Durch die Mauern

Schon seltsam. Da soll ich nun also, werde ich gebeten, über den Diddl-Maus-Jungen schreiben. Über ihn, Herrn Erwärsogerndernächstetimmälzergewordenheld mit seinen Wunden und dieser Biografie, die ihm keiner glaubt, wenn er erzählt aus welcher „Schicht“ er eigentlich stammt.

Aber nicht so wie hier, ich soll als eine von mehreren in einem Sachtext die Beziehung zwischen ihm und unserem Vater beleuchten. [Es geht in dieser Sachtextreihe um dysfunktionale destruktive Beziehungen zwischen Eltern und den nicht gehandicapten Geschwistern geburtsbehinderter Menschen.] Das ist schwer, diese Machtspiele durch extreme Gewalt bis hin zur Tötungsabsicht, aber bestimmt kein erwachsenes Verhalten zu durchforsten, und dann noch mit dem Fokus darauf was das für die Behindertenarbeit und die Einstellung meiner Eltern zu Menschen mit Handicap bedeutet. Was es bedeutet, dass dieses nie erwachsen gewordene Kind, dieser überlebende, eineiige Zwilling, der mit achtzehn heiratete seinem Sohn alles neidete (keinen Zwilling zu haben, und erstrecht keinen toten, den man verschweigen „muss“, intelligenter als er selbst zu sein, nicht an der Flasche zu hängen, dieses blöde, konsumgeile, kalte, motzende, neurotische Weib nicht geheiratet zu haben, keine Mutter zu haben, die einen Betrieb führt… freie Auswahl) und deshalb unter anderem zuschlug, welchen Zusammenhang das vielleicht mit mir (Frau, die den Betrieb hätte wieder aufbauen sollen, wenn es nach meiner Großmutter gegangen wäre und noch dazu „Intellektueller“) hat, bei der er sich relativ früh nicht mehr traute physisch zu werden, nicht nur weil man an mir als „Behinderter“ vielleicht etwas gesehen hätte [Behinderte können nichts und balgen folglich auch nicht, und Mädchen sowieso nicht, die Hämatome hätte man nicht erklären können], sondern auch weil ich im Gegensatz zu meinem Bruder die Schnauze nicht gehalten habe, versucht habe zu kommunizieren, was bei uns hinter der Fassade und den schicken Autos und den schönen Sachen abging. [Wo ist eigentlich meine rote Yamaha, du Arschloch? Außerdem will ich den orangeweißen Uvex aus dem Hein Gericke Katalog! *Mein Vater hat mir als Kind ein rotes Motorrad versprochen, ich hatte mir sogar schon eine Kluft ausgesucht, für wenn ich groß bin*] Mich konnte er mit Schweigegeschenken nicht kriegen.

Eigentlich habe ich auf genau das oder zumindest so etwas Ähnliches schon seit Jahren gewartet. Einen Anstoß um genau auf diese Art über genau das reden zu können. Nicht weil ich reden müsste, sondern weil es gesagt gehört. Und jetzt kann ich und soll ich und die Erkenntnisse aus dem kompletten Projekt und allen Beiträgen könnten auch Geschwistern, die in ähnlichen Konstellationen aufwachsen müssen wie mein Bruder vielleicht helfen, den ein oder anderen Fettnapf nicht mit zu nehmen, die ein oder andere Dummheit nicht zu machen, weil durch das Vorhandensein so eines Readers vielleicht kommuniziert werden kann Hey du, es ist nicht nur dein Gefühl, dass was falsch läuft, es LÄUFT falsch und dagegen KANN man was machen, darüber KANN man reden. Aber ich fange und fange nicht an. Ich bekomme noch nicht mal meine Notizen geordnet.

Ich sage mir auch nichts wie, ich habe noch Monate. Es ist einfach die Angst davor die Macht zu haben Wände einreißen zu können. Auch wenn es Gefängnismauern sind.

(Gäbe einen schönen Titel der Satz, oder?)

Advertisements

4 Gedanken zu “Durch die Mauern

    1. Feiner Kommentar. Die hier genannten sind Mauern, die eingerissen gehören und ich gehöre zu den Leuten mit dem Zündschlüssel zur Abrissbirne. Ich muss nur herausfinden wie man so ein Ding steuert.

      Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.