Bordsteinschwalbengeschichte

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich mir selber eine Aufgabe stellte. Damals bei den Suchbegriffen fand ich, es gibt eine gute Vorlage um eine Bordsteinschwalbengeschichte zu erzählen. Gar nicht so einfach und am Ende gar nicht so wie ich dachte, denn ich wollte etwas ganz anderes machen und habe dabei ausgeblendet, dass in meinen Entstehungsprozessen immer der Name einen Charakter formt. Das heißt, ich habe zuerst den Namen und dann muss der Charakter sich ohne mein Zutun finden [weshalb ich mich auch mit Namensgaben schwertue]. Hier wollte ich einen Iven drin haben, aber mir kam und kam kein Bild was das für ein Mensch sein könnte. Weil ich zu viel drüber nachgedacht habe. Als ich es nicht mehr tat war er plötzlich da und das Ding völlig anders als gedacht. Nur der Hundename und dass ein Hund, der so heißt vorkommen sollte stand fast sofort fest.

 

Ich war nicht da als ich von Ivens Tod erfahren sollte. Als ich es tatsächlich erfuhr packte ich das kleine Radio aus und stellte es auf den Einbauschrank in der weißen Küche. Die weiße Küche deshalb, weil die andere schon gestrichen war. Ich drehte auf und sang das nächstbeste Lied mit. Irgendeines, das ich nicht richtig kannte. Im Kopf sah ich die Wand mit der Gitarre gestern Abend. Er hatte sie da hingestellt, zwischen den Heizkörper und die Matratze mit dem Bettzeug. Wir hatten auf dem Boden gesessen und billigen Wein aus Plastikbechern getrunken, weil wir alles geschafft hatten. Nachts hatte ich wach gelegen mit einem seltsamen Gefühl zerrissen zu werden. Ich lauschte zum letzten Mal auf die Straße und das Weckerticken und redete mir ein, es war ein Abschied von dieser Wohnung.

 

In Wahrheit war es die Sache mit der Bordsteinschwalbe. Dieser Frau aus Mannheim, die gegenüber eingezogen war. Ihr und ihrem Hund, einem spanischen Straßenköter, der ihr auf jedes Wort gehorchte. Ich mochte dieses Tier. Iven hatte Angst und ich hatte gedacht, es würde helfen den Namen des Tieres zu wissen, weil es dadurch etwas weniger schrecklich würde.

„Zweiunddreißigsechzehnacht.“

„Was?“

„Zweiunddreißigsechzehnacht.“

Iven war genauso verblüfft gewesen. „Aber das ist doch… Da gab’s doch…“

Die Frau hatte genickt. „In Spanien hieß sie Rosina, das fand ich zu auffällig.“

 

Mehr hatten wir nie gesprochen, aber es reichte für den Tritt in meinen Magen. Ab dem Punkt war sie für mich die Bordsteinschwalbe, egal ob sie mal eine gewesen war oder nicht. Danach aussehen tat sie nicht.

„Die sehen nicht immer danach aus.“ Iven hatte mit den verschränkten Händen auf den Knien auf dem Bett gesessen. Wir hatten gerade erst angefangen auszuräumen.

„Trotzdem… Stell dir vor die war anschaffen.“

„Na und?“

Ich zuckte die Schultern. „Ich finde das irgendwie komisch.“

„Meinst du, ich war noch nie bei einer?“

Ich spürte den Satz wie einen Stromschlag. „Du?“

Er nickte. „Sind die einzigen, die richtig blasen.“

„Wie bitte?“

„Ja.“ Aber ich sah die Hand vor diesem Grinsen. „Meinst du, ich nehme mir ein Drogendepot oder ein Puffmädchen? Das Widerliche sind nicht die, sondern die Typen, die sie kaufen. Ich habe so etwas wie Würde.“

„Und warum erzählst du mir das?“

„Selbst wenn die auf dem Strich gewesen sein sollte. Du kehrst vor anderer Leute Türen.“

„Und wenn?“

„Du kehrst vor meiner.“

„Ich find’s widerlich.“

 

Der Knacks war geblieben. Wir hatten es nur nicht gesagt. Das brauchten wir nicht, es gab seitdem diese Schwere zwischen uns, als wäre wieder das da, was immer da sein sollte. Man hatte uns immer gesagt, wir waren für Geschwister zu nah. Irgendjemand war sogar so weit gegangen uns eine Nummer zu unterstellen. Bei der Gitarre nahm ich plötzlich die Zwischentöne und den Nachhall wahr. Auch wenn ich mitsang. Es beruhigte uns nicht mehr. Es war nicht mehr die Rebellion gegen unsere Eltern etwas zusammen zu machen, wir waren plötzlich so wie die uns wollten. Aber wir wollten uns nicht so. Iven war seit Ewigkeiten mein engster Vertrauter, ich seine beste Freundin. Wir waren so selbstverständlich, dass ich das Selbstverständliche nicht gesehen hatte.

 

Ich sah von unten, dass die Nacht vorbei war. Es wurde Tag, aber ich sah keine Dämmerung. Der Wecker zeigte etwas gegen sechs. Auf der Fensterbank lag noch ein halber Granatapfel in Alufolie, daneben lag mein Handy. Das Obst hätte mein Frühstück sein sollen, Iven hatte es dagelassen.

Ich stand auf.

In der weißen Küche stellte ich das Radio an. Dann öffnete ich das Fenster und wartete auf die Ampelschaltung. Als sich die Schlange bei grün in Bewegung setzte warf ich den halben Silberball raus.

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