Beton

Arbeitsjournal-Fragment

Und dann wieder das Gefühl wie nach dem Kollaps als ich nicht mehr schreiben konnte, die Sprache ist wie Beton, weil davor und dann parallel das Gefühl, dass die „Susanne“ aus dem Ruder gelaufen ist und ich etwas, nicht jemanden erzähle. Frage innerlich ob Fiktion (dort) nicht zu sehr wie Nicht-Fiktion (hier) klingt und ob ich nicht stilistisch zu viel von hier habe einfließen lassen, so dass es irgendwann in diese alte Vorkollaps-Sprache rutschte. Nur dass die heute anders klingt. Was ist wie damals ist dieses Käfiggefühl, damit eigentlich etwas Hermetisches zu machen, das gleichzeitig universell ist. Sprache wieder höher als Erzählung zu stellen. Nur dass ich nicht gestellt habe. Ist passiert, kann passieren.

Dann der Gedanke zunächst Abstand zu bekommen – sehr gut, sehr gut – und etwas anderes damit zu probieren, angelehnt an eine alte Spezialität von mir, die ich im letzten Jahrzehnt zugunsten der Betonsprache aufgab, weil ich nicht eingesehen habe, dass das, weil eine besondere Geschicklichkeit, hätte mein Markenzeichen werden können. Ich war damals in der Lage Erwachsenentexte wie Kindergeschichten zu erzählen. Eine brachte ich auf die Bühne. Und naiv und streben wollend wie ich damals war, fand ich es lächerlich. Ich wollte etwas anderes, etwas „Richtiges“, nicht stehenbleiben [in Wahrheit, aber das wusste ich damals nicht, wäre in dieser Spezialität ein enormes Entwicklungspotential gewesen.] und fand nach Irrungen zur Betonsprache. Diesem Punkt, an dem Sprache irgendwann wichtiger war als Text. Ich bin wieder an dem Punkt, ich würde sagen aus Erschöpfung, an dem mir schlecht wird wenn ich daran denke.

Wenn ich nun heute an diese Spezialität von damals, toternste Geschichte mit ernster Wortwahl zu erzählen als müsste ich dabei behutsam sein, anknüpfen könnte, wie ginge das? Ich müsste meine Figurenkonstellation umwerfen, vielleicht jemand jetzt wichtigen in den Hintergrund und dafür eine neu eingeführte Figur in den Vordergrund stellen, eine andere gewänne dafür vielleicht an Dreidimensionalität, das kann nur gut sein, aber es wäre wie noch einmal von vorne anfangen. Was nicht falsch ist. Das geht vielen so. Vielem, das aus Impuls oder Vorliebe heraus entsteht heften wir uns an und vergessen, dass wir ja gar nicht selber vorkommen im Fiktiven. Uns fehlt die Balance. Das kennen auch die vielen. Und ich müsste die Sprache ändern. Und das wäre in all der Befreiung das vielleicht eigentlich schwere. Ich habe Angst vor dem Beton. Der führte zum Kollaps. Ich habe auch Angst davor fertigzuwerden, und das was das am ehesten verhindern kann, mich also in einer gewissen Weise ruhig hält ist: Der Beton. Vielleicht könnte ich mich mit mir selber wenigstens auf Sand oder Zement einigen, wenn ich denn über den Beton nachdenken will. Will ich ja gar nicht. Weil es keinen Sinn macht und weil ich sicher bin, dass jede, und ich meine jedwede, Sprache in der ich mich so verfange wie vor dem Kollaps, denselben Effekt hat. Alles ist eine Betonfestung. So ein Ding muss man einreißen, nicht erst verfallen lassen um es ohne Maske zu sehen. Die Abrissbirne wäre ein Umsturz. Also vielleicht alles nochmal.

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7 Gedanken zu “Beton

  1. Manchmal liest man etwas und kann relativ genau bestimmen, was man versteht – und was nicht. Das geht mir bei diesem Text nicht so. Ich bin unsicher, ob meine Vorstellungen wirklich in die richtige Richtung gehen oder ob ich mir das nur einbilde? Aber während ich mir in vergleichbaren Lese-Situationen oft mehr Klarheit wünsche, habe ich gerade das Gefühl, als wenn das alles genau so sehr stimmig ist und irgendwie zum schwierigen Sachverhalt passt. Und mir gehts wie hausauspapier – es berührt mich sehr, dieses Ringen um die Form, den Ton, die Sprache, die gesamte Konstruktion. Und mir gefällt das Beton-Bild sehr in seiner Eindringlichkeit und gleichzeitig denke ich auch, ja, ein anders Bild wäre gut. Ich wünsche dir wirklich sehr und sehr herzlich, dass sich etwas öffnet, löst, bewegt – was auch immer gerade gut wäre … Viele Grüße!

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    1. Ich glaube (die Antwort ist für euch beide), den Text oben kann man tatsächlich auf unterschiedliche Arten lesen, mir selber fällt das nicht so auf, aber ich merke es an euren Kommentaren. Der ist genau so wie er in meinem Arbeitsjournal stünde und da denke ich nicht daran wie es bei anderen ankommt. Es ist ja nicht, dass die Handlung fehlte oder die Idee, das Problem ist die Sprache, darauf bezieht sich der Beton. Ich habe das Gefühl sie ist bei dem Text – das ist jetzt blöd für euch, weil ihr ihn nicht kennt – zu hermetisch, da gibt es keine Verbindung nach außen zum Leser. Zumindest nicht in der Art wie es bei Fiktion sein sollte. Bei euch (und vielleicht auch anderen) kommt es wohl eher an als hätte ich das ganze Projekt kurz vorm Wegschmeißen. Das ist es nicht.

      Vielleicht, Jutta, ist das eine ähnliche Situation wie du sie erlebt hast mit dem „Christoph ist verschwunden“-Satz, da hattest du doch bei dir geschrieben, es gab Versuche (nicht sogar eine komplette Version?) und du hast gemerkt du bist irgendwie nicht zufrieden und es geht nicht und dann hast du mit Tempus, Perspektive etc. experimentiert und musstest aber den Satz loslassen, letztendlich einen guten Roman zu machen. Ich habe das Gefühl, so wie ich es jetzt habe klappt es nicht, das knastet durch diese Sprache ein, wenn ich aber den Fokus ändere, zum Beispiel objektiv erzählt auf die Figur auf die die Protagonistin sich einschießt, das in eine andere Zeit setze, jemand der jetzt vorkommt vielleicht nicht selbst auftreten lasse, dann könnte da was funktionieren. Für mich zwar sehr fremd, weil ich weiß ich brauche dazu eigentlich einen Rückgriff auf diese frühere Fähigkeit mit diesem in Kindergeschichten-Art zu erzählen, weil das eine eher brauchbare Sprache und ob dem Sujet vielleicht sogar die eindringlichere ist, aber nur weil es fremd ist heißt es nicht, dass ich es nicht schaffen kann. Verstehst du was ich meine? Ich muss halt nur einen Zugang oder auch einen Anfang finden.

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      1. Vielen Dank für deine Hinweise und Erläuterungen! Es gab von den späteren „Wiederholten Verdächtigungen“ zahlreiche Versionen, die sich ganz erheblich voneinander unterscheiden. Und gerade bin ich im Begriff längere Umbauarbeiten an einem Kinderbuch-Roman zu beenden, die ich zwischendurch sehr mühsam fand. Weil ich, das ist vielleicht ein bisschen ähnlich wie bei dir gerade, den Punkt nicht gefunden habe, an dem ich ansetzen will. Auf meinem Blog habe ich mal darüber geschrieben, dass beim Schreiben (leider) alles mit allem zusammenhängt. Das ermöglicht – wenn alles passt – Stimmigkeit und Dichte, aber es bedeutet eben oft auch, dass man nicht an einzelnen Schrauben drehen kann, ohne alle anderen auch in Bewegung zu versetzen.
        Ich kann das fast immer ganz gut so hinnehmen, nur selten bin ich genervt oder fluche deswegen vor mich hin – so ähnlich könnte ich mir vorstellen, ist es bei dir vielleicht auch? Jedenfalls freue ich mich, dass du nicht so verzagt/verärgert über den manchmal notwendig mühsamen Schreibprozess bist, wie eine das ja mit Fug und Recht auch mal sein könnte …

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        1. Ja, genau, so ähnlich ist das wohl. Und früher bin ich wegen so etwas wortwörtlich ausgerastet (brauchst dir nur hier im Blog Von den Fremdkörpern anschauen, das WAR gut, Konzept stand, hätte was werden können – denke ich jetzt noch wenn ich es lese – fuhr aber gegen die Wand, das war für mich wie persöbliches Versagen) und war dann am Ende. Großes Künstler-Dtama. Hier bei dem akuten Text ist das eher so: Was will ich erzählen? Und eigentlich möchte ich nicht die Geschichte von einer der Frauen erzählen, sondern hänge an dem Sohn, und wenn ich das nicht erzählen will (eben nicht die Frauen), wie schaffe ich dennoch bei einer weiblichen Protagonistin zu bleiben (den Fakt will ich unbedingt halten, weil ich genau weiß, dass das eine Herausforderung ist, meine Männer waren immer glaubwürdiger als die Frauen)? Und ich habe da eine Idee, ich muss nur schauen ob das irgendwie gehen könnte. Oder die Perspektive auf seine ändern und das ist auch wieder was, das derzeit für mich nicht geht, kann sich noch ändern. Ich könnte ihn auch einfach ununterbrochen reden lassen oder irgendwas.

          Vielleicht brauche ich auch wirklich nur ein paar Tage Abstand und dann eine geänderte Erzählform. Das kommt schon wieder in die Gänge, das glaube ich doch.

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  2. Ich schreibe einfach mal auf, was mir dazu eingefallen ist und vielleicht ist etwas dabei, das deine Auseinandersetzung mit dem Text befördert:

    Mir ist eingefallen, wie oft ich mich schon geirrt habe bei der Frage, „was ich eigentlich erzählen will“ – wie oft sich das erst langsam „herausgeschält“ hat und längst nicht immer auf meine spontane Zustimmung gestoßen ist …

    Und ich habe an Jonathan Franzen gedacht, den man als Autor überhaupt nicht gut finden muss, um aus seinem Bericht über die Entstehung der „Korrekturen“ Gewinn ziehen zu können (in dem Essay „Über autobiographische Literatur“). Franzen wollte jahrelang einen „großen Text“ schreiben und hing fest an einer wirklich bescheuerten Idee, bis er sich endlich den Figuren zuwandte, die lange Zeit nur eine kleine Nebenrolle gespielt hatten – und die aber von Anfang an die größte Schreibfreude ausgelöst hatten. Ich bin so froh um diese Geschichte, weil der schlichte Hinweis auf die „Schreibfreude“ sich für viele wie so ein kaum verbrämter kuschelpädagogischer Hinweis anhört, den man unmöglich befolgen kann, wenn man etwas Gutes, wenn man Literatur im Sinn hat. Mit Herrn Franzen fällt es mir etwas leichter zu sagen: Gerade wer etwas Gutes, etwas Literarisches im Sinn hat, sollte sich, wo es irgend möglich ist, von seiner Schreibfreude den Weg weisen lassen …

    Mir ist auch eingefallen, dass ich das Schreiben für etwas derart Komplexes halte, dass ich mittlerweile an den Stellen, wo ich entscheiden kann, eher den einfacheren Weg wähle, weil soviel ohne mein aktives Zutun schon kompliziert und schwierig ist.

    Ich grüße dich sehr herzlich!

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    1. Spontan ist eine Menge dabei, danke. Den Franzen-Text, ich bin mir spontan nicht sicher ob ich bewusst mal etwas von ihm gelesen habe, müsste ich mir mal besorgen.

      Bei mir ist es eigentlich so, dass ich merke mir liegt sehr viel an dem Sohn und wenn ich da im Kopf bis in die Kindheit zurückgehe seinem besten Freund, so einen Kumpel hätte ich auch gern gehabt, der eine Nebenrolle spielt, aber irgendwie will ich die Geschichte von der jetzigen Protagonistin auch drin haben, weil ich glaube, dass das erzählt werden muss und da ist vielleicht schon die erste Stolperfalle.

      Ich habe am Wochenende, wenn ich die Zeit habe wird das diese Woche fertig – hier sind seit heute Ferien, das Atelier-Kind ist also den ganzen Tag da -, das letzte Vor-Kollaps- oder eigentlich Mitten-Im-Kollaps-Stück rausgekramt und editiert, da merke ich gerade wenn ich da ein bisschen was umstelle und ein ganz kleines bisschen etwas dazugebe, dann habe ich vielleicht in diesem Text auch ein Stück von dem, was ich glaube, das erzählt werden muss, das könnte den „Druck“ von dem anderen nehmen, glaube ich. Außerdem hat ein Bloggerkollege – habe ich nicht verlinkt, da seins privat ist – Schreibaufgaben verteilt, das muss ich mir mal mit in Bus oder Bahn nehmen, das wird bestimmt auch noch was und da kommt vielleicht automatisch etwas rein, das ich sonst irgendwie versucht hätte in den anderen Text zu packen. Vielleicht sind die beiden Sachen irgendwie hilfreich und ich sehe am Ende klarer, denn dass sich irgendwann erst etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte herauskristallisiert, das kenne ich auch.

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