommen wolle?

Wenn Ihnen klar ist, dass Sie damals gar nicht erst 16 oder 17 – ich weiß die Jahreszeit nicht mehr – geworden und in der zehnten Klasse gewesen wären und Ihre Eltern Ihnen deshalb „Spinnerei“ unterstellen schlucken Sie vielleicht noch härter als andere. Ich hoffe jedenfalls, dass andere geschluckt hätten.

Meine Eltern haben diesen Besuch tatsächlich erlaubt. Das zeigt in ihrem Fall, dass sie nicht wussten worauf sie sich einließen.

Herr Goldschmidt, damals 81 oder 82 und ziemlich fit, stellte mir ein Stück Kuchen nach dem anderen hin und redete und redete. Vielleicht konnte er das in dieser Offenheit nur während ich aß.

Es war schrecklich. Ich habe nicht verstanden warum er ausgerechnet nach Deutschland gegangen ist statt zurück in die Niederlande. Mein Großvater ist geblieben, aber mein Großvater war sein Leben lang schweigender Täter.

Und er sprach und sprach.

In seiner Bibliothek zeigte er mir Bilder, sprach auch von Hadamar.

Und den Koffern.

Seinem Verdacht, die Koffer in Antiquitätenläden seien wahrscheinlich Koffer, die deportierten Menschen gehört hatten.

Daran muss ich denken als wir vor diesem Schaufenster stehen. Wenn schon geöffnet gewesen wäre, hätte ich mir die Koffer näher zeigen lassen. Vielleicht steht noch irgendwo drin eine Jahreszahl, die beweist, dass es keine von diesen Koffern sein können.

Salma schluckt auch als ich ihr das auf Englisch erzähle.

Ich bin ein privilegiertes Arschloch

C., die ich nicht gut kenne, mit der ich aber wegen Pooling zu tun habe, denn wir werden nicht gefragt mit wem, woher der/die/das oder wohin, hat mich gestern Nachmittag ein privilegiertes Arschloch genannt. Ich hätte doch alles, ziemlich viel auf jeden Fall.

Dabei war sie zwar wütend, aber sie hat das nicht aus Neid geschrieben. Es stimmt, dass ich in gewisser Weise privilegiert bin. Ich weiß es auch. Nicht jeder hat einen Mit-Künstler und einen Handschuhschenker oder Atelier-Kind-Eltern, die das auffangen was entweder noch nie möglich war – im Sinne davon, dass es nie genehmigt wurde – oder durch das Spar…äh… nicht mehr möglich ist. Auffangen so gut es geht und mit diesen Freundschaftsdiensten so viel Inklusion und Teilhabe wie eben machbar ermöglichen.

Nicht jeder hat einen Menschen, der für ihn Telefonate führt weil er es selber nicht kann. Viele Behörden oder Ärzte kommunizieren aber ihre Termine nur per Telefon. Das bedeutet, Menschen, die nicht telefonieren können stoßen hier auf Barrieren. Assistenten für diese Aufgabe werden und wurden nicht bezahlt. Ganz zu schweigen davon: Es gibt keinen einheitlichen Notruf in diesem Land für nichtsprechende Menschen. Die Angebote, die es gibt kosten Geld oder brauchen bestimmte technische Voraussetzungen. Was macht ein Mensch wenn es brennt, der Notarzt kommen muss, ein Unfall, ein Raub oder eine Gewalttat beobachtet wurde?

Nicht jeder hat einen Menschen, der im Alltag „dolmetscht“ wenn man schlecht sprechen kann, haben Sie so einen nicht liegt es nahe, dass Sie wie C. und viele andere nicht einmal mehr einen kleinen persönlichen Radius außerhalb von Hilfestellen (Pooling!) haben.

Nicht jeder hat einen Menschen, der hebt, trägt, repariert und Wunden versorgt.

Nicht jeder hat einen Menschen, der mobil ist. Viele von uns leben eher weit ab, weil wir uns die zentralen Wohnungen nicht leisten können oder gleich zugewiesen wurden.

Nicht jeder kann überhaupt so unauffällig und „normal“ leben wie ich.

C. ist wie viele.

Ich bin wie wenige, weil ich das habe. Ob diese Angewiesenheit mich schmerzt spielt keine Rolle. Ich habe jemanden und es ist kein Mensch, der mich in Wirklichkeit hasst oder nur Karmapunkte sammeln will, ich bin also privilegiert.

Ich weiß es doch.

Auch Werdegänge wie ich einen gemacht habe sollen nicht mehr möglich sein. Ausbildung im dualen System trotz Eingliederungshilfe und Assistenzbedarf und später als der Körper heruntergewrackt war Umschulung. Mir wurde gesagt nach dem Bachelor sei mit dem Gesetz Schluss wenn man Assistenz braucht. Ich kenne Leute, die mit Einzug des Gesetzes ihre Jobs verloren haben, weil im Januar auch die Assistenzgenehmigungen ausliefen. Umschulen ist heute nicht mehr, wie es scheint. Die sitzen jetzt zu Hause und werden ihr Leben lang nicht mehr aus der Situation kommen. Je nachdem wo sie wohnen gibt es für diese Leute keine sozialen Strukturen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Schüchternheit oder Rückzug oder Verstecken zu tun, sondern damit, dass je nach Behinderung eben nicht alles zugängig ist. Siehe das Atelier-Kind und der Fußballverein. Ein anderes Kind möchte da Sport mit gleichaltrigen machen, von ihm sagt das Gesetz verschlüsselt, er möchte ein Ehrenamt bekleiden und dafür gibt es keine Assistenz mehr. Das erfahren auch Erwachsene. Es ist nicht überall Berlin, Köln, Stuttgart oder Hamburg. Nicht überall ist es wie dort, man kann auch sagen, die, die da wohnen sind privilegiert. Könnte man.

Aber für den Zustand hier hat C. schon recht: Ich bin ein privilegiertes Arschloch, egal wie wenig ich habe und wie viel mir genommen wurde.