Auszug

Nadja versucht Sätze zu finden, aber das geht nicht, denn in ihrem Kopf sieht sie etwas ganz anderes. Es ist eine jener Begebenheiten, in denen sie sich als Kind für ihre Mutter geschämt hat (das Wort Fremdschämen kannte sie noch nicht).

In einem Großstadt-Kaufhaus Anfang der neunziger Jahre, Nadja war wahrscheinlich elf oder zwölf, allerhöchstens dreizehn, kaufte eine kleine Familie ein. Eine von vielen, wie alle anderen. Außer dass in dieser Familie alle im Rollstuhl saßen: Vater, Mutter, Kind. Die Eltern fuhren etwa nebeneinander und hinter ihnen selbstständig und zielstrebig das kleine Kind, ein Mädchen, Melinda.

Alle ließen diese Leute in Ruhe und auch Nadja wäre gerne einfach weiter gegangen und hätte innerlich eine Verbindung gespürt und sich gefreut.

Nadjas Mutter blieb stehen und zeigte mit dem Finger auf die Kleine. „Nadja, Nadja, guck mal!“

„Na und?“

„Wie fix! Was die kann!“

Nadja hatte gespürt, dass die Leute und sie dieselbe Art von Scham fühlten. Nicht für sich oder dafür, dass sie eine Familie waren, sondern für Nadjas Mutter. Sie wusste auch, dass die wussten, dass sie – Nadja – so etwas doch kannte.

Das war die Zeit, in der Gudula die Mutter von Adelheid manchmal anrief und sagte, dass Adelheid ja nie gesunde Kinder bekommen könnte.

Etwas später begann die, seit der Gudula Nadja verrückt nennt, weil sie sagt, dass für sie selbst als von Geburt an Behinderte ein Kind mit Behinderung normal wäre.

ein Auszug aus meinem Projekt Die Herkömmlichen

Das ist eine wirklich passierte Sache und während ich nicht mehr weiß wann das genau war erinnere ich mich eindeutig an den Namen des Mädchens. Später hatte ich auch mit ihr zu tun. Es hat seinen Grund warum es Einzug in das Projekt gehalten hat, diese Erinnerung passt in den Kontext. Hier passt sie aber auch hin, weil sie zeigt, dass jemand bestimmtes bestimmte Eigenschaften, Ansichten und Einstellungen schon vor ihrer aktiven Sucht hatte. Außerdem müssen wir Betroffenen lernen zu sagen, dass und wenn wir uns für das Verhalten von nicht betroffenen Familienmitgliedern schämen. Ich kann nicht dem Atelier-Kind beibringen, er muss das Gefühl, dass einer seiner Onkel „gemein“ zu „Behinderten“ [die Gehörlosen sehen sich nicht als behindert, sondern als ethnische und sprachliche Minderheit] ist kommunizieren und selber über ganz ähnliche Erfahrungen schweigen.

 

Weil es da Konfusionen gab: Das sind auf die Figuren angepasste Namen, die nichts mit den Realnamen zu tun haben. Selbst das kleine Mädchen hieß anders.

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