Nicht gut Kekse essen

Manchmal, wenn ich darum gebeten werde, lese ich anderer Leute Texte gegen. Früher häufiger als heute, momentan allerdings schon. Die Person, für die ich gerade lese kann gut erzählen und macht durchaus ernst zu nehmende Texte, mitunter aber auch Fanfiction. Diese Sachen lese ich nicht, aber ich weiß, dass sie das tut, ich wüsste wo ich ihr Profil mit Links zu den Sachen finden kann und ich weiß wie lange und gerne diese studierte Mittdreißigerin das schon tut. Fanfiction ist kein Phänomen von Jugendlichen. Dieses mehrbändige und verfilmte Machwerk mit diesem unglaublich tollen, reichen Missbrauchsopfer, dem die ganze Welt gehört ist von einer erwachsenen Frau geschrieben worden. [Manchmal bin ich froh nicht mehr Bibliothekarin sein zu müssen.]

Es gibt natürlich auch in diesem Genre gute und schlechte Texte. Wie überall.

Weil die Person, für die ich gerade gegenlese nun mal neben dem, was ich zum Gegenlesen bekam auch Fanfiction schreibt, bin ich für die heutige fiktive Etüde einmal in das hinabgestiegen, was mir begegnete, als ich mich zum ersten Mal mit dem Komplex beschäftigen musste.

 

Ähm, sicher, der Name „Mondsichel“ passte zu all den anderen Nicks auf der Seite und ja, daran konnte man auch erkennen, dass nicht Lisa, 15 Jahre, sondern Lisa, 33 Jahre schrieb, jedenfalls mit etwas Erfahrung.

Verena hatte auch immer gewusst, dass Lisa einen Hang zu leichteren Geschichten und Schwärmereien hatte, aber, ähm, das war eine Zäsur.

Für Verena war es etwas völlig anderes wenn jemand Kitsch mochte oder selbst welchen schrieb, oder wenn es sein musste als erwachsener Mensch noch für irgendeinen Star schwärmte, als sich in einen Pool von scheinbar pubertierenden und ihre Hormone noch nicht kontrollieren könnenden Mädchen (die laut Profil oft schon über 18 waren und studierten) einzureihen, die nicht nur oft nicht schreiben konnten, sondern das machten.

Zwangsverschwulungen und Männer, die Kinder zur Welt brachten (das gibt die Biologie nicht her!) quer durch die Literatur (Goethe und Schiller!) und aus Jugendromanen, Film, Fernsehen und Musik auch gern unter Familienmitgliedern, was sich auch noch stolz ins Profil gekleistert wurde, weil es ja so süß war.

Ähm, ja.

Und mittendrin Lisa, die in echt nicht annähernd wirkte als könne sie ihren Verstand, ihr Kopfkino oder was immer nicht kontrollieren.

Verena saß vor dem Computer und wusste nicht ob sie weinen, die Hand vor den Kopf schlagen, den Kopf auf die Tischplatte hauen (das wäre so schön true) oder nur loslachen sollte.

Virtuelle Kekse, Kudos und liebe Reviews gäbe es für diese Verhalten nicht.

Ob Lisa so etwas für ihr Ego brauchte?!

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30 Gedanken zu “Nicht gut Kekse essen

  1. In einer einigermaßen geschlossenen Gruppe gibt es immer Gruppenverhalten und damit verbundene Auswüchse bis ins Groteske. Egal, wie rein, hehr und edel die Gruppenziele auch sind. Ist einfach so. Von daher wundern mich deine Etüde und deine Erfahrungen nicht, erschrecken täten sie mich vermutlich schon, würde ich das lesen.
    Ich habe auch mal Fanfiction (zu irgendeinem Vampirdingsda, glaube ich) korrigiert, die war gar nicht schlecht, und das Mädel war wirklich so alt, wie sie angab …
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Es gibt gute Stücke (wie überall) und es gibt auch passende Sachen, wenn sich zum Beispiel jemand zu irgendeiner TV-Serie eine neue Folge schreibt und sich an alles, was da vorkommt hält, aber es gibt eben auch sehr viel Mist und/oder „seltsame Fantasien“ (z.B. dieses ganze Slash-Fiction-Zeug).

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  2. Interessant und zugegeben, ich musste jetzt doch auch ein wenig nachschauen. Wie breit gefächert die Texte dann doch entstehen, da bin ich jetzt ganz angetan. Ich danke fürs Verwenden und wünsche noch einen schönen Sonntag (mit nicht soviel FF)… 🙂

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    1. Ich danke. Wie gesagt, die Dame macht auch FF, ich bekomme zum Glück das ernsthafte, selbst ausgeheckte Prosaische zum Gegenlesen. Für das Lektorat der FF würde ich mich schon mangels Sachkenntnis des Fandoms bei der Dame nicht eignen.

      Möglicherweise, das ist bei mir oft so, kommt irgendwann die Woche über eine erneute Verwendung der Wörter.

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        1. Nicht entmutigen lassen: Als ich dran war (noch zu Zeiten des Erfinders) kam mein eigener Beitrag auch nicht gleich zu Anfang. Man darf nicht sich selbst einnehmen mit „Ich bin Wortspender, ich muss liefern“ und das hatte ich damals (glaube ich) gemacht. Ich habe dann vier oder fünf Stücke gesammelt, die ich alle nicht so toll fand, und kollektiv rausgegeben.

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            1. Gleichfalls. (Übrigens gab es auch Wortspendende, die selber schreiben, aber gar nichts selbst in der Woche ihrer Worte oder generell zu den Etüden beigetragen haben, wenn ich mich recht erinnere. Also nur kein Stress.)

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  3. Das erinnert mich daran, dass damals, als Barack Obama frisch gewählt war, es sogar Obama-Fanfiction gab, oft auch mit erotischem Inhalt. Wie hieß noch mal sein Finanzminister, die beiden mussten für einige Storys herhalten.
    Bin gerade am Überlegen, ob ich mal nach „Trump Fanfiction“ googeln sollte …

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      1. Oh, es ist faszinierend, es gibt Trump-Putin-Fanfictions, in einer davon ist Putin Trumps Master… In einer anderen Geschichte scheint auch Adolf Hitler vorzukommen. In einer weiteren Perle wird darauf hingewiesen, dass Putin gay ist und Donald bi. Ich lese da mal rein, die Story heißt nämlich WORLD LEADERS, das interessiert mich aus rein beruflichen Gründen… Merkel und May sind auch dabei.

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              1. Eine meiner Macken ist ja leider oft, dass, wenn ich irgendwas anfange zu lesen oder zu gucken, wissen möchte, wie es weitergeht, selbst wenn es schlecht geschrieben bzw. ein schlechter Film oder eine Serie ist… Deswegen schalte ich den Fernseher oft gar nicht erst an bzw. nur ganz gezielt. Und deswegen bin ich meistens auch sehr zurückhaltend, was das Anklicken irgendwelcher Online-Storys ist, denn das kann mich ansonsten sehr viel Zeit kosten…

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                1. Dafür bin ich wirklich dankbar. Wobei es in meinem Job einige Sachen gibt, die ich sofort gegen das Lesen von Trumputin-Fanfiction eintauschen würde. 🙂 Allerdings sind das wirklich nicht viele Sachen.

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          1. Rezensionen kann ich nicht, evtl. könnte ich einen Leseeindruck schreiben… Es waren nur 2 kleine Kapitel, das ginge vielleicht noch so gerade eben. 🙂 Vorausgesetzt, ich finde das Machwerk wieder.

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            1. OMG, OMG! Es gibt eine Fanfiction, die die Liebe zwischen Trump und Shrek beinhaltet. Das wird ja immer schlimmer. Hilfe.
              Die andere Story hab ich wiedergefunden, gleich mal in den Ordner für Blogstoff schieben.

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  4. Ich denke, wir haben alle so unsere Realitätsfluchtbereiche. Das Schreibern von fan-fiction ist zumindest etwas Aktives. Mich irritiert mehr der Kitsch im Stil von „mein Sommer in Mallorca“ oder „Liebe siegt“ . Aber es ist ja niemand gezwungen sich privat mit Dingen zu befassen, die ihr/ihm schwer gegen den Strich gehen.

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    1. Der Kitsch an sich ist auch schon irritierend, klar, aber den kann man leichter vermeiden als manches sehr Irritierende bei Fanfiction (Sexszenen und Co.) Ich möchte generell als Beispiel nicht wissen, wie zum Beispiel Dave Gahan sich privat vergnüngt und ich möchte ganz bestimmt nicht durch eine Suchanfrage, die nur aus dem Namen besteht, weil ich zum Beispiel einen Text oder ein Video suche, irgendwo landen, wo er in einer Fanfiction plötzlich schwul sein soll und sich durch die Band f… Als Beispiel.

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