Das Atelier-Kind und soziale Fragen

Ich habe es irgendwann schon erwähnt, und implizit erwähne ich es ungewollt dauernd, unser Atelier-Kind ist intellektuell und bildungstechnisch mit den Kindern in seiner Klasse, deren Muttersprache Deutsch ist und die durch die Hörwahrnehmung ein anderes Konzept von Sprache haben gleichauf. Das ist nicht Selbstverständlich. Extra mit großem S, denn es gibt viele Leute, die aus irgendwelchen Gründen glauben, Menschen, die nicht hauptsächlich Deutsch sprechen würden dennoch automatisch Deutsch denken. Tun sie nicht. [Egal ob es sich um Gebärdensprachler handelt oder Menschen mit einer anderen (Laut-)Sprache als Muttersprache.] Das Atelier-Kind wird sein Leben lang in Gebärdensprache denken, vielleicht nicht immer in Deutscher Gebärdensprache, denn seine Hauptsprache könnte utopisch gesehen mal eine andere werden, und dennoch gut Deutsch schreiben und lesen können.

Vielleicht ist das Atelier-Kind sogar weiter. In gewisser Weise, weil er aufgrund seiner Position in der Gruppe und Gesellschaft Zusammenhänge anders begreift. Das, was jetzt war hat mich dennoch von einem Drittklässler überrascht.

Besagter Drittklässler blättert durch das Buch der Dergln, das ich vom Handschuhschenker bekommen habe. Ich schleppe mit meiner verletzten Hand nicht den Scanner durch das ganze Atelier, deshalb bemühen Sie für Bildmaterial bei Interesse bitte Ihre Suchmaschine oder youtube, aber die Dergln sehen ähnlich aus wie Kastanienmännchen. Außerirdische im Kinderfernsehen 1981.

Und was möchte der Drittklässler wissen: Wenn man heute ein Bild von einem Dergl zeigt, fangen dann Leute Streit an, weil diese Figur [die nicht annähernd einen Menschen darstellen soll] braun ist?

Hätte ich von einem Drittklässler nicht als Frage erwartet.

 

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Urlaub

Nun habe ich mich also ein paar Wochen mit leerem Wasser befasst und ging dann zurück zur „Susanne“, ohne dass aus dem Wasser etwas Endgültiges wurde. Das ist okay, es ist ein Teil des Prozesses und es hat Spaß gemacht. Ich habe jetzt wieder Kraft und Ideen mich mit Puppenherden – guten Appetit! – und Rollschuhen, auch wenn weder noch eine große Rolle spielen zu beschäftigen. Manchmal sind auch kleine Rollen, Nebensatzrollen, Requisitenrollen, wichtig. Und He-Man, von dem ich mich als Kind gefragt habe, warum er draußen so rumläuft wie der dergl-Vater zu Hause, hat zwar eine größere oder besser offensichtlichere „Rolle“, geht mir aber genauso wie früher auf die Nerven. Vielleicht weil ich die Handlung nie kapiert habe, denn ich hatte furchtbare Angst vor Skeletor.

[dergl war ein Mädchen, wenn auch nicht so wie meine Eltern das verstehen. Mädchen – ich durfte es nicht, ich wurde ausgelacht oder am Arm vorgezerrt – dürfen sich die Augen zuhalten wenn Skeletor im Fernsehen gezeigt wird oder aus dem Raum rennen, wenn die Figur in einer Spielzeugkiste liegt. Und Jungs sind keine (sic!) Memmen wenn sie Angst vor Salztangen und Milch haben oder davor, dass Glühwürmchen Glo-Worm – Wikipedia-Eintrag mit Bild – nachts ihr Bett abbrennt oder das Sams kommt und sie auffrisst. Nicht wenige Kinder in Suchtfamilien haben solche auf den ersten Blick irrationalen, völlig unverständlichen Ängste, auch vor positiv besetzten Figuren. Wir wussten das natürlich als Kinder nicht.]

Und ich merke – mal wieder – einen großen Entwicklungsschritt im Vergleich zu früher, zu vor dem Kollaps: Damals hätte ich mich geärgert, dass das eine „nichts geworden“ wäre. Früher konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich etwas vielleicht später noch mal gebrauchen und irgendwo einarbeiten könnte, oder dass es vielleicht einfach den Sinn hatte einem bestimmten Gefühl Raum zu geben und damit eine Blockade zu vermeiden und noch weniger konnte ich mir das vorstellen:

Vielleicht waren diese paar Wochen eine Form von Urlaub. Ein Ausruhen und Auftanken. Ich kann nicht reisen, ich habe die Mittel nicht. Und wäre ich gereist, dann, wie ich mich kenne, hätte ich die „Susanne“ in meinem Kopf mitgenommen und hätte nicht entspannt. So fühlt sich das nun aber an, nachdem ich das, was einmal die „Susanne“ werden wird wochenlang nicht im Kopf hatte. Den hatte ich trotzdem voll, mit dem Wasser, dem Spar…äh…, dem Atelier-Kind, Mikesch und meiner verschobenen OP – auch Operateure werden krank -, sowie meiner Handverletzung vom ersten Weihnachtstag, aber was den Komplex um die „Susanne“ angeht bin ich erfrischt.

Ein interessantes Phänomen.

 


 

Übrigens: Mein Tintenklecks von heute Morgen, trotz Schwillhand ganz schön.

 

Kaffee mit Flecken

Ganz zu unrecht war Mikesch nicht säuerlich. Der Online-Händler ihres Vertrauens hat sie tatsächlich in die Pfanne gehauen, nur anders als gedacht.

Es handelt sich nämlich nicht um ungelesene Neuware, wie wohl in der Angebotsbeschreibung angegeben, sondern um ein gelesenes Exemplar von 1984 mit Gilbungen und Stockflecken, dessen Zustand zwar nicht katastrophal, aber auch nicht als gut zu beschreiben ist. Akzeptabel wenn man es nur einmal liest. Trotzdem ist die fehlerhafte Beschreibung dreist. [Andererseits, wir wissen ja wo sie am Liebsten kauft…]

Da sie aber, wie wir wissen, das Angebot von Beginn an falsch verstanden hat kann oder konnte sie nicht reklamieren. Ich kaufe da nicht, also weiß ich nicht genau was geht und was nicht.

Der Gedanke zählt. Auch wenn es nach wie vor nicht das ist, was sie geglaubt hat zu bestellen. Das hat sie – das finde ich wirklich lieb von ihr – in einer Last-Minute-Aktion noch woanders besorgt. Mit Autogramm von dem drauf.

[Natürlich nicht, es ist seine Handschrift.]

Aber das Malbuch, das ist toll. Da ist Ägypten drin und Afrika und China und Asien [und der Rest der Welt.] Da freut sie sich riesig.

In meinen Suchbegriffen taucht schon die ganze letzte Woche geschwisterkinder verunglückt auf. Ich weiß nicht wie das kommt. Mehr als mein Mitgefühl kann ich dazu nicht bieten, ich hatte mal einen Schüler als ich noch Schulbibliothekarin war, dessen Bruder bei einem Unfall gestorben war und wir waren alle hilflos. Es war sehr schwer für den Jungen.

Liebe Suchende, vielleicht finden Sie hier, bei Leben Ohne Dich (Selbsthilfe von verwaisten Eltern) etwas, das Ihnen helfen kann, es gibt dort auch Foren und Gedenkseiten für Geschwister.

Herrn Kaffees Tagebücher will doch keiner lesen

Mikesch ist säuerlich. Der Online-Händler ihres Vertrauens [sic!], das mit dem Vertrauen ist wichtig, hat sie beschissen.

Wollte sie mir so eine schöne Kladde schenken. Da ist vorne der Franz Kaffee oder wie der heißt, der wo der Diddl-Maus-Junge auf Klassenfahrt im Museum war, drauf und es steht groß drauf, dass das Tagebuch 1910 bis 1923 Seiten hat. Das hat sie zwar gewundert, denn entweder oder, aber sie hat gedacht, na gut, da ist viel Platz drin und ich schreibe ja immer alles auf. Aber: Dann wurde das geliefert und das ist gar keine Kladde, die Blöden! Das ist ein Buch mit die Tagebücher von dem drin. Wer will denn so was lesen?! Also ehrlich, was macht sie denn jetzt? Damit kann die dergl bestimmt nichts anfangen. Zurücknehmen tun die das Buch nicht, weil die sagen, genau das hat sie bestellt.

[Und ich noch nie ein Tagebuchkonvolut von Kafka besessen, weil das finanziell für mich nicht mal eben ist.]

Manchmal ist sie fast süß.

Namen

Wenn man so wie ich zeit seines Lebens keinerlei Identifikation mit dem Namen hat unter dem man beurkundet ist, dann ist es schwer ein Pseudonym zu finden. Auch nach der Schreibweisenangleichung bin ich nie das Gefühl losgeworden, dass die Person nichts mit mir zu tun hat, dass ich mit fremden Papieren rumlaufe. Die Kurzform, die gehört zu mir, aber das bin ich nicht amtlich und für jemanden wie mich, die immer möglichst Konsequenz braucht fühlt sich das mitunter an als sei etwas – nicht ich – gespalten. Ich kenne die doch gar nicht, die da im Pass steht, die gibt es doch gar nicht.

Weil gewisse Menschen aus meiner Familie noch leben und um einiges schädlicher sind als Mikesch kann ich einige Dinge, die meins und von mir sind nicht unter meinem Namen öffentlich machen. Hier bin ich dergl, das ist gut, offline bei Texten geht das nicht. Da kann ich auch nicht ausschließlich mit meinem Nachnamen arbeiten.

Ich brauche etwas mit Identifikation, etwas, von dem ich das Gefühl habe, dass es trotzdem noch ich ist. Der Mit-Künstler und die Violinistin – die selber ein Pseudonym benutzt – betonen, das gibt es beim Schreiben doch öfters, ist mir klar, und dass ich einfach etwas brauche, dass nirgendwie [dieses Wort ist eine Eigenheit der Violinistin] regional zuordnungsbar ist. Irgendwas alterslos neutrales. Das anonymisiert und identifiziert zugleich.

Das ist schwierig. Dazu müsste ich zunächst wissen welche Elemente brauche ich eigentlich zur Identifikation, so dass auch ein anderer Name noch meiner wäre?