Ein Geist im Flur

Ich könnte fragen wie lange ein Charakter braucht. Mit Gerold aus der „Latüchtengeschichte“ – wie sie in meinem Kopf immer noch heißt – habe ich, das habe ich Ihnen mal erzählt, lange gekämpft. Dann, in einer Stresssituation, der unfreiwilligen Offlinezeit, hatte er plötzlich seinen Platz. Bei Albrecht aus einer anderen Geschichte in den Abweichungen war das ähnlich und wenn man es ganz genau nimmt hat Jule über ein Jahr gebraucht, bis sie die war, die sie geworden ist.

Es ist gewissermaßen also ein Wunder, dass die mir vor ein paar Wochen diffus begegnete Adelheid möglicherweise eine Form annimmt, denn im Vergleich mit den anderen sind diese Wochen sehr wenig Zeit. Auffallend ist wieder, dass sie in einer Stresssituation kommt. Aber das ist auch gut, ich halte das nach so vielen Jahren im Schreiben für eine Art automatisierten Entschleunigungsmechanismus.

Wenn sie wirklich Form annimmt, dann ist auch Adelheid „nur“ ein Nebencharakter, vielleicht – das hängt vom Fluss ab -, mit weniger zu sagen als Gerold und auch weniger wichtig. Aber sie ist dann Teil davon wieder eine altersmäßig erwachsenere Protagonistin zu haben, denn die Frau, die durch die Flure geistert ist altersmäßig wieder näher an den Frauen aus Materie und Form und Zeit und Raum. Aber ich sehe ihren Namen nicht.

Vielleicht wird sie eine von denen, die in meiner Generation in Westdeutschland englische Vornamen verpasst bekamen. Damals war das noch eher ein Zeichen, dass man „bessere“ Eltern hatte. Die mir in meiner Generation bekannten Gordons, Nancys und Mandys, Eileens, Kims und Normans sind allesamt Akademikerkinder, die meist selber studiert haben. Wahrscheinlich sind auch die ersten Kevins der Spätachtziger, bevor der Name boomte, eher in dem Milieu zu finden. Der, der mit meinem Bruder spielte war Unternehmerkind. Ich kannte auch zwei nach dem Beatles-Song benannte, Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger geborene Michelles. Philipp erinnert sich, dass als er seine Grundschule verließ die Tochter einer Kollegin seiner Mutter eingeschult wurde und das Mädchen Kayleigh hieß.

Achten Sie mal darauf wenn Sie an Kanzleien vorbeikommen. Hier wo ich wohne gibt es mindestens einen – mir persönlich nicht bekannten – Gordon als Rechtsanwalt, einen Charles als Ingenieur und eine Kim-Eileen als Steuerberaterin. Die Schilder waren schon da als ich hier herzog, das können keine in den Neunzigern geborenen Menschen sein.

Hat jemand spontan einen dieser Art Namen bei der Hand und möchte vorschlagen? Ich weiß nicht ob es passt, so etwas gibt sich von selbst, aber ich bin sicher, dass ich nicht alles, was damals vergeben wurde kenne. Jennifer und Dennis zum Beispiel galten damals schon als „deutsch“ und wurden inflationär vergeben.

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Auf dem Spielplatz

„Sandra, bist du’s?“

Das Wort alles ist nicht allumfassend, denn manche Dinge ändern sich nie. Im Mülleimer am Spielplatz liegt dasselbe wie vor dreißig Jahren – benutzte Pflaster und Schokokekspapier. Daneben damals wie heute Sonnenblumenkerne und wenn man genau hinsieht findet man sicher die ein oder andere Flaschenpost. So nannten wir das früher wenn die Betrunkenen ihre Flaschen stehen ließen. Damals fanden wir das gut, wir haben die Reste ausgegossen und die Flaschen zum Kiosk gebracht, für den Gegenwert gab es Eis oder Wundertüten. Auch die Leute sind nach wie vor die gleichen, nur dass ich jetzt diejenige bin, die schief angesehen wird und nicht die Mutter von Jessica, der wo der Vater Zigaretten holen gegangen ist. Als Kinder haben wir den Witz nicht verstanden, wir wussten nur, dass Jessicas Mutter alleine war und sich keiner um Jessica kümmerte. Alleinerziehend war ein Makel. Die kriegten den Arsch nicht hoch und Jessica war viel zu ruhig, aber wenn der Vater abgehauen war, hatte man auch allen Grund Trübsal zu blasen. Ein paar Jahre später schossen die Scheidungskinder aus dem Boden.

Sophia hat nie einen Vater gehabt und ihre andere Mutter ist noch bevor sie kam abgehauen.

„Hallo Nadine.“

„Die ist groß geworden. Uns-“

„Ja.“

Aus der Stadtpoem-Kladde für Christianes Etüdenpausen-Spiel.

[Unnützes Wissen aus meiner jahrelangen Schreiberfahrung: Dass der August relativ fiktionslastig ist/war ist nach außen hin ein Zeichen, dass ich unter Stress stehe.]

Kleinigkeiten

Auf einer Einkaufsstraße hält mich eine Frau an: „Sie haben die falschen Schuhe!“ Ihre Schwester hätte dieses und jenes gehabt, dann orthopädische Schuhe bekommen und danach keine Gehhilfe mehr gebraucht.

So etwas passiert öfter. Soll ich froh sein, dass sie mir wenigstens nicht ungefragt in die Haare oder an die Beine gefasst hat?!

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Meine Röntgenaufnahme: „Also, nee, da is‘ nix, kann noch so’n halbes Jahr warten.“

Zwar nicht sehr aussagekräftig, aber immerhin.

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Amtsklinikwasweißichdennmensch: „Sie müssen ein Buch über Ihre Kindheit mit diesen Eltern schreiben!“ Muss ich?! Dank Lilly Lindner, Deborah Feldman und Florian Burkhardt liefe das derzeit gut im Handel. Davon ab, dass ich Lindner nicht gelesen habe, Burkhardt erst recherchieren musste und mich das „Genre“ nicht interessiert. Ich habe es schon mal gesagt, ich bin niemandes durch das nächste Dorf zu treibende Sau.

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Aus den Suchbegriffen repräsentatiever artikel. Mit der Anfrage kann man überall landen, jedes Blog, jede Seite hat irgendeinen. Aber da der suchende Mensch hier landete, bittesehr: Alles ganz normal. Ich halte den nach wie vor für die Essenz vom Problem beschreibend, meine Lesenden mögen das anders sehen.

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Ebenjene Lesenden schließen sich jetzt bitte komplett freiwillig dem #TeamSebastian an.

Wir haben mit dem Adventskalenderbasteln begonnen. Das läuft nebenher, wir nutzen Zeitfenster. Die Gegner vom #TeamSebastian (aka #TeamDeristbehindertundkanndasnichtgezeichnetSebastiansEltern) haben noch nie etwas vom assistierten Basteln und umfunktionierten Alltagsgegenständen gehört.

[Wer sich nicht freiwillig anschließt bekommt es mit der Gummischweinhupe zu tun. So!]

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Sich nach Jahren an eine alte Depeche Mode B-Seite erinnert zu haben: Ice Machine. Ich erinnerte mich an die Melodie, hatte aber Titel, Text und wo zu finden [Blasphemous Rumours-Single] vergessen.

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Ein Strauß herrlicher orangefarbener Blumen vom Handschuhschenker.

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Könnten diese überenthusiastischen Youtube-Coaches für Wirbelsäulenübungen bitte mehr zeigen und weniger und vor allem weniger aufgekratzt babbeln?

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Mikesch wurde diese Woche polizeilich entfernt. Man betritt nicht ungebeten anderer Leute Wohnungen, auch wenn die Balkontür offen ist.

#Mondrakete ohne Rückflugticket

Und nein

In den letzten Tagen haben wir gelegentlich mit der „Aber er ist doch noch ein Kind, dem ist das nicht zumutbar“-Fraktion zu tun. Philipp vor allem, weil er am Unbetroffensten und damit am Ansprechbarsten wirkt. Wir könnten ja den gut gemeinten Ratschlag nicht erkennen.

Nur ist es kein Ratschlag.

Nein, es ist nicht falsch, dass wir und seine eigenen Eltern mit dem Atelier-Kind über die Rostocker Pogrome und andere ähnliche sprechen. Solingen zum Beispiel.

Es sind eure [die, der „Aber er ist doch noch ein Kind, dem ist das nicht zumutbar“-Fraktion] Kinder, von denen so etwas ferngehalten soll, die so etwas entweder – ultimativ schlecht – irgendwann als ganz normal hinnehmen, es brennen heutzutage auch Flüchtlingsheime oder – immer noch schlecht -, irgendwann total überfordert dastehen und nicht wissen wie sie mit so etwas umgehen sollen.

Und dann will es wieder keiner gewesen sein oder die Fragen beantworten Wo warst du damals? Wie alt? Wie hast du dich gefühlt?

Ich war zu Hause, zwölf Jahre alt und ich war traurig. Und ich war sauer, weil ich zu Hause und in der Schule nur die Reaktion „Geht uns nichts an! Kann hier nicht passieren!“ bekommen habe. Ich habe mich, wie bei allen anderen Anschlägen, gefragt, was wäre wenn jemand das mit der Familie meiner bosnischen Freundin machen würde? Wenn das einer mit uns machen würde, denn so deutsch wie meine Mutter gerne wollte sind wir nicht. Scheißrumänen oder Zigeunerpack (als Synonym für Rumänen) müsste sie eigentlich auch treffen. Mein Großvater war nicht in Deutschland geboren. Einem Onkel von mir sieht man das an.

Außerdem war ich traurig, weil meine Brieffreundin in Ostdeutschland jetzt mit solchen Leuten in einen Topf geschmissen werden würde. Sie hatte das nicht gemacht. Sie war traurig und schockiert.

Und nein, wir können das nicht einfach von uns wegschieben, weil das im Osten war und wir zufällig im Westen wohnen. Und nein, man muss kein Verständnis haben. Man muss hinterfragen, Schlüsse ziehen und besser machen. Jeder für sich und da hilft auch schon reden und erklären. Es sind eben nicht immer nur die anderen.

Und nein, wir reden auch nicht nur deshalb mit dem Jungen, weil dieses Kind in seiner Sozialisation die Besonderheit hat die Gewalt gegen behinderte Menschen mitzubekommen.

Stadtpoem: Frau Teufels Küche

Ich bin nach langer Zeit mal wieder dazu gekommen unterwegs zu notieren und dann gleich etwas mit mir Fremdelndes. Ich habe das Gefühl, es ist nicht Fragment, sondern ein Anfang von irgendetwas stilistisch mir Neuem. Ich habe keine Ahnung ob ich das irgendwann weiter machen werde und wie und genauso wenig Ahnung habe ich wer diese Charaktere sind.

Dank und Gruß an Walburga – der zweite Satz ist ihre Beziehung zu Berlin, sie sagt am Ende hat es sie nur noch abgestoßen.

Nennen wir das Stück vorerst Frau Teufels Küche.

[Es gibt Menschen, die so mit Nachnamen heißen. Ich habe mal für einen Herrn Teufel gearbeitet. Die Blicke, wenn ich morgens zu irgendwem gesagt habe „Ich gehe jetzt zum Teufel“ waren unbezahlbar.]

 

Jerusalem war wie Berlin mehr Geisteszustand als Ort. Unverstellbar wenn man sich nicht dort befand und war man erst einmal da nicht mehr vorstellbar.

Daniela war nie in Berlin gewesen, aber Frau Teufels Küche war für sie eine berliner Küche. So stellte Daniela sich eine berliner Küche vor, Verqualmte weiße Raufaser und der Tisch in der Ecke zwischen Wand und Kühlschrank, an der linken wand über dem Tisch ein Poster. Wer auch immer. Darüber die viel zu schwache Birne und wenn man am Tisch saß im Rücken die Resopalschrankwand. Frau Teufel konnte nichts dafür, aber so war das. Daniela wusste nicht warum das für sie Berlin war, vielleicht hatte sie das auf tumblr., pinterest oder Vice gesehen, bei irgendwelchen Hipstern und die waren doch alle in Berlin. Diese Küche nicht.

„Tecwyn?“ Frau Teufel steckte den Kopf durch die Tür, die keine Türe hatte.

„Schläft.“

Frau Teufel nickte. „Kann ich verstehen. Was ich nicht verstehen kann: Warum hassen die ihn so?“

Daniela zuckte die Schultern. Auch das war Berlin: Schwule, die einen Bisexuellen in einer monogamen schwulen Beziehung dumm anmachten. Hier hätte man ihn vielleicht auf den Namen oder seinen Akzent angesprochen und dann darüber diskutiert, dass es auf Englisch das gleiche Wort für Walisisch und Wallonisch gab, obwohl das eine eine korrekte Bezeichnung hatte und Freund bedeutete und das andere keine hatte, Fremder hieß und nur eine Art Dialektale war. Arme Wallonen.

Aber Jerusalem war auch ein Geisteszustand. Die Kerzen waren fast herunter gebrannt. Wein war schon länger aus

***

Das Licht der Straßenlaterne durch die Jalousie und der weiß besockte Fuß, verworren in der weißbeigen Bettwäsche. Ein Arm unter dem Kopf, eben der Matratze auf dem Boden aufgeschlagene Bücher, Spielkarken und Schallplatten. Ein Reisewecker und Kippen in Orangensaft.

Alte Werbung

Nach dem weniger schönen Inhalt von gestern heute etwas Schönes. Ein alter Werbeclip, ich weiß noch, dass ich mich immer gefreut habe, wenn der kam.

Haben Sie auch so einen, an den Sie sich von früher erinnern und ihn richtig gut fanden?

Cholera

Pünktlich mit den ersten gelben Blättern am Baum vor dem Atelierfenster kommt meine erste sichere Winterkundschaft. Ich arbeite für diese Frau seit Jahren und die Zusammenarbeit lief immer gut. Auftrag – Materialübergabe – Versand – Bezahlung nach Versandbestätigung.

Aber:

Großes ABER, denn jede jüngere und nicht so kooperative Zusammenarbeit wäre an diesen Punkt vorbei, ich hätte mich umgedreht und wäre gegangen, sie ist Trump-Anhängerin und Fake News-Blaberin.

Ich kann mit Trump-Anhängern im selben Raum sein und ich kann mit Trump-Anhängern arbeiten. Ich kann mich auch zivilisiert mit ihnen unterhalten.

So lange er und seine Ansichten nicht das Hauptthema meines Gegenübers ist.

Meinem speziellen Gegenüber (ü70, falls das eine Rolle spielt, ich glaube nicht) ist anzurechnen, dass mein „Bin ich ganz anderer Meinung.“ stehen gelassen und das Thema gewechselt wurde.

Aber ich möchte nicht in voller Überzeugung erzählt bekommen, dass Fake News das größte Problem darstellten, weil sie Trump verzerrt darstellen würden, der würde sich doch nur um sein Volk kümmern und Obamacare hätte nur Privatversicherten geholfen, jetzt seien so und so viele Millionen da um wirklich was zu tun und äh… das in Charlottesville, das war nur Provokation und überhaupt würden Trump ja alle missverstehen, anstatt froh zu sein, dass er mit Putin spricht und aus dem Klimaabkommen ausgestiegen ist. Das alles hätte sie direkt aus den USA.

Kann kein Englisch, kennt keinen einzigen Amerikaner persönlich, bekommt irgendeinen Newsletter.

Da kann man sich nur seinen Teil denken. Ich überlege ob ich diese Begegnung them lot gegenüber erwähnen soll. Die leben da, die kennen die Realität.

Aufträge von solchen Neukunden hätte ich abgelehnt. (Und ihr, wenn sie sich anders verhalten hätte als sie es hat, also nicht das Thema gewechselt und meine Meinung stehen lassen hätte, klar gemacht, dass ich das mit ihren auch täte. Sofort.)

 

Funfact: Ich habe aus optisch-ungenügender Kenntnis Bannon auf einem Foto im ersten Moment für Wilders gehalten. Grandpa Munster hat zwei Klone.