Von Nervtötern

Glauben Sie an die Wirkung von Petitionen? Ich nicht. Das ist wie mit den Wahlen, wenn die etwas…, dann… verboten.

In untragbaren Situationen klammert man sich an Strohhalme. So naiv es auch scheint. Das ist menschlich.

Wir haben geredet. Wir haben verhandelt und dabei waren sicher einige zu kompromissbereit. Es haben sich Leute festgekettet. Es haben Leute Parteibüros besetzt. Es haben Leute, inklusive dergl, der Violinistin aus der Künstlergruppe [die ist nämlich auch betroffen] und den Atelier-Kind-Eltern, demonstriert.

All diesen Leuten wurde gesagt, dass sie nerven.

Weil sie ihre unveräußerlichen Menschenrechte wahrgenommen haben wollen.

Na, worüber rede ich mal wieder?

Das Spar… äh… Teilhabegesetz, Sie haben es.

Ich kann Ihnen hier wieder vom Atelier-Kind, von unterbezahlten und teils unqualifizierten Assistenten oder dem Mädchen – hallo Iris und Iris-Eltern! -, das gerne auf die Atelier-Kind-Schule gehen würde, aber immer noch nicht darf erzählen. Ich kann Ihnen auch erzählen, dass ich Leute kenne, die in Rollstühlen von vor der Jahrtausendwende rumgurken, weil die Kassen sich weigern neue zu zahlen so lange die Leute noch reinpassen, uralte Bildschirmlesegeräte, die sich alle fünf Minuten aufhängen haben – hallo Katrin! – oder im x-ten Jahr auf der Warteliste für eine Reha stehen, weil sie aus behinderungsbedingten Gründen keine Einrichtung aufnimmt. Ich kann Ihnen auch erzählen, dass ich keine Touchscreens bedienen kann und keine Ahnung habe was ich mache wenn mein zwölf Jahre altes Handy mit WERT-Tastatur kaputt geht, oder dass Einhandtipper keine Einhandtastatur genehmigt bekommen mit der Begründung nur nach Apoplex-Reha, als ob das der einzige Grund wäre nur einhändig tippen zu können. Ich kann Ihnen von Menschen mit schlecht angepassten, scheuernden oder zu schweren Orthesen erzählen, die fähige und fitte Arbeitnehmer abgeben würden, wenn die Kasse vernünftige Sachen und keinen Billigscheiß bezahlen würde, und jetzt mangels passender Versorgung nicht mal alleine zum Einkaufen können. Und ich kann Ihnen von Menschen erzählen, die mit Mitte dreißig ins Altenheim müssen, weil sie „dasselbe wie Jörg Immendorff haben“, aber nicht Jörg Immendorff sind. Hallo Anja!

Dazu habe keine Lust.

Das nervt nämlich. Immer und immer wieder und immer noch mal. Und immer dasselbe. Für mich ist das eine Variante davon die Jahrmarkt-Attraktion machen zu müssen. Andere sehen das vielleicht anders. [Auch so ein Zahn, den man dem ein oder anderen Noch-nicht-Betroffenen ziehen muss: Wir haben uns nicht alle lieb, wir sind nicht alle uniform, wir ziehen nicht alle immer am selben Strang und wir mögen auch nicht alle die gleiche Wortwahl. Wir sind genauso unterschiedlich wie Noch-nicht-Betroffene auch.]

Ich muss auch nicht wirklich erwähnen, dass Petitionen in ihrer Bequemlichkeit nerven, oder? Ich meine, man klickt irgendwo hin oder schreibt offline seinen Namen drunter und hat innerhalb von ein paar Sekunden ein gutes Gewissen, weil man etwas getan hat oder sich für etwas eingesetzt hat. Oft ohne sich damit beschäftigt zu haben, für was man da gerade gezeichnet hat.

Deshalb sage ich Ihnen auch nicht, Sie sollen bei der hier erwähnten an den Bundestag mitzeichnen. Lesen Sie das, das sage ich auch nur denen von Ihnen, die das Thema so interessant finden, dass wir schon darüber gesprochen haben – jeder andere kann natürlich auch hin klicken -, denken Sie drüber nach und wenn Sie es richtig finden, dann zeichnen Sie die dort verlinkte Petition mit und/oder verbreiten die Kunde und nerven damit mit.

Update: Markus – hallo! -, der hier liest, aber nie etwas sagt, hat mich gebeten nachzusetzen, dass das Dilemma der Prothesen-Träger dasselbe ist wie der Orthesen-Träger. Die hatte ich da oben tatsächlich übersehen, trotz diverser mir bekannter. Walburga verweist fairerweise noch auf die Klientin, die sie zu ihrer Zeit als Pflegekraft in Berlin in einer Demenz-WG hatte: 42-jährige Multiple Sklerose-Patientin, geistig fit, aber aus Kostengründen abgeschoben und deshalb dort gelandet.  

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10 Gedanken zu “Von Nervtötern

  1. Ich glaube nicht an die Wirkung von Petitionen und trotzdem wollte ich unterzeichnen. Ein Psychowrack mit der Figur eines samoanischen Ringers, der bei dieser Hitze demnächst austickt – ich gehöre zu Euch!!! Aber beim Anmelden hat man schon mein Passwort „Scheißstaat“ nicht genommen, den Titel Efendi wollte man nicht anerkennen … ich unterstütze Euch mental … mmmmmmmmmmm ….

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    1. Kannst ja was drüber schreiben, als Unterstützung von Bonetti Media. Oder vielleicht findest du auf http://www.nichtmeingesetz.de noch etwas wo du dich einbringen kannst, so du denn willst. Wenn’s Atelier-Kind Pech hat muss es mit dem Gesetz von der Schule und wenn ich Pech habe, kriege nicht mal mehr bei Behörden Assistenz. Dass Philipp nicht einen Cent Transportkosten, wenn er für mich einkauft, oder Fahrtkosten wenn er mich durch die Gegend kutschiert irgendwoher wieder bekommt habe ich hier irgendwann thematisiert. Jemand ohne Philipp und Handschuhschenker hätte auch die OP Anfang des Monats vielleicht nicht so gut weggesteckt. Assistenz dafür gab es nicht.

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  2. An eine große Wirksamkeit von Petitionen glaube ich auch nicht, eher so als einen kleinen Teil des Tropfens, der irgendwann den Stein höhlt. Außerdem habe ich durch Petitionen schon das ein oder andere über Dinge erfahren, von denen ich vorher nichts wusste. Deshalb unterschreibe ich hin und wieder schon eine, diese habe ich nun auch gezeichnet. Zu einem super engagierten Bürger macht mich das natürlich nicht, aber immerhin isses einen kleinen Tick besser, als nur den ganzen Tag Katzenvideos im Internet anzuschauen. 😉

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    1. Die Atelier-Kind-Mutter hat mir erzählt niedliche kleine Perserkätzchen mit blauen Augen (die sind wohl genetisch gehörlos) wurden bis vor enigen Jahren in der Forschung verwendet. Eine Petition dagegen hätte wahrscheinlich in drei Tagen die erforderliche Unterzeichnerzahl, die armen, süßen Tiere…

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        1. Das kann einem natürlich nie selber passieren und die Behinderten kriegen doch eh alles und haben Sonderrechte, aber diese süßen Kätzchen, die gehen doch alle an. Sind die nicht niedlich? Es kann doch wirklich nicht angehen, dass die zu Forschungszwecken gequält werden.

          [Kann es natürlich nicht, aber du verstehst was ich meine.]

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  3. Ich hatte schon eine Reihe anderer Petitionen und Aufrufe in der Sache unterzeichnet – diese jetzt auch und bleibe ratlos, wie das alles sein kann und nicht mehr Beachtung findet … Sehr herzliche Grüße und vielen Dank für den Hinweis!

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