Stadtpoem

Das Mädchen Sarah Hübsch war ein schönes Ding. Beautiful in every sense of the word (in einer Sprache, die Sarah nicht verstand), nur ihre Eltern sahen das nicht so. Das mussten sie sich nicht trauen nicht zu sagen, weil Sarah nichts mitbekam. In der Schule hatte man gesagt, Sarah sei geistig behindert, das ginge mit der sichtbaren Körperlichkeit einher und Geistigbehinderte, wussten Herr und Frau Hübsch noch aus der eigenen Kindheit, verstanden die einfachsten Sätze nicht. Auch die Aggressionen waren behinderungsbedingt, sogar die gegen die Praktikantin in der Ergotherapie, die behauptete, dass Sarah gar nicht geistig behindert sondern nur vernachlässigt sei und ihr Verhalten eine Form von Hospitalismus. Sarah war nie im Krankenhaus gewesen und vernachlässigt wurde sie auch nicht. Es war doch Sarah, die sich von den anderen fernhielt statt mit den Mädchen aus der Nachbarschaft shoppen zu gehen oder über Facebook Freunde zu finden. Wie man da Anschluss fand lernten die doch in der Schule.

Nichtmal die Schminksachen, die Frau Hübsch ihrer Tochter gekauft hatte interessierten sie. Obwohl Mädchen, bei denen die Regel einsetzt sich doch plötzlich damit beschäftigten. Ganz automatisch, das passierte von selbst.

Die Praktikantin sagte dazu etwas von Rollenmodellen, und dass Sarah nur Brüder hätte und die körperbehinderten Mädchen in der Schule sich alle nicht schminkten. Wie sollte Sarah dann ein Interesse daran entwickeln? Hatte die Mutter sie oft zugucken lassen oder ihr als Kind eine Schminkpuppe gekauft?

Frau Hübsch fand das seltsam. Hier wurde das Unnormalsein als Normalsein verklärt, obwohl es sich um einen biologischen Vorgang handelte bei dem Sarah nicht mitging. Sarah trug auch keine Kleidung wie die Mädchen in der Nachbarschaft, sie zog die Sachen ihrer Brüder an, obwohl ihr die T-Shirts viel zu weit waren. Die Hosen waren okay, Frau Hübsch erinnerte sich noch an den Kampf Sarah im Grundschulalter die Kleider auszureden. Da hatte sie noch nicht verstanden, dass Sarah behinderungsbedingt nicht in der Lage war einzusehen, dass die Kleidchen nur an gesunden Mädchen schön aussahen. Aber das mit den T-Shirts verstand sie genau so wenig wie das mit der Schminke oder schlimmer noch der Rasur. Das waren doch biologische Vorgänge, warum setzten die bei ihrer Tochter nicht ein?

 

Frau Hübsch ist eine typische Sonderschulmutter, die nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ handelt und dankbar jede noch so absurde Erklärung der „Pädagogen“ annimmt, die ihr hingeworfen wird, damit sie sich nicht mit ihrem Kind auseinandersetzen muss. Davon gibt es nach wie vor genug.

Kurzbio

Sowieso Soundso, Jahrgang Irgendwann, wohnt irgendwo und hat einen Beruf.

Müsste doch eigentlich reichen, oder? Ich kann diese Kurzbiographien aus denen Studienort und – fächer hervorgehen, aber nichts wirklich Wichtiges nicht leiden. Als ob nur jemand, der studiert hat Schreiber, Musiker, Dichter oder anderweitiger, zum Beispiel bildender, Künstler sein könnte und der Abschluss ein Garant für Qualität wäre. Nichts von dem, was ich mache habe ich studiert und, ehrlich gesagt, dass ich Bibliothekarin bin sagt einen Scheiß über die Qualität meiner Sachen aus.

[Dem Mit-Künstler nutzt sein – abgebrochenes – Studium, zumal noch da fachfremd, logischerweise einen Dreck und als Paketfahrer ist er eh nicht ernst zu nehmen… bla bla.]

Recherchegespräch

Philipp kann ihn nicht leiden, davor steht ein Schutzmechanismus, nennt ihn Heulsuse und was er sagt Heulerei. Dabei, und er weiß es, ist er selbst heuchlerisch weil er auch weint. Wenn Philipp nicht mehr kann, und sei es nach einem stressigen Arbeitstag, dann heult er. Anders wird er die Spannung nicht los, das ist so, und er weiß, dass es bei G. nicht anders ist. Beides ist gut.

G. ist etwas älter als wir, kommt aus ähnlicher Familienkonstellation und hatte nicht unser jeweiliges Glück. Eine unglückliche Liebe, die das geben sollte, was die Mutter nicht konnte, und dann ging es für ihn abwärts. Wie auch wir ein Kind aus Milieus, denen man das nicht zutraut, von denen man glaubt, die müssten die Kurve kriegen, es muss doch irgendetwas geben, dass die nach oben zieht. Bei ihm beinahe Straße, dann Knast und dann ganz langsames, typisch fragiles wieder hoch kommen. Da ist er einer von uns, wir haben uns in Situationen arrangiert, in denen andere sich etwas antun würden (das schließt bei Menschen wie G. Rückfälle mit ein), weil es sonst nicht auszuhalten ist.

Auf mich wirkt G. wie eine Mischung aus Philipp und meinem Bruder. Das warum Philipp sich schützt ist weil sie einander zu ähnlich sind und ein jeder von uns mit solchen Eltern begegnet irgendwann dem schmalen Grad selbst zu… was auch immer, und ich weiß, jeder, der genauer hinsieht merkt, der Diddl-Maus-Junge ist eigentlich ein feiner Kerl, er gibt nur den Gorillaproll, weil diese Rolle sich sicher anfühlt und andere Sicherheiten kennt er nicht. [Das wird mal schwierig werden, wenn der alleine wohnt, mit über 30 kann man nicht alles mehr nachholen.]

G. erzählt viel in dieser herrlichen Ehrlichkeit, die denen, die etwas zum Stillstand bringen konnten oft eigen ist. Dieser herrlichen, manchmal brachialen Ehrlichkeit, wie auch zum Beispiel beim Handschuhschenker, und an den für ihn harten Stellen, die irgendwie mit kaputtem Vertrauen, der verlorenen Liebe oder damit anderen Menschen weh getan zu haben zu tun haben weint er. In dieser nüchternen Art, eben nicht der manipulativen, die mein Vater zum Beispiel gut drauf hatte. Dieser auf den Stoff bezogen nüchternen, ehrlichen, tief von innen kommenden Art, die unter anderem mein Stiefvater auch hat. Ich weiß nicht ob Frauen so weinen können.

Was G. beeindruckt, sagt er, ist meine Sachlichkeit. Frauen teilen aus, Frauen gehen unter die Gürtellinie, ich sage „Schluss!“ und gut ist. Und ihn beeindruckt, dass ich mir nicht mehr als unbedingt nötig helfen lasse. Frauen aus dem Milieu meiner Eltern hat er immer nur als Prinzessinnen erlebt, ich gebe nicht mal den Prinzen. Er sagt, ich bin wie ein Ritter, eine Kriegerprinzessin wenn überhaupt und nimmt es zurück als ich ihm sage, dass ich das Wort nicht mag und warum.

Er war nach einer Reha kurzzeitig in einer Werkstatt für psychisch behinderte Menschen, das war Bedingung für den Wohngruppenplatz, deshalb, sagt er, kann er mich ein wenig verstehen. Die Anleiter, die es dort gab hatten nicht nur das Bild, dass behinderte Frauen keine Frauen waren, sondern auch das, dass jede stärkere Frau eine Emanze sei. Außerdem, wenn man als Mädchen mit einer Mutter wie wir sie haben aufwächst, kegelt das wahrscheinlich das Selbstbild als Frau ziemlich durcheinander, es sei schon als Junge schwer gewesen sein Frauenbild zu erweitern und zu korrigieren.

Interessant findet er auch die Sache mit meinem Rufnamen. Normalerweise werde ich mit einer Form meines Nachnamens gerufen. Aber gerade das klingt doch so nach treusorgender, lieber Mutter und Selbstaufgabe. Bei ihm haben sie immer das Tier aus dem Vornamen gedreht, obwohl er den Autor lange nicht kannte und heute noch nicht versteht was man an dem finden kann.

Ich sage ihm, dass das mit der Mutter nie zur Debatte stand. Ich konnte das von Beginn an trennen, allerdings vielleicht deshalb, weil das Phänomen an sich „männlich“ ist. Frauen hängten damals –lein oder -chen an ihre Vornamen – mich machte das schon als Kind aggressiv -, die Kerle riefen sich nur mit Nachnamen. Meiner ist mehrsilbig und wurde so auf zwei runter gekürzt, dass er schneller zu rufen war.

Auch das findet er spannend. Frauen hätten es doch sonst so mit weichen, möglichst langen Namen.

Was ich gern wüsste

In einem Bus voller Leute, viele davon jünger als ich, die alle nah bei der Tür stehen, bin warum ich diejenige, die beim Aussteigen einer alten Frau mit Rollator raushelfen muss, während kein anderer einen Handschlag tut?

Ich helfe gern wenn ich kann ohne mich selbst zu gefährden, aber mit eigener Gehhilfe ist das ein ziemliches Manöver und noch ein kaputtes Auge brauche ich nicht.

[Ich kam übrigens von der, die ungerechtfertigter Weise als Ursache für Schwellung, Wunde und Bluterguss gehandelt wird.]

Epizentrum

(quasi-fragmentarisch, das ist schwer deutlich zu machen, wenn jemand nicht dabei ist)

Etwas in der Dynamik Diddl-Maus-Junge/Mikesch ändert sich, ist auf dem Sprung und hebt und hebt nicht ab. Ich weiß nicht ob das vielleicht auch zum Teil gut ist, denn es wird für ihn kein Sprung zum Guten sein, keiner nach vorne, einer nach hinten. Die reiben sich gegenseitig auf, merken nicht dass und auch nicht warum und alle wie wir sind warten beinahe sehnsüchtig auf den großen Knall, damit die Anspannung weg ist und mit den beiden wieder umzugehen ist.

Immerhin, eins scheint beim Diddl-Maus-Jungen zu passieren: Man kann es nicht sehen und er kann es nicht artikulieren, weil er so sehr verdrängt, dass es vielleicht zu tief vergraben ist als dass es er überhaupt merkt und wenn er es merkt, dann schluckt er es vielleicht gleich wieder runter, aber ich merke, dass es da ist und dass es das ist. Deshalb weiß ich auch, dass ihm merken oder nicht merken wie eine Frage um Leben und Tod vorkommen muss. Merken würde bedeuten, er verliert das, was er von Mikesch noch an Pseudo-Wertschätzung bekommt und das wäre kein Sprung ins Leere, sondern der freie Fall in den Abgrund.

Ich weiß wie der Fall sich anfühlen würde. Mit einem Unterschied: Ich war Anfang zwanzig, mir wurde meine Unreife und ich war auch da schon autarker – das mag mit der anderen Sozialisation zusammenhängen, da wir auf unterschiedlichen Schulformen waren lief einiges unterschiedlich – noch irgendwie nachgesehen, das ließ sich noch irgendwie erklären. Er ist Anfang dreißig und was seine Fähigkeiten zum selbstständigen Leben angeht halb so alt.

Nicht aber was angeht gegebenenfalls zu überlegen was man erreicht hat. Während er es als unabänderbaren Fakt hinnehmen wird – Suchtstruktur! -, dass er Mikeschs Lieferant ist, sie ihm noch immer in Arbeitsverhältnisse und Beziehungen rein pfuscht und er überdies bei ihr wohnt, kommt etwas anderes anscheinend durch:

Die Sache mit dem Koch.

Das hat er so tief vergraben, dass er es nicht nur nicht mal hobbymäßig macht, sondern auch so tief, dass ihm seine Ernährung nicht allzu wichtig ist. Gelegentlich blitzt die Trauer allerdings auf, wenn er sieht, dass andere Männer kochen. Sie äußert sich wie bei einem Kind: In Aggression.

Und die ist derzeit permanent.

Ich vermute, wenn er das Kochbuch vom Atelier-Kind – einem Junge!, der mit dem Mit-Künstler, einem Mann! meine Herdplatten managt – wüsste, dann könnte ich das Ding in Fetzen aufsammeln. Er empfände das als Provokation und könnte noch nicht mal sagen warum.

Wenn man fühlen lernt, beginnt das oft mit einer Explosion.


Wenn ich sage, es sitzt tief, dann meine ich, es sitzt tief. Und auch wenn es in Bezug auf das Koch-Thema zur Explosion käme, er müsste es zunächst abblocken um nicht kaputt zu gehen. Ein gut gemeinter Hinweis auf die Möglichkeit eines Youtube-Kanals oder darauf, dass Männer in ihren Blogs Kategorien wie @kitchen, Rezepte oder Männerküche haben – auch Orangeblau hat sich in der letzten Woche zum beruhigenden Effekt des Kochens geäußert -, hätte wohl den gegenteiligen Effekt, weil es in dieser Familie nur Ganz oder Gar nicht und von Null auf Hundert gibt.  

Diddl-Maus-Junge und das Koch-Thema gab es auch in diesem alten (2015) Artikel, vielleicht trägt der zum Verständnis bei.

Musik für den Unverlinkbaren: Ästhetik

Beim nächsten Wort in Boris‘ Projekt handelt es sich um Ästhetik.

Das Video ist eine Art kleiner Kunstfilm zu einem schönen Lied: Lights von Interpol.

Der Inhalt/die Handlung ist nicht für jeden. Wenn Sie Probleme mit Inhalten aus der Fetisch-Richtung (im erweiterten Sinne) haben und/oder so etwas nicht sehen wollen oder können, dann spielen Sie es nicht ab. Nehmen Sie dann stattdessen diesen Auftritt für BBC 6.