Ich bin ein privilegiertes Arschloch

C., die ich nicht gut kenne, mit der ich aber wegen Pooling zu tun habe, denn wir werden nicht gefragt mit wem, woher der/die/das oder wohin, hat mich gestern Nachmittag ein privilegiertes Arschloch genannt. Ich hätte doch alles, ziemlich viel auf jeden Fall.

Dabei war sie zwar wütend, aber sie hat das nicht aus Neid geschrieben. Es stimmt, dass ich in gewisser Weise privilegiert bin. Ich weiß es auch. Nicht jeder hat einen Mit-Künstler und einen Handschuhschenker oder Atelier-Kind-Eltern, die das auffangen was entweder noch nie möglich war – im Sinne davon, dass es nie genehmigt wurde – oder durch das Spar…äh… nicht mehr möglich ist. Auffangen so gut es geht und mit diesen Freundschaftsdiensten so viel Inklusion und Teilhabe wie eben machbar ermöglichen.

Nicht jeder hat einen Menschen, der für ihn Telefonate führt weil er es selber nicht kann. Viele Behörden oder Ärzte kommunizieren aber ihre Termine nur per Telefon. Das bedeutet, Menschen, die nicht telefonieren können stoßen hier auf Barrieren. Assistenten für diese Aufgabe werden und wurden nicht bezahlt. Ganz zu schweigen davon: Es gibt keinen einheitlichen Notruf in diesem Land für nichtsprechende Menschen. Die Angebote, die es gibt kosten Geld oder brauchen bestimmte technische Voraussetzungen. Was macht ein Mensch wenn es brennt, der Notarzt kommen muss, ein Unfall, ein Raub oder eine Gewalttat beobachtet wurde?

Nicht jeder hat einen Menschen, der im Alltag „dolmetscht“ wenn man schlecht sprechen kann, haben Sie so einen nicht liegt es nahe, dass Sie wie C. und viele andere nicht einmal mehr einen kleinen persönlichen Radius außerhalb von Hilfestellen (Pooling!) haben.

Nicht jeder hat einen Menschen, der hebt, trägt, repariert und Wunden versorgt.

Nicht jeder hat einen Menschen, der mobil ist. Viele von uns leben eher weit ab, weil wir uns die zentralen Wohnungen nicht leisten können oder gleich zugewiesen wurden.

Nicht jeder kann überhaupt so unauffällig und „normal“ leben wie ich.

C. ist wie viele.

Ich bin wie wenige, weil ich das habe. Ob diese Angewiesenheit mich schmerzt spielt keine Rolle. Ich habe jemanden und es ist kein Mensch, der mich in Wirklichkeit hasst oder nur Karmapunkte sammeln will, ich bin also privilegiert.

Ich weiß es doch.

Auch Werdegänge wie ich einen gemacht habe sollen nicht mehr möglich sein. Ausbildung im dualen System trotz Eingliederungshilfe und Assistenzbedarf und später als der Körper heruntergewrackt war Umschulung. Mir wurde gesagt nach dem Bachelor sei mit dem Gesetz Schluss wenn man Assistenz braucht. Ich kenne Leute, die mit Einzug des Gesetzes ihre Jobs verloren haben, weil im Januar auch die Assistenzgenehmigungen ausliefen. Umschulen ist heute nicht mehr, wie es scheint. Die sitzen jetzt zu Hause und werden ihr Leben lang nicht mehr aus der Situation kommen. Je nachdem wo sie wohnen gibt es für diese Leute keine sozialen Strukturen. Das hat nicht unbedingt etwas mit Schüchternheit oder Rückzug oder Verstecken zu tun, sondern damit, dass je nach Behinderung eben nicht alles zugängig ist. Siehe das Atelier-Kind und der Fußballverein. Ein anderes Kind möchte da Sport mit gleichaltrigen machen, von ihm sagt das Gesetz verschlüsselt, er möchte ein Ehrenamt bekleiden und dafür gibt es keine Assistenz mehr. Das erfahren auch Erwachsene. Es ist nicht überall Berlin, Köln, Stuttgart oder Hamburg. Nicht überall ist es wie dort, man kann auch sagen, die, die da wohnen sind privilegiert. Könnte man.

Aber für den Zustand hier hat C. schon recht: Ich bin ein privilegiertes Arschloch, egal wie wenig ich habe und wie viel mir genommen wurde.

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10 Gedanken zu “Ich bin ein privilegiertes Arschloch

    1. Ich glaube, das ist bei dir anders als gemeint angekommen oder könnte anders angekommen sein. Sie hat schon Recht, ich habe verglichen mit ihr und vielen anderen in der Situation Privilegien, und dass sie mich Arschloch nannte hängt nicht damit zusammen, dass ich etwas habe, dass sie nicht hat. Die Situation von C. ist das normale – meine, dass also mehrere verlässliche Menschen im Umfeld da sind, die irgendwie schaffen, dass das sprichwörtliche Schiff nicht sinkt eher weniger. Von daher bin ich sicher genauso privilegiert aus der Sicht von C. und anderen wie einige „berühmte“ Aktivisten der derzeitigen Behindertenbewegung auch aus Sicht einiger anderer priviligiert sind. Kennst du zum Beispiel Raul Krauthausen, der behinderungsbedingt wirklich viel Assistenz benötigt? Weil der ein gutes Umfeld hat braucht er zwar nicht weniger davon und hat genauso Stress das alles zu bekommen wie andere, aber er hat trotzdem ein Privileg schon dadurch, dass er in seinem Umfeld eben diese ermöglichenden Strukturen hat. Wenn das jemand sagt, heißt es nicht, dass der/die/das neidisch ist, es fällt aber eben auf, dass er irgendwie „besser gestellt“ ist. Das ist der bekannteste der mir jetzt ad-hoc einfällt.

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        1. Das Schlüsselwort steht im ersten Satz, nämlich Pooling, aber wenn du noch nie etwas von dem Spar…äh… Teilhabegesetz gehört hast kennst du das nachvollziehbarerweise nicht und du liest hier ja auch noch nicht so lange, dass es für dich sofort Sinn gibt. Es gibt ein paar ältere Posts, die sich mit den Protesten gegen das Gesetz beschäftigen, daher wissen die, die länger dabei sind und selbst nicht betroffen wahrscheinlich nach dem ersten Satz den Zusammenhang. (Darauf hatte ich vertraut.)

          Pooling bedeutet, dass es qua diesem Gesetz erlaubt ist, dass die Kostenträger für Assistenzleistungen Menschen, die Assistenz benötigen zwingen können, die Dienstleistung mit anderen in derselben Situation zusammen in Anspruch zu nehmen, weil sie dann nur einen Assistenzleistenden für mehrere Assistenznehmer zahlen müssen. Das ist eine riesige Sauerei. Früher konnte man wählen wo man seine Leistung erhalten wollte und wer sie ausführt. Ist jetzt nicht mehr unbedingt so, weil es vorangig um Kosten geht. Und der Leister in X. ist eben billiger als die Leister bei mir oder in der Stadt wo C. wohnt, deshalb können wir mal eben genötigt werden einen wildfremden Assistent in einer Stadt mit der wir sonst nichts zu tun haben zu teilen. Sonst kriegen wir gar keinen.

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  1. Vor allem klingst du aber auch unheimlich dankbar und dir dessen bewusst, was du da hast. Ich glaube, dass von nichts wirklich nichts kommt und ganz sicher hat es auch etwas mit dir als Mensch und deiner Art zu tun, dass du so ein tolles Netzwerk hast.

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    1. Ja, das stimmt. Das habe ich hier auch mehrmals wenn es um das Gesetz und die Folgen (im Herbst/Winter letztes Jahr als die Proteste in die heiße Phase liefen hatte ich einige Artikel dazu) ging betont. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Ich weiß, dass es da einige wichtige Drehungen gab, die mir diese Menschen irgendwie beschert hat. Mit den Atelier-Kind-Eltern ist es wie eine Hand wäscht die andere, das Kind ist hier während die arbeiten, dafür machen die manchmal Sachen, die ich nicht kann. Die Geschichte mit dem Handschuhschenker ist mehr oder weniger im Blog dokumentiert. Vorher kannten wir uns flüchtig und dann habe ich einen für ihn persönlich triggernden Post verfasst, der um die Zeit als er das Blog erstmals aufrief noch ziemlich neu und damit auf der Startseite war. Warum das für ihn so schwer war hat er mir dann (offline) erklärt und so entwickelte sich das. Das ist, glaube ich, relativ gut nachverfolgbar.

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  2. Nein, Du bist kein privilegiertes Arschloch, nur weil Deine Lebenssituation nicht die allerschlechteste ist. Ein Privileg ist für mich ganz etwas anderes, als halbwegs intakte Strukturen zu haben, die da helfen, wo der Staat die Hilfe verweigert.
    Es ist und bbleibt ein himmelschreiendes Unrecht.

    Zur Arbeitsassitenz: diese wird über das Integrationsamt bewilligt und dürfte nicht einfach weg gespart werden. Ich frage mich mit welcher Begründung… Aber wie will man sich wehren, wenn man nirgends hinkommt.
    Es ist ein Verbrechen.

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    1. Objektiv bin ich das nicht, da hast du Recht. Subjektiv von C. aus gesehen bin ich das. Die ist auch nicht die erste, die mir das sagt. Ich habe es dir gegenüber glaube ich schon mal erwähnt, es gibt Menschen, die neiden mir meine Quasi-Unantastbarkeit wegen Mikesch.

      Von den Fällen über die ich bescheid weiß bezüglich Jobverlust war das so: Ein Mann hat mit Assistenz (Kommunikation, körperlich ist der fit), in einer Rehaeinrichtung gearbeitet (Physiotherapie und so was. Da wurde der Assistent nicht verlängert mit der Begründung, dass die Einrichtung ja keine hörsprachgeschädigten Patienten mehr hat. In wie weit das rechtlich wirksam ist weiß ich nicht, denn er wurde wohl eingestellt, weil es mal welche gab, da war dann auch kein Assistent vonnöten. Er sucht gerade einen Rechtsanwalt, will versuchen zu klagen. Fraglich wer dieses Gesetzestheater jetzt schon überblickt… Dann ein anderer Mann, da hieß es, Eingliederung in die WfB sei billiger und da gäbe es schließlich auch Arbeit für Schreiner… (Das Argument ist so bescheuert wie dazu aufzurufen gelernte Schreiner mögen straffällig werden, den Knastschreinereien gehen die Fachkräfte aus.) Mit Werkstatt kann das Integrationsamt den Assistent sparen und der Mann landet gleichzeitig dauerhaft in ALG II oder Sozialhilfe, weil Werkstätten keinen Mindestlohn zahlen. Meine ganz persönliche Meinung zu dem Fall ist, dass es eine Art Rache ist, weil der Mann und sein Assistent im Betrieb ein paar Sachen hinterfragt haben und der Betrieb die zwei beim Amt natürlich nicht in so tollem Licht gezeichnet hat. Nun, das Amt (NRW) soll sparen….

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      1. Liebe dergl,

        ganz gleich wie privilegiert Du sein magst, das macht Dich nicht zum Arschloch.
        Ich bewundere Dein Durchhaltevermögen und Deine vergleichsweise Gelassenheit trotz all der Schikanen, die Dein Leben und das Leben anderer begleiten.
        Danke für Deine Erläuterungen.

        Einen wunderschönen Sonntag wünsche ich Dir!

        (Anwaltssuche vielleicht über FORSEA? Dort sind welche nach PLZ aufgelistet, die in dme Thema sind. Schweirig natürlich, da das Gesetz ja gerade erst in Kraft getreten ist und anscheinend niemand so recht weiss…)

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        1. Ich verstehe dich schon, aber C. hält mich aus anderen Gründen für ein Arschloch und ich kann auch wenn es im gleichen Satz stand von der Ansicht, dass ich privilegiert sei trennen. Mit mir „können“ relativ wenige Frauen generell, mehr ist da nicht zu zu sagen, ohne dass es aussähe als wäre C. das Biest allererster Güte. Es war nicht nett von ihr mich zu beleidigen, aber ich kann sehen wo es herkommt und so schlimm finde ich es auch wieder nicht, ich habe schon schlimmeres bekommen…

          Die Anwaltssuche bei Forsea könnte der Mann schon genutzt haben, weiß ich nicht, ich weiß, er probiert den VdK, aber sein örtlicher ist überlastet. Er selbst ist ansonsten nicht „so behindert“, dass er sich von Forsea vertreten fühlen würde. Da gibt es zum Teil recht scharfe, auch innere Abgrenzungen zu einander. Die muss man nicht verstehen (tue ich auch nicht immer).

          Vor einigen Jahren noch in Heidelberg half ich einer Frau, die nach Krebs am Armknochen ihre ursprünglich dominantgenutzte Hand zunächst nur so nutzen konnte wie ich meine ICP-Betroffene. Greifübungen, mit der Hand ein Trinkglas heben etc. Bestimmte Leute hätten mich dafür am liebsten gelyncht. Es gab auch Leute, die mir während der Umschulung dumm kamen, weil ein großer Teil der Kommilitonen mit denen ich befreundet war wegen klassischer Umschulungsgründe umschulte und nicht wegen Behinderungen.

          Wenn ich deinen Kommentar lese finde ich wieder sehr schade, dass eine Frau, die ich bei den Protesten kennen gelernt habe ihr Blog geschlossen und noch nicht neu eröffnet hat. Sie (ich glaube, ich habe hier mal eine Annika erwähnt) hat eigentlich mehr noch den Fokus auf so Alltagskram und Hürden (zum Beispiel, dass man von ihr verlangt, dass sie, weil sie ICP hat ihr nichtbehindertes Kind auf die Sonderschule gibt), da gäbe es sicher auch noch mal einige schöne Erläuterungen.

          Ebenso ein feines Wochenende dir, mit vielleicht wärmeren Temparaturen als hier.

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