Ein Buch für M.

Jemand bittet mich ein Notizbuch vollzuschreiben. Aber nicht irgendeines und mit irgendwas wie ich es ohnehin die ganze Zeit tue, nein, ich möge doch ein besonderes Buch für einen kleinen Menschen füllen. Ich soll erzählen wie das damals war in den 80er Jahren als Kind mit Behinderung oder besser gesagt als Behinderung mit einem Menschen dran, damit der kleine Mensch einmal außerhalb von Archiven die Chance hat Zeitzeugenberichte zu lesen wenn er alt genug dafür ist und vergleichen kann ob dieses Land und seine Gesellschaft sich nach vorne oder nach hinten entwickelt hat.

Mich reizt das ja. Ich habe einen Sachtext als Auftragsarbeit zu einem Aspekt davon beendet und Die Herkömmlichen, wer da liest weiß, dass das wahr ist, sind gerade an dem Punkt, an dem sich zweierlei Stränge in gewisser Weise kreuzen. Das merkt man als Kind natürlich nicht. Ich musste in mein jetziges Alter kommen um das so darstellen zu können.

Wenn das Atelier-Kind mich fragt, bekommt es ehrliche Antworten. („Ich durfte auch nicht mitspielen, bei mir hieß es immer, ich sei ansteckend und die Kinder haben gedacht ‚Dann kriege ich das ja auch‘.“ Insbesondere Mädchen.)

Als Sebastian mich gefragt hat, bekam er ehrliche Antwort. („Zu mir haben sie auch Missgeburt und Spasti gesagt, ich habe gar keine Spastik.“ Haben meine Eltern allerdings immer behauptet, weshalb das zum Teil auch nach deren Angaben in offiziellen oder medizinischen Unterlagen auftaucht(e). Das war leichter und gab mehr Mitleid – beziehungsweise Bewundering Und macht trotzdem Abitur!… – als zu erklären, dass ICP ein Syndrom ist, das mit Spastiken einhergehen kann. Das können andere Abweichungen im Zentralen Nervensystem, zum Beispiel Multiple Sklerose, auch. Kein MS-Betroffener ist deshalb sofort und grundsätzlich für alle Leute Spastiker, sondern hat erstmal MS.)

Und das wiederum heißt, die Entscheidung ist eigentlich schon getroffen. Ich habe nur noch minimale Barrieren, die ich innerlich aus dem Weg räumen muss. Außerdem finde ich die Idee mit der Handschrift schön. Wer weiß ob das noch gängig ist wenn ein heute Zweijähriger 14/15/16 ist, vielleicht nehme ich sogar eins meiner hübschen Paperblanks dafür. Vielleicht das mit Gregor Samsa, der hat ja auch in seiner anderen Körperform nur noch gestört, das hätte so eine schöne Mehrdeutigkeit.

Advertisements

6 Gedanken zu “Ein Buch für M.

    1. Ich find’s auch toll. Sie hat mehrere mit ganz verschiedenen Sozialisationen gefragt, da hat das Kind hinter mal eine große Breite an Erfahrungen, die ihm vielleicht helfen. Wenn sich viele bereit erklären sollten.

      Gefällt 1 Person

    1. Klingt nach einer guten Bilanz (zu diesem Zeitpunkt bist du wahrscheinlich auch schon weiter). So ein Paperblanks hat etwa 140 und ich eine relativ große Schrift auf liniert, das ist machbar. Ich habe ja auch keinen Zeitrahmen als solches.

      Gefällt 1 Person

    1. Ja, und genau deshalb soll ich (andere sind auch gefragt worden) es ja machen. Rollenmodelle und so was. Und wir wissen im Jahr der Zwangseinweisungen und dem Rückbau der Schulinklusion (zumindest in meinem Bundesland, wo auch das Kind lebt) nicht was in zehn bis fünfzehn Jahren ist, ob wir dann nicht nur noch versteckt in irgendwelchen Kellern hocken können etc. Wir haben da so eine Partei im Landtag, die…. (zum Glück sind die nicht sehr stark vertreten, aber FDP und CDU biedern sich da im Laufe der Legislaturperiode sicher an…)

      Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.