Stadtpoem

Ein Geräusch wie Sägen. Ganz leises Sägen oder etwas anderes Fremdes, Bedrohliches. Für einen kurzen Moment glaubt das Kind an einen Reißverschluss, aber das kann es sich auch nicht vorstellen. Warum sollten die Großeltern immer wieder einen Reißverschluss auf und zu ziehen?! Sie hatten doch kein Zelt im Zimmer. Das Kind überlegt ob es die Tür öffnen soll und traut sich doch nicht. Zu ungewohnt ist dieses Geräusch. Und was sollte der Opa schon sägen? War vielleicht ein Stuhl nicht heil?

Das Kind bleibt sitzen.

Irgendwann öffnet sich die Tür ganz von selbst und die Oma kommt raus. Ihre Hände sind blau wie von Tinte. Das Kind sieht durch die offene Tür. Das Geräusch kommt vom Tisch gleich daneben. Da sitzt der Großvater und schreibt Grußkarten mit einem Federhalter und die Füllerspitze sägt über das Papier.

In eigener Sache

Wenn es geklappt hat, haben die Fädenrisse ab heute eine eigene Emailadresse. Ich sage wenn es geklappt hat, da WordPress mir erzählt, ich bekäme eine Bestätigungsemail mit einem Link, dem ich anklicken müsste um die neue Adresse zu aktivieren und was ich bekomme ist eine Mail, in der steht, wenn ich die Adresse geändert habe, dann brauche ich gar nichts weiter zu tun. Im Profil finde ich nach wie vor die alte Adresse. Weiß jemand Rat? Scheint nun zu klappen.

Wenn es geklappt hat, wundert sich der ein oder andere bitte nicht, dass er mich beim nächsten Kommentar meinerseits erst freischalten muss.

Ach ja…

Petra hat mich gerade dankenswerter Weise über einen Artikel im Weser Kurier aus Bremen in Kenntnis gesetzt. Ein gehörloser Junge bekam seine Dolmetscher für den Unterricht gestrichen und musste nun weg von der Familie nach Dortmund ziehen um die dortige Gehörlosenschule zu besuchen.

Wenn Sie hier länger lesen, dann wissen Sie von unserem Kampf für den Schulplatz vom Atelier-Kind, der jederzeit durch das Spar…äh Nichtteilhabegesetz weggepoolt werden kann.

Wir kennen zwei Fälle, die weggepoolt wurden, unter anderem ein schwerhöriges Mädchen, und einen, der auf der Klippe steht. Den Eltern dieses Mädchens wird vorgeworfen, sie wollten ihr Kind nicht inkludieren, weil sie es nicht auf der „Sonderschule“ wollen. Doch gerade weil die Mutter jenes Mädchen von Geburt an hochgradig schwerhörig ist und die Gehörlosenpädagogik (inklusive Audismus und Oralismus) zugenüge kennt, will sie, dass ihre Tochter auf der „Regelschule“ bleibt.

[„Regelschule“ ist ein blödes Wort. Die Regel sollte sein, dass Kinder, die anders sind ganz selbstverständlich in eine Klasse integriert werden. Dann muss eben „Grundgebärden“ oder „Behinderungskunde“ oder wie auch immer man das individuell auf die Situation angepasst nennen will oder kann – in späteren Klassen auch gern das Thema Sex mit Behinderung, betroffenen jungen Menschen ist das oft wichtig, aber sie werden immer noch übergangen –  mit auf den Stundenplan. Jeder noch nicht Betroffene kann es innerhalb von zehn Minuten selber brauchen.]

 

Das Mosaik aus Eierschalen

Es musste eine Zeit gegeben haben im Leben zwischen den Jahren der Murmeln und dem Anhäufen von Habseligkeiten, aber wenn Christa danach fragte, erinnerte sich keiner dran.

„Ich war in der Verschickung, Christel, und wir hatten IMMER Hunger“, mehr sagte die Mutter nicht dazu.

Den Vater traute Christa sich nicht zu fragen, man sah die Familie komisch an, aber er war doch viel zu jung um zu den Mördern zu gehören, außerdem wäre er dann nicht mehr frei und die in Nürnberg, die waren doch jetzt alle verurteilt und damit musste gut sein.

Vielleicht guckten die Leute, weil die Familie des Vaters geflohen war, geflogen, wie er immer sagte, geflogen wie ein Zaunkönig. Christa hatte keine Ahnung was das war, wahrscheinlich ein Vogel, aber sie wollte es nicht wissen. Wieso so etwas fragen wenn das Wichtige ungesagt blieb? Nur aus dem, was gesagt wird kann man sich ein Mosaik fügen, alles andere gilt nicht.

Christa hatte ein Eierschalenmosaik an der Wand in ihrem Zimmer.

 

Für die Etüden, das kennen Sie ja. Das mit der Verschickung von Christas Mutter stammt aus der Biographie meiner Mutter und ich kam drauf, weil dieser Artikel zu denen gehört, die wer auch immer letztens in meine Statistik befördert hat. Damals waren Mikesch und ich bei Sabine Franek, die unter dem Titel Als die Soldaten Schäfer waren über ihre Kriegserlebnisse als Kind ausstellte. Auch der Rest kann so oder ähnlich in sehr vielen Familien, egal in welchem Teil von Deutschland passiert sein.

Five weeks to go

… hat H., die einzige Kanadierin unter them lot, mir heute Morgen gemailt. Sie zählt mit wie lange mein selbstgesteckter Zeitrahmen für die Erstversion der „Susanne“ noch geht und ist erstaunt, dass ich der Meinung bin selbst wenn ich in fünf Wochen nicht an ein Ende gekommen bin höre ich erstmal auf und mache etwas anderes. Es ist ein sehr langsames, völlig unplanbares, aber auch sehr spannendes Projekt. Als ich angefangen habe mit dieser Inkarnation glaubte ich, ich wäre wie mit den anderen Sachen, die ich nach dem Kollaps richtig gut gemacht habe, nach ungefähr zehn Seiten (maximal!) fertig, das Ding hat 41. Bis jetzt. dergl lernt Romanlänge. Way to go, lassie! [O-Ton auch jemand aus them lot.]

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Mir ist gestern die Frage gestellt worden worüber ich bloggen würde wenn ich bloggen täte. Der Mensch wusste nicht von den Fädenrissen. Aber er hat mich daran erinnert, dass them lot noch immer darauf warten, dass ich das Zeug, dass ich denen in ihren Verteiler poste irgendwo archiviere. Aber nicht als dergl. Ich möchte das trennen. Das eine hat mit dem anderen nur wenig zu tun und zweigleisig fahren will ich nicht. Obwohl ich mir sicher bin, dass diejenigen, die selber irgendwie irgendwas mit Kunst oder Literatur machen und hier lesen doch denken würden, dass das ganz bestimmt miteinander zu tun hat. Ich kann nur hier nicht so schreiben wie im Verteiler. Das hat auch damit zu tun, dass ich durchaus auf Englisch denken kann. Aber wie gesagt eben nicht auf Deutsch.

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Them lot haben mir übrigens nahegelegt: You should write an English language memoir or novel. Na toll. Ich kann das nachvollziehen, weil ich deren Reaktionen auf meine Verteilersachen kenne. Andere kennen mich nicht und diese Geschichte ist doch wirklich zu deutsch, als dass da jemand aus einem anderen Kulturkreis und ohne Geschichtswissen länger mitginge.

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Irgendjemand hat sich hier gestern wohl von Tausend Mutterbilder kommend durch eine nicht geringe Zahl sehr alter Beiträge gelesen. Gab es schon länger nicht mehr. Vielen Dank.

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Der Mit-Künstler hat bald Geburtstag und ich bin noch nicht zum Geschenke herstellen gekommen. Und zwar deshalb nicht weil ich nicht weiß was.

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In der Selbsthilfegruppe vom Handschuhschenker gibt es einen Brauch, wenn jemand Trockengeburtstag feiert: Die betreffende Person bekommt dann eine kleine Sammlung Süßigkeiten geschenkt. Seit ich die Bastelbücher habe geschah das zweimal in einer selbstgebastelten Schultüte in Eisform, die oben mit einer Kugel aus Pappmache statt Stoff verschlossen wird. Das kam gut an, schöne Idee. Ich habe auch eine Schultüte. Eine aus meiner merkwürdigen Sammlung. Die dürfte nun etwa 25 Jahre alt sein und ich habe sie bekommen von jemandem, für den ich seine Schultasche restauriert habe. Der Handschuhschenker schlägt vor, ich soll sie füllen für den Tag, an dem mein „Susanne“-Erstversion-Zeitrahmen abläuft. Als Belohnung fürs dranbleiben.

Ich habe keine Ahnung was ich da drin haben möchte. Bestimmt nichts von den Sachen, die ich während der „Susanne“-Arbeit im Atelier gegessen habe.

Ich spreche von mir

Natürlich, klar, ich könnte Ihnen etwas über mich erzählen. Aber sicher doch. Ich könnte ganz bestimmt über mich reden. Darum geht es hier in dem Ding aber nicht. Außerdem will ich nicht.

Und so wie diejenigen, die sich das wünschen vielleicht vorstellen geht das bei mir auch nicht.

Mich muss man fragen.
Ich kann keine Gespräche anfangen, wenn nicht zuerst jemand anderer gesprochen hat oder einfach so in laufende rein springen, wenn es nicht um etwas geht von dem ich wirklich Ahnung habe.
Das ist bei mir so.

Das ist mehr als Erziehung. Aber es ist eine Folge davon.

Nein, ich habe keinen Autismus.

Das werde ich auch gelegentlich gefragt. Was bedeutet, dass es dann irgendwer vermutet, aber es ist nicht so. Ich habe nur Folgen meiner Sozialisation. Alle Menschen haben welche, meine sehen vielleicht anders aus.

Überdies finde ich es leichtfertig wie damit herum geschmissen wird. Sobald jemand keine Menschenmassen abkann oder keine Musik aushält nimmt man sich das Etikett „Autismus“ her. Das diskriminiert und diskrediert die Menschen, die wirklich von Autismus betroffen sind [ich schreibe das so weil es auch die Menschen einschließt, die tagtäglich mit einem Menschen, der Autismus hat zusammenleben und damit wirklich beurteilen können wie das ist]. Denen wird dann nicht mehr geglaubt und sie bekommen nicht mehr das Verständnis oder die Hilfen, die sie brauchen.

Außerdem berichten immer mehr Menschen, die tatsächlich Autismus haben (sic!), dass es immer mehr Menschen gibt, die keinen haben, aber groß die Klappe aufreißen weil sie meinen, sie könnten den Betroffenen erklären was Autismus ist. [Lesen Sie entsprechende Blogs, folgen Sie den Leuten auf twitter, facebook, was weiß ich wo.]

Weiterlesen

Them lot wollen’s wissen

Them lot have a couple of questions [sehr wahrscheinlich würde das of real nicht mitgesprochen werden], working hours and the like.

Very well. Ich habe keine. Keine hochoffiziellen.

Ich fange morgens um vier den Tag an, so gegen fünf erscheint mir vielleicht ein Tintenklecks und danach, falls denn Ruhe ist, mache ich meistens eine Stunde vor mich hin, bis um sechs Uhr ganz offiziell mein Feuerwehrterrorquadeinsammlerweltretterdienst anfängt. Heißt alle möglichen Kommunikationskanäle prüfen ob was war und wenn es mehr gab als nächtliches Generve wegen Kleinkram durch Mikesch, beginnt die erste Amtskorrespondenz. Mitunter brauche ich Anweisungen. Die Frage danach liest die Amtsfrau dann kurz vor acht und ich weiß so etwa gegen halb neun was zu machen ist und oft auch wie, ohne dass rechtlich irgendwer in die Bredouille kommt. Dann muss ich los. Meistens

Manchmal heißt früher Mikesch-Dienst auch, zumindest derzeit wo sie ohne Arbeit ist, Sozialtraining mit Madame. [„Nein, du isst das Automatenbrötchen nicht vor dem Bezahlen auf. – Ist mir egal, das sind kleine Kinder, du bist erwachsen und kannst warten bis du das bezahlt hast. – Gib Beispiel. Sonst machen das die größeren Kinder auch und machen es weil du es machst.“ Ich mag diese moralische Tour nicht, aber mitten im Supermarkt ist das manchmal die einzig wirksame Methode um sich verständlich zu machen.]

Oder K. oder die Mikesch-Tante beruhigen. Besonders gegen K., die sich nicht wehren kann, aber aufgrund der räumlichen Nähe oft die Erstdeeskalation machen muss, gibt es immer wieder sinnbildliche Tritte und gerne mitten rein in deren Trauma. Ich neige dazu zu empfinden, sie ist schwerer dran als ich. Sie kann sich zwar körperlich gegen Mikesch wehren, hat ihr aber psychisch nichts entgegen zu setzen. Und Mikesch spürt das und nutzt es aus. Das ist nur bedingt Teil ihrer Krankheit, sie war schon immer so, dass ihrer Ansicht nach kein anderer wirklich leidet, sie selbst aber so arm dran ist. An K.s Trauma gibt es nichts zu bagatellisieren. Es kann auch keiner behaupten, er hätte gekocht, nachdem er einem anderen Menschen die Bratpfanne über den Schädel gezogen hat. [Frei nach einem Spruch den ich mal an der Tür der Heidelberger Frauenberatungsstelle gesehen habe.]

Während all das ist läuft mein Kopf weiter. Das Stadtpoem entsteht in öffentlichen Verkehrsmitteln. In letzter Zeit etwas weniger, weil ich dieses Jahr so viel um den Kopf habe. Das merken Sie an den Beitragszahlen hier: Gerade wenn ich sehr gestresst bin, habe ich viel Output. Es gibt ja auch viel zu dokumentieren.

Wenn ich nicht raus muss, sondern nur die Büro-Variante vom Mikesch-Dienst habe, dann laufen morgens meist Blogs nebenher. So als Entspannung. Während ich etwas anderes mache. Paragraphen recherchieren, Gesetze lesen, im Mikesch-Dienst-Rahmen kommunizieren. [Nein, ich möchte nicht, dass sie irgendwann irgendwer fixiert und zwangsinkontinenzversorgt in vor Dreck stehenden Klamotten in ein Zimmer irgendeiner Klinik steckt und ihr dreimal täglich mit dem Fuß Fraß durch die Tür schiebt, weil das billiger ist als die Inklusion so eines Menschen. Sie ist schwierig, aber auch für solche Menschen gibt es Menschen- und Behindertenrechte und jeder, der nur entfernt mit der Materie zu tun hat, weiß was oft in Psychiatrien und sonstigen „Einrichtungen für psychisch Behinderte“ abgeht.]

In der Zeit kann ich also nicht regulär arbeiten. Manchmal tue ich es dennoch. Kann klappen weil ich weiß, wenn das Atelier-Kind kommt ist die Möglichkeit vorbei.

Nachmittags konnte ich sowieso nie schreiben. Außer der Routine halber. Installieren ja, aber das mache ich derzeit nicht.

Gelegentlich kommt noch mal eine Stunde gegen Abend, wenn das Kind weg ist, dass es gut läuft, das ist aber eine Frage der Tagesform. Ich bin zu dem Zeitpunkt oft schon körperlich runter gewrackt. Der junge Herr ist sehr wissbegierig und dolmetschen ist anstrengend. Es gibt Gründe warum nach offiziellen Arbeitsschutzgesetzen eigentlich immer zwei Dolmetscher da sein müssen und sich im Zehn-Minuten-Turnus abwechseln.

Übrigens bin ich Dunkelmensch. Wenn es morgens schon hell ist wenn ich ans Schreibzeug komme, ist mein Tag kaputt.