Stadtpoem

Der Kreisel war ein komischer Ort. Es war alles so wie es an solchen Orten aussah und doch anders. Bedrohlicher. Und ich wusste nicht warum. Die Leute waren freundlich und die Inhaber aus einer Großfamilie. Vielleicht war es das, weil Großfamilie und Kneipe für mich irgendwie zusammenhing.

„Ihr habt nicht mal Malzbier?“ fragte Paul vom Barhocker über die Theke.

Die Frau schüttelte den Kopf.

Die andere sagte, das sei so gefährlich wie zeitweise Kindermilchschnitte.

„Das gibt man Kleinkindern“, sagte ich.

Die eine legte den Kopf schief. „Früher schon, machte auch nichts, aber das war nicht ohne. Wir wussten das nicht. Warum wir unser Taschengeld dafür ausgaben und nie welche abkriegten.“

„Einmal dachte ich, mein Schwein pfeift. Ich habe Eva verdächtigt. Abends fünf hart ersparte in den Kühlschrank gelegt, morgens nicht eine mehr da. Was habe ich sie zur Sau gemacht… Das tat mir später leid.“

Ich stand da und verstand nicht womit das zu tun hatte.

„Dann verkauft ihr hier also nur Getränke ohne Alkohol?“

„Ja“, sagte der Mann fest. Er hatte bis jetzt still mit seinem Kaffee auf einer Treppe, die gegen die Wand führte gesessen. Ich hatte mir gemerkt, dass er Alexander ist, bei den Frauen vergaß ich immer wer Eva und wer Rebekka war.

„Und das rentiert sich?“ wollte Paul wissen.

Die eine stemmte die Unterarme auf die Theke und lehnte sich an. „Paul…“ sagte sie wie zu einem Kind. Ich glaube, es war Rebekka.

Die andere polierte Saftgläser. „Warum haben sie, du und ich Vornamen aus der Bibel?“ fragte sie über die Schulter. „Und Alexander und Sophie nicht? Antwort: Weil’s geht.“

Der Mann deutete unaufdringlich auf die Wand mit den Kinderbildern. Es waren viel mehr als ich zuerst gedacht hatte. Das war nicht nur eine Familie. Es waren verschiedene Generationen, verschiedene Leute, verschiedene Bildarten. Neben einem Schwarzweißbild von einer Familie von anno dazumal hing ein altes Kleinbild von einem türkischen Jungen mit Fußball, daneben ein ausgedrucktes Selfie einer jungen Frau mit ihrem Baby. Ich kannte sie vom Sehen. Ein Bild vom Schulanfang von einem Jungen, der aussah als könnte er mein Vater sein und ein Polaroid von einem kleinen Mädchen mit Zöpfchen im Kinderwagen. Die ganze Wand voll. Ich konnte nicht zählen. Ganz an der Seite hing ein winziges Schild. Die Kindheitslosen geboren zwischen 1902 und 2014.

Bevor ich weiterlesen konnte redete der Mann dazwischen: „Alles Kinder, deren Eltern nicht wie ich das Glück hatten sich nicht zu vermehren.“

 


 

Entstanden zwischen zwei Bechern Kaffee, also nicht wirklich in Bewegung, aber in der für das Poem üblichen Schnelligkeit. Wer im Dezember noch nicht mitgelesen hat, mag sich vielleicht diesen Artikel aus der Realität „antun“, dort geht es um solche Kindheitslosen. Wer im März noch nicht dabei war: Alles ganz normal.

Advertisements

10 Gedanken zu “Stadtpoem

    1. Mir gefällt der letzte Satz, danke (besonders) dafür. Offene Miniatur, das hat was, viel schöner als „Skizze“, woraus das Stadtpoem ja nur besteht, das ist ja alles Gedankenstrom im Poem. Wenn ich mir die Bezeichnung „offene Miniatur“ mal irgendwo zu eigen machen sollte bekommst du selbstredend die „Credits“ (wie auch immer man das auf Deutsch bezeichnet).

      Beim ersten Satz weiß ich gerade nicht so genau wie ich ihn verstehen kann, weil mir nicht klar ist ob du dich damit auf das komplette Konvolut, also die hauptsächliche Doku beziehst, oder auf die einigen wenigen Fiktionsstücke hier, beziehungsweise ob überhaupt auf etwas von hier. Bei den Fiktionen habe ich festgestellt, ist es meine Stärke, den Leser in die Situation zu schmeißen und dann schwimmen zu lassen, hin zum Offenen (hier sieht man das gut, hatte damals keinen Titel, mittlerweile Materie und Form), aber es ist natürlich klar, dass sich beides beeinflusst. Ich habe vor etwa 24 Jahren angefangen mit Fiktion, das bekommt man – wie ich feststellen musste – nicht nur nicht mehr aus der Sprache, sondern auch nicht mehr aus den Denkstrukturen.

      Gefällt 1 Person

        1. Bei Geschichten weiß ich jetzt wieder nicht was genau gemeint ist. Es gibt Leute, die bezeichnen die Sachtexte auch als Geschichten und ich weiß nicht ob du dazu zählst.

          Dieses „Reinwerfen“, also dieses, dass man nicht sofort weiß worum es geht bei den Fiktionen ist sicher was Fremdes, ich glaube aber, es ist die einzige Art in der ich es nach dem Kollaps kann und sie tut gut. Es hat vermutlich auch damit zu tun, dass ich die Texte nicht als Texte sehe, sondern als Konzeptstücke. Also die Texte, die ich wirklich als Texte anlege und bearbeite, da kommt so ein nebenher runtergekritzeltes Stück wie das hier sicher ähnlich. Ganz abgesehen davon: Man soll ja denken.

          Bei den nicht-fiktiven Sachen kann ich gar nicht anders. Wenn dir die Menschen, die in dieser Dokumentation vorkommen, inklusive mir selber, auf der Straße begegnen würden, du würdest, glaube ich, keinem sofort anmerken in wie weit er „anders“ ist, selbst mir vielleicht nicht, es gibt Leute, die „gucken vorbei“, sondern wärest ab irgendeinem Punkt, der nicht bewusst beeinflussbar ist, damit konfrontiert, das wäre dann einfach da. Und genauso mache ich das hier in der Doku. Ich meine, kann hier irgendeiner, inklusive mir, mit 100%iger Sicherheit sagen, dass nicht nebenan auch eine „Mikesch“ (als Beispiel) wohnt? Ich kenne die links neben mir nicht. Wenn man dann aber damit konfrontiert ist, dass so jemand neben einem wohnt hat man auch keiner Vorbereitungszeit sondern steht mitten in der Situation. So ist das hier auch mit der Doku. Das wird sich natürlich auch auf die fiktiven Sachen abgefärbt haben in gewissem Maße.

          Gefällt mir

    1. Das könnte sein, dass das von verschiedenen Menschen sehr verschieden interpretiert wird, danke für deine Interpretation. Für mich war sie automatisch ein Trinkerkind in Verleugnung, für so eine ist so ein Ort bedrohlich, weil Nüchternheit nicht verstanden wird. Das muss natürlich nicht bei jedem so ankommen. Der Mit-Künstler sieht zum Beispiel am Ende einen Hinweis darauf, dass sie aus einer Familie mit generationsübergreifenden Alkoholismus kommt, weil sie auf dem einen Bild ein Kind sieht, das ihrem Vater ähnelt – in seiner Interpretation ist das der Vater und weil da nur Trinkerkinder-Fotos hängen muss der dann quasi das Kind… -, das hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm. Beabsichtigt ohnehin nicht, ich mache im Poem nichts mit Absicht.

      Gefällt 1 Person

      1. OK. Danke für Witz-Erklärung. Bin da bißchen naiv. Hatte extrem behütete Kindheit, weil meine Eltern es geschafft haben, weit weg von allen Problemmenschen zu ziehen und nur sehr wenig von ihnen zu reden. Sonnenuhrschamanismus der aufstrebenden Mittelschicht, man flieht nicht, man muß ja weg, wegen der Arbeit. Das unaufgeklärte Kind fragt dann hemmungslos laut, warum der denn so ne komische Nase hat und ignoriert die allgemeine Peinlichkeit.

        Gefällt 1 Person

        1. Witz? Verstehe ich da jetzt wieder was nicht? Vermutlich. Ich stehe öfter mal auf dem Schlauch. Oder hast du dich von meiner Antwort auf den Schlips getreten gefühlt? Dann tut mir das leid, war keine Absicht.

          Gefällt 1 Person

          1. Haha, nee. Ich mein die bösen Witze von den traurigen Clowns. Und wollte damit ausdrücken, daß ich den ganzen Hintergrund zuerst gar nicht geblickt hab. Wie der Trottel, dem man die Lustigkeit von nem Witz erklären muß. Das meinte ich mit meiner Naivität, die wohl auch manchmal bißchen taktlos daherkommen kann. Ich entschuldige mich dafür. Aber kriegen uns hier ja schön zusammengerauft. Danke für die Erklärungen. Auch ein Grund, weshlab ich ziemlich süchtig nach der Bloggerei geworden bin: Man muß nicht lange rätseln, sondern kann die Autoren direkt ansprechen. Auch wenn man sich manche Fragen durch nachdenken hätte sparen können. Nochmals danke für Deine Geduld.

            Gefällt 1 Person

            1. Nichts zu danken und es gibt auch nichts wofür du dich meiner Meinung nach entschuldigen müsstest. Das ist das Gute, wie du ja auch übers Bloggen generell sagst, wenn man so ein Kommentariat wie ich hier hat. Die Leute fragen oder verstehen mal was nicht – nicht nur jetzt, gibt es gelegentlich mit allen möglichen Leuten – und dann kommt das auf den Tisch und wird geklärt.

              Ich gehe zwar, wie wahrscheinlich erstmal die meisten Leute, zunächst meistens von mir aus beziehungsweise davon, dass sich hier auch im Fiktionsbereich bestimmte Kreise als bekannt verfestigt haben, aber das kann ich eben nicht voraussetzen, dass das bei allen auch so ankommt, das vergesse ich oft. Da finde ich gut, wenn dann so eine Rückmeldung kommt, die mir signalisiert, dass es nicht verstanden wird, oder man kommt nicht rein oder irgendwas.

              Was die Fiktionssachen angeht bin ich zugebenermaßen auch etwas verwöhnt, denn die meisten Leute, die die Fiktionen hier lesen und kommentieren kannten zunächst die, die ich als Kommentatorin auf einem anderen Blog hinterlassen hatte (Jutta Reichelt hatte zeitweise ein entsprechendes Projekt) und daher „wissen“ die was es hier geben kann und was es nicht geben kann, so dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke, ob es einer nicht verstehen oder total anders daran gehen könnte. Aber da ich so gutes Kommentariat hier habe, kann ich mir dann eigentlich denken, dass wer nicht zurecht kommt „schreit“ (siehe auch eimaeckels Kommentare hier).

              Traurige Clownwitze verstehe ich nicht, bei mir ist das so was (im Sinne von meine erste Assoziation mit Clowns).

              Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.