Recherchegespräch

Philipp kann ihn nicht leiden, davor steht ein Schutzmechanismus, nennt ihn Heulsuse und was er sagt Heulerei. Dabei, und er weiß es, ist er selbst heuchlerisch weil er auch weint. Wenn Philipp nicht mehr kann, und sei es nach einem stressigen Arbeitstag, dann heult er. Anders wird er die Spannung nicht los, das ist so, und er weiß, dass es bei G. nicht anders ist. Beides ist gut.

G. ist etwas älter als wir, kommt aus ähnlicher Familienkonstellation und hatte nicht unser jeweiliges Glück. Eine unglückliche Liebe, die das geben sollte, was die Mutter nicht konnte, und dann ging es für ihn abwärts. Wie auch wir ein Kind aus Milieus, denen man das nicht zutraut, von denen man glaubt, die müssten die Kurve kriegen, es muss doch irgendetwas geben, dass die nach oben zieht. Bei ihm beinahe Straße, dann Knast und dann ganz langsames, typisch fragiles wieder hoch kommen. Da ist er einer von uns, wir haben uns in Situationen arrangiert, in denen andere sich etwas antun würden (das schließt bei Menschen wie G. Rückfälle mit ein), weil es sonst nicht auszuhalten ist.

Auf mich wirkt G. wie eine Mischung aus Philipp und meinem Bruder. Das warum Philipp sich schützt ist weil sie einander zu ähnlich sind und ein jeder von uns mit solchen Eltern begegnet irgendwann dem schmalen Grad selbst zu… was auch immer, und ich weiß, jeder, der genauer hinsieht merkt, der Diddl-Maus-Junge ist eigentlich ein feiner Kerl, er gibt nur den Gorillaproll, weil diese Rolle sich sicher anfühlt und andere Sicherheiten kennt er nicht. [Das wird mal schwierig werden, wenn der alleine wohnt, mit über 30 kann man nicht alles mehr nachholen.]

G. erzählt viel in dieser herrlichen Ehrlichkeit, die denen, die etwas zum Stillstand bringen konnten oft eigen ist. Dieser herrlichen, manchmal brachialen Ehrlichkeit, wie auch zum Beispiel beim Handschuhschenker, und an den für ihn harten Stellen, die irgendwie mit kaputtem Vertrauen, der verlorenen Liebe oder damit anderen Menschen weh getan zu haben zu tun haben weint er. In dieser nüchternen Art, eben nicht der manipulativen, die mein Vater zum Beispiel gut drauf hatte. Dieser auf den Stoff bezogen nüchternen, ehrlichen, tief von innen kommenden Art, die unter anderem mein Stiefvater auch hat. Ich weiß nicht ob Frauen so weinen können.

Was G. beeindruckt, sagt er, ist meine Sachlichkeit. Frauen teilen aus, Frauen gehen unter die Gürtellinie, ich sage „Schluss!“ und gut ist. Und ihn beeindruckt, dass ich mir nicht mehr als unbedingt nötig helfen lasse. Frauen aus dem Milieu meiner Eltern hat er immer nur als Prinzessinnen erlebt, ich gebe nicht mal den Prinzen. Er sagt, ich bin wie ein Ritter, eine Kriegerprinzessin wenn überhaupt und nimmt es zurück als ich ihm sage, dass ich das Wort nicht mag und warum.

Er war nach einer Reha kurzzeitig in einer Werkstatt für psychisch behinderte Menschen, das war Bedingung für den Wohngruppenplatz, deshalb, sagt er, kann er mich ein wenig verstehen. Die Anleiter, die es dort gab hatten nicht nur das Bild, dass behinderte Frauen keine Frauen waren, sondern auch das, dass jede stärkere Frau eine Emanze sei. Außerdem, wenn man als Mädchen mit einer Mutter wie wir sie haben aufwächst, kegelt das wahrscheinlich das Selbstbild als Frau ziemlich durcheinander, es sei schon als Junge schwer gewesen sein Frauenbild zu erweitern und zu korrigieren.

Interessant findet er auch die Sache mit meinem Rufnamen. Normalerweise werde ich mit einer Form meines Nachnamens gerufen. Aber gerade das klingt doch so nach treusorgender, lieber Mutter und Selbstaufgabe. Bei ihm haben sie immer das Tier aus dem Vornamen gedreht, obwohl er den Autor lange nicht kannte und heute noch nicht versteht was man an dem finden kann.

Ich sage ihm, dass das mit der Mutter nie zur Debatte stand. Ich konnte das von Beginn an trennen, allerdings vielleicht deshalb, weil das Phänomen an sich „männlich“ ist. Frauen hängten damals –lein oder -chen an ihre Vornamen – mich machte das schon als Kind aggressiv -, die Kerle riefen sich nur mit Nachnamen. Meiner ist mehrsilbig und wurde so auf zwei runter gekürzt, dass er schneller zu rufen war.

Auch das findet er spannend. Frauen hätten es doch sonst so mit weichen, möglichst langen Namen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Recherchegespräch

Hinterlasse einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s