Die Normalität ist Maurer

Mikesch möchte mal wieder etwas von Aldi. Am Donnerstag hatte der hiesige Herrenparkas in der Aktion und ich soll losgehen und einen kaufen. Nicht für sie, für den Stiefvater. Für den mache ich das doch bestimmt.

Auf meinen Hinweis morgens um sieben, dass Donnerstag Donnerstag war und selbst wenn ich gehen würde die Wahrscheinlichkeit jetzt noch einen zu bekommen gleich null ist schreibt sie, sie hätte die Parkas Mittwochnachmittag im Prospekt gesehen. Das Prospekt wäre von einer Frau in ihrer Maßnahme gewesen und die wäre Donnerstag später gekommen, weil sie erst noch Parkas gekauft hätte.

In der Situation kann man wieder Ich habe dir hundertmal gesagt… anbringen, und ich war reflexhaft kurz davor,aber daran sieht man gut nicht nur ihre verzerrte Realitätswahrnehmung – die Überzeugung, es muss heute noch auf jeden Fall von den Parkas geben -, sondern auch ihr Problem mit zwischenmenschlicher Kommunikation.

Es wird in einer weiteren Nachricht nämlich klar, dass sie weiß, sie hätte an dem Punkt – Mittwochnachmittag -, die Frau ansprechen können, ob die ihr nicht bitte, wenn sie ohnehin da ist, auch einen Parka mitbringen kann. Das Argument, es ist der andere Aldi und Mikeschs hat keine gilt für viele Leute. Aber sie hat sich nicht getraut, weil es für sie eine Art von narzisstischer Kränkung darstellt Menschen um etwas zu bitten statt zu fordern. Dass sie sich nicht getraut hat bedeutet auch, sie hat sich im Kopf vielleicht sogar vorgestellt und zurechtgelegt, dass und wie sie diese Frau anspricht. Aber es ging nicht. Die Krankheit fällt dazwischen. Vielleicht wusste sie sogar, dass sie sich eine Rückoption offen lassen gekonnt hätte, wenn sie etwas gesagt hätte wie, dass sie die Parkas gut findet, sie aber erst mit dem Stiefvater klären muss ob er einen haben will, sie würde sich abends melden und ihr morgens in der Maßnahme gleich das Geld geben falls es einen passenden gab. So funktioniert das bei ihr nicht. Das macht Gefühle, die sie wegmachen muss. Entweder durch Tabletten oder Impulshandlungen und die kann dieser Dampfkochtopf sich in der Maßnahme nicht erlauben, weil man sonst merken könnte, dass mit ihr was nicht stimmt.

Für einen Menschen mit irgendeiner Form von Sucht normales Verhalten.

In meinem Aldi gab es übrigens am Donnerstag schon keine Parkas mehr. Ich war morgens wegen etwas anderem dort und fast jeder Mensch vor mir in der Kassenschlange hatte einen im Wagen während an der Aktionsfläche diskutiert wurde, dass wohl eine bestimmte Größe oder Farbe gar nicht mitgeliefert wurde. Abgesehen davon: Ich weiß gar nicht ob der Stiefvater so etwas trägt.

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6 Gedanken zu “Die Normalität ist Maurer

  1. Welch ein Überbau wegen einem Aldikittel…

    Unglaublich

    Welch eine Psychonummer.
    Kann sie keinen Kittel kaufen?

    Verstehe wohl nur die Hälfte.
    Die andere ist mir zu schwierig.

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  2. Bei Sucht und Verhaltensstörung frage ich mich, grade bei diesem anschaulichen Beispiel, was da nun Henne und was Ei ist. Kann man wahrscheinlich nicht mehr auseinanderhalten. Aber ich muss schon an die Theorie denken, wonach Rauschmittelmißbrauch auch immer ein Versuch der Selbstmedikation sein soll.

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    1. Die Theorie ist nicht abwegig, sprich mal mit Leuten, die clean oder trocken geworden sind. Hast du möglicherweise schon desöfteren.

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  3. Die Darstellung erinnert mich an Verhaltensweisen aus dem Bereich autistischer Einschränkungen bei Fremdwahrnehmung und flexibler Reaktion. Grad gestern erzählte mir eine Klientin, dass bei ihrem ältesten Sohn, bei dem mit fünf eine autistische Störung des Typus Asperger festgestellt wurde und der jetzt 15 ist, das Fehlen von Empathie das auffallendste Symptom ist. Er hat überhaupt kein Gefühl dafür, wenn er jemanden anderen stört oder überfordert. Es ist ihm vollkommen egal. Sein Vater lehnt ihn deshalb ab, hält ihn für blöd und ist nicht willens, darin ein krankheitsbedingtes Verhalten zu sehen. Ein anderes Symptom ist die Identifizierung mit jemandem, dem er aufs Haar gleichen will – in diesem Fall einem homosexuellen Schauspieler, den er auch persönlich kennengelernt hat. Er erklärt, homosexuell zu sein, schreibt entsprechende Briefe an Klassenkameraden. (Dem entspricht aber kein Verhalten). Sein Berufswunsch ist Schauspieler – und tatsächlich leistet er da viel, da er, wenn er nicht sich selbst darstellen muss, hoch begabt ist.
    Der Mangel an Empathie und Flexibilität scheint auch bei deiner Mutter ausgeprägt zu sein – und lag vielleicht bereits vor, bevor sie suchtkrank wurde. Ist nur so eine Vermutung. Liebe Grüße dir.

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    1. Erinnerst du dich an die Sache, die ich der Mützenfalterin fürs Mutterprojekt geschrieben hatte über Mikesch und ihre Mutter? Da geht es ja um die Vor-Tablettenzeit.

      Auch wenn das in gewisser Weise fies ist (Mikesch gegenüber, auch wenn sie es nicht mitbekommt), kennst du das Lied vom einsamen Mädchen? Hat unter anderem die Dietrich gesungen.

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      1. ja, ich erinnere mich, liebe dergl.. In jedem Fall ist es unmöglich, einen umfassenden Blick auf die Mutter zu werfen, denn man kennt sie ja nur aus der Tochterperspektive, die erst viel später zum eigenen Erleben wird.

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