Ich spreche von mir

Natürlich, klar, ich könnte Ihnen etwas über mich erzählen. Aber sicher doch. Ich könnte ganz bestimmt über mich reden. Darum geht es hier in dem Ding aber nicht. Außerdem will ich nicht.

Und so wie diejenigen, die sich das wünschen vielleicht vorstellen geht das bei mir auch nicht.

Mich muss man fragen.
Ich kann keine Gespräche anfangen, wenn nicht zuerst jemand anderer gesprochen hat oder einfach so in laufende rein springen, wenn es nicht um etwas geht von dem ich wirklich Ahnung habe.
Das ist bei mir so.

Das ist mehr als Erziehung. Aber es ist eine Folge davon.

Nein, ich habe keinen Autismus.

Das werde ich auch gelegentlich gefragt. Was bedeutet, dass es dann irgendwer vermutet, aber es ist nicht so. Ich habe nur Folgen meiner Sozialisation. Alle Menschen haben welche, meine sehen vielleicht anders aus.

Überdies finde ich es leichtfertig wie damit herum geschmissen wird. Sobald jemand keine Menschenmassen abkann oder keine Musik aushält nimmt man sich das Etikett „Autismus“ her. Das diskriminiert und diskrediert die Menschen, die wirklich von Autismus betroffen sind [ich schreibe das so weil es auch die Menschen einschließt, die tagtäglich mit einem Menschen, der Autismus hat zusammenleben und damit wirklich beurteilen können wie das ist]. Denen wird dann nicht mehr geglaubt und sie bekommen nicht mehr das Verständnis oder die Hilfen, die sie brauchen.

Außerdem berichten immer mehr Menschen, die tatsächlich Autismus haben (sic!), dass es immer mehr Menschen gibt, die keinen haben, aber groß die Klappe aufreißen weil sie meinen, sie könnten den Betroffenen erklären was Autismus ist. [Lesen Sie entsprechende Blogs, folgen Sie den Leuten auf twitter, facebook, was weiß ich wo.]

Kotzt mich an, dieses Verhalten der Nicht-Autisten, obwohl ich nicht betroffen bin.
Warum es mich ankotzt?
Mir versuchen immer wieder Menschen, die weder die Bezeichnung ICP je gehört haben noch erklären können wofür sie steht zu erklären, dass ich Spastiker oder zwangsläufig Epileptiker sei.
Bin ich nicht.
Ich habe ICP.
ICP kann mit Spastiken einher gehen, muss aber es aber nicht.
Dasselbe gilt für Epilepsie. Das ist übrigens kein Synonym für Krampfanfälle.

Das werde ich, die seit 37 Jahren damit lebt wohl besser wissen als irgendein Mensch, der eine Doku gesehen oder einen Wikipedia [stellvertretend für sonst was genannt]-Artikel gelesen hat und nun meint, er/sie/es hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Im Übrigen weiß ich auch was bei mir körperlich geht und was nicht.
Ich kann etwas können nach dem ich nicht aussehe.
Ich kann etwas nicht können nach dem ich aussehe.
Nur weil das nicht mit angelesenem Halbwissen übereinstimmt macht mich oder irgendjemand anders, der ICP hat das nicht zum „Poser“.
Schon gehabt den Vorwurf. Ich und viele andere mit egal welchen Handicaps.
Ist man da neidisch auf mich (oder sonst wen) weil ich (oder sonst wer) den Zuckerwattetraum putt macht hab/hat? Ich (oder sonst wer) Fiesbehindi, so was aber auch… *kopfschüttel*

Ach so: Ich darf über mich selbst Kunstfehler-Wortspielwitze machen – jemand anderes über mich noch lange nicht. Und nur weil ich einen überlebt habe bin ich nicht automatisch ermächtigt meine mich selbst betreffenden Wortspiele auf andere auszudehnen, die ebenfalls Kunstfehler-Überlebende sind.

Und wo wir gerade dabei sind: Nein, das Atelier-Kind hätte nicht mehr vom Leben oder wäre glücklicher wenn man ihm zwangsweise ein Cochlear-Implantat einsetzen würde! Das zu behaupten erdreisten sich auch fast grundsätzlich Menschen mit vollumfänglichem Gehör. Die Gehörlosen sehen sich als ethnische und sprachliche Minderheit, die man als „behindert“ etikettieren will. Da soll das Atelier-Kind Freudensprünge machen, weil man es aus Sicht seiner ethnischen und sprachlichen Minderheit, seines Kulturkreises erst behindert machen will, indem man ihm den Kopf aufbohrt und das auf Anraten von Leuten, die irgendeinen Käseblatt-Artikel gelesen haben, dass „Taubstummsein“ so schlimm wäre, aber überhaupt noch nie einem von Geburt gehörlosen Menschen begegnet sind?!

Ich kann die Autisten also verstehen.

Vor langer Zeit habe ich einmal versucht – damals noch sehr konfus, ziemlich zu Anfang – darüber zu schreiben, dass ich nicht in Sätzen denke. Weil ich es nicht kann. Das mag sich natürlich wie ein Zug von Autismus lesen, ich traf auch schon Menschen mit Asperger, die ebenfalls nur in Filmen oder Bildern denken können und alles mühsam im Kopf in Sätze übersetzen müssen. Und wie die, die ich getroffen habe bin ich darin ziemlich gut. Auch das waren Schreibende mit bestimmten ausgebildeten Fähigkeiten.

Wir hatten einen Unterschied: Die können es nicht, weil deren Gehirn funktioniert wie es funktioniert. Nicht besser, nicht schlechter, sondern anders. Ich kann es nicht, weil ich es nie anders gelernt habe auch als mein Gehirn es entwicklungsbedingt noch anders gekonnt hätte.

Meine Eltern überließen die Förderung ihrer Kinder anderen Leuten. Dabei gingen sie nach der Maxime vor Wir haben dafür bezahlt, es ist teuer und weil es teuer ist, wird es schon gut sein und wir können Däumchen drehen.

Das war in meinem Fall immer noch besser als wenn sie kein oder weniger Geld gehabt hätten. Dann wäre ich definitiv auf einer Sonderschule mit anschließender Heim- und Werkstattunterbringung verreckt, weil man das eben so macht und in unseren Kreisen sowieso.

[Soll ich Ihnen von Anne erzählen? Ein Monat jünger als ich, andere ICP-Form, Vater Arzt, Mutter Hebamme, die Brüder arbeiten heute in hohen Positionen. Sie vegetiert als Pflegefall in einem Verwahrkäfig dahin, der sich alibihalber Schwerstbehinderten-WG nennt und dessen Personal ständig mit einem Bein im Knast steht, weil es Arbeiten macht, die es per Gesetz nicht unbeaufsichtigt darf. Im ganzen Team ist nicht ein Examinierter. ]

Aber, ich habe es mehrmals gesagt, bei uns auf der Privatschule war es ideologisch. Strikt nach klassisch-konservativen Geschlechterrollen getrennt. Mädchen müssen nicht denken können. Mädchen müssen kochen, putzen, Handarbeiten können. Dann können sie später brüten und machen sich fein als Anhängsel. Für die ganzen schönen Sachen, die man da kriegt, so als hauptberufliches Anhängsel, kann man ja mit einer bestimmten Währung zahlen. Das letzte wurde nur nicht explizit gesagt und mir als behindertem Mädchen sowieso nicht. Aber die wussten alle ihre Zukunft ist Kinderküchekondomat.

In so einer Umgebung, insbesondere wenn Ihre Eltern sich sonst einen Scheiß um Ihre Bildung kümmern und selber kein vernünftiges Deutsch können – weil sie es nicht nötig haben, sie sind ja wer – lernen Sie nicht in Sätzen zu denken. Vor allem nicht wenn keiner mit Ihnen redet. Bei uns zu Hause wurde doppelbindend in Bruchstücken und gereiztem bis aggressivem Tonfall kommuniziert.

Wenn Sie da raus wollen, wenn Sie überleben wollen, haben Sie eine Chance: Sie müssen nicht verstehen was Sie da machen, Sie machen es intuitiv und denken nicht dabei, denn dann merken Sie die Angst damit gegen die Wand zu fahren nicht. Dann blamieren Sie sich zwar wenn Sie erklären sollen was Sie da gerade nicht nur gut für ein Mädchen sondern besser als alle männlichen Knallchargen – so wurde mit uns gesprochen – der Klasse zusammen gemacht haben, weil Sie nur wissen dass, aber nicht wie, aber das sichert Sie ab. Ich war das erste Mädchen seit Jahren, das damals mit dem Äquivalent zur Mittleren Reife abging. Wenn Sie als Kind und Jugendlicher strikt in dem System waren – das wurde zu Hause in den Familien weiter gelebt -, sind Sie wenn Sie daraus kommen mit der Welt überfordert. Sie können sich nicht anpassen, weil Ihnen keiner gezeigt hat wie. Es nimmt Sie auch keiner an die Hand, denn Sie waren damals 17/18 und damit alt genug. Sie stehen da und brauchen Ihre Energie um möglichst nicht aufzufallen und sich irgendwie einzupassen. Mehrere Mitschüler von mir sind zeitnah zum Schulabschluss auf die schiefe Bahn geraten oder haben sich umgebracht. Arzt-, Anwalt-, Architekten- oder Apothekersöhne. Von anderen weiß ich, dass sie Sekten zuliefen. Mein bester Freund aus der Schulzeit zum Beispiel. Aber ich bin immer noch da. Ich habe nie etwas genommen, ich wurde nie kriminell. Ich habe es wahrscheinlich auch meistens geschafft, andere nicht merken zu lassen wenn ich nicht klarkam oder dass mir elementare Erfahrungen fehlten.

Deshalb fällt es nicht auf, dass ich nicht in meiner Muttersprache denken kann. Nur manchmal merkt man es, ich bin nicht sonderlich intuitiv im korrekten Deklinieren. m und n am Ende sind für mich meistens ohne Nachdenken nicht unterscheidbar. Außerdem ist Kommasetzung für mich künstlich, weil ich dazu bewusst mitdenken muss und sich die Sätze dann mangels Konzentration grammatikalisch inkorrekt zerhacken.

Fragen Sie mich nicht nach einer nachvollziehbaren Erklärung für die Tintenkleckse. Ich habe keine.

Damals, als ich darüber schrieb warum ich nicht in Sätzen denke erklärte ich auch wie es zu dem Namen dergl gekommen ist. Das ist zwar ein schönes Marionetten-Stück und weil es eins ist passt der Name gut in eine Reihe mit dem Namen Mikesch, aber es ging mir nicht um das Stück. Es ging mir um die Sprache. Es gibt in ihr nur das eine Wort, aber man weiß immer genau was gemeint ist. Als ich Kind war gab es so etwas nicht. Ich hatte bis ungefähr Anfang zwanzig deshalb große Probleme mit Modulation und Sprachton. Auch der Diddl-Maus-Junge zischt oder poltert fast immer und immer mit einem abschätzigen Unterton – weil er seit 31 Jahren nichts anderes kennt. Deshalb ist auch wie Mikesch hier zu ihrem Namen kam eigentlich gruselig. Es war der erste Name, der hier feststand, noch bevor ich wusste, dass ich hier nicht Aurora sein würde.

[Aurora war ich früher als Co-Autorin auf einem anderen Blog, auf dem es um merkwürdige Dinge ging, die in meiner Kindheit vor Ladenfenstern bestaunt wurden.]

Wenn das in prägenden Jahren Ihr Kern ist – Sie können als Kind nicht einfach gehen -, dann werden Sie unsichtbar. Ich meine das nicht nur in der Typologie der Überlebensmechanismen von Trinkerkindern. Ich meine es auch als Folge davon Eltern zu haben, die für ein bisschen große Bühne alles in Kauf nehmen. Alles mehr sage ich nicht dazu. Ich habe Ihnen in diesem Artikel nichts erzählt was Sie nicht schon irgendwo hier finden und das alles finden Sie auch.

Es ist nämlich überhaupt nicht so, dass ich nicht von mir rede. Ich sage nur das, was hier reingehört. Ich rede nicht über mich. Ich spreche von mir.

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2 Gedanken zu “Ich spreche von mir

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