Ad hoc

Gestern kommentiere ich bei Jutta etwas von der Unterrepräsentiertheit unprivilegierter Kinder und heute im Hausflur erzählt mir meine 90-jährige Nachbarin, im Haus einer gleichaltrigen Freundin von ihr wird „geräumt“, da soll jetzt Eigentum draus werden. (Zu Deutsch: Da wird weggentrifiziert.) Petra kommentierte gestern bei mir, dass Fünf-Minuten-Stücke ad hoc die Besten seien.

Sechseinhalb Minuten über ein fiktives Haus mit fiktiven Bewohnern:

 

„Wie jetzt? Das kann doch nicht sein! Mutter, du wohnst achtundfünfzig Jahre hier!“

Lukas sah auf das Papier, das sein Vater in der Hand hielt. „Was ist denn?“

„Du, Lukel“, sagte Oma Ingrid, „die wollen, dass ich ausziehe. Ich und Frau Böttgers und Helga und Joachim und Herbert und Christel und Herr Öztürk, wir sollen alle weg.“

„Nein!“ rief Lukas. Er dachte an Frau Böttgers mit der schönen Katze, die Müllers, mit denen er immer Karten spielte wenn er bei Oma Ingrid war, Herr Wardatzky, dem er helfen durfte seinen Rollator zu reparieren, obwohl Frau Wardatzky gemeint hatte, dass ein Kind das gar nicht kann und Herr Öztürk, der im Sommer immer mit seinen Enkelkindern draußen saß und erzählte wie das früher als Gastarbeiter gewesen war. Wenn Lukas sich dazu setzte bekam er immer Baclava und türkische Pizza ab. Und Gazoz, das mochte er am liebsten. Außerdem konnte er sich vorstellen später mal die Elif zu heiraten, er musste sie nur noch fragen.

„Doch“, sagte Oma Ingrid. „Wir sollen alle ausziehen. Die wollen hier umbauen und dann sollen hier Leute einziehen, die mehr Geld haben. Die Miete kann dann von uns keiner mehr bezahlen. Aber wo sollen wir denn hin?“

Lukas‘ Vater rieb sich die Nasenwurzel. „Da wohnt man schon im Hochhaus und das ist heutzutage das Letzte und die schmeißen einen trotzdem noch raus. Für so Hipster-Typen, oder was?“

„Für was?“

„Ach nichts, Mutter.“

„Und eine Tiefgarage wollen sie auch bauen. Wir hatten hier nie eine, es gab nie Probleme. Wir haben hier alles immer besprochen. Du, Alex, die Helga hat richtig Angst, was ist denn wenn der Joachim ins Pflegeheim kommt, weil woanders die Beatmungsmaschine nicht erlaubt ist? Die macht ja Krach. Der war immer so stolz auf sein Gärtchen. Wenn der hier raus muss, kann er nicht mal mehr hingucken.“

„Ja, und die Wardatzkys sind doch auch gelackmeiert. Wo findest du denn hier noch was Billiges in der Stadt? Am Arsch der Welt, für’n Brot erstmal ‘ne Stunde latschen. Sollen die nach Mecklenburg zu Martina? Die wird sich bedanken. Marion rennt sich jetzt schon die Hacken wund für die zwei.“

„Aber die kann sie nicht aufnehmen. Bei ihr ist gerade noch Platz für Florian und Laura, die sind ja noch zur Schule.“

„Sag ich doch, Mutter. Sollen dann die alten Leute, die ihr Leben lang hier waren hunderte Kilometer weit weg noch mal auf Go-“

„Was?“

„Ach nichts.“ Lukas‘ Vater ließ die Hand abwinken.

Oma Ingrid sah auf den Brief. Sie trank Apfelsaft. „Ich verstehe die Welt nicht mehr“, sagte sie.

Lukas hatte das Gefühl, das hatte etwas zu bedeuten.

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