Stadtpoem

Hinter der Scheibe wird es hell und von innen sieht es aus wie Eis, obwohl das Glas nur beschlagen ist. In ein paar Stunden wird es feucht sein und das Leder zum Abwischen nass.

Jenny sieht nicht weil sie wollen würde hin, es gibt hier nichts anderes. Ansonsten ist da nur noch die Atmung.

So fühlt es sich also an, denkt Jenny. Dieses erste Mal, dass man nicht mehr nach Hause kann. Sie stellt sich vor, sie wird schleichen, weil es trotzallem unvermeidbar ist, weil das Haus ja noch steht. Auch die Schlüssel hat sie noch, es ist nur nicht mehr ihr Zuhause, auch wenn sie das jetzt zum ersten Mal merkt.

Nägel mit Köpfen, Johanna, hatte Alisa gesagt. Alisa, deren Name noch bescheuerter war als ihr eigener, weil eine Alisa ein andauerndes Kind war. Unter dem Namen konnte kein erwachsener Mensch durchgehen.

Und Jenny: Ich heiß nicht Johanna.

Da wo sie herkam hießen Jungs statt Johannes Jenke und Mädchen statt Johanna Jenny. Jenny mit J, nicht wie in Jennifer.

Jennifer war jemand anderes, aber an diese Jenny dachte Jenny nicht. Nur: Ich heiße Johanna.

Scheiße.

Jenny weiß nicht was auf dem Boden ihre Sachen waren. Es ging alles so schnell, dass sie nicht darauf geachtet hat. Sie kann auch nicht aufstehen, weil sie nicht weiß, was ihr peinlicher wäre: Sich anzuziehen während Alisa noch schläft oder erst dann aufzustehen, wenn die wach war.

 

Du hast es nicht anders gewollt, sagt Alisa. Sie steht an der Balkontür und raucht. Die Knöpfe an der Bluse sind offen und Jenny hält sie in dem Moment für so abgebrüht, dass sie das auch nackt getan hätte.

Ich sage ja gar nicht…

Johanna, der Ofen ist aus! Kapier das doch, du bist Tanja scheißegal! Und nicht erst seit gestern.

Wenn das so wäre, ginge es mir jetzt nicht scheiße.

Ich bin es nicht schuld.

Sage ich ja gar nicht.

Alisa drückt die Kippe aus, wirft sie nach draußen und knöpft sich zu.

Jenny fragt sich was das für eine Beschreibung sein soll, aber es stimmt. Mit jedem Knopf wird Alisa unerreichbarer.

Jenny fühlt sich wie ein Kind.

 

Ein einsames Mädchen, das auf der Straße Himmel und Hölle spielt. Jenny kickt einen Stein. Eine Cola-Dose wäre ihr lieber. Alisa war wie Eileen und von der war sie weg zu Tanja. Zum ersten Mal bei einer Gleichaltrigen, keiner jüngeren, die sich noch die Hörner abstoßen musste. Da hatte sie sich gut gefühlt. Als Frau, nicht als Ersatzmutter eines zu alt gewordenen Teenagers. Nicht so als wäre sie ihre eigene Mutter, die hatte mit ihrer Unreife immer nur alles verkackt und jammerte über ihr schweres Schicksal, und dass ihre Kinder alle so geworden waren wie das Schwein, ihr Vater.

In Jenny zieht sich etwas zusammen als sie das Schild mit dem Straßennamen sieht.

Ich hasse dich, denkt sie und spürt das Gefühl in dem Moment wirklich. Aber sie weiß nicht ob sie Tanja, ihre Mutter oder sich selber meint.

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