Malbuch mit Vögeln

Nachtschicht weil Mikesch mal wieder der Ansicht war mich haarklein über Nichtigkeiten in Kenntnis setzen zu müssen. Diesmal, dass sie ein Malbuch geschenkt bekommen hat.

Das ist eigentlich toll, das ist ja ihr Ding und ich bin immer wieder erstaunt wenn ich sehe, dass dieser Mensch, der nicht fünf Minuten im ruhigen Raum aushält ohne sämtliche Kanäle – Radio, Fernsehen, Internet – und am Besten noch alles gleichzeitig anzustellen und der ohne laufenden Fernseher nicht schlafen kann geschlagene zehn Minuten für das Ausmalen irgendeiner einzelnen Figur aufbringen kann und in der Zeit tatsächlich ruhig und so was wie glücklich ist.

Aber nur eigentlich.

Mikeschs Problem ist: Es ist das falsche Malbuch.

Sie möchte so gerne das Fick dich-Malbuch geschenkt bekommen.

Dieses Buch heißt tatsächlich so oder so ähnlich und weil Mikesch davon jetzt schon länger erzählt hatte ich es in einem Buchladen mal in der Hand, weil es zu meinen Aufgaben gehört, den Effekt von so etwas auf sie abzuschätzen.

Es wäre wirklich gut, wenn ihr niemand dieses Buch schenkt und sie auch sonst nicht drankommt. Ich hatte eine Seite per Zufall aufgeschlagen und auf dieser Seite prangte das Wort Fickschnitzel. Mikesch ist wegen ihrer geringen Impulskontrolle wie ein Kind, das meint, es hätte da etwas besonders originelles gehört und die Wirkung ausprobieren will. Dabei macht Mikesch, die die Konnotation dieses Wortes nicht versteht – das Wort steht im Buch und das Buch gibt es zu kaufen, kann also nicht schlimm sein -, keinen Unterschied zu wem sie das sagt.

Es gäbe ein Desaster wenn sie K. mit Hi Fickschnitzel! begrüßen würde und es gäbe ein Desaster wenn sie irgendeinen Herrn – der sich natürlich nicht wehren darf, denn er ist ja ein Mann – mit Hi Fickschnitzel! begrüßen würde und es gäbe ein Desaster wenn sie irgendeinen Amts- oder Agenturmenschen, egal welchen Geschlechts, mit Hi Fickschnitzel! begrüßen würde.

Drei unterschiedliche Desaster, macht sie das beim Amt oder der Agentur habe ich ein Problem, denn es gehört zu meinen Aufgaben ihr klar zu machen wie man sich da verhält. Fickschnitzel ist nicht die adäquate Anrede. Was bei Wichser und Blödmann passiert kenne ich schon.

Als ich im Buchladen war, war der Mit-Künstler auch dabei und fing sofort an den Kopf zu schütteln.

„Bloß nicht, bloß nicht…“ Er kann sich das lebhaft vorstellen.

Mikesch möchte dieses Buch vielleicht nicht deswegen haben, aber schon wegen dem Titelsatz, den mag sie ziemlich gerne und den anderen Schimpfwörtern und sie versteht nicht warum das keiner sonst so sieht. Auch das Pfurz-Malbuch hat ihr ja keiner gekauft. Jetzt kann sie doch so schöne Vögel malen…

Warum verstehen wir das alle nicht?

Das kann ich ihr auch dann nicht begreiflich machen, wenn sie mich die ganze Nacht damit nervt.


Der Mit-Künstler, dessen Mutter heute Nacht auch irgendwie meinte, Schlaf sei überbewertet fand, ich solle diesen Teil der Dokumentation Das Fickschnitzel nennen. Nein danke. Du Maskottchen, ich Unsichtbar.*

[*nach der Terminologie der Überlebensmechanismen von Kindern in Trinkerfamilien nach Sharon Wegscheider-Cruise und Ursula Lambrou]

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10 Gedanken zu “Malbuch mit Vögeln

  1. Ich verstehe theoretisch, dass die dich auf dem Amt dafür verantwortlich machen, wenn sie die Leute so anspricht. Praktisch verstehe ich es nicht. „Mangelnde Impulskontrolle“ etc. steht doch bestimmt öfter als einmal in ihren Unterlagen. Was kannst du denn dafür bzw. daran ändern?
    Über den Sinn oder Unsinn derartiger Malbücher mag ich nicht mal nachdenken.
    Kopfschüttelnd, aber Grüße
    Christiane

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    1. Ja, das mit der Impulskontrolle steht in den Unterlagen. Zum Umfang der Pflege gehört aber auch Sozialtraining, heißt, eine meiner Aufgaben ist ihr beizubringen sich „vernünftig zu benehmen“. Und eigentlich sollte es für eine 60-jährige doch nicht unverständlich sein, dass Beleidigungen tabu sind.

      Gefällt 1 Person

        1. Ja, natürlich. Es gibt nichts (bzw. wenig), das nicht aktenkundig ist. Ich muss jede Interaktion mit ihr dokumentieren.

          Du bringst mich auf eine Idee – ist absolut positiv gemeint – kennst du dieses Was machst du eigentlich den ganzen Tag?-Spiel in einigen Blogs? Ich finde das eigentlich blöd, aber ich weiß auch, dass sich hier einige meinen ganz normalen Pflegeralltag gar nicht vorstellen können. Vielleicht mache ich euch irgendwann mal, an einem typischen Tag, so eine Art Stundentafel (weiß kein besseres Wort)

          6h: Arbeitsbeginn, alle Kanäle kontrollieren, Auffälliges dokumentieren und weiterleiten

          etc.

          Ideal wäre dazu natürlich einer der typischen Tage, an denen ich auch mit Mikesch live zu tun habe.

          Gefällt 2 Personen

          1. Hab ich neulich mal in irgendeinem Blog aufgeschnappt, wenn es das ist. Da gibt es übrigens ein Buch von Christa Wolf, das eine ähnliche Idee aufgreift („Ein Tag im Jahr“).
            Ja, im Sinne einer Doku wäre das bestimmt ein Thema für deinen Blog, ich schätze, da gäbe es viel, was jemand wie ich mir nicht im Mindesten vorstellen kann …

            Gefällt 1 Person

            1. Sich mit irgendwelchen Wachleuten zoffen, Diebstähle verhindern, K. in Schutz nehmen [das ist derzeit wieder schlimm], gegen Wände reden…

              Alternativ könnte man das natürlich auch so machen: Was wollt ihr denn wissen?

              Gefällt 1 Person

  2. Anderes Thema: Heute kommt um 21 Uhr auf 3Sat ein Spielfilm über Bernward Vespers Leben. Du hast mir doch damals sein Buch empfohlen, dergl, vielleicht kennst du den Film ja noch nicht.

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    1. Sei so gut Matthias und halte dich hier an einen Namen. Ich weiß wer du bist, der Spam-Ordner aber nicht und es kommt vor, dass ich die Leute nicht mehr rechtzeitig finde und dann ist der Kommentar weg. Das ist für beide Seiten ärgerlich, hatte ich hier schon mit anderen. Matthias Eberling ist WP (also WordPress) bereits bekannt.

      Was kommt? Wer wenn nicht wir? Wäre jetzt meine Vermutung. Falls es das ist: Unbedingt gucken, der ist gut gemacht und gut gespielt, aber sehr schonungslos. Da sieht man auch gut den ganzen Psycho bis er schließlich endet wie er endet.

      Wenn es ein anderer Film ist, müsste ich eventuell mal gucken was die Medithek hergibt, ich habe kein Fernsehen und als jemand, der um 4h aufsteht, ist 21h auch schon eine Zeit, in der ich nicht ganz mehr wach bin.

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  3. angeregt durch deinen Beitrag habe ich mal gegoogelt. Ist ja ne ganze Palette solcher Malbücher im Handel, wusste ich bisher nichts von, und von außen sehen sie recht blumig aus. O weh, ich verstehe, wie schwer es sein wird, Mikesch zu überzeugen, dass das nicht in ihre Hände gehört. LG Gerda

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