Kohlenpott-Etüde

Als der Trash-Store noch am City Center war hatte es eine Reihe solcher Läden in der Stadt gegeben, überhaupt begegnete man auf der Straße noch der ein oder anderen Schwarzkutte, die dieses Prädikat verdiente.

Damals hatte Carina im Schaufenster des Ladens auf der Schützenbahn, unter Leuchten Kaiser, der mit der erdbeerroten Fassade, mal ein Schild gesehen, dass von dann bis dann wegen dem WGT geschlossen sein würde. Carina war nie mit nach Leipzig gefahren, aber es hieß, damals gab es da noch echte Typen und wenig Schaulaufen von Karnevalsjecken, die die Endprodukte ihrer Frühlingsgefühle vorführen und sich böse vorkommen wollten, weil sie an einem Leichenschmaus teilgenommen hatten.

Carina wusste, dass sie eigentlich ein Hypokrit war, denn sie hatte sich irgendwann der Kleiderordnung ihres Berufes unterworfen, aber sie fragte sich was daraus geworden war. Aus ihrer Lebenseinstellung und ihr selbst, nicht nur der Subkultur, der sie sich einmal zugehörig gefühlt hatte.

Damals als der Trash-Store noch am City Center war und sie ihre ersten Stahlkappen Docs dort gekauft hatte. Bevor der Laden gebrannt hatte. Sie hatte wie so viele andere Kondolenzen auf die Platten vor dem, was einmal die Fenster gewesen waren geschrieben.

Das war lange her.

Carina so wie sie damals war auch.

Stimmte es eigentlich, dass die Leute heute wie Teletubbies aussahen oder im Duschvorhangkleid zum Tanzen gingen?!

Zufällig stammen die Worte von der dieswöchigen Spenderin aus dem Ruhrgebiet und das hier ist eine Ruhrgebiets-Etüde. Die Orte gab es wirklich. Ich bin nicht Carina, aber ich habe mir ihre Gedanken gemacht und als ich Ende der 90er/Anfang der Nullerjahre einen Sommer lang im Ruhrgebiet war habe ich mir tatsächlich ein paar schwarze Stahlkappen Docs im Trash-Store in Essen gekauft. Damals befand er sich neben dem Gewerkschaftshaus in der Straße, die wenn man von der Schützenbahn kommt rechts direkt vor der Haltestelle Porscheplatz (heißt heute anders) abgeht und auf ein Stück der Viehofer Straße führt. Der Brand muss Anfang der Nullerjahre stattgefunden haben. Ich erfuhr davon von Freunden, die sich auf den Platten verewigt hatten und mir (damals noch Analog-)Fotos schickten. Die Etüden-Bezeichnung spielt auch auf die verkohlte Fassade an. Auch andere wichtige Stätten der Subkultur im Ruhrgebiet gibt es nicht mehr, damals war dort eine Art Schmelztiegel.

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7 Gedanken zu “Kohlenpott-Etüde

    1. Das kam eigentlich automatisch bei deinen Worten. Ich wusste, dass ich wegen dem Leichenschmaus etwas mit den Schwarzkutten machen wollte, weil es passt. Alles was man einem in Zusammenhang mit „Leichen-“ hinterherkrakeelen kann habe ich zu meiner Zeit bekommen. Und dann fiel mir ein, dass da damals in diesem Sommer doch… Und Kohlenpott ist so schön doppeldeutig.

      (Mein Großvater mütterlicherseits war Kumpel, sie hat dann einige Jahre vor meiner Geburt aber nach München geheiratet. Bei meiner Tante, die Frau von ihrem Bruder, merkt man heute noch eine extremstarke Gelsenkirchener Sprachfärbung.)

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      1. lach, Schwarzkutten passt dann auch gleich zweifach: Es gibt hier eine kleine Zechensiedlung, die so nah an der ehemaligen Zeche liegt, dass die Jungs früher direkt von der Arbeit nach Haus gegangen sind, um dort zu duschen…

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        1. Mein Großvater und seine Mit-Kumpel werden auch immer direkt aus dem Stollen gekommen sein, meine Mutter musste ihn als Kind immer von der Mittagsschicht abholen und erinnert sich an den ganzen Dreck, den er mitbrachte.

          Andererseits war das Ruhrgebiet wie oben eben erwähnt früher einen ziemlicher Schmelztiegel für uns Schwarzvolk. Der berühmte Bochumer Zwischenfall-Club etc., als ich damals da war hatte auch die Essener Zeche Carl ziemlich viel in der Richtung zu bieten, Konzerte und Co., keine Ahnung was es da heute noch gibt. Ich habe nur mitbekommen, die haben in Essen wohl den Teufelsküche-Laden, zu meiner Zeit in den 90ern war das nur Mailordner und kam von sonst wo her. Der damals noch lesbare Sonic Seducer hat seine Redaktion in Oberhausen.

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            1. Prinzipiell in so weit möglich, dass man sich an den selben Orten zur selben Zeit aufgehalten hat. Persönlich eher nicht, da ich mich mit meinen 19/20 damals sehr an meine Altersgruppe hielt, beziehungsweise wegen mangelnder Barrierefreiheit auch nicht überall reinkam. Kennst du spontis (spontis.de), da gibt’s ein paar Artikel über das Zwischenfall bzw. Klaus Märkert (wenn ich mich nicht irre, ist der auch aus Dortmund), der ja von einigen ziemlich geschätzt wird. Ich kann da nicht beurteilen, kenne nur Leseproben seiner Sachen. Duisburg soll einen entsprechenden Verlag zu bieten haben (oswald Henke soll in deren Programm sein), aber auch das habe ich nicht verfolgt.

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