Kleine Chronik/Zwischenmeldung

Vorab: Mir geht es den Umständen entsprechend sehr gut, ich habe bis jetzt kaum Schmerzen, die Nachblutung dauerte etwa eine halbe Stunde – statt angekündigter mutmaßlicher einer – und die Operation war innerhalb von zwanzig – statt fünfundvierzig – Minuten komplikationslos erledigt. Ich muss die nächsten Tage wegen der Schwellung achtgeben und heute Morgen liegt sie mir ein bisschen zu sehr auf dem Auge, das bedeutet, ich kann durch den Druck nicht besonders gut lesen. Ansonsten aber alles prima.

Montag, etwa 4 Uhr 30: SMS von Mikesch, ich soll ihr Glück wünschen, sie ginge nämlich zum Probearbeiten.

Als sich das wiederholt weil ich nicht einsehe darauf zu antworten – ich bin diese Woche nicht verfügbar -, antworte ich ihr schließlich, dass ich mein Glück selber brauche wegen der Operation.

Antwort Mikesch: Warum ich ihr das nicht gesagt hätte [was hängt da groß und in Kopie in ihrer Küche? Die OP-Bescheinigung fürs Amt, damit keiner, aber wirklich keiner auf die Idee kommt…], dann wäre sie gekommen und hätte sich gekümmert.

Davon ab, dass ich das gar nicht will hat Mikesch nicht plötzlich ihre Hilfsbereitschaft oder gesetzlichen Pflichten (eigentlich muss in so einem Fall die Familie assistieren) entdeckt. Wenn es diese Probearbeit wirklich gegeben hat, dann hätte sie damit versucht sich davor zu drücken. Das bei Müttern ihrer Generation nicht unübliche Ich habe ein behindertes Kind, deshalb stehen mir Sonderrechte zu. Sie ist wohl vom Amt – nicht von mir, ich weiß auch nichts genaues – in letzter Zeit mehrmals darauf aufmerksam gemacht worden, wie das eigentlich zu sein hat [vielleicht auch von der Arbeitsagentur]. Als ich ihr sage, dass ich das grob fahrlässig von mir selber finden würde [ich würde mich immerhin selbst und wissentlich dem Risiko aussetzen, dass sie mir den frisch operierten Kiefer zerschlägt] kommt nichts mehr.

Montag, 13 Uhr:

„Wo ist das Kind?“

„Welches Kind?“

„Das letzte Mal hatten Sie ein Kind mit.“

„Ach so, der. Nicht da. Was soll der bei einer Operation?“

„Wussten Sie, dass man in den USA als zweite Fremdsprache im Abitur Gebärdensprache wählen kann?“

„Ja, war mir bekannt. Neuseeland auch.“

„Mein Sohn hat in den USA studiert. Da gibt es gehörlose Kollegen von mir.“

„Weiß ich.“

„Dass das hier nicht geht ist reine Diskriminierung. Wissen Sie woher das kommt, Frau…? Vom Krieg. Das sind die Nazis Schuld. In Belgien sitzen Leute wie Sie als hochbezahlte Apoplex-Reha-Fachkräfte.“

Hochbezahlt war mir nicht bekannt, dass es das gibt durchaus.

„Ich hab Bekannte, da fehlt ihm ein Arm und ihr die Beine. Die ergänzen sich super, aber viele Nachteile. Haben Sie das mitbekommen in Berlin, Frau …? Da haben sich vor zwei Monaten Leute festgekettet weil der Satz im Grundgesetz nur schön gesagt ist.“

Ich unterhalte mich in solchen Situationen äußerst ungern. Aber wenn, dann freue ich  mich mal einen kundigen Mediziner, der nicht irgendeinen Blödsinn – Wetter, Urlaub, Kochrezepte… – sondern etwas Substantielles erzählt um mich abzulenken vor mir zu haben. Umso mehr freue ich mich über einen, der offenbar ein bisschen was darüber weiß wie die Realität aussieht in diesem Land. Dann rede ich auch gern zum hundertsten Mal über dieses scheiß Gesetz.

Übrigens: Meine Umschulungs-Einserprüfung in Medizin hat mir beruflich einen Dreck genützt? Handfeste Diskriminierung, seiner Meinung nach.

Über Nacht war es dann doch etwas schwierig, weil ich zumindest heute Nacht nicht liegen durfte. Strenggenommen hätte ich im Halbsitz – also mit gestütztem Rücken – in Rückenlage schlafen müssen. Das geht aber bei mir nicht, weil ich dann nicht schlucken kann. Also alle zwanzig bis dreißig Minuten anders lagern. Außerdem kann ich so lange die Schwellung und die Fäden da sind meine Orthese nicht tragen, das ist arg ungewohnt. Und wenn dann noch einer nachts durch die Wohnung marschiert, obwohl man gewohnt ist alleine zu nächtigen…

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31 Gedanken zu “Kleine Chronik/Zwischenmeldung

    1. Danke! Es wird werden, es muss. Es hat gestern mittag niemand damit gerechnet, dass sich das so gut entwickeln würde. Ich wurde noch vorgewarnt, dass ich möglicherweise erstmal nichts alleine könnte, es nachbluten könnte bis in die Nacht und dass ich im Takt von zwei Stunden Ibuprofen nachnehmen müsste: Alles nicht eingetreten. Ich konnte auch gestern Abend schon essen. Wenn die Ärztin, die sich die Narbe heute anschaut mir heute nachmittag sagt, sieht so gut aus wie es sich anfühlt gibt’s auch wieder planmäßig Kaffee (ich habe heute morgen mehr oder weniger heimlich und auf eigene Verantwortung…). .

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    1. Danke. Ich glaube, das Durchschlafen hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem dieser Lagerungssache. Ich werde bei der Ärztin mal blöd fragen ob es da nicht irgendein Mittel zum Improvisieren gibt. Ich stelle mir das als das wirklich Gefährliche vor, weil ich ja auch die Tage vorher kaum geschlafen habe. Durch Übermüdung sind schon Unfälle passiert.

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    1. Danke. Ich hatte heute schon Vanilleeis, also geht es wirklich.

      Die Narbenprüf-Ärztin war nicht ganz so zufrieden wie ich. Einmal anstoßen, Blutung geht los. (Außerdem war sie nicht ganz glücklich darüber, dass nicht an drei Stellen geschnitten wurde, aber deren Kommunikationsprobleme sind nicht mein Problem.) Hat mir jetzt so ein Desinfektionspflaster (Pflaster im erweiterten Sinne natürlich), drauf gepackt, kommt morgen früh runter, dann sollte sich das Geblute erledigt haben sofern ich die Finger von allem was mit Milch zu tun hat lasse und nichts kopfüber mache (jetzt hatte ich doch gerade Schleifen binden gelernt…). Nächste Woche Fäden raus.

      Aber es gibt auch schon die ersten positiven Effekte. Ich sitze wieder gerader und die Luftversorgung klappt besser. Da war irgendwas abgedrückt.

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    1. Ich verrate dir was, auch wenn du mich jetzt nicht mehr leiden kannst: Ich mag keine Cocktails (hat besonders zu Ausbildungs-/Umschulungszeiten schon zu spontanen Entfreundungsaktionen geführt, offline wohl gemerkt) 😉 Heute morgen konnte ich mir den Kaffee allerdings wegen dem Desinfektionsdingens wieder klemmen. Gibt erst in einer Stunde welchen, dann ist das Ding runter.

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      1. Wer entfreundet jemanden, nur weil er keine Cocktails mag? Sind das so Partymäuse, die sich Spaß ohne Alkohol nicht vorstellen können? Ich glaub, da hast Du so freundestechnisch dann nicht allzu viel verpasst.
        Als Ausgleich verrate ich Dir, dass ich Kaffee überhaupt nicht mag. 🙂 Das hat zwar nicht zu Entfreundungsaktionen, aber doch schon zu dem ein oder anderen erstaunten Blick geführt. Ist ja für manche der Muntermacher schlechthin, ich wünsche mir, wenn ich mal wieder müde bin, auch immer, dass ich Kaffee mögen würde. 🙂

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        1. Partymäuse könnte ich nun nicht beurteilen, ich habe es nie mit Party. Aber: Frauen, typische Frauen.

          Wirklich mögen tue ich Kaffee auch nicht – also nicht in dem Maße, dass ich irgendeine superhypertolle Maschine bräuchte/wollte oder bei Starbucks und Co. mein nicht vorhandenes Geld lassen würde -, ich habe mich halt irgendwann dran gewöhnt, nachts in der ersten Stunde, wenn ich aufstehe welchen zu trinken. Das könnte alte Umschulungsnostalgie sein, da gab es morgens nichts anderes.

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            1. Den Muntermachereffekt merke ich nicht wirklich, zumindest nicht morgens. Ich glaube es ist die Gewohnheit. Nachmittags wenn ich richtig in den Seilen hänge, also wirklich – ich meine das wörtlich, ist bei mir so – nicht mehr stehen kann und mir dann einen mache, dann geht es mir danach aber prima.

              Ist-Zustand nach OP heute: Schmerzen wieder weg (gut), falsche Lagerung als mögliche Ursache identifiziert, Schwellung drückt nicht mehr aufs Auge (ich konnte seit Montag nicht ganz klar sehen), und bluten tut es auch nicht mehr. Ich halte die Wunde aber noch für empfindlich. Ich muss genauer achtgeben was ich in den Mund nehme. Ich glaube, da war ich etwas leichtsinnig. Die Ärztin hat zwar nichts außer Milchprodukten verboten, aber anderes (Kaffee, Eis) kann ja auch dran pappen.

              Heute ist der Retrofressi-Tag vom Atelier-Kind, das wird spannend. Das Zeug pappt alles.

              Ach und lahmes Netz: Du bist nicht alleine, meins fährt gelegentlich auf HSPA oder wie das heißt runter (EDGE hatten wir auch schon). Ist wohl die Rache dafür, dass ich nicht bei dem Provider bin, den die Wohnungsgesellschaft vertragsgemäß hat 😉

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    1. Das ist wie eine Form von Pantha rhei, liebe Gerda. Alles verändert sich, das sind aufgerechnet auf mein ganzes Leben ein paar Tage, die jetzt so sind. Auch wenn ich es eher nicht so schön finde, dass heute doch noch Blutungen und nicht zu knappe Schmerzen einsetzten. Kann passieren…

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  1. Mist. Kann nur besser werden. Ich halt dir die Daumen (wie man blöderweise sagt, wenn man eigentlich nichts zu sagen hat). Hier wünscht man: kouragio! Das bedeutet etwa: lass dich nicht unterkriegen. Wie Mutter Courage von Bert Brecht. Ich mag diesen Wunsch.

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    1. Danke. Ich sehe das so: Ich kann nicht klagen. Mir wurden Montag Nachblutungen und Schmerzen angekündigt und die sind zwar nicht zum angekündigten Zeitpunkt aufgetreten, aber sie sind da. Ist also nur geliefert wie „bestellt“. Wusste ich doch. Zuverlässigkeit ist nichts Schlechtes.

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  2. Liebe dergl, auch von mir wirklich sehr, sehr herzliche Genesungswünsche! Hatte mich sehr gefreut, als es beim Lesen gerade zunächst so aussah, als wenn der Prozess günstiger als prognostiziert verliefe … Jetzt ist es leider anders. Hoffentlich geht das bald vorbei, hoffentlich kannst du dich bald über Kaffee und Bastelhefte in sämtlichen Kopfhaltungen hermachen! Große Grüße!

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    1. Danke. Es ist doch günstiger als prognostiziert (würde ich so sagen), mir wurde erzählt, ich würde bis in die Nacht hinein nachbluten – das wäre weit stärker gewesen als jetzt – etc. pp. Dass das gestern noch mal blutete muss ich mir vielleicht selbst zuschreiben – und dann kann ich auch da zu stehen – wegen dem Kaffee. Und die Schwellung hätte auch sehr viel schlimmer aussehen können als sie es letztlich tut, also ich bin da trotz gestern eingetretener Komplikationen immer noch positiv. Ich halte die zu versetzende Zahnkrone irgendwann diesen Monat immer noch für problematischer. Aber vielleicht verläuft das ähnlich gut.

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    1. Danke. Derzeit bin ich es noch. Es ist gut verlaufen, es ist etwas blau unter dem Auge unter dem operiert wurde, aber von der Möglichkeit wusste ich vorher, es blutet jetzt nicht mehr, es schmerzt auch nicht mehr, also alles prima. Jedenfalls was das angeht. Zwei überdrehte Herren wegen der angekommenen Bastelbücher sind ein anderes, aber auch positives Kaliber. Man, mich inklusuve, stellt hier im fünf Minuten Takt fest, dass man irgendwas dieser Kinderbasteleien entweder nie gemacht hat oder sich nie getraut hat. Das ist eine gute Form der Erinnerungsarbeit. Vielleicht taugt das auch irgendwie zu irgendwelchen Texten, irgendwann mal. (Ich habe ja erst letztens einen von vor über anderthalb Jahren gerettet. Da er ziemlich lang – das Schatzkisten-Ding – ist würde ich dir nicht übelnehmen, wenn du ihn nicht gesehen hast. Kein Problem. Er ist toll, aber man muss ihn nicht gelesen haben.)

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      1. Vielen Dank für den Hinweis! Ich habe das Schatzkisten-Ding gestern gelesen, aber dann hatte ich keine Zeit mehr, etwas dazu zu schreiben. Mir geht es sehr ähnlich wie Gerda, ich bin beeindruckt und auch begeistert, wie in diesen sparsamen Dialogen so viel „durchscheint“, vor allem die Schwierigkeit (Unmöglichkeit?) eines Austauschs wird mir sehr nachvollziehbar. Wie sehr beide in anderen Welten leben. Wie sehr sie sich schon darin unterscheiden, wo sie die Unterschiede zwischen diesen Welten sehen, wo sie glauben, dass es im Verständnis der anderen „hakt“ …

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        1. Danke. Vielleicht wirst du lachen wenn ich dir sage, dass das mal als ganz großes Ding angelegt war und jetzt ist es so was sublim-stark Kleines. Es ist diese „Schwierigkeit“ dieses Problem, das ich auch Gerda erklärte, die Mutter in dem Text verhält sich für ihre Sozialisation völlig „normal“ (die lernen das echt nicht anders, ich kenne x Leute) und schert eigentlich dadurch, dass sie Mutter ist aus und die Tochter muss sich da irgendwie drauf einstellen und hat aber genau so wenig Hilfestellungen wie die Mutter sie hatte, nur dass sie – die Tochter – qua Sozialisation (an einer Regelschule und als nicht-behinderte Jugendliche sind eben Liebeleien etc. normal) eben doch rauskann. Wenn ich das geschafft hätte weiter zu bauen hätte man da noch Schuldgefühle der Mutter, Diskriminierung der Tochter und so was einbauen können, so musste das und seine Auswirkungen und Folgen alles in die knappen Dialoge.

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    1. Dreidimensionalität wäre wichtig. Ist in dem kurzen Kontext wohl nicht machbar und ich hätte mich einfach nicht länger bei der Stange halten können. Für mich interessant wäre da der Mann gewesen, der gegenüber der Tochter ja sofort die Abgrenzungskarte „Wir und ihr“ ausspielt, weil er mit der Situation nicht klarkommt, da hätte man bei größerer Länge sicher auch noch einen besseren Einblick rein. Mein Ur-Konzept – als das noch ein langes Stück werden sollte – sah damals vor ihn noch in anderen Situationen zu zeigen, wo man dann gesehen hätte (das gibt es), dass er sich unter „seinesgleichen“ signifikant anders verhält als unter Nicht-Betroffenen. Da er in dem was herauskam (ich mag es dennoch lieber als alles was ich irgendwann mal an Notizen hatte) nur zweimal auftritt, muss man das „Wohin gehst du?“ schon genau lesen und kommt er im Gespräch mit der Tochter vielleicht verstockt bis radikal (im Sinne von nichts mit Nicht-Betroffenen zu tun haben wollend) rüber. Aber auch solche Leute gibt es, deshalb finde ich das auch okay. Die Tochter hätte man natürlich in ihrem Alter angemessenen Kontexten auch anders erlebt. Oder eine Jule, die in einer nicht barrierefreien Lokalität verdammt nochmal Einlass begeht also wirklich ohne Selbstzweifel für sich einsteht. Klar. Ich sehe das aber auch als Lernschritt (das ganze Fragment) dafür was ich zum Beispiel aus der „Susanne“ machen kann, wenn mir klar wird was deren Figuren wollen. Kurz, prägnant, eventuell für einige Leute verstörend, aber mit Schlagkraft. Ist vielleicht meine absolute Spezialität, die ich auch fiktional üben kann zu kultivieren. Es muss ja nicht jeder Romanform können.

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      1. Nur für den Fall, dass es nicht sowieso klar geworden ist: ich finde diesen kurzen Text SEHR stark und mein Hinweis war daher auch keiner auf etwas, das mir fehlt im Sinne von: das bräuchte ich. Mir fehlt nichts bei diesem Text. Aber angesichts des Interesses, das die Figuren bei mir wecken, könnte ich mir halt gut vorstellen, sie auch noch in anderen Szenen zu sehen. Aber das war, wie gesagt, nur ein Gedanke …

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        1. Es ist klar geworden, eindeutig. Ich wollte eigentlich eher darauf hinaus was sie gebraucht hätten, auch an Möglichkeiten meinerseits, wenn sie wie geplant Charaktere in einem Langtext gewesen wären. Der ist ja nicht abgebrochen worden bzw. ich nicht kollabiert ohne Grund.
          Ich habe damals gemerkt, ich will zum wiederholten Male etwas, das ich nicht kann. Ich bleibe bei längeren Sachen einfach nicht an der Stange. Ich merke das auch bei der „Susanne“, das ist weshalb ich so fertig war irgendwann in einem Post: Statt Fokus auf quasi „eine“ Sache und relativ kurzer Spielzeit und dann wie hier bei dem, aber mit „Eindruck“, hatte ich da wieder was längeres mit x Fäden aus dem Ärmel geschüttelt. Das machte zwar Spaß, aber ich verlor irgendwann den Überblick, und war am Punkt alles nochmal…

          Es ist gut, dass diese Figuren Interesse bei dir (und anderen) wecken. Das meine ich ernst, weil es relativ viele Facetten gibt in denen Charaktere in der Art auftreten können, und es zum Beispiel bei einer Figur in der „Susanne“ einen sehr ähnlichen Hintergrund und ein ähnliches Jugenddilemma wie bei der Protagonistin hier gibt. Wenn ich weiß, dass so eine Figur interessant ist und nicht sofort abgeblockt wird (was möglicherweise auch irgendwer tut), dann ist das leichter, die unzensiert aufteten zu lassen, also in Szenen zum Beispiel in denen sie nicht krampfhaft versucht sich anzupassen, sondern eben genau so reagiert wie man mit so einer Sozialisation/Prägung/Erziehung reagiert. Und ich halte es für meine Verantwortung die so darszustellen, denn es ist nun einmal Fakt, dass Menschen wie ich, die nicht in „Sonderschulen“ gesteckt wurden die Ausnahme, nicht die Regel sind.

          Einer meiner besten Charaktere, die ich überhaupt je irgendwann in meinem Leben gemacht habe, war übrigens eine Dame in dem großen Romanabbruch von 2004/05, die nicht flüssig lesen und schreiben konnte, weil sie es nicht gelernt hatte. Die war deshalb so glaubwürdig, weil das eben nicht erfunden war. (Dieser Charakter ist immer noch mein Idealcharakter, weil da alles ohne große Planung rund war, die kam einfach so). Um die tut es mir immer noch leid (also, dass die nicht einem fertigen Projekt vorkam).

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  3. Immer mal wieder begegne ich Menschen, die etwas Ähnliches sagen, wie du: Lange Texte kann ich nicht. Und dann vielleicht noch hinzufügen: Muss ja auch nicht jeder lange Texte schreiben. Und das finde ich auch auf jeden Fall. Ich finde auch, dass die Länge eines Textes überhaupt nichts mit seinem „Wert“, seiner „Güte“ oder „Qualität“ zu tun hat – was immer man sich darunter vorstellt. Ich glaube auch, dass die meisten Menschen so etwas wie einen inneren Erzählbogen haben, der länger oder kürzer sein kann. Ich glaube allerdings auch, dass dieser Bogen übers Leben kürzer oder länger werden kann und vor allem glaube ich, dass die meisten Menschen, die in Probleme geraten beim Schreiben längerer Texte mit der Komplexität Schwierigkeiten bekommen. Und da ist es dann wiederum so, dass manche Menschen keine Probleme bekommen, weil sie das Ausmaß der Komplexität gar nicht wahrnehmen. Während andere sehr genau erkennen, was sie alles „falsch machen können“. Ich glaube eine Herausforderung beim Schreiben langer Texte liegt auch darin, dass man manchmal nicht daran vorbei kommt, mit provisorischen, nicht wirklich befriedigenden Übergangslösungen zu arbeiten. Das alles ging mir durch den Kopf, seit ich deinen Kommentar las …

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    1. Genau. Komplexität ist ein gutes Stichwort. Mein gegen die Wand gefahrenes Romanfragment von 2004 hat 85 Wordseiten in pr 12, gedruckt wäre es dann entsprechend länger, aber ich bekam es eben irgendwann irgendwie nicht mehr zusammen, nachdem ich am Anfang, die ersten 60 Seiten etwa, gar nicht gemerkt habe wie „groß“ das alles ist. Ich habe damals durchaus mit Übergangslösungen experimentiert, habe dann aber gemerkt, dass es einfach nicht passte. Nicht zu Text, nicht zu dem Protagonist, nicht zu Form und nicht zu mir. War eine Erfahrung.

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