Ausgerechnet Salma fragt nach BASF

Salma will heute früh wissen wie das mit dem BASF-Unglück war, Mitte Oktober. Ich habe doch früher in einer Stadt in der Nähe gewohnt, ich kenne doch vielleicht jemanden?! Geht es allen, die ich kenne gut? Ist keiner gestorben?

Selbst in der hiesigen Blöd-Zeitung, an der man leider vorbeimuss wenn man seine Ware im Supermarkt bezahlen will stand auf der Titelseite Horrorexplosion bei BASF  [oder so ähnlich] und ich bezweifele, dass verglichen mit in Heidelberg hier vielen Leuten sofort präsent ist was die BASF macht. Vielleicht kennen sie noch die Leerkassetten. Die meisten, mit denen ich über das Thema gesprochen habe – es war eher der Versuch es anzusprechen, weil es mich beschäftigt hat – wussten allerdings nicht mal, dass Ludwigshafen neben Mannheim, nicht irgendwo in Norddeutschland ist.

Ich kenne tatsächlich niemanden, der heute dort arbeitet. Auf dem Campus machten wir Witze, dass BASF seinen Müll ja irgendwie los werden müsse wenn man uns so ein neonpinkes (sic!) Rote Grütze-Dessert aufs Tablett knallte. Fragen Sie nicht wonach das geschmeckt hat, ich habe es immer unprobiert weiter gegeben, weil ich wusste, ich kriege das Kunstzeug nicht runter. Schlimmer war nur noch das Gyros, das aussah wie frisch schon mal gegessen. Dann kam die Praxiszeit, nicht nur für uns, und jemand ging hin. Nicht an den Hafen, aber BASF. Die Praxiszeit, in der ein Drittel meines Kollegiums aus Ludwigshafen stammte.

Kontakt gibt es nicht mehr, aber als ich die Nachricht von der Explosion bekommen habe, habe ich mich trotzdem gefragt, ob es diesen Leuten gut geht. Und den Mannheimern. Und den Edingern und Heidelbergern. Haben die Wormser etwas mitgekriegt?

Ich finde es seltsam heute nur weil es noch mal in den Nachrichten erwähnt wird gefragt zu werden, ob es allen, die ich kenne gut geht. Weil die Fragende anders wahrnimmt, dass ich nicht aus „dieser hier Gegend“ komme und sie dennoch als einzige fragt. Einen einzigen gab es auch, am Unglückstag fragte der Handschuhschenker Kennst du jemanden in Ludwigshafen? BASF brennt. Von denen, die wissen wo ich herkomme, und dass ich eigentlich nach Jahren noch nicht hier bin kam die ganzen zwei Wochen nichts. Kein Wort. Mentalität? Oder Erfahrung?

Anderswo: Black Box (prototyp) I

Der erste (prototyp) meiner Black Box-Reihe auf Tausend Mutterbilder ist online.

Bei den (prototypen) handelt es sich um die Vorskizzen für die ausgestellten Tafeln. Diese Skizzen sind DIN A4-große MixedMedia-Blätter (Papier auf Graphit auf Papier).Die weitaus größeren Endfassungen stehen auf Metallplatten und sind zum Teil geätzt. Da ich aus Prinzip mein Ausgestelltes nicht fotografiere, kann ich Ihnen keine Endfassung zur Gegenüberstellung zeigen.

Dass es die Black Box-Reihe gibt hatte ich im September im Beitrag Flugschreiber erwähnt.

Die Mützenfalterin meinte zu mir, sie ist gespannt ob darüber diskutiert wird.

 

Und ganz woanders, im Landlebenblog erzählt Friederike Kroitzsch von ihrem Vater und zeichnet damit ein sprachliches Vaterbild.

Materialfrage

„Gesso – für Strukturbilder und zum Fixieren“, sagt der Mit-Künstler. „Sag ihm, er soll die Finger davon lassen, ich hab gerade genug, dass es für die zwei Wände reicht.“

Ich kann dem Atelier-Kind zwar sagen, er kann nichts davon abhaben – sonst bekommt er schon mal etwas zum Ausprobieren -, aber den Rest nicht erklären, weil ich das Zeug auch nicht kenne.

Die Amerikaner wissen Rat über das Fixieren, aber das nützt mir überhaupt nichts, weil ich es nicht verstehe. Ich bin nicht die Fachfrau für Farben. Ich nutze härtere Materialien.

Dann findet das Atelier-Kind am Tag danach heraus – ein ernsthaftes Hoch auf die vielseitig gebildete Dolmetsch-Dani! –, dass man damit auch Skulpturen oder Papiermatsch-Gefäße überziehen kann. Das korrekte Wort Pappmache ist für ihn sprachlich nicht nachvollziehbar, aber Papiermatsch tut es auch. Dann eignet sich das für die Rassel.

Mit-Künstler: „Nein!“

Atelier-Kind [zeigt Rassel]: „Nur ein bisschen.“

Mit-Künstler: „Nein! Das reicht kaum für mich. Ich muss die Landschaft hier machen, das Bild wird verkauft.“

Atelier-Kind versteht das nicht. Kann er auch nicht, er ist ein Kind.

Weiß vielleicht jemand von den Malern oder bildenden Künstlern unter Ihnen eine leicht zu fertigende, kostengünstige Alternative? Das Atelier-Kind möchte die Rassel als Musikinstrument an Weihnachten verschenken.

Die Tintenkleckse sehen aus wie Vögel

Manchmal kritzele ich nach den Morgenseiten in einer anderen Kladde, derzeit in einer roten. Und manchmal gibt das einen schönen Kopf-frei-Strom in ein paar ab- und herunter gebrochenen Fiktionsnotizen, die ich dennoch lasse wie sie sind. Das ist wie aufräumen oder den Arbeitsplatz vorbereiten, weil ich an ihnen sehen kann was mich so sehr beschäftigt, dass es mir möglicherweise beim Arbeiten in die Quere kommt. Das ist wie ein -poem ohne Stadt- und am Morgen in der Dunkelheit und einiges davon als Momente gar nicht so schlecht. Ich weiß nicht wie oft oder wie lange ich das machen werde, es kommt nicht vor, dass jeden Tag etwas entsteht, aber das war der Oktober (zufällig veröffentlicht). Kommentieren können Sie da nicht, weil das für mich in sich geschlossene und gewesene Stücke sind, aber wenn Sie mitlesen möchten, vielen Dank.

Der Kuchen

Der Mit-Künstler steht kurz vor der Panik weil die Mit-Künstler-Mutter mir einen Kuchen versprochen hat. Wie das mit Mit-Künstler-Mutter und Geburtstag und Kuchen alles ganz normal verläuft hatten wir schon.

Auch die Reaktion von Philipp auf den jetzt angekündigten Kuchen zu meinem Geburtstag ist normal. Viele erwachsene Kinder von suchtkranken Menschen reagieren so oder ähnlich, auch nach Therapien.

Da ist nicht nur die Angst davor, dass mein Kuchen so endet wie seiner, nämlich ungebacken und wir vielleicht keinen anderen haben. [Ich könnte darauf verzichten, ihm gäbe das Vorhandensein eines Kuchens ein Stück Sicherheit.] Da ist auch die Angst davor, dass mein Kuchen eben nicht so endet und gebacken wird.

Das klingt zuerst paradox. Aber in jedem von uns ist ein Kind und ein jedes Kind irgendeines suchtkranken Menschen hat zu wenig Zuwendung abgekriegt. Das ist noch nicht mal immer vom Kranken beabsichtigt, aber das Mittel oder das Zwangsverhalten steht immer dazwischen, egal wie sehr man es anders will. Das Kind, das zu wenig Zuwendung bekommen hat ist auch wenn es längst im Erwachsenen steckt mitunter noch neidisch, dass ein anderes Kind mehr Zuwendung vom süchtigen Elternteil bekommen könnte als es selbst und weil es die Zuwendung auch will – als dieses Kind vom Alter her ein Kind war, war das überlebenswichtig – fragt es sich, was es falsch macht und versucht besonders dem Elternteil zu gefallen oder das andere Kind auszustechen.

Für das erwachsene Kind kann das einen Rückfall in abgelegte Verhaltensweisen bedeuten.

Davor hat er Angst. Er hat generell weniger emotionale Distanz als ich, wohl auch wegen der Straße aus der keiner von beiden wegziehen kann, und er weiß nicht was es mit ihm macht wenn sie nächste Woche morgens bei ihm klingelt und ihm eine Tortenplatte in die Hand drückt. Lieber nochmal Müll aufräumen, da weiß er wenigstens vorher was er fühlt als das. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Denn er will ja einen Kuchen. Sonst ist es keine richtige Feier. Ohne Feier hätte ich nicht richtig Geburtstag und wäre am Tag danach in seiner Wahrnehmung immer noch 35.

Vermutlich ist das wieder eins der Dinge, die man ohne selbst betroffen zu sein nicht versteht.

Stunden gestern Nachmittag

Als ob in meiner Ohrmuschel eine tiefe Saite gezupft werden würde. Permanent. Das Ding darunter pulsiert im gleichen Rhythmus und ich weiß nicht mehr ob es Nerv, Muskel, Arterie, Vene oder sonst was ist, nur dass ich nicht stehen kann. Das Atelier-Kind versteht das natürlich nicht. Wie auch? Er hat den Horizont von dem was er ist, ein Kind, nicht den eines Mediziners und von außen sieht man sowieso nichts. Außer dass ich ihm noch nicht mal sagen kann, dass es mir nicht gut geht, weil der Puls meine Hände einspinnt. Das sieht aus wie Tremor und durch das Zittern merkt er vielleicht doch, dass mit mir gerade nicht gut zu sprechen ist, denn es könnte ja sein, dass ich nicht mal grade sehen kann. Das Phänomen kennt er. Das kommt vor seit der großen Kopf-OP vor Jahren. Für ihn also immer schon.

Dumm nur, dass der Mit-Künstler nicht da ist. Was machen wir denn, wenn der Puls nicht aufhört? Es gibt für Menschen wie ihn oder mich bis heute keine einheitliche Notruflösung. Den Alarm vom Paniksender auslösen und hoffen, dass hier jemand aus dem Haus schellt und sich über den Lärm beschwert? Oder soll er durchs Haus rennen, ob Frau X. ein Stockwerk tiefer da ist und die am Arm ziehen, damit sie weiß, dass etwas ist? Nebenan klingeln nützt nichts, Frau Y. ist beim Bridge in der Stadt. Unten die mit dem anderen Hund? Ob die versteht, was er will? Alle anderen sind entweder nicht da oder würden nicht helfen, das kennen wir.

Dieses Mal hilft, dass wir es aussitzen.

Stadtpoem

Hätt‘ ich ein Haus, könnte ich auch am Tage leben, denkt der Morgen. Ach, hätt ich doch ein Haus, wie sicher ich dann wäre und mir selbst und anderen genug… murmelt der Tag. Ich will kein Haus, nur eine Kammer! ruft der Abend hinein.

Die Dämmerung schluckt das alles.