Auf dem Flur

Auf dem Flur der Arbeitsagentur, Mikesch soll ihr Gespräch mal schön alleine machen und außerdem kann mir keiner wegen ihrem Benehmen da drin, wenn ich nicht mal im Raum bin – angeblich hätte ich sie „angeschissen“ und die können sie zehnmal anschreiben auf so Jobs bewirbt sie sich in ihrem Alter nicht mehr und schon gar nicht für das Geld, das werden die schon sehen, warum kriegen die Hartzer alles und sie nichts und von so einem wie „dem da“, noch nicht mal dreißig lässt sie sich überhaupt nichts sagen, soll erstmal zusehen, dass er ein Kind in die Welt setzt… – treffe ich zufällig S., die ich flüchtig kenne.

S. ist gerichtlich eingesetzte ehrenamtliche Betreuerin für einige Bewohner einer sogenannten „Behindertenwohngruppe“ und gerät immer wieder mit dem Personal dort aneinander, weil sie die Gängelung nicht richtig findet. Außerdem will sie von ihren „Leuten“ nicht als Mündel gesprochen haben, das sind alles Leute über fünfzig, die sicher durch die Institutionalisierung etwas „dümmer“ gemacht wurden als sie eigentlich sind. Die Frau, die auch S. heißt zum Beispiel kann sich zwar ihr eigenes Alter nicht merken weiß aber genau wer Donald Trump ist, wo der sich gerne auslässt und dass das oft nicht sehr intelligent oder höflich ist und kann begründen warum sie selber das nicht in Ordnung findet. Würde man jemandem, der nicht weiß wie alt sie ist nicht unbedingt zutrauen.

Diese S. darf sich ihr Fernsehprogramm nicht selber aussuchen, bekommt gesagt wann sie ins Bett zu gehen hat und hat eine katastrophale Zahnhygiene. Nicht etwa weil sie das so wollte, sondern weil keiner mit ihr Zahnputzen einübt oder ihr das Material dazu gibt. Wer keine Zahnbürste hat, keine bekommt und im ganzen Haus keine Zahnpasta findet, kann nicht so unbedingt etwas für Mundgeruch und Zahnzustand, wenn man darauf angewiesen ist, dass einem die Dinge gegeben werden, weil man nichts selber kaufen darf.

Wir sprechen davon und auch davon, dass das Ehrenamt gerade wieder so hochgelobt wird, gesetzliche Betreuer meist Ehrenamtler sind und das groß als sich um den betreuten Menschen kümmern annonciert wird, wenn man sich aber kümmern will, zum Beispiel Zahnputzzeug mitbringen, kriegt man Steine in den Weg gelegt.

Ist bei uns ja auch mitunter nicht anders.

S. dachte aber schon. Weil mir keiner reinpfuscht.

Stimmt nicht. Mein „Glück“ ist, dass den Herren alles scheißegal ist. Mitunter ist das auch mein Pech, mehr noch das von Mikesch, weil der Stiefvater als ihr Ehemann die letzte Verfügungsgewalt hat und wenn der schludert geht erst mal gar nichts.

Tür zum Zimmer geht auf.

Berater kommt raus.

Sieht aus als könne er mein Sohn sein. Aber das rechtfertigt Mikeschs Verhalten nicht.

„Sagen Sie mal, ist die immer so?“

„Das ist die Krankheit.“ Ich kann nichts anderes sagen. Der Satz sichert mich ab.

„Dann kann man die eigentlich gar nicht auf andere Menschen loslassen…“

Steht nicht viel anders in diversen Papieren.

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