Eines Tages, von jetzt auf gleich

Ich habe vor Kurzem zum ersten Mal nach Jahren The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood gelesen. Auf Deutsch Der Report der Magd, aber ich las das englischsprachige Original.

Ich war damit durch bevor eine verabscheuungswürdige Rede gehalten wurde und alles, was in dem erstmals 1985 erschienenen Roman erwähnt wird und passiert war schon mal da oder ist es in anderen Ländern. Dennoch, während ich las, hatte ich nicht im Kopf, dass das derzeit woanders in einigen Teilen da ist, sondern, dass es ist, was hier werden könnte, wenn bestimmte jetzt schon zu mächtige Leute noch mächtiger werden. Grausam.

Das Buch spielt ungefähr zur Jahrtausendwende – man muss im Kopf das Entstehungsjahr beachten, es gibt weder Internet noch waren CDs verbreitet, am Ende spielen um die Jahrtausendwende tatsächlich fast ausgestorbene Musikkassetten eine Rolle, denn darauf wurde der Report festgehalten -, in einem Nachfolgestaat der USA, der von einer christlich-religösen Sekte beherrscht wird, die anscheinend schleichend immer mehr Macht gewonnen hat und deren Machtergreifung als plötzlich empfunden wird. Eines Tages war das so. Frauen dürfen weder lesen noch schreiben noch arbeiten oder Geld besitzen, müssen die ganze Zeit eine Art Nonnenkleidung (inklusive Schleier) tragen, deren Farbe ihre Stellung in der Gesellschaft anzeigt. Ihre einzige Aufgabe ist die Reproduktion. Aber aufgrund einer toxischen Verseuchung sind gebärfähige Frauen rar, so gibt es mit Bezug auf die biblischen Geschichten von Rahel und Lea erzwungene Leihmutterschaften. Wer sich wehrt oder unfruchtbar ist kommt in die Kolonien und muss Giftmüll aufräumen, also eine Art KZ. Auch Frauen, die in irgendeiner Weise behinderte Kinder zur Welt bringen kommen dorthin. Diese Babys heißen Schredder und Unbabys. Manchmal haben Frauen, die unfruchtbar sind oder gegen das System aufmucken noch eine Wahl: Entweder Kolonie und Giftmüll aufräumen, also langsam und qualvoll verrecken, oder Prostitution im Bordell für die Kommandeure und ausländischen Gäste.

Frauen dem Mann unterstellt an den Herd, Männer kotauend vor dem Nächsthöheren (sonst Abmarsch in die Kolonie, nicht ohne vorherige Folter und wehe du hast eine andere Meinung…), Strafen für Unverheiratete, Scheidung strafbar, Gebären als Dienst an der Gesellschaft, wer es nicht tut oder einen anderen Lebensentwurf hat ist weniger wert, behinderte Babys als Müll kommt Ihnen doch bestimmt bekannt vor? Das hört sich doch an nach etwas, das die, die hier am liebsten 51% hätten ganz toll fänden. Oder? Da müssen wir nicht in den Nahen Osten schauen, das ist, was hier passieren könnte, wenn es für uns alle schlecht läuft. Als Frau hießen Sie dann Desbjörn, Desmarcus oder wem auch immer Sie gerade gehören. Als Mann sagen Sie kein falsches Wort und seien Sie bloß nichts was denen nicht passt, sonst hängen Sie für alles sichtbar an der Mauer. Ja wohl, Sie werden aufgehängt. Auch wenn die Schwule und Ärzte und vielleicht Pfarrer oder eventuell jüdische Menschen in den eigenen Reihen haben. Wenn das hier zugeht wie in Gilead, dann hängen Sie da.

Nicht gerade die Vorstellung von einer Alternative, oder? Es war schon mal da, alle Elemente in dem Roman gab oder gibt es bereits und meist mehrfach irgendwo auf der Welt,auch der westlichen. Es kann niemand sagen, man hat es nicht gewusst oder man hat es nicht gemerkt, wenn es wieder möglich und so weit ist.

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3 Gedanken zu “Eines Tages, von jetzt auf gleich

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