Ein Urlaubstag

Ich war Richter schauen. Alleine. In Ruhe. Nicht obwohl, sondern weil es mir körperlich nicht gut geht.

Ich hatte eine dunkle Erinnerung, dass sich vom Essener Hauptbahnhof auch zum Museum laufen lässt. Längere Zeit gerade aus und dann eine Seitenstraße und ich dachte mir, ich versuche es. Bisschen Luft und so.

Meine Erinnerung stimmt. Interessant was von dem, was ich als auf dem Weg liegend erinnere noch beziehungsweise nicht mehr da ist. Die Schwulenkneipe „Im Büro“ oder „Das Büro“ auf der einen Straße ist weg und auf Höhe Saalbau (das hieß früher nicht explizit Philharmonie) habe ich ein paar Kanülen und Co. vermisst. Da war soweit ich weiß keine Szene, die konzentrierte sich bis zur Vertreibung noch an der Freiheit, aber ich erinnere mich, dass man auch am Stadtgarten das ein oder andere benutzte Besteck sehen konnte. Immerhin gab es heute ein paar Bierpullen, die garantiert nicht aus dem Sheraton stammen.

Ich erinnere mich an das Museum nur vor dem Umbau, aber es ist schön wie es jetzt ist. Buchhandlung drin leider nur sehr teure Kinderbücher, ich hätte dem Atelier-Kind als Trostpflaster gern irgendwas Kleines mitgebracht. Es war nämlich traurig, dass es nicht mitdurfte. Ich hätte doch bis zu den Ferien warten können, dann hätten wir alle zusammen gehen können.

[Es hat tatsächlich die ganze Zeit ein kleines Kind rumgeschrien, das heißt, wir hätten uns keine Gedanken um den Atelier-Kind-Bruder machen müssen.]

Ausstellung gut. Die „Tante“ fehlt, aber Ema (Akt auf einer Treppe) und Herr Heyde sind dabei und beide Bilder haben einen thematischen Zusammenhang zu Tante Marianne, die im frühen Atlas noch unter Mutter und Kind firmiert.

Es war sehr voll und es wurden Schulklassen geführt, ich habe mich also sehr konzentrieren müssen.

Gerade weil Klassen geführt werden hoffe ich, dass die „Tante“ und auch der RAF-Zyklus (im MoMA) wenigstens angesprochen werden.

Letzterer weil es ein Bild von Ulrike Meinhof als sie jung war in der Richter-Ausstellung gibt und weil parallel eine Ausstellung mit Fokus auf den Deutschen Herbst läuft.

Diese Ausstellung ist von Arwed Messmer, heißt „RAF No Evidence/Kein Beweis“ und fokussiert sich auf Polizeifotos. Wenn Sie der Themenkomplex interessiert und Sie in der Nähe sind, läuft noch bis 03. September. Da drin dürfen Sie nicht fotografieren. Ich hätte eh keine Kamera gehabt, wenn Sie eine haben müssen Sie die beim Personal abgeben, so lange Sie in den Räumen sind. Das hat, wenn ich es korrekt verstanden habe, damit zu tun, dass Leihgaben aus dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg zu sehen sind. Als Asservate Polaroid-Fotos von Hanns Martin Schleyer als Geisel. Ich war 1977 noch nicht geboren und wenn ich Bilder von seiner Haft als Kind in den Nachrichten oder so sah, dann war das etwas, das ich gar nicht begreifen konnte. Später habe ich mich mit der Materie beschäftigt – schon allein weil Sie, wenn Sie sich mit Bernward Vesper beschäftigen und der war in meiner Bibliothekarinnenausbildung noch Pflicht, nicht an der Mutter seines Sohnes vorbeikommen -, aber diese Originalbilder sind doch noch mal etwas ganz anderes.

Dann wollte ich zu den Toiletten und stehe plötzlich vor einer Installation aus der ständigen Ausstellung, einem Stück von Nam June Paik (Objektname konnte ich wegen der anderen Betrachter nicht sehen) und meine Sache mit Herrn Paik kennen Sie, wenn Sie hier schon lange lesen. Wenn nicht – bitteschön (klick).

Das ist seltsam: An einem Tag, an dem ich ausschließlich gehe um Richter zu schauen – ich hatte das Kombiticket, aber ich ging primär wegen Richter -, und ich wäre allein wegen der historischen Dimension gegangen, auch dann, wenn er mich nicht interessieren würde werde ich plötzlich, einfach weil ich in die falsche Richtung eines Flures gehe, an meine installationstechnischen Wurzeln erinnert.

Das will mir etwas sagen. Ich weiß nur noch nicht was.

Noch etwas, das mir etwas sagen will: Ich hatte mich um etwa sechs Euro in meinen Medikamentenausgaben verkalkuliert. Ich wusste nicht, dass es da in der Stadt eine Apotheke gibt bei Vieles viel billiger ist. Ich wollte es nur kaufen, weil ich eh schon unterwegs war und so wie ich den Chirurg kenne wird der mir auf jeden Fall sagen, ich soll mich bevorraten. Weil ich ohnehin Zeit nach hinten offen hatte bin ich dort, nur um zu schauen was deren Sortiment ausmacht, in einen Laden mit Vinyl gegangen – und fündig geworden.

(Camouflage Methods Of Silence, sogar noch mit Tourdatenbeiblatt, am 01.11.1989 haben sie in Hamburg in der Großen Freiheit gespielt und am 05.11.1989 in Berlin im Metropol, das sind die einzigen beiden „Locations“ bei denen mir der Name etwas sagt, zu meiner Schande weiß ich weder was die Theaterfabrik in München war oder ist noch kenne ich den/die Disco Circus in Mannheim.)

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9 Gedanken zu “Ein Urlaubstag

  1. Wegen Richter wäre ich gerne mitgekommen, er ist genial. Wenn seine Bilder nicht so irrsinnig teuer wären, dann würde ich sparen. So kann ich sparen, bis ich schwarz werde und könnte mir nicht einmal den Rahmen eines Bildes leisten.

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  2. Danke für die Hineise auf Ema, Heyde, die Tante Marianne, ich hatte das ganz vergessen. Wie Richter selbst ja wohl auch. Heyde-Sawade war für mich als Jugendliche Synonym für das, was ich hasste: die Verdrängung, die Durchstecherei der Regierenden, die Fortsetzung des Verbrechens im selbem Geist in anderer Gestalt. Über diesen Strang (Hass) lief auch meine Sympathie für Ulrike M. Aber ich konnte mich langsam von dem Gift befreien.

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    1. Kennst du das Buch von Jürgen Schreiber „Ein Maler aus Deutschland“? Da sind diese Verstrickungen Tante Marianne, Ema, Sawade recherchiert. Gibt es mittlerweile auch schon günstig gebraucht. Vielleicht hast du jemanden in Deutschland, der es dir irgendwo besorgen und schicken kann.

      Ich finde das Thema Meinhof schwierig. Das, was sie ab 1970 gemacht hat war eindeutig schlecht, schlimm und scheußlich. Davor die Hörspiele etc. zu dem Thema Heimerziehung sind aber Sachen, die vielleicht nicht total verurteilt werden sollten, weil ihre Urheberin danach Sachen gemacht hat, die total verurteilenswert sind, sondern Sachen die wahrlich vorhandene schlimme Missstände aufgezeigt haben. Der Film, der dann ja wegen der Fahndung nach der Baader-Befreiung nicht gezeigt wurde, hätte vielleicht einigen Menschen ähnliche Reaktionen entlockt wie dieses Jahr Team Walraff in den Behinderteneinrichtungen. Es konnten die Heimkinder ja nichts dafür, was Meinhof gemacht hat.

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    1. Das zvab(.com) hat zum Beispiel mehrere Angebote für 5-8€. Es ist auch ein Kapitel über die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler drin, auch ein Euthanasie-Opfer. Sie wurde vergast. Interessant, aber hart zu lesen.

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        1. Vielleicht wäre noch eine Möglichkeit – ich mache jetzt keine Werbung, ich sage nur, dass meine Erfahrungen mit denen gut sind, die gegen 3€ Versandkosten innerhalb Europas liefern und ein Exemplar unter 10€ vorrätig haben -, medimops(.de). Wenn gar nichts anderes geht und du das Buch wirklich möchtest. Ich weiß nicht wie du zu Amazon stehst, dort haben die auch einen Händlershop, falls du nicht extra ein weiteres Kundenkonto bei einem dir fremden Händler anlegen wollen würdest. Wenn ich es korrekt verstehe, da inklusive Versand nach Griechenland etwa 8€.

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