Die Küttüttüttüticktack von Zieglers Mechthild

Wie letztens schon erklärt hatte Leserin Christiane einen Wunsch von mir frei und wie gesagt gab es zwei Arten der Erfüllung meinerseits. Untenan die erste, die nun aussieht als ob sie die zweite wäre. Ich habe sie überarbeitet, aber bewusst unfertig wirkend gelassen. Man sieht generell einen Faden und Christiane sieht wahrscheinlich den Faden zu ihrer Aufgabenstellung. Sowohl Mechthilds Eltern haben mit der Rettung ihrer Tochter mindestens eine „Mindcrime“ begangen, Mechthild selbst viele Jahre später auch als sie am Geburtstag der Zwillinge Kerzen wollte und am Ende natürlich Anna, die einen Satz sagt von dem sie glaubt, dass Mechthild ihn nicht versteht und ihre Kollegin sie deckt. Diese Art „Mindcrime“ geschieht jeden Tag hundertmal in Heimen oder Werkstätten überall und manchmal bleibt es nicht bei Gedanken. In Mannheim (?) – ich las es zumindest im Mannheimer Morgen -, wurde vor Kurzem ein Fall verhandelt, in dem Pflegepersonen die Tötung von Patienten vorgeworfen wird.

Eine Küttüttüttüticktack, das war die Kuckucksuhr in der Wohnküche von Zieglers Mechthild. Zieglers Mechthild hätte nicht hier sein dürfen, weil sie eigentlich gar nicht mehr leben dürfte, aber das wusste niemand.

Auch nicht, dass die Wohnküche eine Küche war, früher hatte in dem Raum der Kochherd gestanden, oder dass die Kuckucksuhr eine Uhr war. Es war wirklich eine Uhr gewesen, damals, und das hatte auch jeder gewusst, nur der Kuckuck war längst weggeflogen. Den kleinen Wolfgang hatten die Bomben gerissen, draußen auf dem Weg zum Bunker. Wolfgang, Helga, Engelbert, Bernhard und Ute. Alle weg. Auf einmal. Für immer.

Aber Zieglers Mechthild war noch immer da. Die hätte es treffen sollen, das wäre besser gewesen, dann hätte man sich nicht rechtfertigen gemusst. Dann hätte man die Schuld nicht auf sich geladen, dieses Risiko und die quälende Frage, ob man nicht selber überleben wollte. Ob es das wert war. Ob Mechthild wirklich ein Kind…

Wer sich heute um Zieglers Mechthild kümmerte, wusste so etwas nicht mehr. Auch nicht, dass sie tatsächlich Mechthild Ziegler hieß, weil die Papiere Magdalene Zimmermann sagten, und dass darauf der Tod gestanden hatte.

Hätte es jemand gewusst, dann hätte man Mechthilds Eltern, wie man das eben so tat, vielleicht Helden genannt. Das machte man so, auch wenn man es nicht meinte. Das wäre schon ganz gut gewesen, wenn sie die gekriegt hätten, was hatte denn so eine für ein Leben?

***

Küttüttüttüticktack.
Ding-Dong!

Eiliges Aufstehen. „Käkun!“ – „Heute nicht, heute gibt es Teilchen.“ – „Mit Puddi?“ – „Ja, mit Pudding, heute ist doch Dienstag. Kaffeetafel und Puddingteilchen gibt es heute.“ – „Puddimisahne?“

Die Demenz hatte Magdalene Zimmermann das Hirn so zerfressen, dass sie nur noch ans Essen dachte. Manchmal sagte sie auch noch das Datum 05.04.2014, das niemand zuordnen konnte.

Das Essen strukturierte den Tag und die Alten wussten nach dem Kuchen kommt das Abendbrot und danach hatten sie einen weiteren Tag überlebt.

***

Aber weil es niemand wusste, wusste auch niemand, dass die Kuchenzeit für Zieglers Mechthild das Leben bedeutete. Nicht wegen der Leckerei, weil in der Kammer, dem Raum, in dem sie nichts sehen gekonnt hatte und nicht sprechen durfte, ein Stück Kuchen oder gezuckertes Brot bedeutet hatte, dass der Krieg noch nicht vorbei war.

So wie auch niemand wusste was im April 2014 gewesen war, und dass Mechthild ganz genau wusste, dass am fünften April damals zum ersten Mal Kuchenzeit gewesen war, weil sie den Kalender auf dem Küchentuch an der Wand kannte.

Sie war damals aufgestanden und an den Küchenschrank gegangen, wollte in der Schublade nach Kerzen suchen, aber man hatte sie nicht gelassen. Sie sei unruhig und solle sitzen, sonst kämen die Männer mit den Gurten.

Die hatten sie nicht verstanden als sie versuchte zu sagen, dass aber heute Bernhard und Ute, die Nachbarszwillinge aus ihrer Kindheit Geburtstag hätten, wenn sie noch leben würden. Die Kerzen sollten zur Erinnerung sein. Die hatten immer mit ihr gespielt, auch wenn sie anders aussah und sabberte. Der Vater war einmal zu ihrem gekommen und hatte geflüstert, abends hatten ihre Eltern zusammen gesessen und sie hatte gehört Wir müssen das Hildchen verbergen, der Josef hat gehört, die werden vergast. Da hatte wahrscheinlich schon eine 4 am Anfang der Jahreszahl gestanden. Sowas wusste Mechthild immer, auch wenn sie nicht lesen konnte.

***

Küttüttüttüticktack.

„Das ist unsere Frau Zimmermann. Demenz und Parkinson, Spucke und Pisse kann sie auch nicht mehr halten.“

Zieglers Mechthild sah sich die Pflegerinnen an. Die eine kannte sie, das war die dicke Anna, die andere war neu.

„Aha“, machte die.

„Gutaa“, sagte Zieglers Mechthild. Das hatten ihre Eltern ihr beigebracht. Man musste allen Leuten guten Tag sagen. Mechthild erinnerte sich auch noch, dass alle immer singen mussten. Die Lieder hatten ihr nicht gefallen. Die Wanderlieder, mit die sie mit Helga und Ute gesungen hatte waren viel schöner gewesen. Engelbert hatte ihr sogar mal einen richtigen Rucksack gepackt.

In der Kammer, in der sie nicht sprechen durfte, durfte sie auch nicht singen.

„Sprich vernünftig!“ raunzte die dicke Anna. Dann sagte sie ruhig zu ihrer Kollegin: „Fünf-Punkte-Waschung. Schaffst du das unter acht Minuten?“

Küttüttüttüticktack.
Ding-Dong!

„Scheißuhr. Manchmal möchte ich denen alle ein Kissen aufs Maul drücken.“

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6 Gedanken zu “Die Küttüttüttüticktack von Zieglers Mechthild

    1. Ich nehme das mal positiv.

      Ich könnte auch sagen, Christiane hat es nicht anders gewollt, siehe den Link zur ursprünglich gestellten Aufgabe. Operation: Mindcrime – da kann nichts Harmloses bei rauskommen, im besten Fall irgendwas Dystopisches und für so was habe ich nicht die Ressourcen. Also was ganz realistisches, vielleicht sitzt tatsächlich noch irgendwo eine Mechthild und wird für dement gehalten, obwohl sie immer schon so war. Wie das in Heimen abgeht war jetzt genug in den Medien.

      (Und das Ding war fertig bevor eine bestimmte sehr schlimme Sache ab Dienstag zumindest hier in Dauerschleife über alle Kanäle ging. Es war nur noch etwas unrund. Ich kann also nicht behaupten, das hätte mich beeinflusst. Hier ist trotzdem keine Ruhe.

      Heute musste ich schon Mikesch ihre Einkaufstour ausreden, sie hatte sich ins Ruhrgebiet verabredet und da ist Terroralarm. Weil die einem ja nie glaubt, wäre sie glatt trotzdem gefahren.)

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  1. Neeeee, ich habe (gestern und) heute eine Zeit, wo ich einfach richtig mies drauf bin. Hat mit deinem Text überhaupt nichts zu tun, ist aber dann einfach nur so, dass bei mir nichts außer freundlichem Bla rauskommt. Was ich hier nicht wollte.
    Dass dein Text zu Operation Mindcrime kein Kindergeburtstag im herkömmlichen Sinn sein würde, war mir von Anfang an klar. 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Ich habe das schon verstanden. Mir geht es selber nur beschränkt. [Ich habe keine Lust irgendeinen Ticker von wegen abgeriegeltes Einkaufszentrum zu verfolgen, ich muss…] Mir ging das in dem zweiten Absatz an Petra einfach noch mal darum zu sagen, warum das Ding so eine Schlagkraft im Sinne von haben könnte.

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