Zeichen und Wunden

Wir sind wer wir sind und deshalb glauben wir nicht an Zufälle als solche. Aber es muss schon ein Zufall sein, dass an diesem Morgen, an dem um vier Uhr früh hinter den Rollladen eine beinahe Dämmerungshelligkeit hervor lugte, weil es über Nacht geschneit hat, zwei Menschen etwa zeitgleich an verschiedenen Orten sich zwei ähnliche Verletzungen zuziehen.

So verbunden sind Philipp und ich dann doch wieder nicht.

Er rutscht draußen beim Beladen des Paketfahrzeugs aus und sieht erst beim Sitzen den Riss im Hosenbein und die Wunde darunter, ich stürze in meiner Küche mit dem Kopf auf eine Kante und verletze mich am Auge.

Beide – nichts von einander wissend – tun wir das ab.

Mir hilft später am Morgen Salma, die den Kratzer – so sah es für mich aus – beim Einkaufen bemerkt und meint damit sei nicht zu spaßen, das bleibt als Narbe und die Umgebung ist auch schon verfärbt. Ich hatte mich auf dem Weg zum Laden über Sehstörungen gewundert.

Er wird zuerst von einem Kunden, dann von einem Kollegen angesprochen und von dem auch an die örtliche Notfallpraxis verwiesen. Arbeitsunfall, Berufsgenossenschaft…

Er will nicht hin oder gar da bleiben und warten. Jammern kann er sich nicht erlauben, Krankenschein geht auch nicht.

Mir sagt Salma, ich soll zum Arzt gehen und wir streiten uns beinahe, weil ich nur dann zum Arzt gehe wenn es überhaupt nicht mehr anders geht. Ich habe keine Lust auf das Theater oder eins dieser berüchtigten – mehrmals gehabt – Erlebnisse, dass ich als finanziell nicht liquide und überdies behinderte Person nicht behandelt werde, denn es lohnt ja nicht. Ein Drittklässler und ein Pflegefall, die versorgt werden müssen? Von mir? Man glaubt’s ja nicht.

Nein, danke!

Es blutet nicht, es wird schon irgendwann wieder zuwachsen und da ich ohnehin seit Kleinkindheit eine Augennarbe habe [angeblich – Achtung, unglaubwürdigstes aller miesen Klischees! – bin ich vom Tisch gefallen, aber ich kenne meine Eltern] stört mich das auch nicht mehr. Die andere ist größer, die hier wird mal aussehen wie ein Nadelstich.

Ich habe schon Krampfanfälle und Gehirnerschütterungen alleine, also wirklich ohne jedwede Assistenz oder irgendeinen verlässlichen Menschen, durch, dann brauche ich für das Ding kein Theater. Schwellung, Sehstörungen und Übelkeit hin oder her.

Aber es ist seltsam warum gerade heute. Gestern suchte ich neben einem Video für das Projekt vom Unverlinkbaren noch eine Live-Version und musste das Fenster minimieren, weil dort mit rotem Blitzlicht gearbeitet wurde. Sah gut aus und passt zum Lied, ich kann das aber nicht immer aushalten. Jetzt könnte man da einen Zusammenhang sehen, so nach dem Motto das gestern war Vorspiel.

Gruseliger ist allerdings die Tatsache: Wir haben abends noch relativ lange zusammengesessen und fingen beide bei Minute 2:55 in The Bottom Line von Depeche Mode an mit zu summen. [Ich suche Ihnen das nicht raus, Sie bekommen hier in nächster Zeit noch genug Musik.] Das ist Ruhe. Ganz tiefes im Moment sein.

Und heute Morgen das.

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3 Gedanken zu “Zeichen und Wunden

  1. Neulich habe ich mit einer Freundin ein langes Gespräch über die Bedeutung des Zufalls in unserem Leben geführt. Er wird unterschätzt, unsere Entscheidungen werden systematisch von uns selbst überschätzt.

    Hat die Koinzidenz der beiden Unfälle eine Bedeutung (btw: Gute Besserung!)? Verleihen wir den Dingen eine tiefere Bedeutung, die sie eigentlich gar nicht haben? Und warum ist es nicht legitim, solche Zusammenhänge herzustellen, wenn sie unserem Leben einen Sinn oder wenigstens ein Geheimnis geben?

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    1. Hab ihn trotzdem aus dem Spam ziehen müssen. Ausnahmsweise. Das ist nicht gegen dich oder irgendwen persönlich, aber ich habe weder Zeit noch Lust mehrmals am Tage durch den Spam-Ordner zu sieben, ob da irgendwer vom System reinsortiert wurde.

      Da habt ihr euch gute Fragen gestellt. Was uns sehr verwundert ist neben dem Tag und genau dem Tag, dass beides innerhalb einer Stunde passiert sein muss. Und eigentlich hätten wir heute was vorgehabt (ausstellungstechnisch)…

      Ach so, 1. Frage vom Atelier-Kind: „War das deine Mama?“

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