Das leere Wasser

Das Atelier-Kind und ich lesen im Moment Papas Arme sind ein Boot von Stein Erik Lunde und Oyvind Torseter [durch das O vom Oyvind einen Schrägstrich denken], weil er wissen möchte woran ich so intensiv arbeite. Was steht da in der schwarzen Kladde drin? Die gibt es erst seit letzter Woche und ich schreibe dauernd etwas dazu, also was mache ich da?

Es ist ein schönes Buch, schwer, aber tröstlich, sagt nicht zu viel und nicht zu wenig, lässt einem Raum, aber lässt einen nicht allein, diese Geschichte von dem kleinen Jungen und seinem verwitweten Vater. Ich hätte mir gewünscht, solche Bücher hätte es in meiner Kindheit gegeben, für den Mitschüler, dessen Mutter an Krebs starb und die Freundin, deren Vater tödlich auf seiner Arbeitsstelle verunglückte. Dabei weiß ich bis heute nicht ob ein Kinderbuch in Deutschland so möglich wäre. Die Norweger haben eine andere Mentalität und einen anderen Umgang mit so etwas.

Das, was ich da mache in der schwarzen Kladde – die Farbe ist Zufall – seit etwa einer Woche hat nur entfernt mit jemandem, den ich kannte zu tun. Ich habe Irmtraud schon tschüss gesagt. Ich kannte sie wirklich nicht gut. Und ich weiß nicht warum mich Irmtrauds Tod so anrührt.

An dem Morgen wollte ich eigentlich etwas für die Tintenklekse machen. Ich wusste, da kam etwas, aber nicht was und plötzlich fand ich mich in einer verworfenen Idee für eine frühere Inkarnation der „Susanne“ wieder, vierzig handschriftliche Seiten, mittendrin, bis meine Finger anschwollen. Ich weiß noch immer nicht wieso. Aber es ist da und es kann parallel zu dem, was einmal die jetzige Inkarnation der „Susanne“ werden wird laufen. Ich habe so noch nie bewusst mit Texten gearbeitet, aber das geht schon, das ist okay. Es wird schon. Und es ist spannend, weil dieses Stück, das eigentlich für einen kurzen Zeit- und Papierraum, eben wie die Texte in den Tintenkleksen, angedacht war, eben als uneditierte Momentaufnahme, sich so schön selber macht. Satz an Satz, jeden Tag, in den unmöglichsten Situationen. In sich stimmig und in gewisser Weise mehrdimensional [die Charaktere sind nur sehr egozentriert]. Ich kann nicht mehr ohne Notizbuch die Post holen gehen.

Das Atelier-Kind merkt das. So wie er auch merkt, dass das nougatschokoladenblaue Auto nicht mehr da ist. Und die große Frau, die so dünn war wie Porree. Gebärdensprache ist direkt und das war das erste, das ihm an ihr auffiel. Er merkt nur nicht, dass mich dieser Tod angeht. Wie sollte er, ich kannte sie ja so gut wie nicht? Und selbst wenn, Irmtrauds Haare waren grau und für ein Kind ist das so, dass alte Leute eben sterben. Die Mutter in dem Buch von Lunde/Torseter muss jünger gewesen sein, weil der Junge im Buch noch ein Kind ist und irgendwo die Oma erwähnt wird, die noch lebt.

Aber die Wohnung von Irmtraud, will er wissen, sieht die jetzt auch so aus? Bleibt da jetzt auch ungespültes Geschirr stehen und Sachen auf dem Boden liegen? Ich vermute, sie wird schon längst leer sein.

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