Damian, Susanne und ich

Weil ich in der letzten Woche viel mit Damian rede oder er mit mir, muss ich gelegentlich an Nadine [achter Absatz] denken. Sie war nicht das Vorbild für diese Figur, das war die Person auf deren Impuls hin ich nach Heidelberg ging. Beide dürften nicht mehr leben.

Damian ist der Protagonist aus meinem abgebrochenen Romanprojekt von 2004/05. Ich fand die Word-Dokumente wieder und weil ich das Gefühl habe, dass sich gerade wenn auch weniger mächtig eine ähnliche Transformation vollzieht wie damals, zu der Zeit, in der ich es schrieb, beschloss ich es wenigstens in eine lesbare Schrift zu bringen – mir tut die damals, weit vor der großen Kopf-OP, gewählte heute in den Augen weh – und ein paar Rechtschreibfehler zu korrigieren. Außerdem muss ich irgendwann in all den Jahren eine Figur zerstört haben, dank der Atelier-Kind-Eltern konnte ich sie jetzt kleben.

Einiges von damals kann ich nicht mehr spüren, aber ich weiß, dass es zu dem Zeitpunkt damals richtig war und es war wichtig. Wahrscheinlich wäre es in aller gewollten sprachlichen Kompliziertheit ein gutes Manuskript geworden, wäre es nicht mittendrin abgebrochen, weil ich den Kontakt verloren habe. Das, was da ist 86 Seiten in Word, entstand damals als und im Fluss und weitgehend automatisch in einer Stresssituation.

Doch, es wäre gut geworden. Es ist auch gut. Es ist nur nicht lesbar. Die Sprache ist bewusst gekünstelt. Das hatte er von mir, der Protagonist. Ich verhaue noch immer gelegentlich grammatikalische Fälle, aber ich kann verständliches, normales Deutsch von mir geben. Der Rest meiner Familie nicht, bei uns wurde ja nicht gesprochen. Vernünftig schon gar nicht, wir sind ja wer und haben das nicht nötig… Damians Familie schon, deshalb spricht er in gewissen gestelzten Eigenheiten – Fragewort am Satzende – um sich von ihnen abzulösen. Seine Familie hat auch einen anderen Hintergrund als meine. Die sind so wie man von uns denken würde, wenn man sich die einzelnen Leute anschaut, auch wenn mir das damals noch nicht so klar war.

Manchmal frage ich mich ob es nicht Sinn gehabt hätte, das Ding irgendwann zu zeigen. Irgendwem, der es nicht verurteilen kann. Aber dann denke ich daran wie schwer es ist in diese Sprache reinzukommen und in diesen Mann. Er wurde bewusst ein Mann, weil ich Frauen damals ausschließlich in weinerlich und märtyrerhaft und damit ziemlich eindimensional konnte, das ist das Frauenbild meiner Kindheit, von dem man mir innerhalb der Familie übel nimmt, dass ich nicht so wurde. [Irgendwas davon habe ich definitiv abbekommen, aber eben nicht – ich bin ja bekanntlich kein richtiges Mädchen – in der Ausprägung und nicht so, dass ich auch noch stolz drauf wäre. Wenn so was ganz quer läuft, schauen Sie sich Mikesch an.] Ihn nimmt man für voll. Außerdem gäbe es für diesen Text keine Darstellungsform, es gibt nichts in dem sich fast seitenlanger Blocksatz halbwegs entspannt liest. Damals bekam ich das hin, heute muss ich mich durchkämpfen. Ich hätte die Konzentration gar nicht mehr, vielleicht konnte ich es auch damals noch aus Wut. Es lassen sich auch 25 Seiten Kapitellänge außer im Ausdruck nicht bequem lesen.

Manchmal frage ich mich aber auch, ob ich es nicht deshalb aussetzen müsste. Es kann nicht anders sein als es ist und das, was darin gesagt wird kann nicht anders dargestellt werden und dabei von meiner Person weg gesehen [jeder, der weiß was ich für Eltern habe fragt automatisch ob das Ding autobiografisch ist – zum Glück nicht], zumindest nicht wenn man meinen damaligen Reifegrad berücksichtigt. Trotzdem gibt es Momente in der Korrektur, in denen ich denke Das geht nicht, dann wüsste man zu viel von dir, eben weil dieser junge Mann so glaubwürdig ist.

Gelegentlich warte ich dann auf die innere Frage Tut man das nicht eh schon? weil gerade in den fiktionalen Texten und gerade in denen, die ich wirklich als Texte sehe immer etwas von mir drin ist. In Materie und Form sehr indirekt, weil Jule und ich unterschiedlich sozialisiert sind, aber die Glaubenssätze über behinderte Sexualität und um nichts anderes geht es bei Jule, Moritz und Maja, die habe ich so auch eingetrichtert bekommen. Ich habe, wie Jule, auch spät angefangen. Viele andere fangen überhaupt nicht an. Zwei unterschiedliche Sozialisationen, zwei die aus der Reihe tanzen, weil sie überhaupt anfangen und beide sind auch irgendwie an ein Kind gekommen. Jule an ein eigenes, ich an das Atelier-Kind. Was man von Frauen wie uns in der Mutterrolle hält, hatten wir hier schon.

In dem, was einmal die „Susanne“ werden wird und dann natürlich nicht mehr „Susanne“ heißen wird, sieht man etwas anderes. Das Mädchen dort hat ein Rollenmodell. Das haben nicht wirklich viele Kinder mit Behinderung. Wir sollen am Besten so sein wie die ohne Behinderung, aber das geht nicht 1:1. Dieses Spannungsfeld kann wie Doppelbindungskommunikation wirken und in der „Susanne“ marschiert mitten in dieses Feld, nach der ultimativen Niederlage für die kindliche Protagonistin, das erwachsene Rollenmodell und vermittelt ihr, sie muss sich das nicht gefallen lassen. Erst letztens fiel mir auf, dass ich mich möglicherweise an einem unbewusstem Modell aus meiner Kindheit orientiere: Im Bekanntenkreis meiner Eltern gab es einen Banker mit MS. Ihm sah man die Krankheit noch nicht an, aber er sprach häufig davon, dass er irgendwann einmal schlecht und dann gar nicht mehr laufen können würde. Der hatte immerhin mehr gemein mit mir als mit meinen Eltern oder ich mit denen. Vielleicht war das sogar ein Grund warum ich die „Jungenbildung“ geschafft habe. Ich habe das gefordert und nie in Frage gestellt warum ich es wollte, ich wusste nur, dass es mir zustand. Aber es ist schon ein seltsamer Gedanke, damals wie heute: Warum hat kein anderes Mädchen aufgemuckt? Ich war ja nicht nur in meinem Jahrgang die einzige, die mit den Jungs lernte. Warum hat keine gesagt, sie will nicht nähen und kochen, ganz egal wie viel Geld ihre Eltern dafür bezahlen, sie will mehr von Geographie wissen als die fünf Kontinente oder sie will wissen was eine Hypothenuse ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die alle einfach geglaubt haben, es gibt nichts anderes oder wird schon recht sein, wird ja bezahlt. Alle keine Vision? Keine Ahnung was werden könnte? In der Bank arbeiteten außer dem Bekannten meiner Eltern nur Leute, die nicht MS hatten. Da wo ich war, war kein anderes Kind mit Handicap. Vielleicht war das so, dass sich das eingegraben hat und sich in die „Susanne“ hineinschlich.

Das Interessante ist, ich kann sehen wo ich hinging oder in all der Zeit hingegangen bin: Von der „Susanne“, wenn sie mal fertig ist, bin ich sicher, dass ich sie aussetzen werde. Irgendwie. Vielleicht zeige ich sie Ihnen. Die Geschichte von Jule, Moritz und Maja hatte ich Ihnen ja auch gezeigt.

In der Praxis sieht das so aus

Petra erklärt hier sehr schön wie das mit dem Persönlichen Budget so ist. Diese Leistung ist Menschen, die noch nicht davon betroffen sind sie zu brauchen – also auch Menschen mit Handicap, die keinen entsprechenden Bedarf haben – oft unbekannt und wenn sie den Begriff kennen, dann wird er oft missverstanden. Es ist kein Geld, das man einfach so bekommt, davor steht ein kompliziertes Antragsverfahren, das manchmal – meine Erfahrung – auch ziemlich lange dauert. Man kann damit nicht machen was man möchte – also nein, es ist keine Leistung damit man sich mal eben Klamotten oder schicke Speichenschützer [also so was hier, das gibt es wider Erwarten einiger Menschen nicht kostenfrei dazu], stylishe Hörgeräte oder etwas in der Richtung kaufen kann -, es ist zweckgebunden. Man muss die Ausgabe exakt nachweisen und wehe man verliert eine Quittung oder vergisst eine auszustellen. Wenn man das Geld nicht im vorgegebenem Zeitraum für die vorgegebene Leistung ausgibt oder – wie Petra, Carsten und Wiebke momentan – mangels Leister nicht ausgeben kann, dann besteht jederzeit die Möglichkeit, dass man das Geld verliert oder bei einem Verlängerungs- oder Neuantrag nicht bekommt, auch wenn es dringend nötig sein sollte.

Weil Petra bei sich und ich hier Ihnen das jetzt so schön erklärt haben, seien Sie doch so gut und verbreiten diesen Artikel von der Internetseite von Petras erwachsenen Kindern, für deren Assistenz das Budget genehmigt wurde. Verlinken, bei twitter und Co. teilen, wenn Sie fragen, dürfen Sie vielleicht auch rebloggen… Petra ist nicht mehr die jüngste, hat selbst Behinderungen und sie möchte nicht, dass ihre Kinder irgendwann ins Heim zwangseingewiesen werden müssen, weil sie total zusammenbricht. Wie der Alltag so läuft und wie schwierig sich die Suche gestaltet berichtet sie oft in ihrem Blog.

[Nur zum Vergleich: Mikesch ist gleich alt mit Petra und heult rum oder rastet aus wenn ihr jemand, sei es ein Amt oder eine Privatperson, sagt, es ist nicht zu viel verlangt, dass sie gelegentlich – ich brauche nicht jeden Tag ein neues Elektrogerät – mit mir zusammen einkaufen geht und die großen Sachen trägt, weil ich es nicht kann, da ich mit meiner einen gebrauchbaren Hand die Gehhilfe steuere. Die Atelier-Kind-Oma, auch etwa gleich alt, steht kurz vorm Nervenzusammenbruch mit Vogelzeigen und sich ungerecht behandelt fühlen wenn ihre Tochter, die Atelier-Kind-Mutter, ihr vorlegt, dass es für Probleme mit der Telekom keine Dolmetscherkostenerstattung gibt und sie bittet, es ist ja auch für die Kinder, dass sie mal zwanzig Minuten ihrer Zeit opfert um bei der Hotline anzurufen oder mit in den Laden zu kommen. Die Assistenz wie die beiden es in Ausnahmefällen (sic!) einmal machen sollen, wirklich nur dann, wenn es nicht anders geht, ist Kinkerlitzchen (sic!) verglichen mit dem, was Petra jeden Tag 24h (sic!) leistet.]

Und ja, das Budget ist wenig, da können aber die Betroffenen nichts für. Ich weiß, weil ich auch mal einen Antrag gestellt habe um einen Assistenten bezahlen zu können, wie scheiße man sich fühlt wenn man jemandem die sprichwörtlichen paar Euro fünfzig pro Stunde erklären muss.

Das Himmlische Kind

Der Wind, der Wind das Himmlische Kind ist ein Lied aus Elisabeths Kindheit. Sie hat es gemocht, aber es fällt ihr heute schwer daran zu denken, denn es ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass ihre Familie geglaubt hat, es ginge ihr „da oben besser“. Erst letztens fragte Elisabeths Mutter, ob sie denn nicht verstehen könne, wie schwer es sei gerade so ein Kind zu leben, könnte sie nicht das Gefühl des Versagens verstehen, das man da als Frau hat, verstünde denn E. – nicht einmal mehr Elisabeth – gar nichts von der Liebe.

Elisabeth geht gegen den Nachtwind nach Hause und denkt sich Manchen Menschen wünscht man am Besten alles Gold der Welt und lässt sie liegen. Im Kopf klingt es wie lügen.

Diesmal über eine etwas „andere“ Form von Liebe für textstaubs abc.etüden.

[Wenn Sie schon länger mitlesen, können Sie aus der Thematik vielleicht meine derzeit intensive Beschäftigung mit dem, was einmal die „Susanne“ werden wird erahnen. Elisabeth hat mit den Charakteren in der „Susanne“ nichts zu tun. Solche Mütter gibt es viele und was aussieht wie ein Tippfehler ist keiner.]

Kleine Trivialität

oder Das Kochbuch

(damit wir hier auch mal was Schönes haben, kommen Ihre beiden Lieblingsprotagonisten drin vor)

Für eine Münze dem Atelier-Kind schon vor einer Weile ein Kochbuch gekauft. Antiquarische Neuware, insoweit man bei einem 32 Jahre altem unbenutztem Buch von neu sprechen kann.

Ich hatte das Buch selbst und ich weiß noch, dass Mikesch es mir in dem Laden gekauft hat, in dem ich damals die Bastelbücher gekauft habe. Natürlich nur zum gucken, gerade die Hamburger durfte ich ausprobieren, denn wir lassen ja kochen. Aber an dem Tag, an dem ich das Buch bekommen habe war die Mutter von einem Mädchen aus meiner Schule dabei und man muss ja beweisen, dass man da ein Mädchen erzieht….

Das Interessante ist, dass jeder in etwa meinem Alter, dem ich das Buch zeige oder davon erzähle sich erinnert es auch gehabt zu haben.

Des Mit-Künstlers Exemplar hat den „Alten Seebären“ darin nicht überlebt. Die näheren Umstände des Buchtodes durch ein Kinderpartygetränk ohne stattfindende Kinderparty haben mit der Mit-Künstler-Mutter zu tun. Wenn man weiß was an Tagen, an denen Kinder eigentlich Party machen sollten ganz normal ist, dann will man den Rest nicht so genau wissen. Das Buch war hinüber, mehr zählt nicht.

Was Philipp aus dem Buch lebhaft im Gedächtnis geblieben ist – und es wurde sofort die Erinnerung durch hastiges Blättern überprüft – ist das Rezept für den Nudelsalat. Ohne Mayonnaise, aber mit Ananas. Urgh, bruah und pfui. Nicht die Ananas an sich, sondern mit Nudeln.

Das erzählt er ausgerechnet dem Handschuhschenker, einem Menschen mit ausgesprochenem Faible für Ananas und zeitweisem Hauptnahrungsmittel Toast Hawaii. [Und, das wollen wir lobend erwähnt haben, nicht geringem Stolz darauf selbst stockbesoffen, unterzuckert und verpennt die Küche bei der Zubereitung nie lichterloh in Flammen aufgehen lassen zu haben.]

Der findet, dass Ananas in den Nudelsalat reingehört. Er kenne das gar nicht anders. Was wir Erbsen-und-Möhren-und-Dosenchampignon-Generation denn haben. Ohne Ananas ist das für ihn kein richtiger Salat.

„Du isst aber auch alles mit Ananas.“

„Ja, sicher.“

„Ich kippe in den nächsten dann mal Gummibärchen.“

„Aber nur die weißen.“

Das Atelier-Kind ist allerdings eher verwundert, dass es damals schon „Sandwiches“ gab. Wir haben uns doch so penetrant bemüht ihm beizubringen, dass das früher „Butterbrot“ hieß.

[Außerdem versteht er eins nicht: Das Buch war ein Jahr eher auf der Welt als mein Bruder, das Buch ist an sehr vielen Stellen blau und der Bär oben drauf sieht auch aus wie ein Koch und keine Köchin. Warum habe ich dann erzählt, dass mein Bruder nicht Koch werden durfte, weil meine Eltern fanden, dass es ein Frauenberuf ist? Haben die keine Bücher gelesen? (Nein, haben sie nicht.)]

Gedanken zum Tag

Zwei Artikel auf den kobinet-nachrichten:

Bundestag gedenkt der Nazi-Opfer

Lebenshilfe NRW fordert Opfern einen Namen zu geben

 

Die Künstler unter Ihnen fragen Ihre Suchmaschine vielleicht als Beispiele nach der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler und nach Gerhard Richters Tante Marianne Schönfelder. Das Bild von der 14 Jahre alten Tante mit ihren Neffen als Baby ist weltbekannt geworden, die Geschichte dahinter nicht unbedingt.

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Mir ist vor Kurzem jemand begegnet, der aus Protest gegen das in Kraft getretene Spar…äh… Teilhabegesetz und die Nachteile, die er persönlich dadurch hat von sich sagt, er will nun AfD wählen.

Kann man sich wenn man das liest erstmal nicht vorstellen, oder? Man denkt doch, gerade einem von diesem Gesetz in seiner Freiheit beschnittenem Menschen müssen die zutiefst zuwider sein, der muss doch wissen was die mit ihm machen würden, wenn sie könnten. Deren Ausfälle gegen Behinderte – unter anderem den Lehrer Pablo Pineda aus Spanien (Stefan Rose vom Blog Fliegende Bretter hat 2014 über diesen speziellen Ausfall berichtet) -, sind doch bekannt, man weiß doch was die von der UN-Konvention und Inklusion und Menschenrechten überhaupt halten.

Vielleicht denkt man auch, dass dieser Mensch uns anderen alle in den Rücken fällt, dass er nach all denen tritt, die in irgendeiner Form bei den Protesten gegen das Spargesetz dabei waren – damit sind auch die noch nicht Betroffenen gemeint, die sich mit den Betroffenen solidarisiert haben -, oder denen, die sich seit Jahren oder Jahrzehnten in der Behindertenbewegung dafür stark machen, dass endlich anerkannt wird, dass gleiche Rechte keine Sonderrechte sind.

[Steht im Grundgesetz – „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ -, hält sich aber kaum einer dran. Viel eher ist es oft so, dass wir nicht „niemand“ und damit erstrecht nicht „jemand“ sondern „Kostenfaktor“ sind. Ein Kostenfaktor ist eine mitunter abstrakte Sache, Menschen sind konkret existente Lebewesen.]

Ich kann verstehen was „man“ denkt. Es gleicht automatisch jeder etwas Neues mit etwas bereits Bekanntem ab und als Außenstehende hätte ich mir wohl auch solche Gedanken gemacht. Auch meinem Assistenten stand über das ganze Gesicht etwas zwischen Wie kann er? und Was hat der Typ eingeworfen um so eine Scheiße zu labern? geschrieben.

Ich kann und muss die Beweggründe dieses Menschen nicht verstehen und erstrecht nicht gutheißen. Ich muss diesen Menschen auch nicht mögen oder für ihn eine Ausnahme machen, nur weil wir qua Geburt zur gleichen Minderheit gehören. Ich will mit niemanden, der dieser Partei aus irgendwelchen Gründen gedenkt seine Stimme zu geben mehr als unbedingt nötig zu tun haben. Hallo und Tschüss und Soll ich die Tür auflassen? – Prinzipien über Personen und es kann kein Rollstuhl etwas für die Ansichten seines Nutzers – und das war es dann an Kommunikation zwischen uns. So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Punkt.

Ich erzähle Ihnen das, weil es ein gutes Beispiel dafür ist, dass die unfreiwillige Zugehörigkeit zu einer Minderheit, wenn auch einer, die tägliche Diskriminierung in verschiedenen Arten erlebt nicht qua Genetik oder Sozialisation davor schützt, solche Entscheidungen zu treffen oder Entstellungen zu entwickeln. Es gibt Menschen, die glauben das mit der Genetik wirklich.

 

[Die Original-Version des Liedes haben Heaven 17 Anfang der Achtziger aufgenommen, dieses Cover ist von Ende der Neunziger. Wenn Sie es abspielen, ersetzen Sie im Kopf „Reagan“ mit „Trump“, „Höcke“, „Petry“, „Orban“, „Wilders“, „Le Pen“ oder wer Ihnen gerade einfällt.]

Guten Tag

Eine der vielen unausgesprochenen Regeln im Skript wenn man mit einem Suchtkranken zusammenlebt ist: Niemand darf gesünder sein als der Suchtkranke. In meiner Familie gibt es neben dieser noch eine Spiegelung davon, es darf nämlich auch niemand kränker sein als Mikesch. Das geht gar nicht, das bilden die sich alle nur ein, weil die alle nur Aufmerksamkeit (die Mikesch zusteht) haben wollen und das fängt die Mikesch gar nicht erst an. Weil, dann kommen die noch auf dumme Gedanken, echt jetzt.

Laut einer SMS von K. sind ihre beiden Söhne, die eigentlich wegen einer Familienfeier vor Ort waren heute Nacht auf die dumme Idee gekommen, den Diddl-Maus-Jungen in die Notaufnahme zu bringen obwohl die Mikesch so schlau war zu erkennen, dass er nur spielt. So einen muss man unbeachtet sitzen lassen, dass der blau im Gesicht wurde hat er bestimmt geübt…

Dass der ältere Sohn von K. von unterlassener Hilfeleistung durch Mikesch spricht versteht sie auch nicht. Was der immer ein Theater macht, also ehrlich…

Außerdem soll der Diddl-Maus-Junge nicht so tun und gefälligst nach Hause kommen, im Krankenhaus nimmt der nur Leuten die ehrlich krank sind das Bett weg und bei der Kälte läuft sie nicht zum Einkaufen…

Wahrscheinlich sitzt sie jetzt mit Äffchen – Entzugserscheinungen – in der Gruppe. Die haben bei K. angerufen, Mikesch „räumt um“ und möchte bitte abgeholt werden, die können sie nicht händeln.

Nachmittagkaffee

Das Fremde sind die Gespräche wie sie andere Leute führen. Das denkt Margot jedes Mal wenn sie hier sitzt, in diesem Café und sich nach der Stille von früher sehnt. Flüstern mit Erich, Tuscheln mit Ella und Tilly – Ruhe mit Rosenstrauß statt Nervröterei mit Narren. Da wo sie her kam war „Narr“ bloß ein Wort für einen Mensch, der nach etwas verrückt war gewesen. Sie war eine Kaffee-und-Käsekuchen-Närrin so wie Alma, der das Café gehörte eine Rosennärrin war – wenn sie das nicht hatte, dann fehlte ihr was. Dazu noch ein schöner Plausch und die Welt war in Ordnung. Warum all diese jungen Leute, selbst die Mütter mit ihren Babys am Busen, ausgerechnet hier nur auf ihre Telefone starren mussten hatte sie nie verstanden. Dieses Getapper war nichts als die Einsamkeit der Menschen.

Da hinten geht Erich über die Ampel und kommt auf das Café zu.


Für die abc.etüden von textstaub