Transgenerationales

Them lot – die amerikanischen Künstler – sind großartig. Letztens fand sich in einem offiziellen Dokument (hochamtlich) ein Nachweis darüber, dass jemand auf der Mikesch-Familien-Seite nicht ist wer man uns allen immer gesagt hat, dass es ist. Das ist in so weit brisant, als dass es für die Bewertung von Mikeschs Fall wichtig sein könnte. Und nicht nur da, es erklärt auch das ein oder andere, das sie von bestimmten Menschengruppen hält.

Keiner wusste das. Die Person existierte zwar in der Familie, aber man überging sie. Nicht nur Mikesch, auch Mikeschs Geschwister. Mikeschs Bruder hat einen Sohn, dessen Tochter dem Jugendamt untersteht. Mit dem was da im Dokument steht kann man ihm, wenn ein Sachbearbeiter Langeweile, bösen Willen oder sonst was hat, einen noch größeren Strick als eh schon drehen. Ich kenne die genauen Umstände nicht und wir haben auch keinerlei Kontakt, aber es ist bestimmt sehr mühsam jedes Mal wenn man sein Kind sehen möchte erst einen Rattenschwanz Papiere auszufüllen und wochenlang auf Genehmigung zu warten. Fühlt sich wahrscheinlich auch scheiße an wenn man zum Geburtstag kommen will, die Genehmigung verschleppt wird und das Kind denkt, es geht Papa am Arsch vorbei.

[Die Episode habe ich mitbekommen, weil die Tochter sich bei K. – der Oma – ausweinte. Der Papa hatte ihr versprochen, dass er kommt und mit ihr in den Zoo geht… Eine (ungefähr) Zehnjährige begreift diese Bürokratie nicht.]

Ich schrieb über diese Neuentdeckung in den Verteiler. Ich merke jetzt schon wie sich deshalb einiges in diesem im Januar erwähnten Sachtext verschiebt, weil ich dadurch ein paar Dinge anders bewerten muss.

Zwölf Stunden später öffne ich mein Postfach. Einer erzählt von der Elektroschocktherapie eines Familienmitgliedes in den fünfziger Jahren – Stillschweigen, sonst seid ihr Kinder auch dran. Der nächste von dem, die nächste von jenem, das Jahrzehnte lang in der Familie vergraben lag und als transgenerationales Trauma erhalten blieb. Fünf oder sechs Leute. Einfach so. Nur weil ich gesagt habe, durch ein Dokument verschiebt sich alles. Mich erstaunt so was auch nach Jahren noch. Ich sage etwas und es kommt eine Reaktion, ich sage etwas und eine andere Person sagt Bei uns auch oder Bei uns war das so ähnlich, wir hatten… und „Das und das kannst du jetzt damit machen“. Ich bekam sofort die Frage was ich kreativ damit mache – hätte ich den Raum und das Material gäbe das eine prima Environment-Serie -, ob es mich jetzt beeinflusst und zwei oder drei Buchtipps von Autorinnen, deren Namen mir völlig unbekannt sind.


Was ganz anderes: Them lot sind ja eigentlich Fans von deutsch-englischem Sprachmischmasch, also teilte ich mit ihnen den Link zu Seppos Artikel über die Umbennenung von Capri-Sonne. Der Professor findet das Argument der Familienfreundlichkeit der Firma ein Eigentor. Denn für ihn als Amerikaner – I quote – Capri-Sun sounds like a brothel to me. Von wegen Vorteil! (Seppo erwähnt in seinem Artikel auch, dass sich im Ausland durchaus darüber mokiert wird, dass die deutschen Firmen gerne „einenglischen“.)

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5 Gedanken zu “Transgenerationales

  1. ich weiß jetzt nicht, ob ich die Zusammenhänge richtig verstehe. Dein Onkel darf sein Kind nur nach großen bürokratischen Anstrengungen in den Zoo ausführen? Und es gab Fälle (einen Fall?) von Elektroschock in der Familie, über die niemand spricht, weil das Sprechen gefährlich wäre? Pardon, Fädenrisse, die ich vielleicht gar nicht verstehen muss. Professionelles Interesse. LG Gerda

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    1. Nicht mein Onkel, mein Vetter, also der Sohn (*1985) von meinem Onkel kann seine Tochter nur nach Rücksprache mit dem Jugendamt sehen. Das hat vorrangig irgendwas, das ich nicht näher weiß, mit einer Sache zwischen ihm und der Kindesmutter zu tun, aber auch damit, dass er zwar geistig ganz da, aber lerntechnisch etwas langsamer ist. Und in Mikeschs Familie wurde ja nie viel gesprochen, was natürlich auch ihr Bruder mitgekriegt und ungewollt weitergegeben hat. Das heißt, mein Vetter spricht etwas abgekhackt und das kann man natürlich auf was ganz anderes schieben, besonders mit dem was nun raus gekommen ist. Hat im erweiteten Sinne mit einem Geschwister von Mikesch zu tun, Rechtslage derzeit unklar, deshalb keine genaueren Angaben. Wenn das aber so stimmt wie es in den Papieren steht, könnten sowohl mein Vetter als auch Mikesch mal auf, sagen wir, voreingenommene Gutachter treffen, nach dem Motto Liegt in der Familie. Voreingenommen sind die eh, aber noch mehr voreingenommen.

      Das mit den Elektroschocks hat jemand von den Amerikanern erzählt, nachdem ich von dem was bei uns rausgekommen ist erzählte. War bis in die 60er Jahre noch gängig dort, zum Beispiel bei Homosexualität (Lou Reed zum Beispiel hat auch welche bekommen), und das war in der Familie der Person eben ein Drohmittel. Die Person erzählte auch, dass es in der Familie Kennedy jemanden gegeben hat, der von der Öffentlichkeit versteckt wurde (geistig behindert nach Lobotomie).

      Ich hoffe, ich konnte es ein bisschen aufklären.

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      1. Ja, danke. verstehe nun besser, was du mit Transgeneration meintest. Ich arbeite ja systemisch, da sind solche Zusammenhänge wichtig – unabhängig davon, dass auch die Umwelt voreingenommen ist. Von den Kennedys – das wusste ich, und ich schließe nicht aus, dass viel ihres Unglücks mit solchem Verschweigen zu tun – das seinerseits eine Folge der Angst vor dem Urteil der Umwelt ist. Verschwiegenes, Ausgeklammertes will wahrgenommen werden und kommt als Symptome bei Mitgliedern des Systems immer wieder an die Oberfläche, bis es wahrgenommen und integriert wird.
        Elektroschocks: ich fürchte, das ist immer noch nicht ganz vorbei. hat viele Jahrzehnte die Menschen terrorisiert. Liebe Grüße dir. Gerda.

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        1. Bei uns kommt mit der Transgeneration noch was dazu: Mein Großvater war Deutschrumäne und hier nie wirklich angekommen (das durfte aber auch nicht gesagt werden, Mikesch durfte als Kind auch nicht antworten wenn sie auf ihren deutschen, aber eher seltsamen Nachnamen angesprochen wurde) und er war bei der SS. Das hatte auch nicht erwähnt zu werden. Es ist also nur wenig verwunderlich warum sie wurde wie sie (in der Vor-Tablettenfress-Version) wurde.

          Deena Metzger, die mir ja empfohlen wurde, soll sich mit solchen Zusammenhängen auch beschäftigt haben, deshalb dachte ich, du würdest ihre Arbeiten vielleicht kennen. Mir wurde speziell das Buch zum Schreiben empfohlen.

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