Wenn Sie mal schauen wollen…

[In der Kurpfalz hätten wir das so gesagt.]

Der meisten Leser Lieblingsnebenmensch hier, das Atelier-Kind, könnte mit dem Spar…äh… SIE WISSEN SCHON aus Kostengründen seinen Regelschulplatz verlieren. Habe ich hier ab und an angedeutet und ich möchte mich auch nicht groß darüber auslassen, aber es beschäftigt mich sehr. Ich weiß wie so was läuft, ich habe mit vielen Menschen gesprochen, ich will das nicht. Der Platz ist hart erkämpft worden und jeden Tag seit er diesen Platz zu Einschulung (passte leider nicht in die Schultüte, war aber definitiv das größte Geschenk) bekommen hat, haben sich Menschen hart dafür eingesetzt, teilweise unter für Leute die das Metier nicht kennen unvorstellbaren Bedingungen, dass dieser Drittklässler heute da ist wo heute ist. Er kann weder Pilot noch Astronaut noch Polizist werden, das ist ohne Gehör alles gerechtfertigter Weise suboptimal und nicht möglich, aber in anderen Ländern praktizieren gehörlose Ärzte, werden gehörlose Motocrossfahrer Landesmeister, arbeiten gehörlose Techniker mit Musikern oder Schauspielern in Sälen oder Arenen. Gehörlose Maler gibt es sowieso. Das sind derzeitige Berufswünsche von ihm, die möglich sind. Die gehen nur hier nicht. Woanders gibt es das. Da gibt es auch gehörlose Lehrer, die hörende Kinder und Jugendliche in Sport oder Kunst unterrichten. Und diese Wünsche sind nicht anders als die einiger bis vieler hörender gleichaltriger Jungen. Meine Befürchtungen über das was ihm stattdessen blühen könnte, habe ich einmal kundgetan.

Auf einem anderen Schlachtfeld kämpfen andere Menschen ebenso hart dafür, dass sein Bruder in die Kita darf. Angeblich gibt es in NRW für berufstätige Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Platz. Der ist oft genug schon schwer durchzusetzen, wenn Sie ein genormtes Kind haben, haben Sie ein „anderes“ nahezu unmöglich. Nettes, abenteuerlustiges, soziales, kooperatives Kerlchen – aber allen zu schwierig, weil man ihm nicht hinterher rufen kann.

Besonders in NRW, unter dem Träger, der hier im Großraum zuständig ist, liegt einiges im Argen. Wenn Sie sich zwangsweise mit so etwas beschäftigen müssen, erfahren Sie einiges. Das drücke ich Ihnen nicht alles auf.

Heute Abend zeigt der wdr in der Sendung Hautnah einen Fall, der unter diesem Träger Gang und gäbe zu sein scheint. Ein junger Mann wurde ohne de facto vorliegende Indikation auf eine Geistigbehindertenschule gesteckt und will jetzt klagen.

Hier der Link zur Sendung, wenn es Sie interessiert. Und der zur Ankündigung auf den kobinet-nachrichten, dort ist ein Interview mit einer Frau verlinkt, die schildert wie sehr einen der Stempel stigmatisiert. Im Rahmen meiner Recherche für die „Susanne“ haben mir, wie schon früher zu anderen Gelegenheiten, viele Betroffene ähnliches erzählt.

Diese Art von „Behindertmachen“ wird mit dem neuen Gesetz ebenfalls zunehmen, denn man weigert sich in Deutschland das Aussonderungssystem aufzugeben und irgendwie muss man die „Schulen“ ja vollbekommen.

Ich sage es noch mal, ich habe Angst um das Atelier-Kind, seinen Bruder und alle Kinder in ähnlicher Situation.

Über den Fall des Mädchens, das nach Umzug auf die Atelier-Kind-Schule gehen sollte ist bis heute nicht entschieden. Man versucht die Eltern abzudrängen. Iris hat Autismus. Sie ist weder geistig- noch körperlich behindert, aber die Ämter wollen von ihren Eltern, dass sie die Tochter zu einer entsprechenden Schule schicken. Sehen die, was richtig ist, aber gar nicht ein. Auf der Grundschule in der Herkunftsstadt hat auch alles prima geklappt.

In der ARD-Mediathek findet sich momentan noch ein Beitrag zu Medikamentenversuchen an Heimkindern in einem Behindertenheim im Ruhrgebiet. Diese Wohnstätte hat auch eine angegliederte Werkstatt und das „Futter“ für diese Werkstatt kommt von örtlichen „Förderschulen“. Ich habe im Rahmen meiner Recherche für die „Susanne“ mit einer Frau – in ihrer Akte steht „ schwer geistig behindert“ weil sie einen Wasserkopf hat – gesprochen, die aus der Stadt stammt und in den 90er Jahren, also nach dem im Bericht genannten Zeitraum, direkt von der sogenannten „Körperbehindertenschule“ dort hinkam. Ich halte ihren Bericht für glaubwürdig, und wenn man ihr glaubt, dann haben die Betreiber und Mitarbeiter „nicht viel gelernt“. Die Frau (etwa 40 Jahre) lebt und arbeitet heute woanders. Sie liest am liebsten Hermann Hesse.

Die Atelier-Kind-Eltern, die Ende der 90er bis Anfang der Nullerjahre im Internat des Berufskollegs für Hörgeschädigte in derselben Stadt waren, kennen Gehörlose, die ebenfalls mit dieser Einrichtung zu tun hatten. Selbst wenn man niemanden kennen würde, sollte es zum Nachdenken über die Zustände anregen.

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5 Gedanken zu “Wenn Sie mal schauen wollen…

  1. Soweit ich weiß, wurde dem Gesetz doch mittlerweile der sogenannte „Bestandsschutz“ hinzugefügt. Zumindest gilt der meines Wissens für Wohnverhältnisse. Wer also nach dem neuen Gesetz eigentlich aus Kostengründen für eine Heimunterbringung in Frage käme, aber im Moment noch in den eigenen vier Wänden wohnt, für den gilt besagter „Bestandsschutz“, der dürfte als daheim wohnen bleiben.

    Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Bestandsschutz auch für schulische oder berufliche Ausbildung gilt. Ich weiß es aber ausdrücklich nicht genau!

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    1. Ich bin mir auch nicht ganz sicher wie das mit dem Bestandsschutz ist. Ich habe so viel verschiedene Informationen. Ich bin mir auch nicht sicher, dass der nicht nochmal gekippt wird. Hier ist man misstrauisch, dass er entweder komplett heiße Luft ist oder nur temporär gilt (eingeführt wird um die Leute ruhig zu halten, dann bei der nächsten Gelegenheit wieder weg) oder dass den Leuten vorab wichtige Infos mit denen sie noch wählen könnten vorenthalten werden.

      Bei Schule oder Ausbildung haben die Ämter auf jeden Fall ein Hintertüchen: Schulwechsel. Wenn ein Kind von Grund- auf weiterführende Schule oder ein Jugendlicher zur Berufsschule wechselt, können die Vorschriften machen. Das ist jetzt schon so und darauf werden sie sich notfalls berufen. Es gibt gerade bei Hörgeschädigten immer wieder Fälle, in denen Leute spätestens in der Ausbildung in den Blockunterricht des Berufskollegs in Essen gezwungen werden, weil es für die Kostenträger günstiger ist als vor Ort (in Bundesland XY) in der Berufsschulzeit Dolmetscher, Induktionsanlagen oder was auch immer benötigt wird bereit zu stellen. Es kann also in unserem Fall sein, dass er die Grundschule fertig machen kann, dann weiterführend aber auf Gehörlosenschule muss. Die nächste Gehörlosenrealschule (höher gibt es so weit ich weiß bis zur Mittleren Reife nicht) ist aber zirka 40km mit dem RE weg. Soll er die pendeln? Das werden die bei einem 10/11-jährigen nicht machen. Das heißt…

      Die Tagesstätte, die dem Bruder angeboten wurde, weil die bereit wären, es zu versuchen, ist auch mal eben 20km entfernt. 20km für eine Kita!

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      1. Danke für die Info, dann bin ich wieder ein bisschen schlauer. Gut für meine Laune war die Info jetzt aber nicht! 😉 Ich drücke alle verfügbaren Daumen, dass das alles einen guten Ausgang nimmt!

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