Wortsalven

Bald wird gewählt und hier hängen die Wahlplakate. Eine bestimmte Partei instrumentalisiert den Kölner Dom. Sie können sich denken in welchem Zusammenhang, spätestens wenn Sie dazu noch wissen, dass auf dem Plakat noch ein Mädchen abgebildet ist und dazu ein Satz, dass die mit 18 ihren Eltern nochmal dankbarer sein wird, dass sie diese Partei gewählt haben.

Ja, ich würde auch gern kotzen. Nein, ich weiß nicht wie ich das dem Atelier-Kind erklären soll. Mit „Die diskriminieren Leute und erzählen Lügen über Menschen wie [die Söhne von Salma haben zwar Namensgebärden von uns bekommen, aber ich weiß nicht wie die Namen korrekt geschrieben werden und ob ich sie nennen dürfte].“ ist es nicht getan.

Wir denken jetzt mal kurz nach, erinnern uns was diese Partei sonst noch ganz gerne hätte und fragen uns ob das Mädchen ihren Eltern in diesen Fällen mit 18 immer noch für ihre Wahl dankbar wäre:

Angenommen – Liebe ist unberechenbar – Lili verliebt sich mit 18, oder schon früher, aus irgendwelchen Gründen – Liebe ist irrational – nicht in Lukas oder Lena, sondern unsterblich in Laith oder Ledia, können ja auch süße, nette Teenies sein. Aber die sollen doch deportiert oder abgeknallt werden, weil sie qua Geburt Terroristen sein sollen. Ist sie ihren Eltern dann immer noch dankbar?

Angenommen, irgendwann in der Zeit bis Lili 18 ist verlieren ihre Eltern alles – das gibt es und kann schneller passieren als man denkt – und die Familie landet in ALG II oder auf der Straße. Ist sie ihren Eltern dann immer noch dankbar für die Wahl?

Angenommen, Lili kriegt Masern oder hat einen Reitunfall, verunfallt oder erkrankt sonst wie und hat in der Folge einen anderen Dauerzustand. Ist sie ihren Eltern dann immer noch dankbar, dass sie mit 18 ins Altenheim gezwungen wird und keinen Schulabschluss hat? Die Partei möchte die Sonderstrukturen behalten und hält nicht gerade viel von Inklusion.

Angenommen, Lili hat einen irgendwie psychisch kranken, sei es auch nur depressiven, oder suchtkranken – ja, auch von lecker Weinchen am Abend kann man suchtkrank werden – Elternteil oder Geschwister. Ist sie dann dankbar, dass der weggesperrt werden soll? Hat die Partei doch gefordert.

Angenommen, Lili hat mit 18 keinen Bock auf Bachelor weil sie weiß, danach erwartet sie ein Leben als Heimchen am Herd – einige junge Leute finden das jetzt schon die Idealvorstellung -, statt dessen will sie Straßenbauerin werden. Wenn ihre Eltern ihr dann die Hölle heiß machen, weil das so überhaupt nicht in deren Weltbild passt, ist sie denen dann immer noch dankbar?

Das ist so absurd, dass man sich das eigentlich nicht fragen muss. Trotzdem fallen immer wieder genügend Leute darauf rein.

Nicht dass die anderen Wahlplakate toll oder wahr wären, aber die kann man weil es der übliche Schwachsinn ist einfach ignorieren. Sollte man bei diesen hier zwar auch, denn sie funktionieren nach dem Schema Besser negative Aufmerksamkeit als gar keine und kalkulierte Provokation, aber sie sind auch die einzigen nach denen mich das Kind explizit fragt, weil es die Sätze verstehen kann.

Man soll nie aufhören zu (hinter)fragen, wusste schon Einstein. Dazu gehört, dass man auch nicht aufhört zu antworten, wenn sich ein Kind noch zu fragen traut. Aber wie?!

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7 Gedanken zu “Wortsalven

  1. Am liebsten würde ich sagen: Lass sie doch in ihrem Stumpfsinn schmoren. Die Denke ist und war weit verbreitet. Zu „meinen Zeiten“ kämpften wir noch dafür, dass die Nationalität der Frau dasselbe Gewicht hat wie das der Männer. (Abschiebung des Mannes nach beendetem Studium. „Wenn eine Frau ihren Mann liebt, geht sie mit ihm“ – sagte der Innenminister in Kiel. In Hessen galt schon Bleiberecht für mit Deutschen Verheirateten, aber das Kind gehörte dem Mann. Es bekam nur seine Staatszugehörigkeit.) Frauen, die sich mit Ausländern „einließen“, waren quasi Huren oder bemitleidenswert unattraktiv . Nazi-Erbe.

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    1. Das ist alles richtig. Aber wie erkläre ich das einem Drittklässler? Die Plakate hängen hier auf Kinderaugenhöhe, die Sprache ist leicht, der will wissen was das soll. Und es ist nicht erklärbar (an ein Kind) warum Menschen so sind. (Tonus ist ja: Alle Moslems sind Frauenschänder. Realität ist, sieht das Kind auch: Das stimmt vorne und hinten nicht. Erkläre einem Kind warum die so was lügen.) Das macht es so schwer.

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      1. Was man einem Kind erklären kann? dass es gut ist, sich auf seine eigenen Erfahrungen zu verlassen und keine allgemeinen Vorurteile aufzuschnappen und mit ihnen hausieren zu gehen. ZB Die Mädchen sind doof, Hunde sind dreckig, Juden sind auf Geld aus, bei Ali kauft man Scheiße. etc. Man kann einem Kind klarmachen, dass alles, was man unbedacht sagt und tut, einem anderen womöglich wehtut und schadet. Und dass solche Sätze nie wahr sind.
        Man kann einem Kind klarmachen, dass es viele Menschen gibt, die genau solche Sätze jeden Tag benutzen und dass das sehr dumm ist. Damit es lernt, selbst nicht so dumm zu sein.
        Was ich meine: es geht gar nicht darum, dem Kind diesen besonderen Sachverhalt zu erklären, sondern das Prinzip, damit es nicht selbst in dieselbe Falle geht. Liebe Grüße! Gerda

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        1. Das Prinzip kennt er, schon aus eigener Erfahrung. Wenn dir jeden Tag das Vorurteil „taub-stumm-dumm“ oder „Oh, du kannst ja lesen! Taubstumme können das doch nicht“ begegnet, dann machst du dir auch als Kind Gedanken über so was. (Ich habe mir als Kind zum Beispiel auch Gedanken darüber gemacht warum die alle sagten, es sei so schlimm wenn man mit Scharlacj einer Schwangeren nahekommt, denn das Kind könnte behindert werden. Ich fand mich selber nicht schlimm und habe entsprechend nachgedacht warum die alle glauben, dass es schlimm ist mit einer Behinderung zu leben.)

          Ich stelle dir seine Frage jetzt mal konkret, dann verstehst du vielleicht noch besser was ich meine, das ich nicht weiß, wie ich das erklären soll.

          Situation:

          Er sieht die Plakate, liest den Satz. Will wissen: warum das Mädchen auf dem Plakat sich mit 18 freuen soll, dass die Partei von den Eltern gewählt wurde?

          Er kennt das Logo und weiß, dass das die Partei ist, die alle Behinderten am liebsten im Heim sehe und alle Ausländer am liebsten gar nicht haben will.

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  2. Wie alt ist er? Einem Kind unter 14 würde ich einfach etwas sagen wir: das hätten sie gern, aber das wird nicht passieren, wenn die Kleine Grips im Kopf hat . Mit einem Jugendlichen würde ich das ganze Programm diskutieren, auch die Geschichte.
    Na ja, von fern ist man klüger. Du wirst schon wissen was du ihm zumuten kannst.

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    1. Mit einem Jugendlichen kann man das diskutieren. Er wird aber erst neun im Herbst und kommt im Sommer in die vierte Klasse. Ich benutzte hier ja auch teilweise synonym für ihn das Wort/die Zustandsbeschreibung Drittklässler und für so einen ist er schon wacker.

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