Andreas

In den Gesichtern von Menschen wie Andreas steht nicht die Frage nach dem Hahn aus dem Milch mit Honig fließt. Es geht so schnell, sie könnte da mal gestanden haben. Man fragt sich auch nicht ob es milchweiß ist was die Menschen einem geben, wohl aber gelegentlich ob deren sinnbildliche Weste weiß ist oder ob sie ein paar Minuten nach ihrer Tat unten am Fluss in den teuren Cafés und Burgerbars sitzen und sich einreden, dass wer rastet quasi freiwillig Rost ansetzt, und dass Menschen wie Andreas an irgendeiner Kreuzung falsch abgebogen sein müssen. Dass die jetzt rasten müssen.

Andreas beneidete die Leute nicht darum, dass sie ihm seine Einfachheit neideten. Es gab etwas, das er sich wünschte, einen sicheren Platz zum Schlafen und jeden zweiten Tag als Glücksfall eine heiße Dusche mit Shampoo und sauberem Handtuch dazu. Aber er glaubte nicht mehr, dass diese Leute alles, an das sie sich banden wirklich brauchten. Die Rast hatte ihn weiser gelehrt.

 

Sie können sich denken wofür.

Es jährt sich

Philipp äußerte als Geburtstagswunsch ich möchte doch bitte außerplanmäßig, also noch in meiner „Susanne“-Zeit, die Ur-Susanne, die noch ganz anders war und auf eine trinkende Mutter fokussiert hat, fertig machen, die Charaktere könnte ich ja umbenennen. Ich mache mich also etwas rar bis nächsten Monat.

Und jetzt alle eine Runde Downeaster Alexa.

Zufällig auch einer der repräsentativsten Artikel des ganzen Dings hier, ich bekomme immer wieder rückgemeldet wie vielen hier lesenden Leuten das aus ihrer eigenen Familie vertraut ist: Alles ganz normal.

Liebe Berliner…

…unter den Lesenden. Mögen Sie Ausstellungen und haben Zeit? In Ihrer Stadt findet ab morgen eine Aktionswoche zum Blutskandal statt und die kobinet-nachrichten verweisen unter anderem auf eine Ausstellung eines betroffenen Fotografen.

In den 80er Jahren wurden mehrere tausend Menschen, voran Menschen mit der Bluterkrankheit, in Deutschland durch verunreinigte Blutkonserven mit HIV- und Hepatitis infiziert. Etwa 500 Betroffene leben noch. Der eingerichtete Hilfefonds – vorwiegend für krankheitsbedingte Bedarfe, wenn ich es richtig verstanden habe – soll ihnen gestrichen werden, weil die Verantwortlichen nicht mehr zahlen wollen. Man hoffte, die Leute würden früh aussterben. Auf den kobinet-nachrichten gibt es auch weitere Artikel zum Thema sowie einen Link zu einer Petition gegen die Einstellung des Fonds.

 

 

 

Tritratrullala

Manchmal spricht der Mit-Künstler weise Worte, ohne dass jemand außer ihm selbst sofort den Zusammenhang versteht. Und manchmal wirkt das so in Zeit und Situation deplatziert, dass jeder mit etwas Ahnung das Gefühl hat Unser Maskottchen… Das war als Kind sein primärer Überlebensmechanismus und die kommen manchmal etwas clownesk rüber.

[Falls Sie noch zur Schule gehen, egal ob als Kind oder als einsammelnder oder Kopiergeld zahlender Erwachsener, achten Sie mal auf den Pausenclown oder Troublemaker. Das ist schwierig, es gibt die auch in einer unausstehlich-Variante und heute werden die gern schon früh mit Medikamenten ruhiggestellt, aber diese Kinder oder Jugendlichen haben zu Hause möglicherweise die Verantwortung für die halbe Welt zu tragen. Ja, auch in guten Familien, vielleicht gerade da, weil man mehr darauf achten muss den Schein zu waren. Seien Sie mal elf, Psychotherapeutinnen-Kind und gehen zum Lehrer mit der Bitte, die Klassenarbeit später schreiben zu können, weil Sie die ganze Nacht die Suffkotze Ihrer Mutter aufgeputzt haben. Dann sind Sie nicht das Kind, das Hilfe und Unterstützung braucht, sondern das verlogene, übel redende Balg und das Gespött der ganzen Klasse. ]

Gestern sagt er mitten in etwas völlig anderes rein, dass wir alle froh sein können, dass ich so ein starkes Bedürfnis nach Freiraum um mich herum habe. Und das tut er so, dass keiner weiß in welche Richtung er dabei denkt.

Auf die Frage was er wolle stellt er mir die Frage – und diese Frage ist zugegebenermaßen weise, ich muss nur nicht darüber nachdenken, weil es die Situation eben nicht hergibt – ob ich sagen könne wie ich einer potentiellen Kandidatin Mikesch erklären würde? Ob ich das Konzept dafür hätte.

Habe ich nicht. Aber er hat natürlich Recht. In einer Gesellschaft, in der Menschen mit psychischen Erkrankungen mal eben als einen an der Klatsche habend abgetan werden – auch die unten ihnen, die selbst eine haben und offen drüber sprechen, letzte Woche erst im Rechercherahmen erfahren -, und sofort unten durch sind als Gesprächspartner, wie erklärt man Rollen wie unsere generell und wie erklärt man eine Mikesch oder eine Mit-Künstler-Mutter?

Die haben nicht einfach einen Schuss.

Die sind nicht einfach gestört.

Das so zu sagen nimmt deren Erkrankungen nicht für voll und gesetzt den Fall, sie würden versuchen selbst etwas an ihren Zuständen zu ändern, dann könnte eine Reaktion wie Die hat ja einen Knall oder Voll gestört – in Bezug auf Mikesch schon gehabt, von jemandem, der sie nur vom Sehen kannte – einen Rückfall einleiten.

Das kann als beleidigend empfunden werden.

Von den Menschen selbst und/oder, wenn man in Situationen wie wir lebt, von den Angehörigen.

Ich werde wütend wenn mir jemand sagt, mein Bruder sei gestört, weil er ist wie er ist. Und ich werde es weil meinen Erfahrungswerten nach ein großer Teil der Leute, die ihn abkanzeln – ohne sich mal zwei Minuten in seine Lage versetzt zu haben -, in genau seiner Situation exakt genau so wie sie es ihm vorwerfen handeln würden.

Schutzreaktion ihn runter zu reden. Ich weiß das, nützt mir aber nichts, wenn ich das mitkriege.

Je nachdem wie es mir geht wird mir unwohl wenn mir jemand – meistens ohne sie wirklich erlebt zu haben wenn sie drauf ist – erzählt was Mikesch alles ist. Da wird dann auch gern mit Diagnosen rumgeschmissen. Die real gesehen alle völlig was anderes sind.

Philipp, der weniger Freiraum braucht als ich, saß vorgestern mit einer potentiellen Kandidatin beim Kaffee und erwähnte die Mit-Künstler-Mutter. Verschweigen ist schwierig durch die räumliche Nähe. Also lieber ein frühes Ende mit Schrecken, als einen etwas späteren Schrecken ohne Ende. Es kann nicht jeder Mensch, verständlicherweise, mit eingepissten Polstern und vollgekotzten Klamotten und was sonst noch beinahe täglich, auch wenn man keinen Kontakt zwischen Mutter und Sohn hat, die Runde macht umgehen.

Natürlich: An dem Punkt ging die Gardine hoch und er unten durch, weil der Sohn plötzlich als die Mutter oder lediglich als der Betreuer (was er nicht ist) wahrgenommen wird.

Frühes Ende.

Den Schrecken dazu hatte er schon ein paar Mal, denn die Mutter ist genau so ein Ausschusskriterium wie der Paketdienst, aber die Gewöhnung ist noch nicht eingetreten.

Wird sie auch nicht.

„Menschen mit Freiraumbedürfnis sind beneidenswert.“

Klingt nach mieser Comedy, ist aber traurige Wahrheit.

 


 

Ein älterer Artikel zum selben Thema: Katze Großmäulchen, auch der resultierte aus einer ähnlichen Situation.

Anderer Leute Kuratorien

Falls Sie mal was anderes lesen möchten:

Daily Routines (Englischsprachig) wird zwar nicht mehr weiter geführt, aber wenn Sie sich einmal eingelesen haben finden Sie sicher eine berühmte Persönlichkeit, deren Routinen Ihren eigenen entsprechen. Die Schriftsteller-Kategorie ist am ausgefeiltesten.

Ich bin mir sicher, dass das vongestern Blog von einigen von Ihnen schon genauso lange und intensiv gelesen wird wie von mir. [Da findet man nicht nur Lacher, sondern auch Rechercheinhalte.]

Falls Sie interessiert was man den Jugendlichen in meiner Generation für „Geschichten“ erzählt hat, empfehle ich Ihnen die Fotoromane und wenn Sie dabei noch Spaß haben wollen, die kommentierten. Bringen Sie Zeit mit.

[Die von 1995/96 habe ich im Original gelesen und die Mädchen auf meiner Schule – Geschlechterrollen! -, nahmen das für bare Münze beziehungsweise fanden das erstrebenswert. Mich hat es verstört nach dem Motto Kann sich denn nirgendwo einer normal verhalten? Ich fand sie dämlich, aber das sollten wir als Rollenbilder nehmen, so seien halt alle Mädchen von staatlichen Schulen…]

Für den Alf hörenden Laufsportler: Alf-Mode (1988) Das Model sieht aus wie E., mit der ich zur Schule gegangen bin, aber die war 1988 erst sechs Jahre alt und hat keine ältere Schwester.

Für die Hundehalterin mit dem Limettenfaible: Mexikaner-Fete (1990), inklusive Fettichfraß.

Wenn ich noch was auf irgendeinen hier lesenden Menschen passendes finden sollte trage ich es nach. Vielleicht.

Musik für den Unverlinkbaren: Kommunikation

Als zehntes Wort Kommunikation. Heute ohne Video, geht nicht anders.

Früher war ich Fan von VNV Nation. Der Name ist nicht so martialistisch wie er klingt, da stand – und ich hoffe, dass wenigstens das noch stimmt – ursprünglich eine positive Bedeutung hinter. Gegen Krieg und Hass.

VNV Nation, Ronan Harris und Mark Jackson, haben früher richtig gute Musik mit richtig guten, teils sehr tiefen Texten gemacht. Epicentre von 2002 hätte ich Ihnen an dieser Stelle gern vorgestellt, aber das geht nicht.

Ich habe versucht irgendeine alte Live-Version zu finden, irgendeine von der Band, von der ich guten Gewissens Fan sein konnte, aber ich habe keine gefunden. Keine, die den Text der Album-Fassung hat. Keine alte. Die Album-Fassung können Sie sich anhören, gibt es auf dem bekannten Kanal. Aber vielleicht weil es sehr elektronisch ist und die damals vorwiegend in der dunkler gefärbten Musikszene gekannt und gemocht wurden ist das absolut nicht Ihr Ding und tut Ihnen einfach nur weh im Kopf.

Mir hat auch etwas weh getan, weil ich bei der Entwicklung ab 2010 nicht mehr mitgehen kann. Selbst die Leute, die ich kannte und die Praise The Fallen von 1999 – ein Konzept-Album über einen Soldaten, der überzeugt davon für einen guten Zweck zu kämpfen in den Krieg zieht und traumatisiert und enttäuscht zurück kommt nachdem er die Realität gesehen hat -, wörtlich genommen haben hatten etwas gelernt oder sind wenigstens angedockt. In einem Interview hat Ronan Harris gesagt, dass der Soldat eine Metapher für eine innere Entwicklung ist. Den 2009er Of Power, Faith and Glory konnte ich noch vereinzelt nachvollziehen, da gibt es gute Stücke, ab 2010 haben die Herren sich selbst verraten. Das Problem einer hohen Messlatte, erstrecht einer selbstgesteckten.

Die Fangemeinde ist wohl ähnlich gespalten wie bei Depeche Mode, ich verfolge solche Querelen nicht. Ich verteidige ganz bestimmt künstlerische Freiheit und Weiterentwicklung und ich habe Verständnis dafür, dass das Geld irgendwie reinkommen muss, aber… Wenn ich Ihnen sage, die haben so weit ich weiß mit Unheilig getourt – und Sie wissen was ich von Graf Schnulz halte – und irgendwann einen beleidigten Disclaimer in der Art von wem es nicht gefällt hat Pech gehabt auf der Homepage gehabt, dann bekommen Sie vielleicht eine Vorstellung von dem was ich meine.

[Falls jemand von Ihnen die „neuen“ VNV Nation mag – völlig in Ordnung, habe ich kein Problem mit, aber für mich ist die Substanz weg.]

Wenn Sie entweder mutig sind oder die Richtung der Musik eh mögen, würde ich Ihnen gern Solitary ans Herz legen. Das ist auf Praise The Fallen das Stück, an dem der Soldat nach Hause kommt und sich fragt für was er da eigentlich sein Leben riskiert hat und andere ihr Leben gelassen haben. Mit dem Thema Kommunikation hat auch noch Chrome von Matter + Form zu tun.

Warum hat Epicentre für mich mit Kommunikation zu tun? Ich gebe Ihnen den Text, wie er in dem der CD beiliegenden Booklet steht. Verfasst hat ihn Ronan Harris. Mir kam das Lied sehr gelegen als ich 2003 die ersten Abgrenzungsübungen machte. In einer Suchtfamilie begeht der erste, der aus dem Skript aussteigt häufig so etwas wie Hochverrat, insbesondere wenn es eines der Kinder ist.

I asked myself was I content with the world that I once cherished
Did it bring me to this darkened place to contemplate my perfect future
I will not stand nor utter words against this tide of hate
Losing sight of what and who I was again
I’m so sorry if these seething words I say
Impress on you that I’ve become the anathema of my soul

I can’t say that you’re losing me
I always tried to keep myself tied to this world
Though I know where this is leading
(Please) no tears no sympathy
I can’t say that you’re losing me
But I must be that which I am
Though I know where this could take me
No tears for me, no sympathy

Gracefully, respectfully facing conflict deep inside myself
Here confined, losing control of what I could not change
Gracefully, respectfully I ask you please don’t worry, not for me
Don’t turn your back, don’t turn away

No tears for me
No sympathy

Stadtpoem

Ein Geräusch wie Sägen. Ganz leises Sägen oder etwas anderes Fremdes, Bedrohliches. Für einen kurzen Moment glaubt das Kind an einen Reißverschluss, aber das kann es sich auch nicht vorstellen. Warum sollten die Großeltern immer wieder einen Reißverschluss auf und zu ziehen?! Sie hatten doch kein Zelt im Zimmer. Das Kind überlegt ob es die Tür öffnen soll und traut sich doch nicht. Zu ungewohnt ist dieses Geräusch. Und was sollte der Opa schon sägen? War vielleicht ein Stuhl nicht heil?

Das Kind bleibt sitzen.

Irgendwann öffnet sich die Tür ganz von selbst und die Oma kommt raus. Ihre Hände sind blau wie von Tinte. Das Kind sieht durch die offene Tür. Das Geräusch kommt vom Tisch gleich daneben. Da sitzt der Großvater und schreibt Grußkarten mit einem Federhalter und die Füllerspitze sägt über das Papier.