Muh-enchner Farbenlehre

oder Leserwunscherfüllung

Der 2.000ste Kommentar kam von Gerda und wie von mir versprochen gab es dafür einen Wunsch erfüllt, sofern im Rahmen dieses Blogs machbar.

Gerda hatte einen und man könnte sagen, dass dieser Wunsch an die Grenzen stößt, denn es hat seinen Grund warum es in nichts, das ich mache Abbildungen gibt. Ich kann Bilder in Texten nicht leiden. Wenn andere sie nutzen, dann kann ich mich damit arrangieren und darüber hinwegsehen, aber ich muss mich nicht selber stören. Weil Augenmensch Gerda und ich uns aber nun schon länger kennen und ich weiß, dass sie sich wirklich darüber freuen wird, gibt es dieses eine Mal eine Ausnahme. Gerda wünscht sich „…dass du einmal ein Bild postest, das du besonders schätzt oder mit dem du Besonderes verbindest.“

Fündig wurde ich nachts im Halbschlaf bei Franz Marc.

Franz Marc "Kühe unter Bäumen"
Franz Marc „Kühe unter Bäumen“ bzw. „Kühe unter einem Baum“ (1910/11) [Es kursieren beide Bezeichnungen]

Das, was sie hier sehen ist aus einem älteren teneues Kalender eingescannt – als © wird dort apk-images angegeben – und kommt den Farben des Originals näher als die sehr dunkle Version auf Wikimedia Commons.

Das Original hängt im Städtischen Kunstmuseum in Mülheim an der Ruhr als Teil des ständigen Bestandes. Ich habe es dort über die Zeit mehrmals besucht, wenn ich in der Gegend war, aber meine erste Konfrontation damit war vor einigen Jahren während der Gemeinschaftsausstellung zur Freundschaft zwischen Marc und August Macke in einem fast komplett abgedunkelten Raum, als ich durch die Durchgangszimmertüren in einen anderen ging.

Ich wollte eigentlich nur in einen Raum gehen stand aber plötzlich im Abstand von ein paar Metern dieser „Wand“ gegenüber. Drum herum alles schwarz, nur ein gut gesetzter Strahler und darunter die „Kühe“.

Das Original hat starke Leuchtkraft und inmitten dieser dunkel gehaltenen Räume mit diesen unglücklichen Biographien – WOMM! – diese vitalen grün-gelb-orangenen Kühe.

Wortwörtlich ein Farbschock.

Ich habe damals vielleicht fünfzehn Minuten alleine mit diesem Bild in einem Raum gesessen und versucht das Gefühl zu ordnen. Es war einerseits gerade dadurch sehr präsent, dass Franz Marc nicht wesentlich jünger als ich damals war gewesen ist als er das gemalt hat, aber auch nicht wesentlich älter geworden ist. Marc war Jahrgang 1880, ich bin Jahrgang 1980, beide aus Münchner Familien und wenn ich planmäßig zur Welt gekommen wäre, hätte ich vielleicht Franziska geheißen. Andererseits war da eine ganz tiefe Ruhe. Und dann einfach Überwältigtsein. Letzteres habe ich jahrelang nicht verstanden und es immer auf die Geschichte und die Farben gelb und orange – die für mich mit meiner Großmutter zu tun haben, außerdem ist gelb meine Lieblingsfarbe – geschoben.

Manchmal bin ich – wenn ich irgendwo in der Nähe war -, extra zur „Kuh-Meditation“ nach Mülheim gefahren und in dieses Museum gegangen.

Manchmal, bei späteren Besuchen, mit Unwohlsein. Kein starkes, eher diffus und ich dachte immer es hinge mit dem generellen Effekt dieses Bildes auf mich zusammen. Bis ich merkte, es ist der grün-blau-violette obere Bereich. Insbesondere das Grüne der Bäume drängt sich aus dem Hintergrund nach vorne über das positiv besetzte gelb-orange Kuhstück.

Dieses Grün in Kombination mit blau und violett ist ein Traumatrigger. Viele Dinge, die ich als Kind besessen habe hatten diese Farben. Auch das helle Grün der Wiese zähle ich dazu, es hat durch den Gelbanteil aber eine Mittlerfunktion. Da drängen sich also grüne Bäume aus dem Hintergrund der Kindheitsfarben über die gelb-orangenen Kühe, die die Freiheit und das Erwachsensein bedeuten und integrieren sich in ein Bild. Man kann Vergangenes neutral sehen, aber man kann es nicht (zumindest nicht gesund) abspalten, sondern muss es integrieren, um weitergehen zu können. Die gelbe Kuh (gelb stand bei Marc für das Weibliche) auf dem Bild macht den Eindruck als wäre sie im Begriff an dem Baum vorbei zu gehen – eine Momentaufnahme in Bewegung. Sie geht irgendwo hin, wo der blaue Bereich zwar präsent ist, denn er ist ja nicht weg, aber sie geht daran vorbei, sie geht weiter, nach vorne – vom Betrachter abgewendet in die Bildtiefe hinein – weg. In die offene Weite.

Bis mir der Zusammenhang auffiel hat es mehr als ein Jahr gebraucht. Ich war und bin in der Familie oft genug die „blöde Kuh“ – und das ist noch harmlos – und ich bin die einzige, die aus dem kranken Skript ausgestiegen ist. Ich führe denselben Nachnamen wie in meiner Kindheit und ich werde an bestimmten Orten nach wie vor eindeutig meiner Familie zugeordnet. Manchmal, weniger gut, meinem Vater, manchmal, besser, meiner Großmutter – auch so einer „Kuh“, die nach vorne gegangen ist, vorbei an dem, wo andere sie haben wollten. Die Firma war ein Frauending, zu einer Zeit wo das gar nicht so einfach war. Damit ist gemeint um einiges schwerer als heute, es mussten der Gesetzeslage halber einige Dinge über meinen Großvater angemeldet und abgewickelt werden, der zwar von weder noch Ahnung hatte, aber ein Mann war und auf den Papieren stehen musste, weil Frauen das noch nicht durften.

[Man überlegt sich mal, dass vor ungefähr fünfzig Jahren Frauen in Deutschland noch die Genehmigung ihres Ehemannes benötigten wenn sie arbeiten wollten. Da kann man sich ausmalen welche Hürden es für eine Frau gegeben hat in den 50er Jahren ein komplettes Business aus dem Boden zu stampfen und dann auch noch eines in der Männerdomäne motorisierter Fahrzeuge.]

Der Kalender, von dessen Hinterseite das gescannt ist, weil ich nirgendwo online in den freien Ressourcen etwas finden konnte, das so annähernd an die Farbintensität wie dieser Druck herankommt, ist ein Großformat und schon lange nicht mehr gültig. Die Seite mit den „Kühen“ – hängt einzeln an einer Atelierwand. Zwar nicht auf schwarz und ohne Rahmen, aber den brauche ich auch nicht.

Nun, liebe Gerda und liebe sonstige Lesende, das ist sowohl schätzen als auch eine besondere Verbindung, oder?!

Kleinigkeiten

Zunächst einmal, natürlich, das muss zuerst: Der freundliche Mensch hinter Red Skies Over Paradise hat einen ganzen Tag mit dem von mir geschätzten Herrn Sperber. Zwei Videos funktionieren nicht mehr, aber da kann er nichts für, wie mitgeteilt wurde wurden die Links editiert und die Lieder sind verfügbar, gehen Sie hören, sehen und die Texte dazu lesen. Ich habe stattdessen zwei andere in älteren Posts für Sie: ICUROK und Rubberband Lazer. Das Atelier-Kind liebt es noch immer (der Artikel ist uralt.)

Außerdem passt es als erster Kleinigkeiten-Punkt weil ich erst letztens einer anderen Bloggerin gegenüber die Biographie-Etüden, die es in einem früheren Etüden-Stadium einmal gab, erwähnt habe. Bitte sehr: Der Sperber vom anderen Stern. In einem früheren Blog-internen Projekt hat Herr Sperber (Nomi war ein Pseudonym) einen Brief von mir bekommen und Anfang April schaffte ich etwas unglaubliches und konnte zur Fanfare! blasen. Gelegentlich äußere ich mich darüber, dass man Mikesch, die sowieso den ganzen Tag vor Ebay hängt und unnützen Kram bebietet den Sinn von Vinyl nicht klar machen kann. Das ist traurig.

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Es wird vorerst nicht operiert, denn es hat sich ein Stück Knochen verschoben und sich wahrscheinlich eine Entzündung unter einem Stück Metall ausgebreitet, die muss erst weg. Könnte ein halbes Jahr dauern. Nächste Woche um die Zeit bin ich schlauer.

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Haben Sie mal darauf geachtet was im WordPress-Reader unter Ihrem eigenen Blog empfohlen wird? Der Algorithmus ist manchmal lustig.

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Der Schrieb, der dem Atelier-Kind erlaubt noch ein halbes Jahr zur Schule zu gehen ist da. Hurra! (Der kommt immer erst in den Ferien. Wie stellt sich das eigentlich irgendwer realistisch vor im Falle einer Ablehnung? Wahrscheinlich gar nicht, sonst würden die Dinger nicht immer nur ein halbes Jahr…)

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Unter einem Bericht von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Behinderungen regen sich Leute über den „Bogen zur NS-Zeit“ auf. Hallo?! Kinder und Jugendliche (insbesondere die), die jeden verdammten Tag um etwas, das in vielen anderen Ländern selbstverständlich ist – nämlich mit nichtbehinderten Kindern zur Schule gehen zu dürfen, keine vorgefertigten Begutachtungen, die sich nur auf Defizite konzentrieren über sich ergehen lassen zu müssen, nicht beleidigt zu werden, im Verein oder bei Ferienaktivitäten dabei sein zu dürfen -, kämpfen müssen und durch dieses Spar..äh…Teilhabegesetz immer mehr gegängelt werden fragen sich irgendwann woher es kommt und das zu Recht. Außerdem ist eine Zukunft im Heim (womöglich noch zwangseingewiesen) oder in der Werkstatt (als Punchingbag für die Betreuer) ja nun wirklich etwas, das beim ersten Lesen oder Hören nicht mit dem Grundgesetz konform geht. Oder ist dieses mit Würde und unantastbar, steht ziemlich weit vorne, mittlerweile gestrichen worden? Da irgendwo, schon weiter hinten, steht auch was von Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Glaubt wirklich irgendjemand, ein junger Mensch, der nicht zur Schule darf, der nicht in Vereine oder sich selber eine Wohnung suchen kann merkt nicht, dass der Satz nicht den Wert des Papiers auf dem er gedruckt ist hat?!

Erklären Sie dem Atelier-Kind, bald vierte Klasse, altersgerechte Lesekompetenz, warum es per Gesetz ein Ehrenamt ist (kein Kind in dem Alter versteht das Wort), wenn er in den Fußballverein will, die hörenden Kinder da aber kein Ehrenamt bekleiden sondern „Sport“ machen.

Erklären Sie Iris, die ist nicht blöd, nur ruhig, warum sie von einer Regelschule kommend nun auf einer Aussonderungsanstalt versauern muss.

Und wenn Sie gerade dabei sind, sagen Sie Anja einen logischen Grund für die Zwangseinweisung.

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Auf dem Spielplatz mit dem Atelier-Kind-Bruder. Das übliche: Wie kann so eine… und verantwortungslos und Dass die überhaupt Kinder kriegen… guck mal, die sind beide behindert… Dann aber voller Schuss gegen Philipp, weil der nicht mit auf das Klettergerüst gestiegen sondern daneben stehen geblieben ist, für den Fall, dass etwas wäre. Dürfen deren Kinder alleine aufs Klo?!

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Mikesch ist traurig. Sooo schlecht scheint K.s Billigjacke doch nicht zu sein – „Sieht man gar nicht, dass die billig war.“ – tja, jetzt gibt es keine mehr.

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Einer bis 2.000. Was dann, hatten wir. Gerda hat ihn. Ich bin gespannt. Sie auch?

Ding Dong

Petra hatte vor Kurzem nach „Lieblingsliedern“ und „gute Laune“ gefragt und heute stolpere ich über einen mir bis dato unbekannten Remix. Sagen Sie nicht, dass Sie nicht mindestens grinsen müssen.

Ich möchte das auf Vinyl haben!

Szene (die), schizophren-psychotisch (oder)

Mikesch macht im Laden eine Szene, an die der größte Wutanfall des Atelier-Kind-Bruders, denn-er-WILL-jetzt-augenblicklich-in-diesem-Moment-den-Knopf-für-die-Aufbackbrezel-drücken-und-die-Brezel-sofort-verspeisen-!, nicht herankommt. Details erspare ich Ihnen, Sie wissen ja, ich habe Erfahrung mit Sicherheitsdiensten….

Als wir weitergehen tippt mich eine Frau an. Ich kann schlecht schätzen, älter als ich, aber wahrscheinlich noch nicht fünfzig. Als Mikesch nicht hinsieht zeigt die Frau auf deren Rücken. „Schizophren oder psychotisch?“

Sie trifft natürlich nicht ganz, aber es erleichtert einen in so einer Situation ungemein, dass mal irgendein umstehender Mensch der Wahrheit sehr nahe kommt.

Auslöser – bevor Sie lachen denken Sie dran, dass Mikesch krankheitsbedingt eine andere Logik hat – war, dass mich auf dem Weg eine Autofahrerin gefragt hat ob sie auf dem Weg zu Autowerkstatt Sowieso links oder rechts abbiegen muss.

Leicht zu reinigen

Für Christianes Etüden-Pausenspiel, angeregt durch die Zwangseinweisungen. Dass der indirekte Protagonist Christian heißt hat nichts mit Christiane zu tun, sondern damit, dass sich viele dieser Einrichtungen ach so humanes Christentum auf die Fahnen schreiben. Grüße an Anja, die zwangseingewiesen wurde. Wer hier länger liest, kennt die Geschichte.

 

Was wirst du sagen wenn Leander dich eines Tages fragt Warum hast du nichts getan, Oma? Warum hast du zugesehen wie sie Onkel Christian holten? Kannst du dann ehrlich antworten, dass du sein Leben lang, die ganzen vierzig Jahre auf diesen Befreiungsschlag gewartet hast, dass deine Trübsal genau mit dem Moment endete und deine Wunde für die es kein Pflaster gab wie durch ein Wunder heilte? Das müsste doch ehrlich sein, wenn man dich noch nett genommen wahrnimmt. Oder hast du damit wieder nichts zu tun? So wie damals schon als wir als Kinder im Fernsehen die Bilder vom Sonnenblumenhaus und aus Solingen sahen und es schrecklich fanden, dich das aber nicht berührte, denn du warst ja nicht betroffen, weil es dich nicht treffen kann. Du bist ja nur du. Aber du bist nicht egozentrisch und es muss immer einen Ausweg geben, das Schreiben schwarz auf weiß in Christians Händen konnte nicht die Wahrheit sein. Das kann es doch nicht geben. Man muss es auch nicht übertreiben, das ist nicht Euthanasie 2.0, die bringen heute keine Leute um und das im Fernsehen, das sind Ausnahmefälle. Vielleicht geht es Christian sogar besser im Heim… Schokokeks, wie immer.

Leander hatte das Kuvert in der Hand. Du weißt, er kann noch nicht lesen. Aber das muss er auch nicht, er weiß was passiert ist. Für ihn war nicht Onkel Chris verkehrt, sondern die Leute, die keine Rampen bauten und auf der Straße starrten. Es ist schwer, dass du dich nicht jetzt zu schämen beginnst.

Der Brief ist wie dein Hass ein böser Flaschengeist, der sich eine Bahn nach außen brechen konnte und Christians letztes Heimzimmer das Vakuum der Flasche. Weiß und steril, leicht zu reinigen. Dass er jetzt tot ist, ist eine Flaschenpost. Für dich in einer Himbeersaftflasche, für alle anderen in Absinth.

Über die Fremden

Christiane ruft ein neues Etüden-Pausenspiel aus und H. von them lot hat gestern von einer Begegnung mit einem Menschen, der die Amischen verlassen hat erzählt. Ich habe zugegebenermaßen keine Ahnung davon, aber irgendwie ähnlich könnte das sein:

 

Die Leute, die aus der Stadt mit den großen Autos kamen kannten solche Blumen nicht. Nur eine Sonnenblume und wir hatten gedacht, die gibt’s überall, aber sie machten sich nicht nur über unsere Kleidung und die Fuhrwerke lustig. Das ist das Schlimme: Man darf nicht gekränkt sein. Man darf sich nicht wehren wenn sie einen wie eine Stadtpuppe im altertümlichen Kostüm anfassen und munter drauf los fotografieren, Gott will das nicht, und man muss denken, dass es nicht richtig ist; dass man weiß, dass diese modernen Stadtmenschen denken, dass man Trübsal bläst. Eigentlich muss man so tun als ob sie gar nicht da wären, sie verstehen ja doch nichts davon.

Einmal war während der Feldarbeit eine Familie mit einem kleinen Kind und einem Mädchen da. Wir haben sie nicht um ihre Kleidung beneidet, aber wir wollten alle das, was dieses Kind in der Hand hielt. Ein Stadtgebäck, das es bei uns nicht gibt, es heißt Schokokeks.

Das Mädchen sah so zu uns wie wir von ihr wegsahen, damit Gott uns nicht sah. Es fragte die Mutter nach unseren Hauben.

Die Frau sagte was wir sind, etwas anderes und „Die kommunizieren hier noch mit Flaschenpost.“

Dieses Wort hatten wir nie gehört.

In eigener Sache

In 18 Kommentaren haben die Fädenrisse 2.000 voll. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere lesende Mensch noch, dass ich Christiane für die 1.500 einen Wunsch geschenkt hatte, sofern es etwas wäre, das im Rahmen der Fädenrisse machbar ist.

Christiane wünschte und ich konnte erfüllen. Einmal kürzer und einmal länger. Wie das dieses Mal wird weiß ich nicht. Sie können sich natürlich heimlich schon einmal Gedanken machen falls Sie zufällig die 2.000 treffen, es kann aber auch sein, dass ich der treffenden Person eine oder mehrere zielgerechte Frage(n). stelle, da ich im September/Oktober ein Experiment mit den Tintenklecksen machen will. Ob ich das schaffe hängt von äußeren Umständen ab.