Eine Schwesterngeschichte

Christiane macht wohlverdient Etüden-Pause und ich erzähle Ihnen die Geschichte von Lea und ihrer Schwester Maura.

 

Ich glaube, der größte Schock meines Lebens ist der Kuss zwischen Sarah und meiner Schwester gewesen. Damals in Mauras altem Zimmer als die beiden die Möbel zusammenräumten. Bis dahin hatte ich Sarah für eine Dolmetscherin gehalten, jemanden, der einfach helfen wollte. Die Tür war beinahe zu, aber ich sah die beiden durch den Spalt in einer Ecke an der Wand stehen und meine Schwester hatte ihre Hand in Sarahs Nacken und die ihre Arme um Mauras Hüfte, ganz in der Ecke stand noch der Tisch auf dem die Bananenpflanze gestanden hatte. Die war schon in Mauras Auto.

Seitdem kann ich die beiden nicht mehr ansehen. Ich hatte eine kindische Wut, vielleicht auch da schon Neid und verstand das Gefühl selbst nicht. Es ist nicht dasselbe wie wenn ich die beiden heute zusammen sehe und zur gleichen Zeit ist es genau das, nur dass ich es heute benennen kann. Ich habe Angst, dass Sarah sie mir wegnimmt. Damals, als ich glaubte, Sarah sei eine Dolmetscherin war sie da, damit ich Maura haben konnte. Darauf hatte ich ohne es zu denken vertraut. Ich hatte die Sprache nicht gelernt und Maura war immer in Gehörloseninternaten gewesen und Sarah war die, die uns zueinander brachte. So hatte ich mir das vorgestellt, weil meine Mutter nur wenig gebärdete.

Heute weiß ich natürlich, dass Sarah mir meine Schwester längst weggenommen hat und ich weiß auch von Maura, dass sie mich nicht als ihre Schwester sieht, weil wir zu weit auseinander sind, ich könnte altersmäßig ihr Kind sein. Aber es tut trotzdem weh. Ich hätte gern eine Familie gehabt. Dass ich keine habe, habe ich früher natürlich nicht gedacht.

 

Das Wort für meinen Gebärdennamen ist Regen. Es ist das Wort, das ich in Mauras Sprache sage nachdem ich meinen Namen buchstabiert habe. Manche Gebärdennamen ändern sich irgendwann, meiner ist derselbe wie in der Kindheit. Maura sagt, weil ich als Kind die Geschichte vom Sterntaler mochte, sie das mit der von Frau Holle verwechselt hat und ich als Vierjährige Schnee und Regen nicht unterscheiden konnte. Ich kann mich tatsächlich erinnern, dass sie irgendwann während der Ferien zu Hause war und wir mein Märchenbuch durchsahen. Aber manchmal denke ich, dass ich Regen heiße, weil meine Mutter mir nie gesagt hat, dass sie durch meine Geburt vom Regen in die Traufe gekommen ist.

 

Sarah trocknet Wassergläser ab. Ich bin nicht gerne mit ihr alleine und schon gar nicht in Mauras Küche. Ich muss mir sagen, dass die Küche Maura und Sarah gehört, wahrscheinlich sogar nur Sarah, weil Maura nicht viel verdient. Und ich muss mir sagen, dass ich freiwillig hier bin. Ich komme immer hierher wenn ich es zu Hause nicht aushalte. Ich hätte damit rechnen müssen, dass nur Sarah zu Hause ist. Beim Putzen ist man gegen Abend weg.

Ich weiß noch nicht mal warum Sarah mir alleine so unheimlich ist. Sie ist nett, sie hat mir nie etwas getan und es war Sarah, die mir damals die Couch angeboten hat, wenn es gar nicht anders ginge und mir außerdem ihre Handynummer gegeben hat. „Manche Dinge muss man besprechen“, hatte sie gesagt und das Wort besprechen eigenartig betont. Mir fiel damals nicht auf, dass Maura nie „sprechen“ sagen würde. Meine Mutter sagt das Wort oft.

Vielleicht liegt es daran, dass ich weiß, dass Sarah selber ein Kind hat. Pauline kommt samstags alle zwei Wochen, sie wollte bei ihrem Vater bleiben und für den Vater und Sarah war das okay. Ich kann nur „der Vater“ denken, aber Sarah hat mir gesagt, dass er Dennis heißt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Mann ist. Wenn ich das tue muss ich immer an eine Szene mit Olaf denken. Ganz am Anfang hatte er einmal über Sarah gesagt „Die sieht aus wie John Deacon mit langen Haaren.“ Sarah hatte sich geschämt und Maura gefragt wer das sei und dann hatte unser Vater eine Schallplatte geholt und auf einen der Männer auf dem Cover gezeigt. Maura hatte gekichert und gesagt „Ja, stimmt“ und dann Sarah, das sei ihr nie aufgefallen, obwohl sie die Band möge. Dann hatten sie alle gelacht und ich die Situation nicht verstanden. So etwas passierte oft, sie redeten von Dingen für die ich zu jung war. Nicht noch zu jung, sondern zu jung weil sie vorbei waren. Olaf setzte Maura an dem Abend vor die Stereoanlage, gab ihr Kopfhörer und wollte wissen ob sie etwas wahrnehmen konnte, dann spielte Sarah das Lied auf seiner Gitarre und Maura saß mit dem Kinn auf ihrer Schulter halb neben ihr und fühlte die Vibrationen mit. Sie wollte wissen worum es in dem Lied ging und Sarah meinte ums Sterben. Olaf sagte, auf Deutsch würde man sagen „ins Gras beißen“, aber so etwas versteht Maura nicht. In dem Moment, in dem er das sagte hatte ich das Gefühl, die Sommersprossen auf meinem Arm hatten die Farbe von Sarahs Haaren.

 

Sarah wirft einen Zettel in den Müll, den Maura geschrieben hat. Ich weiß nicht wann oder über was und es ist ganz normales verdrecktes Altpapier, aber ich stelle mir vor, dass Sarah sich ohne es zu zeigen über die Rechtschreibfehler aufregt. Als Maura ein Kind war hat man an Gehörlosenschulen nicht vernünftig schreiben gelernt. Zu mir hatte meine Mutter gesagt, ich solle nach Gehör schreiben. Fragen beantwortete sie nicht. In gewisser Weise mache ich das heute noch. Ich schreibe nie „Qualifikation“, weil die Leute nur „Qualle“ sagen und im Englischunterricht schrieb ich früher „qualm“ statt „calm“. Als meine Mutter deshalb beim Elternsprechtag gefragt wurde sagte sie dem Lehrer nur, ich hätte halt eine gehörlose Schwester, die könne das auch nicht richtig. Mehr nicht. Ich schämte mich und wusste nicht warum für Maura. Es war immer Maura. Die Entschuldigung für alles um das sich meine Mutter nicht kümmern wollte. Als Kind habe ich das nicht verstanden, da war nur ein komisches Gefühl, wenn ich mich selber fragte Wieso Maura? Die ist doch gar nicht da.

 

Irgendetwas im Raum ist anders. Ich denke zuerst, es kommt vom Kühlschrank, denn der ist ziemlich laut, aber es ist der Ventilator. Der Kühlschrank surrt noch, aber die Lüftung ist weg. Sarah steht am Fenster und raucht.

Maura ist doch gar nicht da, hallt es in meinem Kopf. Machen ohne Maura eigentlich alle was sie wollen? „Deine Freundin hat Asthma“, sage ich.

Sarah zieht und bläst den Rauch aus. „Was meinst du warum ich am Fenster stehe?“

„Trotzdem.“ Meine Stimme klingt anders.

„Moment noch.“ Sie raucht zu Ende. Ich kann eine grade Reihe ausgedrückter Kippen auf der äußeren Fensterbank sehen. Wie Kreidestriche. Sie schließt das Fenster und stellt es kipp.

„Lea, was ist? Was war? Andrea ist unmöglich, aber dir kann keiner helfen, wenn du nichts sagst.“

„Es gibt hier kein Wir.“

„Maura und ich.“ Sie setzt sich. Mir fallen zum ersten Mal die Tabakkrümel auf dem Tisch auf.

Die Anspannung ist kaum ertragbar. Ich habe das Gefühl je mehr ich zu atmen versuche, je mehr schwillt alles in mir an. Das habe ich nur hier, nie irgendwo anders. Es gibt keine Worte.

„Lea, ich kenne das wenn man Eltern hat, die irgendwie nicht richtig sind.“

Im Kopf sehe ich die Schachtel im Badezimmer. Es müsste die Pille sein, aber es sind Antidepressiva. Ich hoffe, die gehören wenigstens ihr. Dann sehe ich den Umschlag, der im Flur gelegen hat. Abs. Pauline Waaßen, An Sarah Waaßen-Maler. Maura gebärdet den Nachnamen mit den Worten für Wasser und Maler. Wassermaler, wie diese bunten Seifenstifte für Kinder. Frau Wassermaler war mal Frau Maler und hat dann Herrn Waaßen geheiratet.

„Pauline, du nicht.“

Sarah sieht mich an. „Was meinst du?“

„Pauline kennt das, du nicht.“

„Meine Eltern waren auch nicht normal, du weißt das, Lea.“

„Bei dir ist keiner abgehauen.“

„Das bin ich auch nicht.“

„Und warum bist du dann geschieden?“

„Es ging nicht mehr anders, wir haben uns nur noch wehgetan.“

„Und wieso bist du danach zu einer Frau gegangen?“

„Ich weiß worauf du hinaus willst, Lea, du suchst eine Konstante.“

Ich verstehe nicht was sie mir sagen will und ich weiß nicht was ich sagen will, nur dass das Gespräch in eine völlig falsche Richtung geht.

Ich gehe an den Kühlschrank und nehme Zitronenlimonade. Das, was beim Eingießen daneben geht sieht aus wie ein einzelner Regentropfen. In dem Moment habe ich regelrechten Hass.

 

Ich bekam den Film nur beiläufig mit und ich wusste auch gar nicht warum ich ihn sehen wollte, nur dass ich nicht mit Maura und Sarah sitzen wollte. Einfach dasitzen, Kerzen und Kakao und da draußen der Regen. Ich war zu ungeduldig, so etwas ist für mich verschwendete Zeit. Also sah ich auf den Fernseher. Die beiden störten mich nicht. Der Vorteil an Mauras Sprache ist, dass sie keinen Ton hat. Aber irgendwann sah ich zur Seite, weil mein Trinkglas leer war. Meiner Schwester lag in Sarahs Arm, die Stirn in ihrer Halsbeuge und Sarah spielte mit ihren Haaren. Ich wusste damals nicht, dass es eine Szene wie der Kuss für mich war, auch wenn die Gefühle sich ähnelten. Wie ein Tritt in den Magen. Ich war älter jetzt, aber das konnte nicht sein.

 

Maura isst einen Apfel und lässt nur den Stiel über. Sie sieht müde aus und ist müde genug um den Phönix auf ihrem Arm nicht zu verdecken. Ein gehörloser Künstler hat ihn entworfen und ein schwerhöriger gestochen. Das war lange her, damals wohnte sie noch zeitweise bei uns obwohl sie erwachsen war. Meine Mutter regte sich auf, sie hätte das Geld doch besser in Hörgeräte investieren können, aber sie wolle ja nur nicht. Ich war noch in der Grundschule und hatte ungeplant früher aus. Ich weiß noch, dass ich in der Tür stand, meine Mutter von hinten sah und dachte Wenn hier einer nicht will, dann du! Hängst den ganzen Tag mit deinem Fettarsch im Liegestuhl auf dem Balkon und andere Mütter unternehmen bei Hitzefrei was mit ihren Kindern! Kim aus meiner Klasse hatte mich gefragt ob ich mit zum Schwimmen wollte, aber ich wusste, ich bräuchte zu Hause gar nicht erst fragen. Meiner Mutter würde irgendein Grund dagegen einfallen, entweder hatte sie die Schwimmsachen verlegt oder man dürfte neuerdings nur mit Badelatschen oder mit Seepferdchen in das Freibad. Deshalb dachte ich mir Gründe aus, weshalb ich nicht könnte und war innerlich wütend. Es war kurz nachdem ich keine Schwimmflügel mehr brauchte. Das war ein Grund zum Feiern, aber meine Mutter regte sich auf, dass meine Schwester nicht einsah für Hörgerate zu bezahlen, die ihr sowieso nichts nützen.

 

Maura steht so, dass der Phönix verdeckt ist. Ich achte nicht auf das was sie zu Sarah oder Sarah zu ihr sagt. Ich sehe nur die Wut in meinem Bauch. Die ist so rot-orange wie der Phönix.

Ich denke daran, dass ich als Kind immer geweint habe wenn zur Winterverabschiedung bei uns im Dorf der Papierschneemann ins Feuer geworfen wurde. Mir tat dieses Papierstück leid. Mauras Phönix erinnert mich an das Feuer.

Mir fällt auf, dass das ist weil Sarah gerade von einem Feuer redet. „…mitten im Sommer, Höhenfeuer nennen die das in der Schweiz. Ich habe das damals auf die Hormone geschoben, ich war schon schwanger, aber es machte mich traurig. Ich hatte das Gefühl, da oben, richtig hoch in den Bergen, brennt mein Leben. Dennis hat gesagt, da fängt etwas an, aber das konnte ich nicht annehmen.“

Ich weiß nicht, warum ich das alles verstehe, obwohl ich nicht gut gebärden kann. Vielleicht weil ich das Gefühl habe, sie spricht eigentlich von mir und dem Winterabschied. Mein Schneemann war Maura und ich wollte den Winter nicht verabschieden, weil es dann keinen Rückzugsgrund mehr geben konnte, keinen Grund für ein Zuhause, wenn alle anderen draußen waren. Maura hatte mir irgendwann erzählt, ihr hatte das Schneemann-Ritual Angst gemacht und sie konnte nicht verstehen warum die anderen Kinder sich dabei so freuten.

In dem Moment schlägt ein Hagelball gegen die Scheibe. Maura zuckt zusammen. Mir tut leid, dass sie das Trommeln des Regens nicht mitbekommt.

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9 Gedanken zu “Eine Schwesterngeschichte

    1. Oh ja, danke. Ich persönlich bin mit der Band nicht so vertraut, aber mein Vater war Fan und der Sohn einer Bekannten ist auch Fan. Durch den habe ein paar alte Plattencover gesehen und mit den langen Haaren als junger Mann gibt Herr Deacon wirklich eine schöne Frau. (Aber auch für einen Mann, so weit ich es beurteilen kann, hat er ein schönes Gesicht.) Und es passte hier natürlich erstens weil es was Generationenüergreifendes ist – nicht unmöglich dass der Vater und die Frau die gleiche Band mögen, bei etwas modernerem wäre das schon schwieriger -, dann weil er Bassmann ist (ist für Gehörlose gut fühlbares Instrument, das mit dem Kopfhörer und der Gitarre ist möglich) und dann natürlich erstens die Doppelbedeutung des Wortes „Queen“ im Englischen und natürlich genau gerade „Another One Bites The Dust“ im Kontext dieser Familenbeziehung.

      Der Witz an solchen Sachen ist: Ich denke mir das nicht aus, so was kommt einfach und ist dann drin und manchmal weiß ich im ersten Moment nicht wieso, bis ich beim Drüberlesen merke besser geht es gar nicht.

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        1. Ich arbeite grundsätzlich intuitiv, deshalb habe ich wahrscheinlich auch diese atmosphärische Schlagkraft wie man sie zum Teil auch in den Klein-Etüden sieht. Ich kann gar nicht plotten oder festlegen, ich will das und das machen oder dieses und jenes drin haben. Das kommt alles. Ist manchmal frustrierend weil es nicht schnell genug geht, aber es ist auch ein herrlich lebendiges Gefühl von Fluss.

          Ebenfalls liebe Grüße

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        1. Genau, die Atelier-Kind-Eltern kennen und lieben das Lied.

          Da gibt es auch diese schöne Basslinie in „Bist Du’s?“ von Ton Steine Scherben, wegen derer der Bruder vom Atelier-Kind fast Kai geheißen hätte. (Was die sonst von der Band kennen weiß ich nicht.)

          Nur als Live-Version mit schlechtem Ton gefunden:

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