Hydrologie ist die Lehre vom Wasser

Das, was Sie da unten lesen ist ein winziger Ausschnitt, leicht verfremdet und fiktionalisiert, aus dem hier keine Rolle spielenden Komplex dergl hätte im Schloss gespielt. Wer die Herkömmlichen kennt merkt vielleicht an der Lesart, dass dieses Stück biographisch ist. Samuel hieß allerdings nicht Samuel und ich heiße nicht Emma, außerdem war er kein Wasser-, sondern ein Regenmaler. Aber „Wassermaler“ zählt zu Christianes Worten und die habe ich eingebaut, weil sie in der Realität damals zwar nicht vorkamen, aber in gewisser Weise passen. Es war vor etwas weniger als zwanzig Jahren.

 

Der Regen in Köln ist nicht derselbe wie der Regen in Irland, in der irischen Kindheit, in der er so ähnlich wie Dedalus bei James Joyce wasserüberströmte Fenster gesehen hat. Fenster auf denen er, wenn niemand hinsah heimlich Muster mit dem Finger malte. Patterns, aber das eine Wort ergibt nicht das andere und ein Muster ist für Samuel etwas, das mit der Arbeit im Pub zu tun hat, mit der Rolle, die er da zu spielen hat. Der Regen in Köln ist auch nicht der Regen in Tübingen und Samuels Regen ist nicht der Regen, den Emma sieht oder durch den Stoff ihrer Kleidung spüren kann.

Samuel malt, and he draws patterns, aber er ist kein Wassermaler. Das, was er hier tut ist picking up the pieces of a broken dream. Samuel ist Hydrologe.

Hydrologie ist die Lehre vom Wasser.

Emma, on the other hand is a writer. She’s loving Kafka, den sie Samuel erst vorstellen muss, and knows a little Poe and Thomas, is the only person he knows who has ever gone all the way through Ulysses, hat aber nie Shakespeare gelesen.

Emma, Sommersprossen und je nachdem wie sie steht rothaarig, wenn sie nicht gerade schwarzhaarig wäre, ist eine von denen, die im Herbst geboren sind. Der Sommer tut ihr in der Seele weh, sie wird nervös und is on a constant edge.

Or so it seems. It is difficult for Samuel to talk with her über seine Liebe zu Meer und Wasser, er ist wie ein Wal, das ist sein Element, but she says she is scared and doesn’t swim. Didn’t even like it with Schwimmflügel when she was a kid. Das Wort Schwimmflügel sagt sie genau so, sie kennt das englische dafür nicht. Emma ist wirklich keine water person. It’s easy for Samuel to imagine she doesn’t care for any kind of summer things, das heißt neither für Badelatschen oder Seen and he cannot picture her choosing a Liegestuhl or Strandkorb.

In fact she is always fully clothed, as in covered. One day she’s wearing a dress but it’s made of heavy velvet and reaches down to her Doc Martens.

Emma ist nicht wie er. Aber auch Emma ist Hydrologin.

***

Etwa einmal die Woche isst Emma mittags in Samuels Pub. Sie kommt nur zum Essen, never to socialise and she does not even notice the attention he gives her. Years later she will find herself wondering when it all began, aber zu diesem Zeitpunkt versteht sie nicht, dass Samuel ihr Mann sein könnte. Ihr erster, ihr einziger.

Sie kennt zu diesem Zeitpunkt weder sich noch any kind of courting rituals. Ein Mädchen wie Emma nimmt niemand und wenn dann nur ohne zu fragen. In Wirklichkeit ist Emma auch kein Mädchen und keine junge Frau. Sie ist einfach behindert. Dahinter kommt nichts. Das ist Gesetz und wurde Emma eingeschärft.

Emma mag Samuel und sie liebt die Gespräche. Ist der festen Überzeugung man sei gut befreundet als man sich immer öfter auch außerhalb trifft. Man spricht über die Kunst, Emma schreibt in jeder freien Minute, bleibt aber seltsam distant. Sie hat Angst nach ihrer Familie oder Herkunft gefragt zu werden. In einer irgendwann vielleicht völlig harmlosen Situation bekommt sie Panik und weiß nicht warum. Ein Gefühl sagt ihr, Samuel hätte sie küssen wollen und vielleicht sie ihn auch, aber Emma kennt so etwas nicht. She doesn’t know what it’s like, cannot explain about past experiences nobody ever would believe anyway, weil die behinderten Frauen einfach nicht passieren. Und wenn, dann sollen sie froh sein, dass sie überhaupt einer anfasst.

Emmas Wasser ist ein anderes als Samuels. Was er liebt, hätte sie umbringen können.

Was Emma damals erstaunt ist sein natürlicher Umgang mit ihr. Die deutschen sind anders zu ihr. Er wiehert ihr nicht nach oder sagt, sie hätte einen Pferdegang, fragt sie nicht ob sie einen Lebensberechtigungsschein hat. Er erzählt von dem Schloss in Irland und spricht enthusiastisch von gemeinsamen art projects. Kein Zweifel, just let’s do it, we’re gettin‘ ‘em.

Das ist was sie mitbekommt. Das andere geht an ihr vorbei. Vielleicht muss es das damit sie die Angst nicht fühlt.

Denn Samuel ist Hydrologe.

Emma aber auch.

***

Hydrologie ist die Lehre vom Wasser. Wasser ist das Element von Qualm und Quallen und einer tödlichen Ruhe.

Samuel schreibt Emma Briefe aus Irland. Sie möge ihm nachkommen, could ontinue her studies over there, man könnte einen Pub eröffnen. Emma könnte mit ins Schloss der Familie einziehen.

Schon in Deutschland gab es diese Schutzversuche. Emma kann das nicht spüren, das Gefühl ist zu diffus dafür.

Tock, tock, tock. Ein kaputter Ventilator.

Eines Abends zündet Emma eine Kerze an und hat Angst vor der stehenden Luft. Es könnte auch brennen. Höhenfeuer sind leicht.

Sie wäre gern mitgegangen, nachgezogen, aber nicht nur fehlen ihr die Mittel. Sie versteht zwar noch nicht was war, was hätte sein können, was sie ihm und er ihr hätte gegeben können, aber sie weiß, that it’s gone.

Because Samuel tells her about her predecessor and that this woman was the reason he left home in the first place.

Und war da sie. The upper opposite, wie Samuel das nennt. Und sie hat es nicht kapiert.

Hydrologie ist die Lehre vom Wasser.

Emma und Samuel sind Hydrologen.

Aber das Element, das sie erforschen ist zwei ganz verschiedene Dinge.

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11 Gedanken zu “Hydrologie ist die Lehre vom Wasser

      1. Wobei das dann extrem hilft, wenn du Englisch radebrichst (-brechst?) und er Deutsch … 😉
        Ich hatte das auch mal. War sehr lustig. Dann haben wir uns geeinigt, dass er, weil er bleiben wollte, besser Deutsch lernen musste.

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        1. Das war kein radebrechen wie ich es verstehe. Radebrechen ist für mich brüchig und zäh. Wir konnten jeweils fließend, bei ihm ging das eher um Worte und Redensarten und so was. So was bedenkt man zu selten. Ich erinnere mich an einen Tag als es in Ströhmen gegossen hat und ich ihn ohne nachzudenken auf Englisch gefragt habe ob er am Vortag nicht seinen Teller leer gegessen hätte. Das hat er überhaupt nicht kapiert und mir fiel nicht auf, dass es die Redensart da nicht gibt. Ich widerrum kannte „In Rome do as Romans do“ damals nicht, das würde man auf Deutsch ja nicht so sagen.

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  1. Wow, ein faszinierender Text (und das sage ich nicht nur als Joyce-Fan und Hydrotechnologe).
    Dass du zwischen den Sprachen pendelst, wirkt für mich als Leser sehr erfrischend. Die Stilistik („Refrains“) und das Tragikomische in Verbindung mit dem Wortwitz sind genau mein Fall.

    Ich nehme an, du hast auch bereits in das ein oder andere Büchlein von Samuel Beckett deine Nase hineingesteckt (und anschließend wegen dem euphorisierenden Kribbeln laut genießt)?

    Liebe Grüße
    Wurst&Zimt

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    1. Ich danke.

      Beckett: Sonst hieße der Samuel hier, der nicht wirklich Samuel hieß, nicht Samuel. Es war neben Joyce jemand, den wir „diskutiert“ haben, da wusste ich noch nicht, dass ich Beckett mal visualisieren (Aufzeichnung leider verschwunden) beziehungsweise mehr als ein Jahrzehnt „entlehnen“ würde. Hätte sich auf einer Kleinbühne gut gemacht, wenn es denn fertig geworden wäre: https://faedenrisse.wordpress.com/2016/04/20/fiktion-warten-auf-gehmirwech/

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