Bedeutsame Kleinigkeiten

(Das wird jetzt hier nicht zur Regel.)

 

Ich denke viel über die Sache mit dem Lösefafentniph nach und immer wieder mal an Vanessa. Vanessa ist ein Charakter aus meinem abgelegten Romanprojekt von 2004/05 und war eine Trebegängerin – das ist jemand, der aus einem Heim ausreißt -, die schlecht bis gar nicht lesen und schreiben konnte. Aber nicht weil sie es tatsächlich kognitiv nicht können könnte, sondern weil sie es nicht gelernt hat. So etwas lernt man nicht autodidaktisch. Man kann Grundkenntnisse weiterentwickeln, aber man muss einen Grundstock beigebracht bekommen. Heimkinder sind oft so egal wie Sonderschüler, Dreck, der ohnehin in der Gosse landet und um den sich niemand kümmern braucht.

Vanessa konnte ich immer gut leiden. Sie war mein Lieblingscharakter, auch wenn sie in dem Fragment gebliebenen Stück bis zum Abbruch nur zweimal auftauchte. Sie war ungewollt auch so was wie ein Gegenpol zum bewusst künstlich sprechenden Protagonisten. Er sprach bewusst in seltsamen Satzbau um sich von seiner Familie abzugrenzen. Und da kommt diese junge Frau in Arbeitsklamotten, Vanessa macht zum Teil leichte Hausmeistertätigkeiten, die für Frauen aber oft als zu schwer oder unpassend angesehen werden, sie bessert zum Beispiel Steine in einem Hof aus, spricht ziemlich normal und stellt blöde Fragen wie wie man das Wort Fuchs schreibt und wo man Füchse kaufen kann, weil sie nicht gelernt hat was genau ein Fuchs für ein Tier ist. Dafür kann sie nichts. Das lernt man einfach nicht.

Ich glaube immer noch, dass Vanessa einer der besten Charaktere war, die mir je untergekommen sind. Sie war wie sie war, ich habe sie nicht gezeichnet. Und für den Protagonisten, einen ziemlichen Perfektionisten, war sie eine Offenbarung, weil sie Freiheit bedeutete, denn sie konnte sich ja gar nicht an projizierte oder tatsächliche Regeln halten, weil sie sie nicht kannte und wenn sie sie gekannt hätte, hätte niemand von ihr erwartet, dass sie sich daran hält, denn mit einem Heimkind verbindet man etwas bestimmtes… Selbsterfüllende Prophezeiung. Vanessa war verglichen mit ihm echt. Und das war etwas nach dem sich der Protagonist gesehnt hat.

***

Es gibt Dinge zu denen ich mich nicht – nirgendwo! – äußern möchte, aber Mikesch teilt mir mit, dass ich ja nun heiraten könne, das sei im Fernsehen gewesen, also muss es in die offizielle Dokumentation für das Amt. [Dass Mikesch mir das mitteilte.] Im Gegensatz zu hier war das da nie Thema und ist auch völlig egal.

Außerdem kann ich nicht heiraten. Nicht nur mangels Kandidatin oder weil ich Ehe generell, egal wer mit wem, nichts abgewinnen kann, sondern auch deshalb, weil diese „Ehe für alle“ nichtbehinderte Schwule, Lesben und Bisexuelle meint, behinderte Schwule, Lesben und Bisexuelle sind nichtbehinderten immer noch nicht gleichgestellt. Behinderte kommen wie so oft – das erste Gespräch Merkel/Trump etc. – in Deutschland nicht vor, jedenfalls nicht als Teil von allen.

Heißt (in meinem Fall) zum Beispiel: Gäbe es eine entsprechende Kandidatin und könnte ich Ehe etwas abgewinnen und wir beide wollten heiraten, dann würde ich diese Frau, gegeben sie hätte zu dem Zeitpunkt keine Behinderung oder „nur“ eine, die sie nicht auf Assistenz angewiesen macht, durch die Ehe in meinen Status mit reinziehen. Sie dürfte genau wie die heterosexuellen Ehepartner behinderter Menschen nicht sparen, sondern nur einen Freibetrag auf dem Konto haben weil ihr Vermögen (wie meins) für behinderungsbedingte Ausgaben hinhalten müsste. Wir könnten nicht adoptieren (obwohl vielleicht in irgendeinem Heim ein Kind sitzt, das sich so riesig über ein Rollenmodell mit der selben Behinderung freuen würde, dass es ihm völlig egal wäre ob es zu zwei Frauen, zwei Männern, einer Frau und einem Mann oder sonstwie definierten Menschen käme, einfach weil es sich freut, dass es von jemandem gewollt und liebgehabt wird) und so weiter.

Deshalb verstehe ich auch den Pseudojubel einiger Behindertenrechtsaktivisten nicht. Es ist kein Fortschritt für uns, es wird uns nicht mitziehen und ich bezweifele, dass die Euphorie nicht bald verfliegt. Ehen zwischen Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und Menschen mit ausländischer sind schon lange möglich, das bedeutet aber nicht, dass jemand, der (fiktiv) Andrea oder Thomas Nguyen oder Lena oder Lukas Al-Yussuf heißt automatisch akzeptiert wird und sich beispielsweise keine diskriminierenden Sprüche mehr antun muss. Das zu glauben ist für mich genau so aus dem Elfenbeinturm heraus wie diejenigen, die das Spar…äh…Teilhabegesetz erst als einen Schlag in die Fresse sehen wollten als es verabschiedet wurde, weil sie bis zuletzt glaubten, die Politik ließe sich irgendwie doch noch von unseren Argumenten überzeugen. Wird hierbei nicht viel anders sein.

Übrigens: Wenn das Atelier-Kind mir vermutlich in drei bis vier Jahren Fragen zu meiner Sexualität stellt, dann wird er nicht wissen wollen wie das zwischen Frauen ist, das lernt er in der Schule, sondern wie das als körperlich behinderter Mensch ist, das lernt er da nicht.

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Ich wäre Donnerstag gern noch ins Synagogenmuseum – steht in Essen mitten in der Stadt rum – gegangen, habe das aber körperlich nicht mehr geschafft. Das war schade, denn ich habe das Gefühl, ich hätte etwas für mich mitnehmen können. Steht auf meiner To-Do-Liste für das nächste Mal irgendwas in dieser Stadt erledigen müssen. Die Stunde nehme ich mir dann.

War da mal irgendjemand drin? Ich habe mindestens eine Leserin aus Essen. Um die Jahrtausendwende als ich da war gab es noch die alten Ausstellungen.

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Mikesch ist unglücklich, dass ich sie nicht mitgenommen habe.

„Ich möchte auch ins Museum.“

„Dann geh doch, du fährst doch öfter mal nach Essen. Wenn du nächstes Mal fährst, kannst du ins Museum gehen. Die Dauerausstellung kostet nichts. Die anderen Ausstellungen kannst du anschauen wenn du ein 10€-Ticket kaufst. Da sind alle Ausstellungen dabei. Du bekommst ein blaues Band um das Handgelenk, dann kannst du in dem Gebäude frei umher gehen.“ [Noch einfacher kann ich das nicht erklären.]

„Aber ich weiß nicht wie ich dahin fahren muss.“

„Das kannst du am Hauptbahnhof fragen, die erklären dir das.“

[Welche U-Bahn sie nehmen müsste kann ich ihr noch erklären, aber ich weiß nicht wie sie dann laufen müsste, da ich selber vom Hauptbahnhof gelaufen bin.]

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Ich vermute, ich könnte Die Herkömmlichen fertig haben. Zumindest diesen Themenkomplex. Vielleicht mache ich sie weiter und sortiere dann nach Themenkreisen. Mir ist übrigens erst relativ spät aufgefallen, dass man das in Richtung expressives Schreiben deuten könnte. Mich fasziniert eher wie sich etwas, das auf etwa zehn Leinwände und einen bestimmten Kern fokussiert sein sollte so ausgedehnt hat, dass es nun einen kompletten Komplex umschließt.

***

In der S-Bahn ein Abschlussklassengespräch mitbekommen: Zwei Jungen sagen einer Lehrerin, dass der Ort der Feier verlegt wurde und dass das ziemlich schlecht ist:

„Die haben überhaupt nicht an XY gedacht. Die hat auch bezahlt, aber da sind Treppen.“

Der Handschuhschenker und ich haben XY nicht gesehen, aber es handelt sich mutmaßlich um eine Mitschülerin mit Gehbehinderung.

Inklusive Beschulung, aber Exklusion von der Abschlussfeier?!

 

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