Stadtpoem

Nett sind die da. Da in der Stadt, von der eine große Tageszeitung in einem anderen Bundesland vor Jahren schon titelte, dass eine Autobahn die Stadt in zwei Welten von arm und reich teilt, und dass die einen von der Lebensrealität der anderen nichts wissen. Da in der Stadt mit den gefakten Petras, in der Stadt mit dem Anschlag letzten April, der international bekannt wurde, aber doch schon wieder vergessen. Da in der Stadt mit dem Heim, dessen Medikamentenversuche im letzten Jahr als erste frontal bekannt wurden, in der die Stadt, in der die Eltern von M. und von O. mit Linealen geschlagen wurden, weil sie ihre Sprache nicht nutzen sollten. Da in der Stadt, in der ein Bildungszentrum für Menschen wie sie direkt neben einer Hilfeeinrichtung für Drogenabhängige ist, beides abgedrängt in eine klaustrophobische Straße in der Nähe vom Rotlichtbezirk und einer Glasfestung wo mal ein würdiges Kaufhaus gestanden haben soll. Da in der Stadt mit dem Buchkasten vorm Theater und dem Ärztehaus daneben, in das man ohne Privatversicherung wahrscheinlich nicht reinkommt. Da in der Stadt wo nur ein paar Meter weiter die unglücklichen Trinker stehen. Nett sind die da. Da in der Stadt, in der jemand genau zwischen Fußgängerzone und Übergang zur Schmuddelecke „Ja, leck mich fett!“ sagt und meint, dass ihm schon alles egal ist.

Advertisements

6 Gedanken zu “Stadtpoem

    1. Nur aus Interesse: Sind die Sachverhalte, diejenigen, die in den Medien waren, zu dir durchgedrungen nach Griechenland hin? Ich weiß ja nicht, ob und wenn was du in deutschen Zeitungen oder Onlineportalen liest.

      Gefällt 1 Person

      1. Nein, dergl., ich kenne die einzelnen Sachverhalte nicht aus den Medien, wenngleich ich deutsche Nachrichten online lese (aber natürlich meist nur die großen internationalen Themen verfolge). Um deinen Text gut zu finden, brauche ich das auch nicht zu kennen. Du schreibst ja, worum es geht, und die Art, wie du es schreibst, ist wie Schläge an der Wand.

        Gefällt 1 Person

        1. Das finde ich eine gute Aussage. Diese Stadt (Essen im Ruhrgebiet, musste ich wegen neuerdings verschobenem Behördenzeug hin) ist irgendwie… gespalten ist der falsche Ausdruck. Ich finde es auf eine negativen Weise skurril. Geben sich als ach so… (da wohnen die Aldis), haben aber gleichzeitig riesige Probleme und mittendurch die A40. Eine Seite arm, eine Seite reich. Mit Berlin allerdings wahrscheinlich nicht vergleichbar, auch wenn die „reiche“ Seite das vielleicht gern täte.

          Die dortige SPD-Politikerin Petra Hinz (so war glaube ich der Nachname, ich habe das nicht speziell verfolgt) war überregional in den Medien weil sie ihren Lebenslauf gefälscht hat.

          Im April wurde dort eine Bombe an einem Sikh-Tempel gelegt. Das wurde aber keineswegs so behandelt wie das in Ansbach oder München (Berlin ist eine andere Relation). Ich habe das erst aus der ausländischen Presse erfahren, Kunde reichte also zeitnah nichtmal bis Nähe D’dorf. (Oder wir lesen das „Falsche“…)

          Gefällt mir

    1. Das ist interessant wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist je nachdem welchen Fokus man hat. Dass du in Essen wohnt habe ich bei dir gelesen, je nachdem wo, ist man vielleicht auch von der Sichtweise eher so, dass man sich auf seinen eigenen Stadtteil konzentriert, wenn’s jetzt nicht gerade ein Innenstadtnaher ist. Das ist ja überall so. Hier ist Kleinstadt, aber zu Hause in Heidelberg war’s auch so. Und zumindest die Ecke Lichtstraße/Hoffnungsstraße (schön klaustrophobisch) bzw. dann Stahlstraße Richtung Rheinischer Platz ist ja auch nicht das, was man so auf dem Schirm haben möchte.

      Mein Großvater mütterlicherseits war Bergmann auf Emil-Emscher in Vogelheim, aber frag mich nicht genau wo das ist/war, ich hatte mit der Stadt nie was zu tun (bin nicht in NRW aufgewachsen, meine Mutter hat nach München geheiratet). Ich war wohl einen Sommer Anfang der Nullerjahre im Ruhrgebiet und gelegentlich in Essen, aber das war Holster- und Frohnhausen. Damals war die innerstädtische Ecke um den Kopstadtplatz noch nicht so schmuddelig. Ich erinnere mich, dass es in der Passage einen guten Laden für Musikzeug gab und in der Nähe (Rothstraße oder so hieß die) gab es damals einen guten Italiener, da haben wir oft gegessen.

      Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.