Lederwaren …. Seit 1912 e.K.

Über einen Beitrag bei Ruth auf Linie 101 bin ich auf ein Erzählprojekt im Teestübchen Trithemius von Jules van der Ley aufmerksam geworden: Die Läden meiner Kindheit. Ich weiß auch was.

Eigentlich war ich Kaufhaus-Kind. Was nicht aus dem Kaufhaus kam wurde irgendwo bestellt oder in Spezialgeschäften besorgt, in denen ich nichts zu suchen hatte.

Deshalb weiß ich auch nicht wo genau er herkam. Mein grüner Scout-Ranzen. Es war der, den ich wollte, aber ich war nicht dabei als er gekauft wurde. Vielleicht kam er auch aus dem Kaufhaus, ich glaube nicht, dass er bestellt wurde. 120 DM im Quelle- oder Otto-Katalog für ein Kriegsspielzeug. Nicht doch. Das musste man schon selbst beschaffen.

Meine Eltern wussten, dass draußen Krieg war. Wir gegen die, die gegen uns, Idioten gegen normale Menschen. Und mit (dem Klischee nach meist Öko-)Idioten wollten meine Eltern nicht in einem Topf geworfen oder gar verwechselt werden. Deshalb konnte das Kind auf überhaupt gar keinen Fall einen Amigo bekommen. Auch wenn die billiger waren.

Weil die Schauplätze dieses Krieges nicht nur die Schulhöfe der Bundesrepublik waren ist es auch möglich, dass er nicht aus dem Kaufhaus kam. Sondern von Lederwaren …. Seit 1912 e.K.. Denn dort bekriegte man sich auch. Falls man schon in der Schule war. Falls nicht stand man vor dem großen Schaufenster, drückte sich die Nase platt und hoffte, dass die Eltern einem bitte, bitte…

Der damalige Renner unter den Ranzen, die damals gemeinhin noch Tornister genannt wurden, war der Scout „Lollipop“. Er war pink und hatte einen großen, herzförmigen, angebissenen Lutscher im Etikett. So einen richtigen Amerikanischen Lollipop. Den wollten damals alle Mädchen. Und auch Jungen sollen damit gesichtet worden sein. Ich kannte einen. Weil die Verwandtschaft fand, ein Mädchen müsse irgendetwas pinkfarbenes haben, grüner Ranzen hin oder her, bekam ich damals ein Federmäppchen zum „Lollipop“-Modell, das habe ich immer noch. Und regelmäßig werde ich von ehemaligen „Lollipop“-Trägerinnen und –Trägern bekniet, ich möge es doch verkaufen. Als Erinnerung. Bitte. Ganz ähnlich desperat wie wir Kinder damals vorm Fenster bei Lederwaren …. Seit 1912 e.K. standen.

In diesem Schaufenster stand immer die neueste Kollektion der drei damaligen Großen: Scout, Amigo, NcNeill. Und wir alle wollten natürlich das neue, frische. Den Blauen – ach, den gab’s doch immer! Der Schwarze – auch nicht mehr cool. Den…

Wenn man noch nicht in der Schule war und schon ältere Geschwister hatte konnte man richtig bei den Hass-Reden mitreden. X. verdiente Kloppe, weil er oder sie einen Amigo hatte, der doofe Scout-Proll Y. wurde bei der nächsten Gelegenheit erstmal alle gemacht. Hatte man keine, konnte man sich wundern und stolperte gegebenenfalls unvorbereitet in die Schusslinie seiner eigenen Mannschaft. [Ich hatte einen Scout und zählte auf meiner Schule damit zu den „Guten“, aber ich hatte einen Grünen und war ein Mädchen und folglich bei denen sofort untendurch, rosa, pink und rot waren gefragt. Der einzigen Trägerin eines grünen Amigos ging es bei ihrer Fraktion aber auch nicht besser, wir haben uns schließlich verbrüdert.]

War man schon in der Schule oder kam in Kürze dahin, dann durfte man natürlich hinein. Und welche Geräuschkulisse für die Draußengebliebenen! Der Verkäufer pries an, die Erwachsenen redeten schön oder argumentierten mit Testberichten, redeten in Engelszungen oder Teufelsworten [Du nimmst den oder gar keinen!] und das Kind mochte sich vor Freude überschlagen und wurde draußen in „doof“ oder „nicht doof“ ob seiner Wahl eingeordnet oder vor Trauer eingehen. Es kamen manchmal welche raus mit Tränen in den Augen, weil die Eltern nicht verstanden, dass ein Ranzen nicht nur ein Ding war um das Schulzeug zu transportieren und sie ihr Kind gerade eben gebrandmarkt hatten. Vorbestimmt wie sehr es den Krieg zu spüren bekäme, ob Foppereien oder gar Prügel.

Ich weiß wirklich nicht ob mein Ranzen da her war. Es stand so einer im Schaufester, das weiß ich und Jahre später, da war ich schon Ende zwanzig, war ich durch Zufall in der Stadt und entdeckte das Geschäft. Der Verkäufer war alt und vielleicht der von früher. Wir kamen auf das Thema und er bestätigte mir, dass er dieses Modell tatsächlich geführt hätte. Er hätte ein Reststück im Keller. Er bestätigte auch, das pinkfarbene Scout-Modell und die blauen, roten, schwarzen und gelben, den hellblauen und rosafarbenen im Sortiment gehabt zu haben, auch Amigo und McNeill. Ich bot ihm damals an, das Reststück abzukaufen. Ich ging zur Bank während er in den Keller ging.

Ich kam zurück und es stand auf dem Tresen. Es ist nicht er, der, den ich hatte, ihn fand ich später woanders, aber dennoch einer der letzten Überlebenden seiner Art. Damals sehr verbreitet und mitunter umkämpft. Ich traf immer wieder auf frühere Träger – nie eine Trägerin -, die den Verlust beklagen. Sperrmüll, Schrottplatz, irgendwann irgendwie verschwunden oder von den Eltern entsorgt. Vielleicht hätte ich ihn als Kind auch schon gewählt, hätte das Grün es mir nicht angetan gehabt. Heute steht er im Atelier und verfügt über meine Kabel.

Kurz danach muss das Geschäft aufgegeben worden sein. Er ist also ganz bestimmt der letzte seiner Art, der dort über den Tresen ging.


Eben sah ich, dass Pantoufle von der Schrottpresse  auch was zu erzählen hat. Etwas sehr Schönes.

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20 Gedanken zu “Lederwaren …. Seit 1912 e.K.

  1. Da ich einer deutlich älteren Generation angehöre als du, hat mich der Inhalt deines Eintrags überrascht. Obwohl ich vier Kinder habe und Lehrer war, ist mir der Krieg um Schulranzenfarben und -marken ganz neu. Freilich griff die Markenfixierung auch erst Ende der 1980-er Jahre so richtig um sich. Aus dieser Zeit erinnere ich mich an den Fall, dass ein Mädchen, dessen Klassenlehrer am Gymnasium ich war, von den MitschülerInnen gemobbt wurde, weil es Kleidung trug, die offenbar im Laden der Billigmarke Kik gekauft war. Und meine gutsituierte aber alleinerziehende Nachbarin klagte, sie könne sich kaum noch leisten, ihre Tochter so einzukleiden, wie es der in der Klasse verlangte Standard war. Also danke ich dir für den Einblick in ein Phänomen der Alltagskultur, das vielen vielleicht verborgen war.
    Beste Grüße!

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    1. Es ist auch für Leute die nicht dabei waren oder dabei waren aber nicht genau im Zeitfenster 1974-1984 (zirka) geboren wurden schwer nachzuvollziehen, Diese Kriege (auch woanders dokumentiert, auch in Zeitungen unter Scout vs. Amigo-Konflikt gelegentlich auftauchend in der Weißt du noch-Rubrik, die Zeit zum Beispiel hatte mal etwas) betrafen genau eine Generation, die der einfarbigen Nylon-Schulranzen und als Einschulungsjahrgang 1987 war ich mittendrin. Das konnte mit blutigen Nasen enden, wie mir von einer anderen Schule erzählt wurde. Als ab 1990 die bunten Ranzen kamen gab es dann diese Kriege auch nicht mehr, wahrscheinlich weil diese Kisten nicht mehr so identitätsbildend waren. Wir haben die ja im Idealfall vier Jahre lang getragen und gerade bei Scout, diese Labels mit dem Bild und dem Namen, waren auch etwas nach dem man die Trägerpersönlichkeit definiert hat. Mit einem bunten (gemusterten) Ranzen gab es diese Identifikation nicht mehr. Mein Bruder (eingeschult 1992), hat sich zwar geschämt, dass er keinen Scout bekam, konnte diese Querelen auf den Schulhöfen und die Kloppereien deswegen aber schon nicht mehr nachvollziehen. Er hat irgendwann mal mitbekommen, dass mir für das im Text erwähnte Mäppchen ein dreistelliger Betrag geboten wurde und hat – nachvollziehbar – gesagt, die Bieterin muss verrückt sein, weil er diese extremstarke Objektidentifikation nicht mehr nachvollziehen konnte. Zwischen mir und ihm liegen „nur“ sechs Jahre. Dafür hatte er dann das Markenklamottenproblem. Es durfte nicht irgendeine Skater-Jeans sein, es musste von der und der Marke aus dem und dem Laden sein, wenn man ohne Spott über den Schulhof kommen wollte.

      Die Füllersache Geha vs. Pelikan ist als Lehrer wahrscheinlich nicht ganz an dir vorbeigegangen?

      Ich habe dunkle Erinnerungen an Sunkist, was du ja in deiner Erzählung erwähnst, das muss Anfang der 80er ein Revival gehabt haben. Ich erinnere mich an Quaderförmige Trinkpäckchen mit aufgedruckter Markise, auf der Markise stand der Markenname. Gab es inn orange, kirsch (blaue Packung, weinrot-weiße Markise) und widerlich süß erdbeer, mindestens. Kann sich aber nicht lange gehalten haben, damals war Fanta Still auf dem Markt (e-kel-haft, mit Apfel konnte ich mich gerade eben anfreunden.) Wir kriegten das im Sommer zum Kindergarten (als Extra zur Milch dort) mit und die ganze Gruppe war mit Tauschen der Sorten beschäftigt.

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  2. Wirklich interessant, dieser Tornister-Krieg. Bei uns hiessen die Dinger Schulranzen. Das Wort Tornister kenne ich nur von meiner Oma, was auch erstaunlich ist, denn ich war schon fast mit dem Abi fertig, als Du eingeschult wurdest. Vielleicht liegt es daran, dass meine Grosseltern Norddeutsche waren, ich aber in Berlin aufgewachsen bin. Solche Worte sind ja oft unterschiedlich in verschiedenen Regionen. Neulich hat zum Beispiel jemand auf Facebook gefragt, wie man den Kanten des Brotes nennt und ich war total fasziniert von den vielen verschiedenen Bezeichnungen.
    LG,
    Ruth

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    1. Das Wort „Tornister“ mit seinen regionalen Verniedlichungen (Tonne, Toni, Tonnerl) kam vermutlich auch erstmals auf als Mitte der Siebziger die ersten Quasi-Quadratischen auf den Markt kam. Davor gab es neben Ranzen wohl auch noch einfach „Mappe“, für die Ledertaschen, die die Generationen vor mir hatten. Eigentlich war Tornister ja eher auf den „Koffer“ von Soldaten bezogen, so wie Ranzen früher auf generell eine Art Rucksack. Ich habe da einiges gelernt, seit ich die Dinger restauriere. Mein Vater war von einer bayrischen Familie (da bin ich auch geboren und oben genannter Laden befindet sich ebenfalls dort), meine Mutter ist die Tochter eines Ruhrgebiet-Kumpels (das ist der dortige Sprech für Bergmann), da mischt sich auch das ein oder andere. Den Kanten eines Brotes kannte ich als „Knäppchen“ und war dann etwas verwirrt als meine eine Großmutter von „Knust“ sprach.

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      1. Ja, meine Oma erinnerte sich sicher an die Tornister der Soldaten. Hatte bestimmt genug gesehen.
        Ich wuerde gern ein Bild von Deinem gruenen Scout sehen 🙂

        Fuer mich war es immer ein Knust (tolles Wort, irgendwie!), aber in Berlin verstand mach das nicht so ganz.

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        1. Ich habe leider kein Bild von ihm, ich lebe ohne Kamera. Ich habe allerdings auf einer Seite, die sich mit dem Thema beschäftigt, ich kenne die Macher nicht, eine Vorstellung des Modells gefunden. Es ist der gleiche, nur, dass bei meinem das Etikett nicht so aufgebügelt sondern genäht war. Und hier, zur Ergänzung, der damals von „allen“ gewollte Lollipop. Das Ding war wirklich DER Renner. Ich weiß nicht wie oft irgendwer geheult hat weil gerade der nicht von den Eltern erlaubt wurde. Den wollten alle und hatten auch viele, an meiner Schule mit geringer Schülerzahl gab es mindestens zehn davon.

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  3. Einen Tornister hatte ich in den 1950-er Jahren schon. Das Wort ist für den Schulranzen seit Ende des 19.Jahrhunderts geläufig. Soeben habe ich mit meinem 1979 geborenen Sohn telefoniert und ihn nach dem Scout-Amigo-Konflikt gefragt. Er hatte schon mal davon gehört, aber als Amigo-Besitzer selbst keine Erfahrungen mit dem Konflikt gemacht. Mein Sohn verglich es mit dem Wetteifern zwischen Atari XL/St- und Commodore (C64)-Besitzern.Vermutlich war der Scout-Amigo-Konflikt eine regionale oder sogar lokale Erscheinung und auf bestimmte Großstädte beschränkt.

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    1. Nein, der Konflikt war ganz sicher nicht beschränkt. Das Phänomen wurde in x Foren über die Achtziger von Leuten aus jedem Teil der alten Bundesrepublik diskutiert. Ich selbst war mal Teil einer Diskussion, an der Leute aus Bayern (ich), Saarland, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Niedersachsen, NRW,Schleswig-Holstein, Ba-Wü und Bremen teilhatten, Dorf wie Stadt. Und immer wenn ich das Thema hier im Blog hatte „schrie“ auch gleich jemand Hier!. Vielleicht hatte dein Sohn einfach nur Glück. Wenn ihn oder dich das Thema interessiert bzw. euch mal ganz langweilig ist: Suchmaschine. Da wird teilweise schon virtuell auf einander eingedroschen. Ich glaube in dem Forum, das die Seite, die ich für Ruth verlinkt habe, hat war das vor etlichen Jahren auch Thema.

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      1. Danke, ich werde das Thema verfolgen, hab ja auch meine anderen Kinder nicht dazu gefragt. Das Internet ist wie alle Medien nicht unbedingt verlässlich, was solche Phänomene angeht. Die Jugendsprache beispielsweise ist in der bekannten und publizierten Form meistens eine mediale Erscheinung und wurde so nie gesprochen. Das Mediale neigt dazu, sich selbst zu bestätigen.

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  4. Ich habe hier noch was dazu: Bei meiner Schulmappen-Geschichte für ein anderes Blog rufen gleich zwei Leserinnen dazwischen! Beide nicht aus meiner Gegend, beide ungefähr mein Jahrgang. Und hier, das Ende eines Forums, in dem drüber diskutiert wurde. Ich könnte dir auch noch einen anderen Blogger verlinken, mein Jahrgang, Amigo-Träger aus Münster, aber das müsste ich erst raussuchen.

    Es stimmt, was du über das Internet sagst. Generell. Aber was das Thema angeht fand ich es erstaunlich treffend. Ich restauriere die Dinger, das bedeutet, ich spreche auch mit tatsächlichen Menschen über ihre damalige Schulzeit, wenn sie die Ranzen herbringen und es deckt sich. Das hat mich selber erstaunt, weil mir eigentlich jeder, egal woher, eine Variante derselben Geschichte erzählt. Es wird Schulen mit „friedlicher Koexistenz“ gegeben haben oder welche wo beide Marken in der Minderheit waren, aber der Konflikt ist schon etwas sehr dominantes in der Kindheitserinnerung, wir waren halt die erste markenfixierte Generation. Bei uns die Ranzen, die danach (mein Bruder, wie oben erwähnt) die Klamotten…

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  5. Ich weiß nicht, ob das ein Generationenthema ist, aber all diese Ding-Besessenheit ist mir immer rätselhaft gewesen und ist es bis heute. Nie, soweit ich mich entsinnen kann, ist mir irgendein Gegenstand je wichtig gewesen. Und nun grad eine bestimmte Marke? Merkwürdig.
    Aber es ist interessant, es von dir zu lesen.

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    1. Wir hatten darüber in einem anderen Beitrag schon mal diskutiert, es war unter anderem nach der „Vicror“-Geschichte für Juttas Generator Thema. Mein Beitrag befasste sich ja mit dem „Krieg“.

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      1. Ich erinnere mich gut, dergl., aber meine Verwunderung ist immer noch dieselbe. Das hat nichts mit deinem sehr guten Text zu tun. Sondern damit, dass ich manche Verhaltensweisen einfach nicht verstehe, als ob mir dafür ein Sinn fehlt. Und ich frage mich, ob das mit der anderen Generation zu tun hat. ich bin ja im Krieg geboren, in dem alles, was den Menschen an Dingen am Herzen lag, verschwand, und ein Stück Schwemmholz, das den Ofen heizte, ein Reichtum war.

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        1. Ich glaube, es ist etwas sehr Generationentypisches. Zum Einen: Verglichen mit euch oder auch der Generation von Mikesch (50er Jahre) wurden wir in den Überfluss reingeboren. Materiell. Zum anderen: Ich glaube, gerade wir 80er Kinder sind recht speziell. Wir sind die erste Generation, die mit Werbung dauerkonfrontiert wurde, für die Generationen vor uns war das nicht so extrem und es wurde in den 80ern zum ersten Mal richtig viel Marke implantiert. Auch bei Spielsachen. Es gibt da auch so ein Phänomen, lässt sich zum Beispiel auf Ebay beobachten. Keine Generation vor uns und bis jetzt keine nach uns würde hunderte von Euros für irgendeine Actionfigur, Hörspielkassette oder Puppe bieten. Dass eine Schildkröt-Puppe von anno dazumal für 200€ weggeht ist „jedem“ verständlich, aber wenn man dann sieht eine Stoffpuppe von 1984 oder ein Plastikpferd von 1986 Startpreis dreistellig und die Bieter kloppen sich, das kann schon verwundern. Es ist auch eine Fixierung, glaube ich, die vor uns keiner hatte. Das mag auch mit diesem Merchandise-Phänomen zusammenhängen. Gab es in den 60ern als Batman erstausgestrahlt wurde Zeug mit dem Logo drauf, das überall beworben und verkauft wurde? Weiß ich nicht. Aber als das in den 80ern noch mal ausgestrahlt wurde gab es plötzlich Klamotten, Poster, Spielzeug, Handtücher, Bettwäsche, Feuerzeuge, Tassen, alles mögliche. Und das musste dann auch jeder haben. Um Alf gab es auch so einen Hype. Ich weiß nicht ob das davor schon mal da gewesen ist, beziehungsweise ob in den 90ern da noch mal etwas rankam. Den letzten den ich bewusst mitbekam war der um Alfred J. Kwack Anfang der 90er, da kam mit der Fernsehserie alles mögliche auf den Markt. Ich hatte Ministeck-Spiele und ein Aufkleberalbum, mein Bruder etliche Klamotten. Heute ist so was normal (viele Kinder wollen alles von diesem oder jenem Disney-Merchandise oder so), damals war das in der Ballung gefühlt plötzlich da. Für uns als Kinder natürlich nicht plötzlich, aber sicher für die Erwachsenen.

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          1. Du hast recht, ich erinnere mich jetzt auch auch, dass mein Sohn, Jg 69, sich mit 5 oder 6 sehr eine blöde Figur wünschte, die ziemlich teuer war (60 DM oder so). Schließlich gab ich nach und schenkte sie ihm zum Geburtstag – aber nur dies, sonst nichts. Er fummelte ein bisschen damit herum, verlor aber sehr bald das Interesse. Im Grunde war er schrecklich enttäuscht. Ein Opfer der Werbung halt.
            Wir hatten ja noch kein TV, wahrscheinlich ist das der wichtigste Unterschied für das Kaufverhalten. In Hörprogrammen gab es zwar auch Werbung, aber die richtete sich an Hausfrauen. Die Bilder im TV sind viel eindringlicher, ein Kind kann sich da kaum wehren, zumal wenn es unter den Gleichaltrigen zur Mode wird.
            Nicht erklärt ist freilich damit, was du über diese Manie Erwachsener schreibst, alte Marken für astronomische Summen zu kaufen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Leute über mehr Geld verfügen, als sie zum Leben brauchen, und da entwickeln sie halt allerlei Ticks ….
            Schönen Abend noch!

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            1. Andere Theorie dazu (etwas soziologischer): Wir, die End-70er/Früh-80er Generation der Kinder, sind die letzte der alten Bundesrepublik, danach hat sich die Welt gedreht und alles, was wir irgendwie als sicher und geordnet etc. kannten gab es nicht mehr. Das ist nochmal etwas anderes als dieser Biedermeier-Rollback, den jetzt besonders die selbsternannten alternativen Kreise machen, die sich nach außen hin sehr offen geben. Meine persönliche Erinnerung ist sicher nicht repräsentativ, denn ich bekam Angst, dass es mich auch trifft, als Anfang/Mitte der 90er (für uns) plötzlich Brandanschläge auf „Fremde“ verübt wurden, aber so etwas, das kannte meine Generation nicht. Wir waren zu jung um Anti-Atom, Grüne etc. Anfang der 80er bewusst mitbekommen zu haben, also solche „Unsicherheiten“ zu kennen. Stattdessen hatten viele Schulen um meinen Einschulungsjahrgang die „Bunte Fibel“ verwendet, ein Lesebuch mit drei Arbeitsheften und in diesen Heften führte für uns ganz normal neben einem deutschen Mädchen (Ina) ein türkischer Junge (Ali) durch die Aufgaben, im Fernsehen in den „Bettkantengeschichten“ tauchte schon im Vorspann ein türkisches Kind auf, es kamen immer wieder welche vor – das ist HEUTE so wahrscheinlich nicht mehr machbar -, irgendwie hatte jeder, selbst in meinem sozialen Umfeld, irgendeinen ausländischen, häufig auch muslimischen, Freund, für uns war das normal und dann Anfang/Mitte der 90er bricht – an den Anschlägen beispielhaft als ein Indikator von vielen – die Welt zusammen (vielleicht haben Westdeutsche der Generation so auch zum ersten Mal richtig die Wiedervereinigung wahrgenommen, zumindest jene, die nicht in einem an die neuen Länder grenzenden Bundesland lebten). Seitdem dreht sich die Welt immer schneller, es passiert immer mehr in immer kürzeren Intervallen, die nach uns Geborenen sind das gewohnt, bei uns ist das vielleicht irgendwo eine Sehnsucht nach der kindlichen Sicherheit. Könnte ich mir vorstellen.

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              1. deine Interpretation leuchtet mir nicht wirklich ein, liebe dergl. Das Thema „Ausländer“ und „Ausländerfeindlichkeit“ gab es immer, wenngleich es keine offizielle Deckung wie seit dem Anschlag auf die Türme hatte.ich bin seit 1967 mit einem „Ausländer“ verheiratet und könnte vieles erzählen (keine Wohnung für ausländer, Beschimpfungen sogar auf dem ev. Kirchentag, mit Deutschen verheiratete Ausländer bekamen kein Bleiberecht, die Frau sollte gefälligst mit ihrem Mann in dessen Heimat gehen, „hinkende“ Ehen, die nur in einem Land galten etc pp.
                Von diesem Thema abgesehen, gab es ebenfalls sehr große Bedrohungen und Veränderungen in meiner Generation: es wurde aufgerüstet wie verrückt, immer drohte ein Atomkrieg, Koreakrieg, Vietnamkrieg, Umstürze überall (Kongo, Iran, Ungarnaufstand, Zerschlagung des Prager Frühlings). Rechtsextreme gabs auch, in meiner Heimatstadt kriegte die NPD einmal über 20%.
                Vielleicht stimmt der Eindruck, dass sich die Welt „schneller dreht“, wegen der enormen Beschleunigung der elektronischen Medien. Daher sind Aktionen und Reaktionen heute in Windeseile bekannt.
                Nun muss ich weg. Hab einen schönen Tag! Gerda

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                1. Es geht mir nicht per se um die Äusläderfeindlichkeit, die gab es immer, wie du sagst. Worum es mir geht: Wir, in unserer Generation, hatten ein bestimmtes soziales Gefüge, das uns geprägt hat, wie jede andere Generation auch eines hat, aber unseres brach mit der Wende weg, plötzlich war vieles unvertraut, weil auch für die Erwachsenen neu. Trotzdem war das nicht wie im Krieg oder danach, denn wir Kinder wir haben das ja gar nicht richtig verstanden. Die Sache mit der „plötzlichen“ (natürlich war sie nicht plötzlich da, sondern wurde so wahrgenommen wenn man noch sehr jung war) Ausländerfeindlichkeit, ist für mich exemplarisch, weil es das war woran man damals gesehen hat (in meinem Alter), DASS etwas auch gesellschaftlich anders ist, da war plötzlich etwas, mit dem wir uns beschäftigen mussten, dass die Vorgeneration so nicht hatte und es wurde damit in Verbindung gebracht, dass eben die Wiedervereinigung war. Da gab es diese Sicherheiten plötzlich nicht mehr. Vielleicht ist das ein bisschen oder auch ein bisschen mehr damit vergleichbar was heute geschieht in den konserativen Kreisen, nur dass die oft im negativen Sinne an etwas festhalten wollen und es wiederhaben wollen. Ich weiß es nicht. Die Leute, die 160€ für eine Regina Regenbogen-Puppe hinblättern oder so was, die wollen in erster Linie ihre Kindheitsgeborgenheit wieder, da ist keine Politik hinter der Nostalgie.

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  6. danke wie immer, lieber dergl., für deine gründliche Antwort, die mir zeigt, wie Menschen aus deiner Generation (bzw du) die Ereignisse wahrnehmt. Wahrscheinlich ist es unmöglich, sich die Lebensumstände der Eltern wirklich vorzustellen. Aus der Perspektive der Nachgeborenen schrumpfen sie auf ein paar Themen und Daten und werden schematisiert. Dabei haben natürlich auch wir Älteren, genau wir ihr in eurer Generation, mit einer großen Zahl von Themen umgehen müssen, die wir individuell sehr verschieden verarbeitet haben… Manche neigten immer schon zu Nostalgie, manche wünschten sich den Führer zurück, weil damals die Straßen so schön sicher waren, andere wollen eben Regenbogenpuppen. Manche freuten sich, dass endlich die deutsche Gesellschaft aufgemischt wurde, andere beklagen die Küchengerüche der Türken in den Treppenhäusern. Manche gingen gegen den Shahbesuch, den Vietnamkrieg oder andere Kriege demonstrieren und lassen sich auch heute aufs Haupt hauen, andere jubelten Kennedy zu, der sich „ein Berliner“ nannte, und werden auch Obama zujubeln, während damals die Kubakrise die Welt an den Rand des Atomkriegs schubste und heute die Irak-Syrien-Afganistan-Kriege und der Kampf gegen die „Achse des Bösen“ toben. Damals brach eine Welt zusammen mit der Ermordung Kennedys auf offener Straße, später war es dann der Angriff auf die Zwillingstürme, der die Menschen das Fürchten lehrte…….
    Liebe Grüße noch einmal! Gerda

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